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Central-Verein-Zeitung · 1935-02-07 · 6 (7.2.1935) · page 1

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
14 (1935)
Issue
6 (7.2.1935)
Date
1935-02-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
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-9. Z 1935 XIV. Jahrgang { Nr^ Berlin» 7. Februar H$35 Preis 25 Pfennig enfcral erein Diese Nummer umfaßt 20 Seiten Sic enthält erstmalig das Berliner Blatt der C.-V.-Zeitung (2. Beiblatt) Zur Erstaufführung von „Jaakobs Traum“ im Kulturbund, (1. Beiblatt) Erziehung, Eltern, Schule (4. Beiblatt) WW M r. A. H. Der „Reichswart" vom 27. Januar, das Blatt des Grafen Reventlow. enthält einen Aufsatz „Die neue Emanzipation?" Besonderen Anlaß hierzu bietet ihm der Leitartikel „Kritik als Aufgabe" („C.-V.- Zeitung" vom 17. Januar), in dem der unseren Lesern vertraute Begriff der „neuen Emanzipation" verwendet wird. Der Aufsatz des „Reichswart" ist in seiner Tendenz naturgemäß Politisch; er kommt zum Ergebnis, eine neue Emanzipation der deutschen Juden sei 51t verneinen. Eine Auseinandersetzung hierüber wäre ein politisches Gespräch zwischen Juden und Nichtjuden, das zu führen deswegen unmöglich ist, weil dabei von jüdischer Seite die Gefühls- und Willenselemente des Nationalsozialismus in der vom „Rcichswart" gefaßten Form zu analysieren wären. Es bedarf allerdings kaum einer näheren Begründung, daß wir schon ans Selbsterhaltungstrieb und Eigenwertung den „Rcichswart"-Konsegneuzen nicht zu folgen dermögen, die also lauten: „Das „C.-D.-DlaLt" änahn! die in Deutsche. land lebenden Juden, ihr Höchstes zu leisten, mn den Anforderungen einer neuen Emanzipa« - tion gewachsen zu feilt! Das deutsche Volk braucht aberdie jüdischen Leistungen n i ch t u n d w i l.l. s i e n i ch t.' E s w i l l keine Gemeinschaft irgendwelcher Art mehr mit diesem schädlichen fremde nV olk." An diesen Politischen Satz, über den wir nicht zu diskutieren haben, schließt sich jedoch ein zweiter an: „Die hundert Jahre jüdischer Emanzipation fiud hundert Jahre der Erfahrung, daß bau deutschen Volke ein Zusammenleben mit dem jüdischen in jeder Richtung Schaden bringt." Diese Formulierung hat keine politischen, sondern objektiv erkenntnismäßige Voraussetzungen. Er ist also einer Ueberprüsung fähig. Eine solche ist für uns deutsche Juden schon deshalb von ausschlaggebender Bedeutung, weil wir wissen müssen, ob die Zeit unserer Emanzipation, also das vom „Reichswart" angeführte letzte Jahrhundert tatsächlich und nachweisbar dem Wohl des deutschen Volkes und Landes mir Schaden zugesügt hat. Hierüber ist mit aller Einschränkung, die der Raum uns auferlegt, tatsachenmäßige Aussage möglich. Wir nehmen dabei als Grenzen der Epoche die Zeit von 1814 bis 1914, trotz der naheliegenden Einwendungen gegen den Endtermin. Aber mit 1914 trat die ganze Welt in einen in seinen Bedingtheiten und Zusammenhängen auch heute noch nicht aufgeklärten und überschbaren Zeitraum großer Krisen ein, für die niemand etwa Deutschland — wenn auch nur in angeblicher Verführung durch die deutschen Juden — verantwortlich machen wird, lieber die innerdeutschen tatsächlichen Vorgänge auch der Kriegs- und Nachkriegszeit in ihrer Verknüpfung mit dem deutschen Judentum^ sind freilich gewisse, wenn auch weniger umfangreiche Betrachtungen nötig. II. Was ist als „Wohlfahrt eines Volkes" oder ls „Schaden für ein Volk" zu bezeichnen? Die Merkmale können sowohl ( objektiver - also tatsächlicher — als auch fubjeftiuer :Ifo porsonlich-cmpsiudungsmäßiger -- Natur ein. Wie stand es unter beiden Eestchb.- »unkten mit Deutschland in dem zu betrachten- >en Jahrhundert? Die Behauptung des .NeichSwart". daß di- >00 A-Hr- »n!-r-r Aeichbercchtigung dem deutschen Volk ,m edcr Richtung Schaden gebracht haben, wäre -egründct. wenn unwiderleglich dargetan väre daß sich die Entwicklung Deutschlands zwischen 1814 und 1914 in absteigender- Linie bewegt hätte. Dabei wäre die Einwendung belanglos, ob beim einzelnen Vorgang deutsche Juden fördernd oder schädigend mitgewirkt haben. Wir nehmen den alten deutschen Rechtssatz in Anspruch: „Wer den schlechten Tropfen hat, soll auch den guten Tropfen haben." Man kann vergangene Epochen — nach Neigung und Veranlagung — entweder nach dem Schutt beurteilen, den man aus ihnen zusammenfcgen kann, oder nach den Monumenten, die sie überdauern. Niemand wird von uns deutschen Juden, und wie wir meinen, auch von keiner anderer- Geschichtsschreibung, verlangen, daß wir n u r nach dem Schutt oder nur nach den Monumenten urteilen. Wir haben, wie alle Bevölkerungsschichten, unseren Anteil an beidcm. Der „Rcichswart" stellt seiire Behauptung als allgemeines Verdammungsurteil über einen Zeitabschnitt auf, in dessen geistigen» kulturellen, politischen ■ und wirtschaftlichen Zusammenhängen für die deutschen Juden eine formale und auf weiten Gebieten des öffentlichen Lebens auch eine tatsächliche Gleichberechtigung bestanden hat.. Während dieser Zeit haben die deutschen Juden innerhalb der deutschen Geschehnisse in mancherlei Hinsicht von sich aus anregend gewirkt, viel mehr aber oder besser fast alles, gutes wie minder gutes, mitgemacht. Sollten sie etwa die Stellungnahme von Negierung, öffentlicher Meinung, herrschenden Kreisen von sich aus ablehnen und damit Fremdempfindungen bestätigen, die zu überwinden ihnen gerade durch die Emanzipation aufgegeben war? Lösen wir die „Reichswart"-Behauptung in ihre Bestandteile auf, so zeigt sich: entweder ist die Idee der Epoche, die auch die jüdische' Gleichberechtigung in sich trug, nachweisbar für das gesamte Deutschland objektiv schädlich. Dann müßte das Verdammungsurteil über die Epoche zugleich auch als über die deutschen Juden dieses Zeitabschnittes anerkannt werden. Ergibt sich Am 31. Januar starl» nach kurzem schweren Leiden Prediger Siegmimd Goldmann. .. Für den Kreis des C.-V. und insbesondere! der Mitarbeiter des C.-V. gilt es innerhalb kurzer Frist nun den zweiten und letzten Abschied. Nach fast-25jähriger Tätigkeit für den E.-V., zuletzt als Syndikus des .Landesverbandes Ostwcstsalen und Nachbargebiete, hatte Sie-gmund Gvldmann Ende 1934 aus Gesundheitsrücksichten die akcive Arbeit uiedergclcgt. Aber wie vor feiner beamteten E.-V.-Arbeit sein Herz und seine Freizeit der großen Sache des deutschen Judentums gehört hatten, war er uns so verbunden geblieben, wie eine jahrzehntelange kamerad« - schriftliche Zusammenarbeit Merfchen der gleichen Zielsetzung nur verbinden kann. Ein ' wahrhaft vornehmer Charakter, ein ' bescheidener und zugleich aufrechter Mann, verläßt mit Sicgmund Goldmann allzu früh, die Arbeit für das deutsche Judentum. ' Den letzten Abschied? Von einem Manne, dcsien geistiges Lebenswerk so eingegliedert ' in einer großen Idee sortbesteht, gibt es keinen letzten Abschied. Sein Andenken' hakten wirin Ehren. Es gereiche uns zum Segen.' A. .H. , Ar, der Dcisetzmw. diein Herford inner stärkster allgemeiner Beteiligung statisand — dt.'. Führer der katholischen und evangelischen Kirche nahmen ander Traucrseier in der Synagoge und :am Trauerzug durch die Straßen der Stadt teil r* sprach für den Landesverband Qltwestsaün.LipPe dessen Vorsitzender -Dr. K a tz e n st e i n (Bielekeld). für die Leitung dcS CrntrallDereins selbst Dr. Kr »mb ach (Essen). Die Trauerfeier wurde vvn Dr. K t o n 1) e i m (Bielefeld), begleitet >vorr Prediger R ü l f (Detmold), durchgeführt.. Es ist mir ein Bedürfnis, dem warmherzigen Nachruf von Leo Hirsch, der an anderer Stelle' dieses Blattes veröffentlicht wird, einige Worte hinzuzufügcn. Fritz Engel hat jahrelang dem Vorstande des E.-V. angehört. Es lag in seiner Art, daß er nach außenhin jüdisch.politisch selten hervortrat. Er gehörte zu den klugen Menschen, die die Grenzen ihres Könnens klar überschauten. In der internen Arbeit war er stets zitr Stelle, wenn es sich darum handelte, kulturelle Werte zu verteidigen. Wir erinnern uns alle noch seines eindrucksvollen Auftretens.. als cs sich darum handelte, in einer großen Versammlung gegen den Vorwurf zu verteidigen, daß deutsche Juden sich an deutscher^ Kultur auf Bühne und Film -versündigten. Wir erinnern uns mancherlei Veranstaltungen, - denen Fritz Engel mit Poetischem Geleitwort die Richtung gab. Wir erinnern. uns gerade als deutsche >Zuden, was Fritz Engel in der Goethe-Gesellschast in Weimar und in Berlin geleistet, hat. 'Wir erinnern, uns seiner als des deutschen Juden, der ganz im Deutschtum lebte und dabei niemals.sein Judentum vergessen oder verleugnet hat..-'..'. Wir' erinnern unS' deS liebenswürdigen Menschen/der-uns stets in Freundschaft und liebevollem Verständnis begegnete. Wir werden seiner in Liebe jederzeit gedenken. Julius Brodnitx dagegen, daß das Jahrhundert unserer Gleiche berechtigung in allen seinen Zusammenhängen als die große Zeit eines deutschen Ausstiegs anzusehen ist, dann entfällt auch die Folgerung, daß aus diesem Zeitraum jüdischer Gleichberechtigung dem deutschen Volk in jeder Richtung nur Schaden erwachsen sei. und dann sind auch die Juden nicht als Schädlinge dieser Epoche zu bezeichnen. Niemand weiß, aus welchen bejahenden und aus welchen verneinenden Kräften sich Ausstieg und Wohlfahrt eines Landes ergeben, und welche Nolle dabei den einzelnen Bestandteilen zugewiesen ist, aus deren Ergebnis einmal die Geschichte Starkes, Schönes, Helles schasst. Um etwas Unbestreitbares vorwegzunehmen: Niemand wird bezweifeln, daß es je in einer Nation einen helleren, stärkeren und schöneren Augenblick gegeben hat als den deutschen August 1914: Tie beste Armee der Welt, aus den wertvollsten und reifsten Kräften der Nation, die sich in geglückter Einheit als Ergebnis gerade des vom „Rcichswart" verdammten Jahrhunderts darstellt. Einer unendlichen . Uebermacht gegenüber behauptete sie sich in heroischen Kämpfen, und selbst im Zusammenbruch war diese Nation so lebensstark, daß sie kaum 14 Jahre nach ihrem nationalen Tiefpunkt die negativen seelischen Folgen bereits wieder überwunden hatte. Und die Kriegszeit selbst! Soll etwa heute die Tatsache der Organisierung der Kriegsrvhstosse durch Walter R a t h e n a u als eine Schädigung Deutschlands bezeichnet werden, weil die Ausdehnung des Krieges nur durch sie ermöglicht worden ist? Und vergißt man, daß ein deutscher Kanzler in Vorausahnung künftiger Angriffe auf Rathenau schon im Juli 1916 schrieb: „In letzter Zeit habe ich mehrfach bei Er« örterungen über unsere wirtschaftliche Lage Ge« legenheit gehabt, wieder der ganz außerordentlichen Verdienste zu gedenken, die Sie sich durch die recht,zeitige und weitblickende Organisation der Rohstoffversorgung um das Vaterland erworben haben. Wir stünden nicht, wo wir stehen, ohne Ihren Weitblick", und daß ein preußischer General, stellvertretender Kriegsminister von Wandel, diesem gleichen Walter Rathenau dankte: . .. „für die hingebcnde Arbeit und opferwillige Tätigkeit für das Wohl und die Kampfbereitschaft des Heeres und des Vaterlandes". Soll man die Sicherung der deutschen Ernährungswirtschast im Kriege durch die Erfindungen von Haber,Car o und Frank als abträglich für Deutschland bezeichnen, weil das Durchhaltcn durch vier ruhmreiche Jahre dadurch eigentlich erst Möglichkeit geworden ist? Von unseren Kriegsgesallenen, unseren Kriegshelden zu Master, zu Lande und in der Luft ganz zu schweige:;. III. ' Aster bleiben wir nüchtern. Fragen wir uns im einzelnen, was dieses Jahrhundert für Deutschland erbracht hat: Einige Zahlen: 1816 lebten im Gebiet des Deutschen Reiches ungefähr 25 000 000 Einwohner, das heißt 46,3 auf den Quadratkilometer, 19 2 5 63 000 000, das heißt 135 aus den Quadratkilometer. „Menschen erachte ich als den größten Reichtum eines Landes", hatte bereits der Vater Friedrichs des Großen gesagt, ein Standpunkt, der gerade heute aufs stärkste unterstrichen wird. Das Durchschnittsalter — hier stehen nur spätere Ziffern zur Verfügung — hat sich zwischen 1870 und 1910 von 35 Jahren auf 47 Jahre für Männer und von 38 auf 50 Jahre für Frauen erhöht. — Ist das ein Schaden? 1810 bis 1820 brachten je 100 Hektar.. Mittelboden ungefähr 838,9 Zentner Durchschnittsertrag., 1913 war die BodenPro»

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