Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 14 (1935)
- Issue
- 3 (17.1.1935)
- Date
- 1935-01-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XIV. Jahrgang / Nr. 3 Berlin» 17. Januar 1931 Preis 25 Pf ennig lentrai- >SkSM- 7 BUTTE ft PU'I D E U;TS:C-HT.U M. UM JülEfTüi. L„... tsr1 JiLii ÄA-Ll. niJM.iü.... .JL Diese Nummer umfasst 18 Seiten Sie enthält u. <U Hauptblatt: Neues zum Problem der Mischehe — Die Judenpolitik Oliver Cromwclh, von Dr. Kurt Pinllms. 1. Beiblatt: Miltagzihch mit Künstlern, von Hilde Marx — Aus den Uorlragssälcn — Gastspiel der Kölna" im Berliner Kulturbund, von Dr. Hugo Lachrriaruki. Zeichnungen von Ady Ritter - Liainger — Aus der C.-V.-Bewegung — Um das Messias- Geheimnis, von Rabbiner Dr. S. Samuel. 2. Beiblatt: ' Der Sammler Salli Kirschtcin, von Alfred Loewenberg. 3. Beiblatt: Wirtschaft der Woche. . 4. Beiblatt: Seite der Jugend. KM M LMÄs Dr. M. E. Die jüdische Presse in Deutsch- Hand hat seit dem Umschwung an Umfang und an Bedeutung für das deutsche Judentum gewonnen. Damit wächst' der Kreis ihrer Aufgaben und das Maß ihrer Verantwortung. In dem großen Ringen um eine neue Lebenst'asis für den jüdischen Menschen in Deutschland inuß sie ihre Leser seelisch stärken und t'mcn den Plaß zeigen, aus dem sie tatsächlich und geistig zu stehen haben. Es ist in diesen Blättern schon häufig ans die Gefahr hing'wiesen worden, daß die jüdischen Menschen, losgelöst bon ihrem früheren Umgang und vielfach der Sphäre entzogen, in der sie lebten und wirkten, in eine geistige Vereinsamnng geraten könnten, die sie erstarren >:nd Zurückbleiben. läßt. .Ausgabe der jüdischen Presse ist es. die -Brücke, zu schlagen zu dem, was um uns geschieht, und durch crzicherischc Kritik darüber zu wachen, daß die jüdischen Menschen in einer ihnen gemäßen Lebensform in der Zeit bleiben. - Kritik in dieser Zeitung geschieht nicht' aus „destruktivem Geist", nicht aus der Lust am Kritisieren, sondern aus der wachsenden Erkenntnis, daß das Judentum in Deutschland nur dann entwicklungsfähig und den An-'orderunaen einer neuen Emanzipation gewachsen sein wird, wenn jeder einzelne aus seirem Posten das Höchstmaß dessen leistet, „womit ihn Gott begnadet hat". Das Jsoliertscin. das Gefühl des „Uuter-sich-Seins" verlock; leicht dazu, sich gehen zu lassen, sich mit Mittelmaß zu begnügen, weil der Ansporn durch den Vergleich mit anderen Leistungen fehlt. Dieser Gefahr darf das deutsche Judentum in seiner Gesamtheit und darf der einzelne deutsche Jude nicht unterliegen, sei er mm Handwerker oder Dichter, Wissenschaftler oder gebildeter Dilettant, Kabarettist oder Kaufmann. In einem Vortrage wurde kürzlich ausgcführt, daß das Judentum sein Diaspora-Schicksal nur überdauert habe, weil ' es sich als Minderheit stets zur Mehrleistung verpflichtet gefühlt hat. Härter noch als in der Zeit, da alle Berufszweige den Juden in Deutschland ossenstanden. tritt heute die Forderung an jeden einzelnen heran, mit ganzer Kraft sich in den Dienst der Sache zu stellen, der zu dienen er berufen worden ist. sei er aus einem kleinen Platz, sei er in einer großen Stellung — nicht um des einzelnen, sondern um der Gesaintberantwortung. willen, die. jeder deutsche Jude heute - für das deutsche Judentum trägt. # llitrer diesem Gesichtspunkt will unsere Kritik verstanden sein. Denn die Tatsache unserer kritischen Einstellung ist von manchen Kreisen, vor allem von den davon Betroffenen. falsch verstanden worden. Vielfach ist - die Ansicht vertreten worden, man dürfe in der jüdischen Presse, das heißt in einer, auch den Nichtjuden zugänglichen Oeffentlichkeit, jüdische Fehler nicht - rügen, da Dies als : »Seife de? Jagend“ <4.bcm.) Vierseitige Nummer zum. einjährigen Bestehen des Bundes Deutsch-Jüdischer Jugend Selbstbekenntnis jüdischer Fehler schlechthin ausgesaßt und gegen unsere Gemeinschaft ausgenützt werden könnte. Gewiß sitrd - in der Form der Kritik Takt und Rücksicht geboten. Und vor allem ist wichtig, daß der Kritiker sachverständig - geschult. . verant- wortungsbewußt und in jüdischen.Dingen erfahren ist. 'Mer Takt und.Rücksicht, dürfen' niemals dahin führen,' daß nun^ alles beschönigt wird, , was an - Belanglosen! - und Minderwertigem geschieht. Es-sind vielleicht früher aus übertriebener „Feinsühlrgkeu manche Möglichkeiten zur jüdischen Selbsterziehung versäumt worden. Der Central-Per> ein hat beispielsiveise mehr als ein Jahrzehnt /' A. H. Mit den 828 000 Saardeutschen, die nunmehr - bald auch staatsrechtlich wieder Deutschland eiugeglicdert werden, zu dem sic sich am 33. Januar' in freier Entscheidung bekannt haben, können wir auch '4800. jüdische Saardentschc bei ihrer Rückkehr herzlich begrüßen. Auch für sie ist es die Heimkehr in ihr deutsches Mutterland, von dem die Saar sünszchrr Jahre lang getrennt gewesen ist. - Eine ungeheure Spannung ist durch die klare und eindeutige Stimmen- Verteilung am 13. Januar azrs der europäischen Atmosphäre verschwunden, und ganz Europa hofft — und die Rede des Führers und Reichskanzlers gibt dieser Hoffnung Grundlagen — daß Europa mit der Beseitigung dieses Hemmschuhes der Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich, aus dem Wege zur Solidarität einen starken Schritt nach vorwärts machen wird. - Es war eine ungeheure Verkennung historischer Gegebenheiten. wenn man meinte, daß eine staatrechtliche Sonderregelung von fünfzehn^ Jahren imstande sein' könnte,'eine kulturelle, und politische Verbundenheit. die Jahrhun-- derte gewahrt hat..zu zerbrechen. Das klare Ergebnis an der Saar ist nicht zumindest'durch die Disziplin errungen wor-- den. mit der die überwältigende Atasse der "\C0 Saarbevölkerung die letzten Wochen überjtanden hat. Auch aus der historischen Ansprache des Reichskanzlers am Morgen nach der Verkündung der Abstiuunungsergebnisse klingt das Atahnwort: Haltet daher auch jetzt höchste Disziplin! — Die Disziplin wird bleiben, denn immer ist sie. zu finden, wo das .Bewußtsein des Rechtes mit dem'Bewußtsein der inneren Macht zusammenfällt. Die Heimkehr der saardeutschen Juden.in die Gesamtheit des deutschen 'Judentums wird, auch innerhalb - unserer engen Gesinnungsgemeinschast, innerhalb des Eentral- Vereins äußerlich zerrissene Bande wieder anknüpsen lassen. Maßnahmen der Regierungskommission hatten die Verbindung zwischen Eesamtverein und Bezirksgruppe Saar abgebrochen. Wir sind bereit, unsere Arbeit im Saargebiet, das Deutschland wieder eingefügt 'ist,' .neu aufzubauen. Wir wissen, daß unsere-Freunde an der Saar uns und unsere seelischen, und materiellen Erfahrungen brauchen, und wir werden sie ihnen gern und rückhaltlos geben. . .. Die Reichsvertretung der deutschen Juden schreibt an die jüdischen Gemeinden des isaargebietes: Nach fünfzehn Jahren der Trennung ist die Saar zu Deutschland zurückgekehrt. In geschichtlicher Stunde entbieten wir den jüdischen Gemeinden im Saarland ein Wort herzlicher Verbundenheit. Ihr seid, jetzt wieder mit uns zusammengeschlossen und wir mit Euch. Gemeinsam ist uns wieder unser Schicksal, gemeinsam Arbeit, Sorge und Aufgabe. Pflichten sind Euch neu gestellt; wir teilen sie mit Euch. Gegenseitig wird unsere Hilfe sein. Dem Gebot und der Hoffnung unseres deutschen Judentums treu, werden wir Zusammenhalten. Die Reichsvertretung der deutschen Juden - gez.: Baeck lang gegen den Unfug, des mauschelnden Kabaretts mit seinen jüdischen Selbstpersislagen gekämpft. Vielleicht wäre ein entsprechender' Kamps gegen ähnliche Erscheinungen in den eigenen Reihen schon früher in viel größerem Umfange am Platze gewesen. Aber Er- J fahrungen sind da, damit man aus ihnen zulernt. . - - Manche wieder wünschen eine mildere, für unsere Begriffe zu milde Kritil. weil sie meinen, man müsse das Kritisieren hinter der Verpflichtung zum Helsen zurückstellen; man schade dem so.scharf Kritisierten und schneide seiner beruflichen Laufbahn den Lebensfaden ab. man nehme ihm sein Brot. Gegenüber' solchem Einwand ist es wichtig, einmal zu sra°' gen, was helfen heißt: Helsen wir zum Beispiel einer jungen Sängerin, die niemals'Be- ' friedigendes, geschweige denn Erfreuliches zu bieten.imstande sein wird, wenn wir ihren Ge» sang loben? Helfen wir dem zwanzigjährigen Dichter.' dessen Schassen banal und nachemp- . sunden ist, oder dem Akademiker, den die . Fachpresse nicht mehr wie früher beachtet. - wenn die jüdische -Presse jede seiner Leistungen | ü der Verdienst stobt,-'nur Weil er Jude ist? Vielleicht im -Augenblick, nicht aber aus die Dauer. Denn aus die-Dauer läßt sich auch das geduldigste Publikum trotz aller guten Kritik die schlechte Leistung nicht aufzwingen. Wir . entwerten die Kritik durch Unehrlichkeit; Man glaubt ihr auch dann nicht, wenn sie die wirklich'gute Leistung lobt. Eine ehrliche Kritik . dagegen hilft dem Gelobten wie dem Getadelten. Diesem macht sie rechtzeitig klar, daß er . nicht berufen ist, und in der Tat wird chm auf die Dauer viel besser geholfen, wenn die Or» ganisationen, die dazu geschaffen sind, chm die Hand dazu reichen, einen;neuen Broterwerb ' zu suchen, - statt - daß' sie ihn durch - Beschaffung von• Gelegenheitsarbeiten und im übrigen durch Almosen' zum '-ständigen Wohlfahrtsempsänger ' machen. Dieses Ansinnen 'ist weder hart'noch unbillig; Misere .Zeit' zwingt begabteste Menschen, aller Kategorien. Beamte und.Anwälte und'berufenste Aerzle zum Ver- - zichtVauf-ihre BerussausübMg; sie verlangt von - vielen „jungen Menschen die Zurücks siellung ährer eigenen Wünsche bei der'Berufswähl;um der Eesamtgestaltung des'deuLschen Judentums-willen' — da hieße, bei'solchen' ' Schaffenden, die in der Leistung oder in der .Auswahl ihrer Leistung den berechtigten Ansprüchen der-jüdischen Oeffentlichkeit .nicht zu entsprechen vermögen, Milde fordern, BeranL-- wortungslpsigkeit gegenüber der Zukunstsrnöglichkeit des deutschen Judentums. ♦ : Der gleiche Maß stab ist an das öffentliche Auftreten des jüdischen Publikums zu legen.' Es gibt noch immer, besonders in den Großstädten, gewisse Kreise, die-meinen, es gehe nur sie.an. wie und wo sie sich aushalten. Das' ist grundfalsch. Jeder Jude und jede Jüdin, die sich inöffentlichen Lokalen.-auf-der Straße, in Hotels, im Theater unb in den Konzertsälen zeigen.sind in ihrerHaltung'der jüdischen Gesamtheit gegenüber verantwortlich. Wir sind die letzten, die etwa verlangen, daß jeder Jude nun in Sack und Asche geht. Wir'wissen. daß auch die seelische Ueberwindung des jüdischen Schicksals ein Sich-Aussprechen. Geselligkeit und, soweit es die Jugend angeht, auch einmal eine fröhliche Stunde des Tanzes erfordert. Aber es wird augenblicklich im deutschen Judentum zu viel „gefeiert". Vor allem wirkt es peinlich, wenn jüdische Organisationen jetzt Tanzseste veranstalten und sie öffentlich ankündigen. Wir wissen, daß die Schicht, die diese Erkenntnis noch nicht gewonnen hat. nur. klein ist. Wer sie schadet der Gesamtheit. Hören wir, was den Männern gesagt wird, die im Ausland bemüht sind, die für den Umschich- Lungsprozeß der Juden in- Deutschland oder für ihre planmäßige Auswanderung fehlenden Mittel zu.sammeln: es gehe ja den deutschen Juden so gut. sie feierten Feste, mansehe sie-in allen Lokalen, da sollten sie sich, nur selber helfen. Wir wissen, daß, obschon weite Kreise bis zum äußersten opfern, diese auswärtige Hilfe nicht entbehrt werden kann — aber wir wissen nicht, ob die Menschen, die durch ihr Benehmen die deutschen Juden im Ausland so diskreditieren, auch so viel opfern, wie sie'Schaden anrichten. Die mnerjüdische Aufgabe der Selbstkritik- und Selbsterziehung darf auch nicht-vor dem sozialen-Leben haltmachen. . Die jüdische Religion - ist die Schöpferin der sozialen Ethik. Sie hat rn einer Zeit, in der andere Völker nur Herren und Sklaven kannten, das Recht des - Arbeitnehmers erkannt und geschützt, und hat nicht zum mindesten durch diese 'soziale Ethik die Kulturen des Altertums überlebt.' Um so mehrerschüttert es uns, wenn wir hören, .daß. es-jüdische- Arbeitgeber gibt, die die berechtigten Forderungen ihrer jüdischer Arbeitnehmer und Lehrlinge nach Freizeit nach angemessener Entlohnung und so weiter ablehnen, weil der jüdische Arbeitnehmer der Schuhorganisationen größtenteils nicht mehl angehören kann. Oder wenn sie fick auf den'' Standpunkt 'stellen, der jüdische Arbeitnehmer könne mehr.arbeiten, er müsst froh. sein, daß er die Stellung habe. Wii dürfen auch zu solchen Vorkommnissen nichi schweigen — hoffen aber noch, daß bei jüdische Sinn unserer Arbeitgeber sie in letzten Augenblick zur Selbstbesinnung ruser wird. Aehnlich steht es mit dem Problem bei jüdischen Hausangestellten. -{• Die Reihe der Erziehnngsausgaben, du die jüdische Prege zu erfüllen hat. ist Hiermil nicht abgeschlosten. Jeder Tag bietet nein Fälle. Zu den vielen Tatsachen, die Kritil erfordern, tritt die breite Schicht der reu kulturellen aufbauenden Arbeit, die wii unter dem Wort Erwachsenenbildung zu vorstehen gelernt haben. Alle diese Gebiete sin! nicht nur der jüdischen Presse zur Beeinflussung der jüdischen öffentlichen Meinung und des einzelnen Lesers anvertraut. sonderr sie bilden einen wesentlichen Teil dessen, was auch der Central-Verein in feinem umfassenden Aufbauprogramm des deutschen Judentums-zu-erfüllen hat. f : öL§ Der „2}5lfi,uje Datier hat am. 10. miat ein Interview veröffentlicht, das Rei innenminister Dr. Frick. also der Versassui minister des Deutschen Reiches, dem Vertreter Hearst-Presse gewährt hat. An dieser Stelle teressiert besonders die Antwort, die Dr. I auf folgende Frage erteilte: „Bleibt, das bisherige allgemeine, glei unmittelbare und geheime Wahlrecht weiter Geltung? Darf künftig auch die nichtari deutsche - Bevölkerung das aktive Wahlr ausüben?" . . Hierzu erklärte Dr. Frick: „Das allgemeine, gleiche, unmittelbare i geheime Wahlrecht zum Reichstag wird beide Geschlechter aller deutschen Staatsbür weiterhin in Geltung bleiben. Die Frage, die nichtarische Bevölkerung des Dritten Reic da» aktive Wahlrecht erhält oder nicht, ha von der weiteren GeftalLung des Staatsbür^