Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 14 (1935)
- Issue
- 8 (21.2.1935)
- Date
- 1935-02-21
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Kmcht. von feinet Wolfe dem Blick enhoqen, wenn sie flötet Ivöt- Sj'* 1ntl,ct, T? ci" Wc»'«f) i'nes Jnlittnnsenü. ein 43otlnlb für alle Zeit, dem Atmen und Gedrückten. dem Dienst, bareil und ^remdlmki. Witwe und Waise den Glauben an Gott durch den Glauben an die Men,chl,chkeit det Menschen sichetn wollen Denn nicht ,m Himmel nicht jenseits de? Meeres ist wie Mose« ein Seit vermal,nl. das Wort Gottech daß iiian m,rschwere.;herb il livlen konnte, sondern hier mitten „iiter ,i„Si „i,d es ist ein weise« Nebt TT' S[mClä Weisheit und Ktast. be- K nde-kstidet ’ C ,,Et C8 tCn ""b fÜt ““ iI,tc Kinder und Doch die Tora des seiner Gebote anhcben. Moses beginnt nicht da erst, wo die Worte isie erzählt von dem, was vorher war. bon den Stammesvätcrn de? Volkes. ja, bon den Urvätern der Menschheit. Und wenn sie es tut, so darnm, weil das alles nur um der Tora, um des Gottcsgesctzes willen erschassen ward. Des Moses wegen — sagt einmal die Haggada — ist die Welt entstanden; und sie ■ meint seine gesetzgeberische Tat. Schöpfung, Offenbarung,- Tempelbau und Tempclzerstörung -und dereinst das Kommen des Messias, daS sind für das altjüdische Bewußtsein die Meilensteine des Weltgeschehens. Und von jedem her fällt der Blick auf Moses. Seine Sünde hat ihm nichts von seiner Größe genommen. Worin bestehteigentlich seine Sünde? — Die Worte der Tora und die ihrer Ausleger lassen-nur schwer erkennen, was - Moses verfehlt haben soll. Aber für sein Menschentum ist es gut, daß er sündigt, daß er nicht die Sündlosigkeit engclglcichcn Wesens auf der Erde entfaltet. Dann soll er ein Volk auf dieser Erde einwurzcln. e8 führen, ihm gebieten,' seine Art formen für späte Zukunst, — dann mochte er immer von diesem Bolle als der größte Mensch empfun. den werden, — ein Sterblicher mußte er bleiben; und die Bürg, schast für da8 Menschsein ist die Sünde. Er ist größer durch si^ als' er ohne sie gewesen wäre, weil ein Mensch an menschlichen Maßstäbcn meßbar. So hat ihn sein Volk, so die Welt, für die sein Gebot eine so große Erziehungsarbeit geleistet, erfahren. Mag vieles an ihm, an seinem Leben, seinem Werk und seinem Erfolg dem nach voller geschichtlicher Klarheit verlangenden Blick sich ver. sagen, — er steht da wie ein gewaltiger Gipfel, wie der Sinai, oft wohl von Nebelschleiern verhüllt und doch deutlich sichtbar' als Orientierungspunkt gewaltiger Geschichte. KWMM . r1- 28‘ Februar gelangt außer einer großen Bucher;ammlung (darunter Werke au* der Bibliothek des bekannten Bibliophilen Robert Steiuberg in Bielefeld) in dcur Buch, und Kuusthaus Max Perl, Berlin, eine große Sammlung graphischer Blätter, Aquarelle und Oelgemälde zur Versteigerung. Es handelt sich um über 1000 graphische Arbeiten und mehr als 600 moderne Gemälde und Aquarelle. Zahlreiche jüdische Künstler sind hierbei vertreten. Sv finden wir fast das gesinnte graphische Wert'von Max Liebermann (jr>0 Blätter), darunter zahlreiche Blätter airs dem Ghetto von Ainsterdam, das Porträt von Bialik und viele Selbstporträts, ferner Blätter von I. A s ch h e i m, Friedrich Feigl, R. G e - n i n , wertvolle Radierungen von Joseph I s - raels, Ludwig Meidner, Ernst Oppler, Jakob St e i n h a r d t, R. Sz a l i t - M a r c u s, H. Tischler, Lesser U r h , Erich W o l s s s c l d. Erwähnenswert sind ans der graphischen Abteilung auch zahlreiche biblische Darstellungen von Richtjuden. z. B. von Oslar Kokoschka, das Porträt Max Lieber m a uns, von ihm und dem Künstler signiert, von E. He er mann u. v. a. Hervorragend ist der Anteil der Juden auef) an den Gemälden. Aquarellen und Handzeichnnngen. Da finden wir Arbeiten von I. As ch h e i in. Charlotte Bereu d, E. Brill, Friedrich Feig l-, R. G e n i n , T. G r a e tz , P. G r ü n ° seid, Georg K a r s , Ludwig Nt c i d n e r. Carlo Me nse, Joseph Oppenheimer, A. Segal, Jakob Steinhardt. Lesser 11 r l), Julie W v l f t I) o r n . Jaulet Adler- Düsseldorf. Käthe E p h r a i nt - 1U arcnH - Breslau. F l v ch - Paris, Leopold 0'» v t t l i e b , Mvisc K t v l i n g. Besonderem Interesse erweckt eine „Biblische Szene" in Ocl von Atax Licbcrm a n n. Die Pariser M e n k e s und Jules Pasc in sind mit Oelbildern vertreten. Bon Engen Spiro lenkt ein großes Porträt der Filmschauspielcriu Leni Riesenstahl die Aufmerksamkeit auf sich. Bon dem Breslauer Maler H. Tischler bringt die Sammlung zehn Oelbilder. Bon dem Ricktjuden Eorinth ist ein Porträt seiner Frau Charlotte Berend zu sehen. Die Ausstellung ist schon jetzt geöffnet. Sie gibt einen guten lieberblick über das Schassen mvdcrncr jüdischer Künstler. * Aus Madrid wird gemeldet, daß Murillo? berühmtes Gemälde „Der Jude" vom Prado- Museum erworben wurde. * Das Gewerbe-Museum in Basel veranstaltet unter Leitung seines Direktors Kienzle eine große Au-stellung Alt-Japanischer Kunst. . Au dieser Schau haben Leihgaben neben Schweizer Museen und Sammlungen die Museen von Berlin, Köln und Amsterdam zur Verfügung gestellt. Unter dem Namen deutscher Sammler, die sich für die Dauer der Ausstellung von ihrem Besitz trennten, finden wir Dr. Ginsberg und Tikotin (Berlin). Ein illustrierter Katalog mit einer Vorrede von Direktor Kienzle und Dr. William Cohn (Berlin), der auch am Eröffnungstage einen Vortrag hielt, ist bereits erschienen. Dr. 0. B. Bei der Versteigerung des Internationalen Kunst- und Anktnmshauses Berlin (Katalog Nr. 261) am 16. Februar kamen auch einige Zeichnungen Pissaros unter den Hammer. Camille Pissaro (1630—1906) ist einer der ersten jüdischen Künstler, dessen Bedeutung für die europäische Malerei von der Kunstgeschichte anerkannt wird. Er ist ein wichtiger Vorkämpfer und bedeutender Meister des französischen Impressionismus. Seine Stärke liegt vor allem in der Landschastsmalerei. Sämtliche Zeichnungen sind monogrammiert. Nr. 470: „Der Sämann". Bleistiftzeichnung. Eine Einzelsignr, gegeben durch leichte, aber überaus sichere Konturierung. Nr. 471: „Knieende Frau unter Bauingruppc". Kreide. Die Fraucnfigur ist kaum zu erkennen. Der Hauptwerk ist auf die Impression des Baumgeivirres gelegt. Nr. 472: „Abhang mit Bäumen". Bleistift. Auf dem Blatt befinden sich Erklärungen, hauptsächlich Farbangaben. Die Zeichnung ist ganz besonders sein und duftig. Nr. 473 mit Abbildung: „Hans mit Garten und Baum". Kopierstift. Die Zeichnung ist ungemein zart, schon über die Studie hinansgehend zum Bild geschlossen. Nr. 474: „Schweine". Kreide. .Kanin sind noch die Köpfe in dieser Umrißzeichnung angedentet, und doch ist das Charakteristische der Tiere deutlich. Nr. 478: „Stier". Kohlezeichnung. Mit ivenigen Strichen aus- ' drucksvoll. Nr. 479: „Studie zu zwei Arbeitern". Kreide. Nur eine flüchtige, teils verzeichnete, hingeworsenc Studie ans kariertem Papier. Kops und Arme leicht mit Buntstift gehöht. . Sehr wirksam _ durch die Parallelbcwcgung. Nr. 480 mit Abbildung: „Blick auf eine Allee in Gisor". Kreide. Bezeichnung des Ortes. Vielleicht die schönste der Zeichnungen, die dem Landschafter am meisten entspricht. Wieder zart, Dunkelheiten sind wie Farbflccken durch verstärkte Strichlagen angegeben. Dieses Blatt.kann man sich unmittelbar in ein Gemälde umgcsetzt denken. Dr. M—L A—S. MlKWMAWM in Mer Wlt Der Preußische Landesverband j ü d i s ch c r G e m e i n d e n wendet sich in einem Rundschreiben an seine Mitgliedsgemeindcn und fordert sie auf, zur Wiederkehr des 800. Geburtstages von Maimonides. dessen Persönlichkeit den jüdischen Menschen der Gemeinden in entsprechender Weise nahe zu bringen. Der Preußische Landesverband gibt hierzu'im einzelnen Anregungen und teilt mit, daß er bereit sei, sich zur Ausgestaltung der Feiern zur Verfügung zu stellen. Der bekannte Gelehrte und Führer der sephardischen Inden A b r a h a m Elrnaleh, stellvertretender Vorsitzender des Waad Leumi, ist von dem mit der Leitung der staatlichen Mai- Monides-Feier in Spanien beauftragten Regierungskommissar' eingeladen worden, im Nahmen der Feierlichkeiten, die anläßlich des 800. Geburtstages des Rambam in Cordova stattsinden sollen, einen Vortrag über Maimonides zu halten/ Während der Maimonides-Feicr in Cordova soll die Gründung eines Instituts für die Wissenschaft des Judentums und des Orients erfolgen, das den Flamen Moses Maimonides' tragen wird. Die spanische Regierung hat Preise für die drei besten Werke über den „Rambam" ansgesetzt. . . Die Jerusalemer Hebräische Universität beabsichtigt, zwei Vertreter zur Maimonides-Feier nach Cordova zu entsenden. Dr. Verihsld Lauser gesisrbrn Führende Blätter des In- und Auslandes, namentlich aber die Zeitschriften der Orientalistik in Amerika und England, widmen dem ans Deutschland gebürtigen Gelehrten Dr. Berthold Lauser bedeutende Nachrufe von hoher Anerlennung. Lauser, der im 00. Lebensjahre nnerwar^ tet verschieden ist, ist Jude. Er wurde in Köln geboren und stammt aus einer sehr religiösen deutsch-jüdischen Familie. Er promovierte in Leipzig und ging als 24jähriger.nach den Vereinigten Staaten, in denen ihm die Mittel zu seinen großen Forschungsreisen nach Tibet, China und Sibirien zur Verfügung gestellt wurden. Seit 1907 war er Direktor des Field-Museum in Chicago und hat sich um dieses Institut die größten Verdienste erivorben. Anläßlich der Kolvinalansstellmig in Hamburg kam er vor dem Kriege wieder nach Deutschland, Ivo ihm von Wilhelm 11. der Dircktvrenposten für das Deutsche Kolonial- Museum mit der Bedingung, daß er sich taufen lasse, angcbotcn wurde. Lauser lehnte ab und kehrte wieder nach Chicago zurück. Nachdem er an dem neugegründeten amerikanischen Institut für Kunst und Altertumskunde Persiens an leitender Stelle mitwirkte, beklagt nunmehr der Vorslandsrat sein Hinscheiden, „da keiner in Amerika stark genug sei, das Szepter der Gelehrtena-utorität von Lauser zu übernehmen". Die „American Oriental Society". die Lauser für 1930 bis 1931 zu ihrem Präsidenten gewählt hatte, nennt ihn „den hervorragendsten Gelehrten, den Amerika auf sinologischem Gebiet besessen habe" und läßt zur Verewigung seines Namens einen Aufruf zur Gründung eines Berthold-Lanser- Lehrstuhls für Chinakunde an einer amerikanischen Hochschule ergehen. In Lauser verliert die Altertumsforschung einen ihrer bedeutendsten Mitarbeiter. Seine umfassenden Sprachkenntnijse ermöglichten es ihm, aus tibetanischen, indischen, chinesischen.Änd mongolischen Quellen zumeist unmittelbar zu schöpfen, und befähigten ihn zu einer kritischen Umschau, die seine Veröffentlichungen zum Range von Spitzenleistungen erhob. Die Menge seines in Europa, Asien und Amerika angesammeltc-n Wissens -machten Lauser zum gesuchten Mitarbeiter und Berater. Tie im „Journal of the American Oriental Society" erschienene Bibliographie seiner Schriften füllt 222 Nummern, unter denen sich stattliche Bände über Keramik, über die Grabskulpturcn der chinesischen Han.Zeit und über die in tibetanischen Texten niedcrgctegteu Leitsätze der indischen Kunst befinden. Heinz Lauda. Georg Wolfs liest in London. Ter Medizinal, statistiker Dr. Georg Wolfs, der früher Abtei, lungsvorsteher am Hauptgesundheitsamt in Berlin und Privatdozent an der Berliner Universität gewesen ist, ist von der Londoner Universität cingeladen worden, Ende Februar und Anfang März an der London School ok Hygiene and Tropical Medicine mehrere Vorträge über „Biometrische Studien ans dem Gebiet der öffentlichen Gesundheitspflege und sozialen Pathologie" zu halten. _ Gottes Werk und Satans Werk Mit Erlaubnis der Verfasser Rah el und Emanuel Bin C orion und des Schocken- Verlages veröffentlichen wir nachstehenden Vorabdruck aus dem demnächst erscheinenden Kinderbuch „Vom Cartcn Eden, der Arche Noah und dem weisen König Salomo". Als der liebe Gott die Welt erschuf, sah ihm der Satan zu und wollte es ihm nachtun. Aber alles, was der Satan machte, war ungeschickt gemacht und geriet daneben. Gott ließ den ersten Regen kommen, um die Pflanzen zu tränken; der Satan ließ einen Hagel hcrniederprasieln, der das Feld um ein Haar wieder verwüstet hätte. Hott schuf das Getreide, dessen Körner uns Brot geben, der Teufel das taube Schilfgras, auf.dessen Rohr man nur Pfeifen kann. Gott schuf die- Nuß, der Teufel die Eichel; Gott schuf das Silber, der Teufel das Blei. Gott schuf den stolzen Schwan, der Satan die alberne Gans; Gott schuf den schnellen Hasen, der Satan das hoppelnde Kaninchen.' Als Gott die Biene schuf, machte der Satan die Wespe; als Gott die liedcrreiche Nachtigall zum Leben erweckte, brachte der. Satan den Sperling hervor, der nur „piep" sagen kann. Gott schuf den Adler, den König der Vögel, der Satan die häßliche Eule. Und sogar, als Gott den Menschen schuf, wollte der Satan etwas Aehnliches bilden. Aber was brachte er zustande? Den Affen. Ter Herrgott lächelte über die Anstrengungen des Teufels. Dann aber sprach er: „Ich will mich auch dieser Geschöpfe annehmen, und sie sollen leben wie die von mir geschasscneu Wesen." ältigen vermochten und es ängstlich veraschten: ein Kind, das wohl vom Lärm aus?m Schlaf geweckt worden und aus dem immer gelaufen war, drängle sich zwischen 3n Männern durch, sah das Schiff und den einimen Mann — Friedrich war inzwischen nach jen gekommen — und hob die Aernichen, um i winken. Niemand lachte; einer riss das Kind irück, es stolperte, fiel zu Boden und weinte, s wurde rasch gestreichelt und beruhigt, die utter nahm es in ihre Arme: keiner von nnen, die auf dem Schiffe waren, hatten, ein liirklicher Zufall, das Kind gesehen. Die Lnt- “rnung wurde grösser; aber das unzufriedene cfiihl — hilflos Zusehen zu müssen, wie hier twas geschah, das, von ihnen begonnen, ihnen un schon aus den Händen geglitten war —, ine letzte, hartnäckige Frage blieb. Noch war le nicht beantwortet: so gingen die Männer iebt fort, sic standen unbewegt, jeder an hinein Platz, solange sie dem Weg der Fremen zu folgen vermochten. Plötzlich sahen sie ich voller Bestürzung an: auf dem Schiff ging ie Falme hoch, ihre Fahne, die blaue Fahne lit dem weissen Löwen ... Angelika hatte die Kinder in Tücher und »ecken sorgsam e.ingcwickelt, sic waren rasch ingeschlafen, nun halfen ihr die Männer bei er ersten Einrichtung. Sie hatten noch kein Vort miteinander gesprochen: noch war das rcrgangene zu erschütternd und untegrei ici, cbweigend und ohne den rechten Sinn räumten ie die überflüssigen Dinge in die Schranke. )ie Luft in der engen Stube war dumpf und rückend; Friedrich ertrug die Warme und die malende Geschäftigkeit der anderen nicht änger, er legte die Arbeit hin, und obgleich er lie innere Stimme hörte, die ihm zunef, jetzt ticht von Angelika und von den Freunden fortu^ehen, wandte er sich zur Treppe und schritt nft schweren Schritten die wenigen Stufen linauf. , . . , . .. Nun steht er oben auf Deck und ist betroffen ,on der Fülle des Lichts, die ihm, unerwartet, mtgegenströmt. Die Sonne ist aufgegangen, das Schiff" hat sich nach Osten gewendet und fährt mitten in die Helligkeit hinein: der Bug reisst Bündel von Licht aus dem dunklen Wasser und streut sie verschwenderisch umher. Friedrich geht ganz nach vorn, er weiss, dass er die andern verlassen musste, weil er hart bleiben will, und er weiss auch, dass er nicht zurückblicken darf: noch ist die Insel zu nah, noch kann er die Männer erkennen, die am Ufer stehen. Der Wind weht über die heisse Stirn, hinter der die Gedanken jagen: noch ist es schwer und mühsam, sich zurechtzufinden. Aber noch ehe er zu denken vermag, packt ihn eine unbändige Freude, er sieht die unermessliche Einsamkeit des Meeres, das vor ihm liegt, heiss und berauschend überfällt ihn eine ungeheure Sicherheit, dass es gut ist, dem Meer zu vertrauen, dem weiten, rauschenden Meer, das sie nun aufnimmt. Das Meer kennt keine Eitelkeit und keine Strafe, denkt er lächelnd, auf einmal ist alles wieder offenbar, der Abend, die Männer und der Weg über die Insel, und der Zwang, sich umzuwenden, wird immer stärker,, immer gewaltsamer. Du darfst es nicht, nein, du darfst es nicht. Nimm sie mit, mit deinem Verstand, mit deinem Gedächtnis, mit deinem Herzen, Friedrich, niemand kann dir etwas nehmen,, was in dir selber ist: weshalb tut es so weh, jetzt an die Insel zu denken? Muss man nicht meinen, dies alles sei noch vor wenigen Augenblicken mit einem dichten Vorhang verschlossen gewesen? Ist er nicht eben noch glücklich und sicher gewesen? Woher kam die seltsame Sicherheit, die Bereitschaft, dem-Meer zu gehören? Immer tiefer dringt die Trauerin seine Gedanken, flatternde Bilder der Kindheit ziehen vorüber, das Haus, der Hof und die Freunde, leuchtende Tage und müde Abende: sehr .ehrlich, Friedriehl Du wirst es niemals erreichen, dass .jemand von deiner Insel spricht, und du erwiderst verwundert: „die Insel? Was geht mich denn die Insel an?“ Noch finden die Fiisse keinen Boden, Pläne und Ziele sind an einem Abend .schmählich zerronnen: hättest du das wohl am Morgen geglaubt? Wir müssen noch viele Dinge lernen, bis wir weise sind.. Seine Mundwinkel zucken: er ist auf der Insel gehören und hat fünfundzwanzig Jahre auf der Insel zugebracht; jetzt haben sie ihn heruntergejagt. Ach, er lächelt wie ein Junge, der einem andern einen Streich spielen kann, ob sie wohl glauben, dass sich Geburt und fünfundzwanzig Jahre fortnehmen lassen wie Haus und Hof? Denken sie vielleicht, er wird die Insel verleugnen, *wenn das Schiff die fremden Häfen anläuft? Ein herrlicher Gedanke lässt ihn plötzlich hell auflachen: er will hinunter zum Bruder, er senkt den Kopf, um die Insel nicht zu sehen, mit einem Sprung nimmt er die Stufen, in fiebernder Hast durchwinden beide die Truhe, schon ergreift er den Zipfel blauen Tuchs, er rennt die Treppe hinauf, kaum vermag er in seiner Erregung die Schnüre am Mast zu entwirren, aber es geht, seine Hand zittert, die Fahne entfaltet sich, steigt empor, Meer und Wind grüssen den weissen Löwen, Friedrich -fühlt, wie sein Herz in wilden Schlägen klopft, er klammert sich an den Mast, befreit und glücklich, als er das Sausen spürt, mit dem der Wind in die flatternde Fahne fährt Er ist jetzt ganz ruhig. Die Fahne begleitet das Schiff, niemand konnte ihn hindern, die •Fahne emporzuziehen, ohnmächtig standen sie am Ufer und mussten geschehen lassen, was ihm gefiel. Jetzt vermag er wieder klar zu überlegen. Niemand weiss, wohin die Fahrt geht. Von der harten Bemühung des Vaters ist nichts geblieben, die Vergangenheit ist ausgelöscht, vor dieser einen Nacht, vor dieser einen Stunde. Die Grenzen, die es gab, sind fortgewischt: vielleicht liegen di'e neuen Grenzen, die wir finden müssen, am Rand der Welt. Denn irgendwo muss es auch jenseits-des alten Strandes neue Grenzen geben. Von neuem kommt die seltsame Zuversicht über ihn, die er schon einmal, irgendwann, erlebt haben muss: schon ist er stark, genug, Vergangenheit und Zukunft gleichermaßen zu bestehen. Gäste sejen wir, haben die Männer zu uns gesagt: .was haben wohl Meer und Sonne den Männern zu sagen? Gewalt und Unrecht verblassen, je weiter die Küsteder Insel im Morgennebel versinkt; mag es ein Recht geben,.da« auf der Seite der Männer steht, mag es der Glanz der Augen, der Schlag des Herzens sein, der entscheidet, er ist nicht mehr zornig. Einspruch und Widersland werden sinnlos: es gilt ihm gleich, was die Männer sagen, wenn sie die Fahne sehen: er allein muss wissen, woher er kommt und wohin ei treibt. Er weiss, dass er den Männern, die dort hinten stehen, die seine Feinde sind, die Hand reichen kann, ohne zu erröten. Jetzt wendet er sich uni und sieht zurück: ganz fern ist die Insel, aber noch glaubt er einen schmalen, dunklen Streifen, die Reihe der Männer, zu erkennen. Während er aber den Nebel zu durchdringen versucht, zieht das Meer seinen Blick an sich, er begreift, dass nur die Geduld des Meeres die Insel trügt. Sein Herz wird weit und voll, die Lungen sind der reinen Luft geöffnet, schon brennt die frühe Sonne auf der Haut. Plötzlich überfällt es ihn, die Spannung zerbricht, es reisst ihm die schmalen Lippen auseinander, ein Schrei bricht hervor und gellt, unaufhaltsam und wild, über das Meer. Die Männer, die das Schiff nicht mehr sehen, hören ihn, sie schauern zusammen, eine dunkle Gewalt schüttelt sie, beklommen wenden sie sich voneinander und gehen in ihre Häuser. Aber der Schrei folgt ihnen und lässt sie nicht los. Noch viel später, als längst die Regierung sich in das Schicksal der Insel eingeschaltet hat, weckt er sie manchmal aus heissen Träumen. Und es gibt Abende, an denen die Männer unruhig in den Stuben sitzen und heimlich fürchten, . er könne noch einmal über das Wasser zu ihnen kommen und sie zum Strand, zu den Felsen rufen ... Davon aber weiss Friedrich nichts.- Er erwacht aus tiefer. Versunkenheit: ihm ist, als seien viele Tage vergangen. Er wendet sich dem-jungen Morgen zu: es ist ganz hell geworden, aber er braucht die Augen nicht niederzuschlagen. Er steht da, vom Sonnenlicht überströmt, er breitet die Arme aus, dem Wind entgegen. Alle Enge und alle Qual fällt von ihm ab, und nichts bleibt als die schimmernde Weite des Meeres und der brausende Ruf des Lebens, das an jedem Tag von‘neuem begonnen wird. „Der Gast" von. Max Samten erscheint ah erstes Bändchen einer Reihe von Schriften zeitgenössischer jüdischer Autoren des deutschen Kulturkreises int V ‘ . Philo-Verlag,:,.Berlin IV 15. .