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Seite der Jugend · 1935-01-17 · 1 (17.1.1935) · page 1

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Journal
Seite der Jugend
Volume
1935
Issue
1 (17.1.1935)
Date
1935-01-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
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4. Beiblatt der G-V.-Zeitung Kammer 3 Nummer 1 vom 17. Januar 1935 Stimmen, Zeugnisse, Bilder Oer g und Gegen meinung Unsere Gemeinschaft wird ein Jahr a 11. Was bedeutet das? Das bedeutet gemeinhin, dass sic unerhört jung ist: und cs bedeutet heute, dass sie 3(50 Tage deutsch-jüdischer Geschichte 1933/34 durcbgemaeht hat. Das ist viel, das ist ungeheuer sogar. Denn diese 305 Tage waren keine triedliclie Kindheit, sondern Mannesschaft und Lebeushärfe, waren Kampf um eine täglich erneut auf die Probe gestellte Idee und eine täglich aufs neue fragwürdige Existenz. In Lehnitz glaubten wir einen Bund gegründet zu haben, etwa nach der Art, wie man Gesellschaften gründet, kraft Beschluss. Vielleicht wäre es richtiger, aufrichtiger gewesen, wenn man das Ergebnis von Lehnitz nicht mit einem Namen bedacht hätte, der eine bestimmte verpflichtende Tradition besass. Ein Bund ist etwas Organisches, etwas Ge-Bundeue9 und nicht — wie gesagt wurde — etwas Ge-Bündcl- 1es. Ein Bund ist immer der Abschluss einer Entwicklung, er setzt etwas voraus, was sich erst vollzog, als es bisher üblich war. Wie Kinder, die Eäußer errichten wollten, bauten wir unseren Bund von aussen her. Wir begannen, mit de« Fassade. Sie war riesenhaft, prächtig, grösser als alles, was wir bisher gebaut und bei anderen gjeseben hatten. Aber sie schien auch seltsamer, jmeinheitlicber, stilloser als alles, was wir je gekannt hatten. Indessen, darauf kam es zunächst nidht an. Was wir brauchten, war ein Dach über dcau Kopf und keine behagliche Einrichtung. De^n die Frage unseres Bundes ist eine soziale Fvgc, weil es die Frage unserer Existenz ist. Aber die Fni^e unserer Existenz ist nicht nur eine Magenfr'qge. In dem Augenblick, in dem wir das erkannten, traten wir in die zweite Phase des Bundes t\jn. Es war der We^ nach innen. Er war dunkel und mühevoll“. Die Fassade stand im Scheinwerferlicht dos öffentlichen Interesses. Driunen wvtren wir allein. Es wurden Parolen ausgegeben. Für Deutschtum und Judentum, für religiöses' — gegen nationales Judentum, für Emanzipation^gegen falsche Illlillill]||l!|]|||llllllIill!lllllllllllllll!llllli]]|]l!lllllilllllll!lllll!l!llllli!lll|||||l!l|j|||!ll!llillll!!llllllillililHllillll!ll!lllll^lilillflll!ill[lllllilll!l!lllIillll Ostpreussen 5 Orß*;r. Pommern 16 Ortsgii Grenzmark 8 Ortsgr, Niederschles. 4 Ortsgr. OberschleB. 13 Ortsgr. Bayern 7 Ortsgr.. Danzig 1 Ortsgr. Berlin-Brandenburg 6 Ortsgr. Sachsen-Mitteldeutschland 21 Ortsgr. Rheinland-Westfalen II Ortsgr. Linksrhein 8 Ortsgr. Hessen-Nassau 6 Ortsgr. Württemberg 2 Ortsgr. Nordmark 7 Ortsgr. Baden 5 Ortsgr. Je dichter die Schraffierung, desto grösser die Zahl der Mitglieder. Zeichnung von Rudolf Bloch fBerlin) allmählich herauskristallisieren kann, nämlich Einheitlichkeit der Haltung und der Gesinnung,- Kameradschaftlichkeit, Lebensnahe, erst dann i st er „geschlossen“. Derartiges aber kann nicht beschlossen werden, von einem Tag auf den anderen. Zehn Menschen können einen Bund schliessen, zehn fertige, eigenartige, selbständige Bünde, die untereinander vielleicht noch uneins sind, können es nicht. In Lehnitz schloss man ein Bimd„nis“, eine Alliance, eine Front, wenn inan so will. Mit dem Namen „Bund“ aber griff man einer Entwicklung vor, die sich erst bewahrheiten musste. Wir gestehen beute, es geschah nicht unabsichtlich. Wir wollten uns selbst durch den Namen zu unserer Bestimmung zwingen. Der Bund war keine Wirklichkeit., aber er war eine Forderung, so wie es unser Kameradschaftslied uud unser Gruss war. Bund, Kameradschaft, Bereitschaft war nicht, aber sie s o 11t e n werden. Gleichzeitig stellten wir damit ein anderes toter Beweis. Wir zeigten die Unübertragbarkeit aller bisherigen Schablonen auf die Einzigartigkeit unserer Situation. Der Bruch mit unserer Tradition, die uns — den einzelnen Bunden —lieb und teuer war, erfolgte nicht aus Verzweiflung und Ratlosigkeit, eondern aus der nüchternen Einsicht, dass wir Fragmente in den Händen hielten, Stückwerk, ehrwürdig und vef* traut, aber ungenügend und unhaltbar. Wir waren nicht alle gleich radikal, aber m dem einen stimmten wir überein: dass nicht nur unser Bund anders werden musste als alle anderen Bünde, eondern dass der Begriff des Bundes überhaupt strukturell, inhaltlich, formell an unserem Beispiel umgeschmolzen wurde. . So kam es, dass sich %uch der Aufbau andere Assimilation, für sozialen Neuaufbau — gegen die faule Bürgerlichkeit des Einzelgängers, für hündische Gemeinschaft — gegen egoistische Privatheit. Aber Bekenntnisse ersetzen nicht Begriffe! Ein Bekenntnis, hinter dem keine Realität oder wenigstens der Wille zur Verwirklichung steht, ist sinnlos, ist Selbstbetrug oder Lüge! Der Weg nach innenist nur für Ehrliche gangbar. Der Weg nach innen ist aber nicht nur Ideologie und Gesinnung. Der Weg nach innen ist auch Haltung uud menschliche Nähe. Ein Rund besteht nicht nur aus gemmmngstüchiigen Ideologen und deren Parteigängern, ein Bund besteht aus Menschen, die ihre Verpflichtung auf die Sache, um ihre Kameradschaft füreinsr wissen. Tier liegt unsere grosse Aufgabe. Der Weg i innen ist der Weg zum Bund, sofern er der t zuin Menschen ist, ohne Ehrgeiz, ohne behalte, ohne Vorurteile! Diese Feststelr wäre in Lehnitz ein Wagnis gewesen. Aber sehen Lehnitz und heute liegen wichtige ionen, liegen Winkel, Berlin, noch, einmal Ditz, liegt das Bröltalhaue, ,Ver auf diesem letzten Lager, diesen wenfaufwühlenden, ereignisreichen und darum unendlich fruchtbaren Stunden, gewesen ist, venig: wer sie in ihrer .ganzen Schwere erit hat, der hat den Weg nach innen gefun- , der weiss, dass der Bund ein Stück Wirkkeit geworden ist Wir sind auf dem rechten Weg. Das ver-?ene Jahr liess uns' den Bund von aussen Innen, weil es die Zeit 60 wollte. Möge das unende ihn von innen schlicsaen, weil seine ' ischen ee hoffen! Heini ^Hermann, Der Standort des „Bundes" im deutschen Judentum, . an Zitaten über den Bund und aus dem Bund dargestellt c.-v. „Der Centralverein, dessen Jugendpolilik Jahre hindurch den Dualismus vou eigenen Jugendgruppeu und Förderung befreundeter Jugendbünde kannte, batte, gestützt auf seine Erfahrungen und in Kenntnis der jungen deutschjüdischen Generation, vor allem aber in der inneren Sicherheit, dass die von ihm verkörperte und gerade im letzten Jahre weiter gebildete deutschjüdische Idee die selbstverständliche Grundlage der jungen Generation des deutschen Judentums sein würde, die Ueberführung seiner JugencJgruppen in den autonomen Bund Deutsch-Jüdischer Jugend vorgenommen. Damit war organisatorisch und ideenmässig die wesentlichste Voraussetzung für Lehnitz geschaffen worden . . . Der Central-Verein hat an ihr festgehalten, auch als es zeitweilig schien, als ob neben dieser autonomen deutschjüdischen Jugendbewegung von dritter Seite her eine deutschjüdische Vereinsjugend geschaffen werden sollte . . . Der Central-Verein, der die Führung des Bundes seiner geistigen Haltung aufs tiefste willens- und erkennte ismässig verbunden weiss, wird den Bund auch in seinen neuen Aufgaben und Zusammenhängen wie bisher menschlich und sachlich fördern . . A. H. R. j. F. . . Tn der Reihe derer, die sich der Jugend mit Recht und Pflicht annehmen, durfte der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten nicht fehlen. Er bat es eich zur Aufgabe gemacht, die Jugend in Deutschland sportlich zu ertüchtigen, körperlich zu stählen, aus ihr Menschen zu machen, die nicht nu,r körperlich, sondern auch geistig fähig sein werden, kraftvolle Träger unserer Zukunft zu sein. . . . Nicht Organisationsehrgeiz, nicht <der eigensüchtige Plan irgendeiner Persönlichkeit darf und kann je oieses gemeinsame Wollen in Zweifel stellen dürfen, geschweige dfam jemand zwischen die beiden Verbände treten lassen, die miteinander das höchste Ziel menschlicher Vollkommenheit für das deutsche Judentum erstreben und erreichen wollen....“ Werner Simon. Verbund der jüdischen Jugend- Vereine Deutschlands „. . . Wir sind zu der Ueberzeugung gekommen, dass unsere gesamtjüdische Haltung eine echte Entscheidung ist, eine Entscheidung, die die Einheit das deutschen Judentums zu begründen vermag . . .“ (Aus einem Rundschreiben des Verbandes.) „. .. während wir im Verband .. . uns aktiv für diesen Aufbau einsetzen, da uns Palästina mehr ist als eine Heimstätte, weil Palästina für uns das Land, einer besonderen jüdischen Wirklichkeit, das Land unserer Hoffnung ist, in dem ein neues jüdische« Kulturzentrum wächst uud in dem sich die Normalisierung der jüdischen Berufeetruktur erfüllt . . . erklärte Kellermann den Aufbau Palästinas als eine „historische Fehlleistung“ des Judentums . . .“ (Aus einem Rundschreiben des Verbandes.) Vortrupp „Die Menschen leben in der Verzweiflung, und zwar ist diese Verzweiflung von der schlimmsten Art, die — -nach Kierkegaard — darin besteht, nicht zu wissen, dass man verzweifelt ist . . . Erkenntnis macht nicht glücklich, in immer härtere Kämpfe stürzt sie den Suchenden. Niemals decken sich Wirklichkeit und Wahrheit in der Geschichte . . . Das aber führt den Erkenntnis heischenden Menschen in die Verzweiflung ,. /* ,45er Vortrupp“. Bund . . Wir lehnen es mit allem Nachdruck ah', als Gefolgschaft irgendeiner jüdischen Organisation angesehen zu werden. In Lehnitz ist der Bund in Unabhängigkeit von den Erwacbsenenverbänden entstanden. Es war der C.-V., der in weitsichtiger Erkenntnis, dass die neuen Dinge von denen, die sie in ihrer vollen Schwere zu tragen haben, in geistiger Selbständigkeit gemeistert werden müssen, die Möglichkeit zu dieser Autonomie gegeben bat. Der historische Verzicht des C.-V. auf eigene .Jugendgruppen — der Ausgangspunkt einer Linie, in die nun auch der RjF eingeschwenkt ist — wird in unseren Reihen nicht vergessen werden. Wir sind autonom, aber wenn wir einem Teil der deutsebjüdisclieu Erwachsenenbewegung gowohl erkennlnis- und willeusmässig als auch menschlich nabe verbunden sind, dann in erster Linie dem C.-V. — und wir sagen dies unbeschadet dessen, was ich oben niederschrieb, denn ein solches Bekenntnis hat einen anderen Klang, wenn wir es aüssprechen und wir die Hand reichen. . . .“ Martin Sobotker. Bund .Wir brauchen hier nichts über unsere Stellung zur Generation der Front zu sagen. Die grösste Leistung — so heisst es in einem Sprichwort — ist der Verzicht. Und dass diese Generation verzichtet hat, weil sie unseren Anspruch auf Autonomie anerkannt hat, verbindet uns fester mit ihr, als wir schon je uns ihr verbunden fühlten. ...“ Günter Friedländer. Bund . Alle wahrhaft soziale Haltung gebt von der Gesamtheit aus und kommt der Gesamtheit zugute. Aber da gab es Eifrige, die in dieser . . . Zuständigkeit nicht verharrten. Gesamtjüdische Haltung war ihnen nicht soziale Funktion, sondern geistige Entscheidung . . . Diese gesamtjüdische Waffe war uns zu stumpf . . , Neutralität hatte zwar ihren Sinn aus moralischer Verantwortung und politischer Klugheit, aber sie ist keine Gesinnung.“ „Zentren kann man nicht „machen“ Zentren wachsen . . . Man sollte sieb nur davor hüten, Hoffnungen und Wünsche schon beute als Realitäten auszugebeu. Selbst eine geglückte Bcrufsnormaljßierung wäre noch kein Gegenbeweis. Nicht alles, was von Juden gemacht wird, ist deshalb auch schon jüdisch.“ „Seit Palästina Zuflucht für tausende jüdischer Existenzen (aus Deutschland!) geworden ist, steht uns hiergegen ein moralischer Einspruch nicht mehr zu . . . Seine menschlichen und kulturellen Leistungen verdienen unsere grösste Bewunderung und die Hoffnung 6piner Menschen auf Frieden und Sicherheit unsere wärmste Anteilnahme . . .“ Heinz Kellermann, „Der Bund“, Bund „Es ist etwas Gefährliches um die Verzweiflung . . Die Verzweiflung macht zwar einsam aber in dieser Einsamkeit befreit sie von allen .sozialen Bindungen . . . Der Selbstmord ist nur die logischste Konsequenz, durch die sich der einzelne von der Gemeinschaft freizeichnet Manche aber begannen diese Verzweiflung schon ab Wohltat, ab eine Art Erholungsurlaub zu empfinden. „Es lebt sich gut in der Verzweiflung,“ sagteD sie . . .“ Heinz Kellermann, „Der Bund“,

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