Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1935-01-04 · 1 (4.1.1935) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
14 (1935)
Issue
1 (4.1.1935)
Date
1935-01-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2277379-2278097-2278098--09098-2290186
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

XIV. Jahrgang / Ni/1 pcrlia, Jasauar^»35 Preis 2S Pfennig enfcrcsl* er®in ■ BUTTER FÜR BEUTSCHTUE c -Üi-.Ü.-LÜL ><! Ir <i Diese Nummer umfasst 18 Seiten Sie enthält u. a.: Hauptblatt: Probleme jüdischer Jugendarbeit, von Friedrich Brodnitz. — Die nichlarischen Acrzle in Deutschland, von Dt. Fritz Aron. 1, Beiblatt: Auswanderer - Briefe aut SüdamcrUja. von Dr. Mark Wischndzcr. 2. Beiblatt: Jean Pauls jüdischer Freund, von Lutz Weltmann. —- Römischer Bilderbogen, von Professor Dr. Bußen Wölbe. — Sport der Woche. 3$ Beiblattt Wirtschaft der Woche: Neue Devisenbestimmungen, von Rudolf, Croupnet. 4. Beiblatt: Das Blatt der deutschen Jüdin. ff C ) \ 11 i i i\j (SyOi^ A aa f\ > \ \ i^S i i I! h n ,J\ i: i i i'-. /vuiy Q, A. H. Keinen Augenblick gibt uns Sorge und Gedächtnis frei. Feiern soll uns deshalb nicht fremd werden. Wer nur die Tages- , arbeit sieht, kann sie nicht meistern. Aber ans unserer Freude liegt Schatten. Zwar, empfinden wir uns nicht nuf der Schattenseite des Daseins. Doch zwischen unser Da-' sein und unseren Blick in die Zukunft fallen die dunklen Silhouetten der Ereignisse, die so genau in unsere Erinnerung eingescnkt sind. Man kann anch im Schatten aufrecht schreiten, frei blicken, sich kräftig regen. Nur die unmittelbare Nähe von sehr viel Helle! und Hitze macht uns mitmuer frösteln. Dann rücken wir im Schatten näher aneinander, bis wir befreundete Hände, Arme, Schultern spüren. Und wir schreiten weiter. Einen Augenblick uns über Sorge und Gedächtnis, erheben, durste unsere Feier sein. ' Welche Sekunde läßt ans dem Zifferblatt der '' Ewigkeit den Jahreszeigcr vorwärts rückenj und gebiert das neue Jahr? Heben wir, unsere Seele wie einst Mose die Arme empor: •. Einen Augenblick,.den wir still stehen lassen,! macht uns zum Herrn der Zeit für diesen: Augenblick. Ein Augenblick letzter Offenheit und Ehrlichkeit ist Seelen- und Eharattermedizm. Was nutzt die beherrscht gleichmütige Haltung nach außen, wenn Enttäuschung, Bitterkeit, Wundheit innen-Zerstörungen anrichteu, wie ' bei jenem Zaubcrporträt des Torian Gray, das alle Häßlichkeit des Mannes ans sich sammelte, der aber selbst unverändert blieb? Wir sind Kulturmenschen und wissen, was sich Ziemt. Der Mensch von Kultur ist still, zurückhaltend. Aber darf Kultur den Aufschrei verbieten? Nicarda Hnch, die in das deutsche Schrifttum köstlich gereiste Früchte als Er-, gcbnissc eines gnadenvollen Lebens cinbringt, rühmt an Luther, daß er mit Gott sich ansrasen konnte, so schreiend, wie Homer die Griechen, irdische und Götter, wie Löwen losbrüllcn läßt, wenn sie ins Mark von Leib oder Seele getroffen sind. Wir Inden brauchen keine Anleihen an historischen Vorbildern. Unsere Geschichte kennt den Aufschrei der Münder und Seelen, das Bekenntnis des „Schund, lind wir wissen, daß dies „Schma" niemals den Vien scheu eutgegengeschrien, sondern zu Gott gerufen wurde. Keine Rege-'' lung menschlichen Zusammenlebens verbietet, daß man zu Gott schreien dürfe im Gebet. ' In unserer jüdischen Werteordnung steht Gott so außerhalb jeden Vergleiches und Maßstabes, daß ihn anrufcn dürfen schon Er- . Hebung für den Rufenden ist. Auf seinem un- .> endlichen Wege kann dem Juden nichts Neues , widerfahren, wofür nicht Vorbild, Vor-Leid; der Väter und Mütter vorhanden, worüber . ihr Schreien nicht in Gebetsätze eingcfangcn ' ist. Und deren nie gehörter Singsang sogar wird Plötzlich dem vertraut, der mit den alten - Worten den Gott anrust. der schon die Ahnen ' nntergangsnah leiden ließ, und der den Enkel! nach Jahrhunderten, Jahrtausenden, noch zu sich aufrusen läßt. Es ist ein Meisterwerk der Menschenseelen- : künde gewesen, daß in Notzeiten allgemeine . Bet- und Festtage angeordnet wurden.- Keine; Ablenkung von inenschlichen Notwendigkeiten, ' sollte das bedeuten, sondern Maßstäbe schaffen. Vergleichsmöglichkeiten für das, was ge- > schielst oder zn geschehen drohte, imr dem - Menschen seinen Standort zu geben, ans dem _ er. wenn er erliegt, hart und männlich-ruht. nicht aus nachgiebigem Grund ausweicht-ünd . versinkt. Die'harte Schule, diese; Zeit, dieuns beten lehrt. Aber wir beten zu einem ■ starken Gott, daß er uns in unserem'Stolze fcstmache und .nur vor sich unseren Aufschrei' dringen Kasse. — vor ihn, bei dem -alles. . Bindestrich-Menschentum den Bindestrich verliert: Kultur-Mensch. Bildungs-Mensch, Edel« Mensch — der Birrdestrich schivindet, der Men sch bleibt. Und wir wollen durch unseren Glauben Menschen sein. ■ Es ist mehr gebetet worden im letzten Jahr als zuvor. Daraus geivarmen die Seelen der. Beter die Kraft, Leid zu tragen, ohne von ihm vergiftet zn werden. Beim Beten lernen wir mehr als Gott und unser Schicksal, lernen wir auch unsere Geschichte und ihren Sinn rmd ihre Sendung. begreifen. Seltsame Tradition einer Gemeinschaft, die bei gottesdienstlichen Zusammen»' fünften Protokolle verlesen hört, deren Ursprung und Verfasser so geheim und weishcitsvoll sind, das; man in Gläubigkeit das Zeugnis des Werkes für den göttlichen Verfasser annimmt. Ter Atem der ersten Erdenstunden geht durch diese Protokolle: Aus Dunkel und Helle fügt sich ein Tag, der e r st e Tag; der Mensch wird im Eben bilde Gottes geschaffen; die Gebote des Noah,' das Zehntwort am Sinai, werden mit derselben -ehernen Gleichmäßigkeit niedergeschrie-- - den;. .Reinheit des Familienlebens, Wahrhaf-.' tigkeit, Ehrlichkeit, sozialer Geist sind in die Gesetzestafeln eingcgrabcn, und aus dem Ge-, stein-und dem Sand des Sinai erblüht das Wort: Du .sollst^ deinen-Nächsten lieben, denn er ist wie - du! *. ' - Ans der jüdischen Erschütterung geht der Weg zur jüdischen Erneuerung und Festigung. . Wohin aber führt uns unsere deutsche! M AM N; Nun muß auch unser Freund Otto Hirsch daran glauben! Er. der noch vor kurzer Zeit; bei den Verhandlungen .des C.-V. aus der Bank der „Jugendlichen" gesessen hat, wird wirklich am 9. Januar 80-Jahre alt. .Wenn; auch Otto Hirsch es-ablehnen wird,' seinen! 80. Geburtstag zum Gegenstand feierlicher Betrachtungen machen zu lassen, so wird er doch.das.'Verständnis dafür haben, 'daß wir,' diewir die'Freuüe'haben, put ihm ' zusammenznarb'eitcn, das Bedürfnis empfinden, ihm unsere Glückwünsche'-auch' in'unserer Zeitung zu entbieten. - Otto- Hirsch ist Im deutschen Judentum 'seitwielen Jahren--kraft sei- ' ner Tätigkeit als - Mitglied - des Häuptvorständes unseres E.-D. und als Präsident des- Obcrratesder ^Württembergischen -.Gemeinden eine allgemein bekannte und geschätzte Per-, sönlichkeit. Es zeigte sich auch-bei der-Grün - -düng der Reichsvertretung^ wie sehr. Otto - . Hirsch allgemein verehrt wurde.;... Die Erschütterung? Es ist der Augenblick der großen Ehrlichkeit. Darum »vollen wir aussprechen: Wer von uns wahrhaft mit Deutschland verknüpft ist', der ist von den Monaten und Jahren der großen deutschen Wende gepackt und durchrüttelt worden bis in die letzten Tiefen. Je tiefer seine Verknüpfung reichte, um so tiefer ging die Erschütterung, um so näher dem Lebensnerv der Schmerz. Wir müssen immer besser lernen, ganz scharf zu sehen, was die Zeit bringt: wir sollen nichts verhüllen, nichts verschleiern, vor allem nicht, was sich gegen uns richtet; 'wir müssen alle Konsequenzen jeden Gesetzes, jeder Anordnung bis zum letzten erwägen, was sie für uns zur Folge haben könnten. Aber ist Deutschtum danach zn messen, ob der" Arierparagraph für einige Berufe gilt, für andere nicht? Soll der abgcbaute Germanist einer Universität plötzlich weniger Beziehung zum Deutschtum haben, als der zugelassene Einzelhändler? Man verstehe mich recht: das alles wird ans u n f c r c r Perspektive, von unserem Erleben her gesehen, gefolgert, gefordert und zu - Menschen der gleichen Cchicksalslagc ge° . svrochen. Es sindeben zwei Fragenkreise vorhanden, 'die noch vollkommen. getrennt verlaufen. Wann und wie sie einmal. sich - berühren, überschneiden, decken — niemand weiß es. Aber das eine wissen »vir und fürchten'cs: Biel Bcnvirrnng, Verbitterung,. Entfremdung bleibt in-unseren Reihen, wenn. Gründung der Reichsvertretung »väre kaum möglich gervesen, »venn sich nicht neben dem verehrten Präsidenten, Tr. Baeck, unser Freund Otto Hirsch für die leitende Tätigkeit in der Reichsvertretung zur Verfügung gestellt hätte. Wir haben es mit großer Freude begrüßt, daß in die 'Reichsvertretung an maßgebender Stelle einer unserer bewährtesten Mitarbeiter eingetreteu ist. und »vir haben es besonders dankbar begrüßt, daß, als Otto Hirsch unterschweren persönlichen Opfern das bedeutungsvolle Amt in der Reichsvertretung übernommen hat. dieses seine Arbeit in unserem E.-B. nicht geschmälert hat. Nur ein. Mann von der Klarheit des Denkens, die Otto Hirsch eignet und seinem Verantwortungsgefühl gegenüber der Vergangenheit und Zukunft des' deutschen Judentums kann der Wegbereiter bei Lösung der schwercn Aufgabe der Regelung des Verhältnisses 'der-Reichsvertretung-zu den sie. stützenden Organisationen sein. Wir im E:-V. wünschen unserem Freunde noch-Jahrzehnte' gesegneter Arbeit für das deutsche Judentum. Weiteres behalten »vir 'uns'zunächst'für sei- 001160. oder besser seinen 70. Geburtstag vor. den - er hoffentlich noch mit der gleichen Frische begehen »vird, die wir' jederzeit an Khrn heute nüt besonderer Freude begrüßen. - Julius Brodnitz. Hans Friedrich Blunk, der Präsident der Reichsschristtumskammer, veröffentlicht im Tezemberhest der, Zeitschrift „Europäische Revue"' eine „Rede an die Jugend der Westländer".-Hier heißt es:' .. „Man. hat uns . die Beschränkung .unserer jüdischen Mitbürger' aus bestimmte Berufe verübelt.' Wer die'letzten 15 Jahre in- Deutschland erlelst hat. kann die Volksbewegung verstehen, die »vill, daß in'. Deutschlandalle Schichten, die die geistige. Einstellung eines Volkes bestimmen, whne■ jüdischen Einfluß wirken: Wir sind-auch entgegen der Meinung' des 'Auslandes sicher, daß unsere - junge deutsche Literatur — um die Sie sich noch niemals ernsthaft bekümmert haben, meine wer- ' ehrten Hörer — mitten in einer reichen' und fruchtbaren Zeit. steht und : daß -unsere. Theater besser. nur der zweite Kreis betrachtet wird, an? dem »vir ausgeschaltet werden sollen. Aber der erste Kreis ist unser Besitz, »veil uns ererbte, erlebte oder nacherlebte Geschichte nicht genommen werden kann. Eines können »vir im Gefühl dieses Besitzes: in unserer Seele Beziehungen Herstellen, »vagen zwischen den beiden Kreisen. Tn stehst vor einem Zeitungskiosk und der „Stürmer" schreit dir Schimpf ins Gesicht. Dn bist als Jude nicht mehr gekränkt. Tu stehst aus einer anderen Ebene. Aber dein deutsches Gefühl ist ver- »mindet. Geh in dein Zimmer, nimm dir dein Bändchen L e s s i n g vom Bord und lies die großen Verse im Dialog zwischen Sultan und Nathan: „Es eisre jeder seiner unbestochncn. von Vorurteilen freien Liebe nach." Und dann stelle dir die Frage, die zu stellen dir niemand verwehren kann oder »vill: „Stürmer" oder „Nathan"? Wo ist der Zlvang, den „Stürmer" über den „Nathan" zn stellen? Wer dann dennoch „Stürmer" sagt, den haben »vir verloren. Oder: Du siehst in Stadt und Land die Judenfratzen im „Stürmer" oder in dem Pamphlet „Juden sehen dich an". Ich rate: Es gibt für SO Pica uig ein Jnselbuch, das kaufe: „Remb r a n d t s R a d i e r n n g e n"; ich glaube, cs sind auch Judenlöpfe dabei. Und wer dann dennoch meint, man »verde den Zeichner des „Stürmer" oder den Herausgeber von „Inden scheu Dich an" nach drei Jahrhunderten »vie Rcmbraudt kennen, und ihre spielen als früher. Wenn man darüber hinaus die Beteiligung unserer jüdischen Mitbürger an Korruptivnsfälleu und unerfreulichen Erscheinungen des Kapitalismus untersucht, wenn man sich der furchtbaren Worte des Hochmuts der früheren jüdischen Herrenschicht erinnert über den Boche als hirnlosen Iluterian, über den Deutschen, der nur unter jüdischer Führung zn zähmen sei, so wird maif sich über die Zucht eines Volles »vnndern, das sich mitten in einer antikapitalistischeu Revolution befindet. Nichts sage ich damit zur Verteidigung bestimmter Geloalrsamteiten. chl» darf aber daraus Hinweisen, daß in dem französisch verwalteten Costantine an einem einzigen Tage mehr Juden nmlamen, als der Gemmtvertust unserer jüdischen Mitbürger in Deutschland betragen dürste. Ich möclite auch uiclit verhehlen, daß der Antisemitismus in Deutschland in breiten Schichten erst Geltung gewann durch den Bohtott des Auslandes und durch die unerhörten und ungerechten Darstellungen deutscher Verhältnisse in der jüdisch geleiteten Presse des Auslandes. Unsere Emigranten, die noch vor Jahresfrist Krieg gegen Deutschland oder zumindest unsere Entwaffnung verlangten, die mit ihren Zeitungen die Parlamente unserer Nachbarländer überschwemmten, die das junge Deutschland überhaupt nur von draußen sahen und deshalb an ihm vvrüberlcben — genau wie die Emigranten der französischen Revolution —, sollten endlich Rücksicht nehmen aus die Lage jener vier Fünftel der jüdischen Bevölkerung, die hier in Deutschland verblieb. Tic Bestrebungen gerade des deutschen Schrifttums, zwischen der im Reich verbliebenen jüdischen Bevölkerung und der Regierung ein Konkordat zu erzielen, werden immer wieder im entsetieidcuden Augenblick durch Eingriffe ans dem Anslande verhindert." ' Die Schlußsätze dieses Zitates' werden in jüdischen Kreisen besondere Beachtung finden. Es »vird zunächst nicht ersichtlich, ob die ans den Reihen des deittschen Schrifttums stammenden Bemühungen nur die Probleme der kulturellen Aragen betreffen, die ja nicht nur nach der rein geistigen, sondern insbesondere auch nach der wirtschaftlichen Seite hin durch die Praris der-Schristtumskammer in zahlreichen kultnrmittel.ndeu Berufen von Bedeutung sind, oder ob sie den Gesamttreis der ' Fragen betreffen, die das Dasein deutscher Juden innerhalb der deutschen Volksgemeirifchaft und oer, deutschen Grenzen regeln' wollen. Es »väre zu begrüßen, »venn hierüber Näheres verlautete. Crinc Erörterung der in diesem Zitat sonst von Blunk vertretenen Anschauung erscheint uns mit Rücksicht auf die generelle Bedeutsamkeit des Schlußsatzes in diesem Zusammenhang nicht ani Platze.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.