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Central-Verein-Zeitung · 1935-01-24 · 4 (24.1.1935) · page 18

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
14 (1935)
Issue
4 (24.1.1935)
Date
1935-01-24
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Aeitsehi’iftenschau an.:3m Zeitschriftenbericht „Ganzheitliche JßipcnfcTiafr („E.-V.-Zoitung- «r. 2, 10. Januar 10oo) wurde cm Hand einer Neide von Artikeln die arufte Wandlung im Weltbild der Wissenschaft ge» zriqt. die in einer Zurückstellung der Spezial- Wissenschaft zugunsten der auf das Ganze gerichteten Denkweise beruht. Ergänzend dazu sei ein Aussatz Mer „T i o Stellung und Bedeutung der Heilkunde im national s ozialist i sche n ofoat" in der „M edizinischen Welt". Nr 1. 5. Inimar 103'H gewürdigt. den Professor Hains Lohr. Ordinarius der Inneren Medizin in Kiel. veröffentlicht hat. Der Verfasser zeigt an -Ha id der Geschichte der Medizin, das; im Lause der Jahrhunderte schon oft die Heilkunde Krisen durchgci nicht hat. welche aber immer wieder zur Ausschiüdung der angesammelten Schlacken geführt hak'en. Von se hat ein Kamps bestanden zwischen erprobter (empirischer) Behandlung und mystischrel.giösen oder abergläubischen Vorstellungen. Anderseits sei durch kritiklose oder abwegige Ueliertragung der jeweils gewonnenen Forschnngs» ergebnisse das ärztliiche Handeln in Fesseln ge» sch tagen tvorden. Die Denkweise in der Medizin sei in stärkstem Matze abhängig von dem äußeren De llen. Ein System wechselt das andere ab. In der Praxis aber wurde oft nicht null) den gerade zurzeit geltenden Theorien, sondern nach den über» korrmenden alten hippokratischen Gesetzen de» bandelt. Allerdings haben imnrer einzelne grotze Aerzte gelebt, die auf eigenen Wegen zu Ergebnissen kamen, welche heute nicht entbehrt werden können. Tatsache fei. daß man gerade in den letzten Jahrzehnten als Folge des Liberalismus mehr denn je glaubte, die biologischen Fragen nur mittels mechanistischer Methoden erklären zu können. Aber der Begriff der „Natnrheilung" könne nicht einfach durch phpsilalisch-chemisehe Vorstellungen ersetzt werden. Die Fortschritte der Naturwissenschaft (Röntgen, Laboratorium) müssen natürlich der Diagiwstik zunutze kommen, aber Technik könne es nicht mähen, weil sonst zwischen Arzt und Mensch kaum mehr menschliche Beziehungen bestehen blieben, und nicht der Kranke, sondern nur die Krankheit be» Hai delt würde. Man könne die letzte Epoche der Medizin als die der ..mechanisierten Methodik" be» zeichnen, und als Folge davon hätte sich eine unübersehbare Unterteilung und somit der B c r l n st einer Ganzheit» b c t r a ch t u n g ergeben. Jetzt gehe der Streit um die Tenkrichtung in der praktischen Heilkunde. Die innere Klinik müsse im Mittelpunkt der ärztlichen Ausbildung stehen und würde „im neuen Staate s ichc r l i d) i I) :c alte universelle Stellung zu» r ü cl e r h a l t e n". (Im Original gesperrt. Tie Schriftltg.) Tie Nationalsozialisten meinen, daß sich der Arzt „fernab vom hohen Kothurn der Uni» verutätsklinik erst einmal in enger Volksverbundenheit mit dem .Irrationellen' anseinanderzusetzen hat. das die Drücke zwischen Arzt und Mensch schließt, wenn der Kranke nicht nur der ,Fall' oder das .Material' sein soll". Es komme im nationalsozialistischen Staat also nicht daruf an. eine Unmasse von Wissen den Studenten zu vermitteln, sondern ihnen aus der Erkenntnis der großen biologischen Zusammenhänge heraus Ehrfurcht vor dem Leben beiznbringen. Von kommenden Aerzten verlange man also wohl ein hohes Maß wissen» , fchaftlichen Denkens, was aber nur durch eine ' wesentlich stärkere Beziehung zur menschlichen Bio» logie zu erreichen sei, als es bisher im Unterricht durch Vermittlung rein abstrakten und toten Lehrstoffes geschähe. Durch die Presse ging kürzlich eine Meldung von einer Acußerung von Ministerialdirektor Dr. Bar» tels (siehe ..C.-B.-Zeitung" Nr. 43 vom 25. Cf» tobet 1034), in der er u. a. Mitteilung von einer Frau macht, die sich, da sie ostisch überlagert sei. sterilisieren lassen wollte. Eine Erwiderung erschien in der „Nt ü n ch e n e r M e d i z i n i s ch e n Wochenschrift (Nr. 52. 27. Dezember 1034) au? - der Feder von Neg.-Med.-Nat i. N. Dr. Schwanh ä ußer. Er glaubt zwar, da,; cs sich bei der be» treffenden Fraic nur um ein Minderwertigkeitsgefühl handele. Sie meine, die Folgen ihres „NasfefchlerS" mir durch Sterilisierung verhüten zu können, eine „irrsinnige Idee", an der aber nicht die „allzu eifrigen Rassesorichcr" schuld seien. Im Prinzip jedoch wendet er sich gegen die tadelnde Erwähnung von fanatischen Anhängern des Nasse» gedankens. die es seiner Ansicht nach geben müsse, wenn der Nassegedanke im B»lk. mit Erfolg vorwärtsgetrieben werden solle. Die verschiedenen im deutschen Volke vertretenen Nussegrnppen seien be» kanntermatzen von verschiedener Qualität. und da» her seien Neberlagernngen bedeutungsvoll und stark nutbestimmend für das mensihliche Charakterbild. Da man am geborenen Menschen nichts mehr ändern könne, müsse man um 'o vorsichtiger in der Gattcmvahl sein, um so an her Aufbesserung des deutschen Nassegemisches mitzul elfen. Weiter wendet er sich gegen die Ansicht, daß inan heute noch nicht ivisse. wozu in tausend Iahrer. eine nordische Nasse gut sein könne, denn „eine Nasse, die sich durch die Iahrhnnderltausende als eine Herrenrasse und bereits in vorgeschichtlicher Zei: als Kulturträaerin par excellcnee bewährt hat. dürste wohl auch die Prüfung der nächsten tausend Jahre gut bestehen". Weiter schreibt der Verfasser: „Der ostischen Nasse möchten wir aber wünschen. bas; sie immer mehr in die Minderheit gerät, damit der deutsche Mensch, der meines Erachtens heute noch ein Wunschbild ist. bald greifbare Wirklichkeit wird. Der Wunsch, den .erbbiologisch gesunden d-.'utschen Menschen zu halten und zu fördern', sei zu bescheiden, und es genüge nicht, das; wir alle schöne rote runde Backen haben usw. Wir brauchen Charaktere auf Grund rassischer Edelzucht." Die „Schweizerische Medizinische W o ch c n s ch r i f t" (Nr. 47, 24. November 1034) bringt eine Arbeit ans der Feder von Geheimrat Professor Dr. Ferdinand Blumcnthal, früher Berlin, jetzt ordentlicher Honorarprofessor an der Universität Belgrad, über „Die neuen Versuche einer internen Krebsbehand - lnng". Er stellt darin fest, daß die Stellung zu Operation und Strahlenthorchüe durch die Ergebnisse der experimentellen Tierkrebsforschung der letzten Jahre eine Aendernng erfahren muß. Er glaubt, datz daS Vorhandensein eines Krcbsagcns im Blut und in den Organen der durch Transplantate zu Krebstieren gemachten Natten und Mäusen, mich wenn sichtbare Metastascu nicht anftreten, mit großer Wahrscheinlichleit annehmcn läßt, daß . schon ziemlich frühzeitig der Krebs keine lokalisierte Erkrankung mehr ist. Nach wie vor besteht daS Bedürfnis, eine Therapie zu schaffen, die in gleicher Weise gegen den Primärtumor und gegen Meta, stasen gerichtet ist^ Wenn aud>, wie stets, die Operation und die Strahlentherapie an erster Stelle stehen, so müssen doch neben diese Behandlungsmethoden noch andere therapeutische Maßnahmen treten. Es kommen hierfür bi.ee Chemotherapie, die Organ» und endokrine Therapie und schließlich diätetische Maßnahmen in Frage. Es werden ausführlich die bisher von den verschiedenen Autoren angegebenen Methoden dieser Ecbiete dargestellt. R. H. 8t. Kurse zur Bekämpfung der Kre bskrankheit Im „Llerzteblatt für Deelin" (Heft 3 vom 10. Januar 1035. S. 22) macht der Vorsitzende der Aerztekammer für Berlin bekannt, daß entsprechend dem Beschluß des AusschnsieZ der Preußischen Aerztekammer vom 27. Oktober 1034 in Berlin im Interesse der Vcllsgesnndheit Kurse zur frühzeitigen Erkennung und Bekämpfung der Krebskrankheit eingerichtet werden. Ihre Durchführung liegt bei der Aerzteka nmer. Sie werden für arische A erztc von der Berliner Akade» Professor Hans Kohn zum Gedächtnis Wie wir bereit? in der vorigen Woche mittciltcit, ist der bekannte Herz- und Cunacnsorschcr Hans Kohn am 5. Januar gestorben. An seinem Grabe führte Sanitätsrat Tr. A o l l m a n n u. a. . . . Hans Kohn war ein ungewöhnlich hoch» wertiger Mensch von starkem ' Eigengepräge. Seine Persönlichkeit zeichnete eine unbedingte Wahrhaftigkeit, ein Wahrheitsdrang. der keine Schranken und kein feiges Kompromiß kannte, ans. Er war ein Kämpfer in allen Phasen seines Lebens. WS junger Student in Erlangen Mit» glied eines der angesehensten Korps, fand er die erste Gelegenheit, seinen kämpferischen Geist darzutun. Hier galt es ihm. durch Unerschrockenheit und fechterische Bravour das zu ersetzen, was ihm die Natur an körperlicher Stärke und Größe vcr» sagt hatte; und es war der tiefere Sinn seines studentischen Draufgängertums, als Jude zu zeigen, daß er nicht nur mit geistigen Waffen, sondern auch auf dem Mensurboden seinen Mann stellte. Dafür hatte er die Genugtuung, von seinem Korps bei den verschiedensten repräsentativen Gelegenheiten herausgestellt zu werden. Seine Ausbildung fing er mit der Pathologie an. Schon als jungen Assistenten gelang es ihm, gewisse Feinheiten im Bau der Lunge, die vorher niemand gesehen hatte, zu entdecken und sich damit einen Platz in den Annalen der Wissenschaft zu erwerben. Die „Kohnschen Lungcnporen" sind heute dem Pathologen durchaus geläufig. Mit den besten Empfehlungen seines Lehrers Hauser nach Berlin gekommen, übernahm Hans Kohn die Leitung des pathologischen Instituts im Krankenhaus Urban. Hier hat er den Grund gelegt zu seinem emincn» ten Können als Arzt, in dem sich wissenschaftlicher Sinn und praktischer Scharfblick so glücklich vereinigten. Schnell öffnete sich ihm. dem glänzenden Di. agnostiker und dem mit allen Methoden und Mit. teln der Heilkunst vertrauten Arzt ein großer Patientenkreis. Aber seinem rastlosen Arbeitsdrang genügte diese Tätigkeit allein nicht. So sehen wir ihn neben einer ständig wachsenden Praxis bald als Proscktor bei Senator, am jüdischen Krankenhaus und an der Klinik von Goldscheidet. Es war kein Zufall, daß einem Mann von solcher Vielseitigkeit, dem daneben auch die Gabe schriftstellerischer- Kunst verliehen war, die Redaktion der „Berliner klinischen Wochenschrift" mie für ärztliche Fortbildung gemeinsam mit der Kasscnärztlrchen Vereinigung Deutschlands, Verwaltungsstclle Groß-Berlin, und dem Rcichsaus» schuß für Krebsbekämpfung in der Zeit vom 5. Februar bis 12. April 1035 veranstaltet. Die Teilnahme aller praktischen Aerzte (Arier) des Berliner Kammerbezirks ist Pflicht. Für die nichtarischen Aerzte soll eine besondere Regelung stattfinden. _ In Jerusalem fand eine neurologische Tagung statt, an der 31 Fachärzte aus Jerusalem. Tel Awiw, Haifa und Tiberias teilnahmen, um Fragen der psychischen Hygiene in Palästina und der Schaffung eines Systems psychiatrischer Kontrolle zu besprechen. Unter den Teilnehmern an der Tagung befanden sich Neurologen und Psychiater von hohem Ruf. Tue Versammlung führte zur Gründung einer Neurologischen und Psychiatri« neben Posner angetragen wurde. Er prägte der Wochenschrift den Stempel seiner Persönlichkeit auf, nicht zuletzt durch die sprühende Lebendig, keit seiner eigenen, vielfach polemischen Artikel. Hans Kohn war überall zu finden, wo es galt ärztlicher Ehre und Freiheit Geltung zu vcrschaffen, namentlich hat er an dem Aufbau der Berliner ärztlichen Organisation nach dem Krieg starken geistigen Anteil gehabt. Besonders hervorgehoben sei seine langjährige Tätigkeit als Vorstandsmitglied und Bibliothekar der „Berliner medizinischen Gesellschaft". Das beste Zeugnis für die Anerkennung, die er sich hierbei erwarb, war seine Wahl zum Ehrenmitglied der Gesellschaft am Ende des zweiten Dezenniums seiner Amtssührung. Daneben fand er immer noch Zeit zu eigener Forschcrarbeit. Und hier war es namentlich das Krankheitsbild der „Angina pectoris“, dem er seine besondere Aufmerksamkeit znwandte. Seine diesbezüglichen Arbeiten haben zur Klärung und richtigen Auslastung dieser so häufigen Alterskrank, heit erheblich beigetragen: er galt als einer ihrer besten Kenner und war als solcher weit über die Grenzen Deutschlands' hinaus geschätzt . . . schen Gesellschaft, zu deren Vorsitzenden Dr. Her« mann gewählt wurde. Dem Ausschuß gehören Pro« fessor Pappcnheim und die Doktoren Rosenthal, Hakpern, Rabinowitsch und Prager an. Neue Satzung der Deutschen Apothekerschaft Die Standesgemeinschäft Deutscher Apotheker (vorm. Deutscher Apotheker-Verein) hat sich durch eine neue Satzung vom 22. November 1934 (von Staatsaussichts wegen genehmigt am 3. Januar 1935) den Namen „Tie Deutsche Apothekerschaft" gegeben. Ter bisherige Standcssührer der Stanbesgemein» schaft Deutscher Apotheker. Schmierer, trägt nunmehr die Bezeichnung Reichsapothekenführer. Tie Anschrist bleibt unverändert: Berlin W15, Kur» sürstendamm 211, Fernruf: J1 Bismarck 8051. Gründer der Sowjetrepublik Rußland, Lenin, wurde einbalsamiert und in einem gläsernen Sarg im Kreml zu Moskau beigesetzt, und der eins! weltberühmte Sänger Caruso hat bei Po.;- zuoli in der Nähe von Neapel nicht nur einbalsamicrt, sondern, wie er im Testament bestimmt Hatto. angezogen mit Frack und Lackschuhen seine Ruhestätte gefunden. Natürlich verfügen wir heute mit unfern cheu isch-technischcn Kenntnissen auch über Verfahr.'n, um nicht nur Mumien von Dauer zu schaffen, sondern um weit darüber hinaus den men chlichen Körper so zu konservieren, daß er sein natürliches Aussehen behält. Zunächst kann schon aus kriminalistischen Gründen die unveränderte Erhaltung einer Leiche nötig sein. In einfachster Form geschieht das durch Aufbewahrung in Kühlränmen. Dann aber haben wir mehrere Verfahren, von denen einige sogar in verschiedenen Ländern patentiert sind, um tierische Körper vor der Verwesung zu bewahren und weit-. geherd in ihrem natürlichen Zusammenhang und Aussehen zu erhalten. Als vollkommenste Form wird heute die Behandlung einer Leiche mit FormaLdehydalkohol zur Fixierung der Gewebeteile, der dann folgenden Entwässerung mit krcosothaltigem Alkohol und schließlich die Durchtränkung aller Zellen und Fasern mit Paraffin betrachtet. Nach dem Trocknen sind so behandelte Körperteile und Leichen gewissermaßen gegen die Dernichterin - Zei ^geschützt. Diese trocknen Präparate halten sich gegen jedes Wetter und vertragen auch Schlag und -Fall. Sie schrumpfen auch nicht mehr zusammen. DaS wichtigste ist aber, daß bei den modernen Methoden der Leichenkonservrerung nicht nur die Form und Farbe des natürlichen Lebewesens, sondern auch die Adern in allen Einzelheiten wie Im lebenden Zustande erhalten bleiben. Ing. P. Max Grempe. (Nachdruck verboten.) Profestor Mar Jakob Rskanazh. der seit 1905 als Profestor der anatomischen Pathologie und der allgemeinen Pathologie an der^ Genfer Ilinversimt lehrt, aber bisher deutscher Staatsangehöriger war. witrde wegen seiner Verdienste um die Mistenschaft und um die Genfer Ilniversttät zum Ehrenbürger des Kantons Genf gewählt und somit naturalisiert. Profestor Askanrzy, der seinerzeit mit Profestor Ehrlich wissenschaftlich arbeitete, stammt aus einer deutsch.jüdischen Familie in Ost- Preußen. _ Unterhaltung mit Sanitätsrat Dr. Abel Am 31. Dezember 1934 Hot Sanitätsrat Karl Abel. der Leiter der gynäkologischen Abteilung des jüdischen Krankenhauses, Berlin, sein Amt niedergclcgt. Aus diesem Anlaß bat unsere <; U -Mitarbeiterin Sanitätsrat Abel ausgesucht und 'sich mit ihm über fei» Leben und seine Arbeit unterhalten. Sanitatsrat Abel fragte unlängst das fünfjährige Fräulein Ursula, ob es denn wiste, daß er dabei war. als eS der Storch gebracht habe. Ursula fand keine Antwort und ging mit hochrotem Kopf hinaus. Nachher sagte sie zur Mutti: „Denk dir. der Onkel Doktor glaubt noch immer an den Storch!" Nun. so ganz genau stimmt die Behauptung von Ursula nicht. Der Onkel Doktor Abel war zu oft dabei, wenn die kleinen Herrschaften ankamen, um an solche Wunder zu glauben. aber er hat dabei vielleicht an andere Wunder'glauben gelernt: An das Wunder seiner ärzt« lichen Virttrosität. wenn ein ganz verzweifelter Fall noch gerettet werden könnt,;, wenn eine noch blasse Mutter wieder die Augur aufschlug und ihrem Kind zulächclte. Sanitätsrat Dr. Karl Abel leitete seit Kriegs« beginn 1014 die gynäkologisch-geburtshilfliche Abteilung des Krankenhauses der jüdischen Gemeinde in der Exerzierstraße. DaS Krankenhaus war kurz vor Kriegsbeginn eröffnet worden und war im Vergleich zu dem alten ein Luxusbau. mit allen Errungenschaften der damaligen Zeit ausgestattet. Der Leiter der chirurgischen Abteilung war Prol'estor James Israel, der Leiter der Station, für innere Krankheiten Profestor Strauß. Die Anstalt entwickelte sich zu vollster Zufriedenheit, trotz der Schwierigkeiten, die der Krieg mit sich brachte, des Mangels an Assistenten und des Mangels an Nahrungsmitteln für die Patienten. Sanitätsrat Abel hatte seine Privatklinik zum Lazarett für Offiziere und Mannschaften abgegeben, seine Privatpatienten in einer benachbarten Klinik untergcbracht, und hatte Tag und Nacht gearbeitet, um den Riesenanforderungen gerecht zu werden. Die Erfolge waren in jeder Richtung ausgezeichnet. Solange Profestor James Israel noch im Krankenhaus tätig war, kam er wiederholt mit seinem ganzen Stab zu Sanitätsrat Abel, um dessen vaginalen Operationen, von denen er kein Freund war, zuzusehen. Sanitätsrat Abel durfte die Freude und die Genugtuung haben. James Israel von dem Wert seiner Operationsmethode zu überzeugen, allerdings nur unter Voraussetzung der technischen Vollkommenheit, wie er sie ausführe. und wie James Israel sie vorher noch niegesehen habe. Nach Beendigung des Krieges blieb die gynäkologische Abteilung unter der damals neu gewählten Leitung von Profestor Sachs nur ganz kurze Zeit im Betrieb und wurde erst eineiichalb Jahre spater unter der Leitung von Sanitätsrat Abel wieder eröffnet. Der Leiter' der chirurgischen Abteilung war Profestor Karewski. Immer mehr erweiterte sich der Ruf der gynäkologischen Abteilung. Es wurde unerhört viel wissenschaftlich gearbeitet, Sanitätsrat Abel hielt zahlreich besuchte Kurse ab, und bei dem internationalen Gynäkologenkongreß vor fünf oder sechs Jahren waren eS hundertsünfundzwanzig Aerzte aus aller Herren Welt, die während einer Woche Sanitätsrat Abel - bei seinen berühmten Operationen zusahen. In zahlreichen Büchern. Schriften und Broschüren haben sein großes Wissen und sein; großen Erfahrungen ihren Niederschlag gefunden. „Die ghnÄologisch-geburtshilflichen Taschenheste für den praktischen Arzt" (Verlag Otto Enslin) enthalten in zehn Heften sein reicher Wissen aus der KrankenhauspraxiS und bilden den Stoff unzähliger Vorlesungen auf diesem Gebiet. Auch eine ganze Menge Doktordistertationen sind unter seiner Leitung gearbeitet und vollendet worden« Sanitätsrat Abel hat sich von der Leitung des jüdischen Krankenhauses pensionieren lassen. Warum? Fühlt er sich schon zu alt? Das kann man nun mit dem besten oder bösesten Willen nicht behaupten. Er braucht einem erst gar nicht zu versichern. daß er vom Aelterwerden nichts spüre, es genügt, wenn er einem von dem schönen Ausflug erzählt, den er im Herbst gemacht habe; er sei um viertel sechs in der Früh mit seinem Auto — daß er selbst chauffiert, versteht sich von selbst — losgefahren, um 10 Uhr vormitmgs habe er aus der Bastei in der Sächsischen Schweiz gefrüh stückt, und als er am Abend nach Hause kam, zeigte sein Tachometer die stattliche Tagesleistung von fünfhundertundreiundvierzig Kilometern. Er strahlt vor Freude, wenn er die Schönheit der Landschaft schildert und die Qualität des Esten-?, das er in den netten Wirtshäusern da und dort eingenommen hat. Man könnte leicht vermuten, daß er auf die fünfhundertunddreivierzig Kilometer stolzer sei, als auf irgendeine geglückte Operation; was ja verständlich wäre, denn den Führerschein zum Autofahren hat er ja erst seit vier Jahren — die Zahl der Jahre, während denen er operiert, betragt ein Vielfaches, die Zahl der von ihm behandelten gynäkologischen Fälle etwa fünszehntausend. Der Grund der Pensionierung ist also einfach nur das Platzräumen einem jüngeren Kollegen. Er selbst arbeitet natürlich privat weiter. Er ist, wie so viele Aerzte, sehr musikalisch, spielt die Bratsche und hält jede Woche seinen Quartettabend ab. Und er ist ein starker Zigarren- «mcher. und wenn ihm irgendein besorgtes Fr» milienmitglied Vorhaltungen darüber macht, sagt er nachdenklich, daß es wohl recht habe, fein Groß« Vater wäre bestimmt älter geworden, wenn er weniger geraucht hätte. So fei er schon mit sechsundneunzig gestorben. O. er ist ein einsichtsvoller. prächtiger Herr, der Sanitätsrat Abel — und er raucht weiter und erzählt dabei Geschichten und Anekdoten au8. seiner Krankenhauszeit so frisch und lustig, so humorvoll pointiert, daß man aus dem Lachen-nicht hermiSkommt.

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