Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 13 (1934)
- Issue
- 51 (20.12.1934)
- Date
- 1934-12-20
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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?&ospÜcgQ~Systeza I nat Mittel u. Behelfs esu, »ne Fussboschwerdan / Nachweis der nächstes Verkaufsstelle durch DEUTSCHE SCHOLL WERKE G.m.b.H. Frankfurt a. M., SCld 10. über die „Bedeut u n g des Kokains als L o k a l a n ä ft fi c t i f u m des A ugesZ hielt; dieser bedeuten den Beginn einer neuen Epoche in der Geschichte der schmerzlosen Behandlung. Anläßlich dieses Jubiläums veröffentlicht I. Meller (Wien) in der ..Wiener Klinischen Wochenschrift" (Nr. 44 vorn 2. November 1934) einen Gedenk, artikel. in dem er u. a. die sehr interessante Mit- . tcitung macht, das; Koller seinerzeit aufmerksam - auf das Kokain ivurde durch die kurz vorher veröffeutlichten therapenli scheu Arbeiten, die ans der Feder des damaligen Seknndärarztes des Wiener Allgemeinen Krankenhauses, Dr. Sigm u n d Freud, stammten. In der ..Deutschen Medizinischen Wochenschrift". Nr. 46 vom 16. November, veröffentlicht Professor K r,t s e (Leipzig) einen Aufsatz ..tteber den Kopfinder", in dem der bekannte Gelehrte über die Forschungen berichtet, die ans dem Gebiete der Schädelbildung angestcllt wurden. ..Als Anders Retzius vor mehr als neunzig Jahren den sogenannten Schädel- oder Kopfindex, das heißt das Verhältnis der Kopfbreite zu seiner Länge, zum Rassenmerkrnak stempelte, konnte er nicht ahnen, aus welch fruchtbaren Boden seine Anregung fallen, welch ungeheure Zahl von Untersuchungen sie veranlassen, und noch weniger, welche mehr als gewagten Schlüsse aus diesen Untersuchungen gezogen werden würden. — Fragt man sich, worauf sich denn die Wertschätzung gründet, so muß man antworten, daß eine Beweisführung für die Beständigkeit und Vererblichkeit dieses Merkmals nur selten versucht worden und nie gelungen ist. Man setzt vielmehr allermeist das voraus, was erst hätte bewiesen werden sollen, und sucht dann — mit großer Mühe! — die Mendelschen Regeln ans diesen Fall anznwenden." Kruse führt dann den Beweis, daß mindestens im Cäuglingsalter von Nasseneigentümlichkeiten der Schädelsorm nicht die Rede sein könne. Die später anstretendcn. allerdings sehr erheblichen Abweichungen habe vor' säst einem Menschenalter W a l ch e r aus die Lagerung der Neugeborenen znriickgesührt. ..... Wenn man sic aus ein hartes Kopfkissen legte, siele das Köpfchen aus die Seite und erhielte dadurch seine ursprüngliche lange Form: wenn man es umgekehrt ans einen ..loeichen Pfühl" legte, blieb es auf dem hinter* köpf liegen und verkürzte dadurch feine Fmw-" Bon diesen durch viele Versuche bestätigten Hypothesen hätten die Rassentheoretiker kaum Notiz genomnicn . . . Aber auch neuere von Kruse und Eatel angestellte Versuche hätten sie bestätigt. Nach einem ausführlichen Bericht über seine Erperiviente an 10 OM Köpfen kommt Kruse zu dem Ergebnis. daß ..die Umwelt" an der Bildung des •'’tH'!"' viel mehr (70 bis 90 Prozent) beteiligt ist i'ic ./Vererbung", die „in nichts anderem ber: ul als in der von den Eltern mitgebrachten OOr. die Neugeborenen auf ein weiches oder Kissen zu legen!" sc schließt seinen Aussatz mit folgender Feststellung: „Wenn sonach der Kopfindex eine wandelbare Eigenschaft ist. kann man ihn als Rassenmerkmal nicht gebrauchen, fällt also die Hauptstütze der üblichen Nassentheorie." Aerztlidier Fortbildungskursus in Meran Der 6. internationale ärztliche Fortbildungskurs der Tomarkin.Foimdatiou fand diesmal in Meran statt. Wie die früheren Kurse, welche in Locarno. Mailand und St. Moritz stattgesmtden hatten, war auch der diesmalige Kurs höchst gelungen und brachte den Teilnehmern, unter denensich einegrößere Anzahl m\i Deutschland befand, weitgehende Belehrung und Anregung. Die Borträge, die von etwa 40. auS den verschiedenen Landern ftommenbe», hervorragenden Klinitern gehalten wurden — von den Vorträgen in deutscher Sprache seien hier vor allem diejenigen von V. Korüny: (Budapest). Jagic und K e r r l (Wien). V o l h a r d (Frankfurt a. -At.), R. Schmidt (Prag) u. a. genannt — standen durchweg aus sehr hohem Niveau und berichteten über die Fortschritte ans den verschiedensten Gebieten der' theoretischen und praktischen Medizin. Voti den letzteren Vorträgen seien besonders erwähnt die Vorträge von Professor Strauß (Berlin) über Mcnjen- und Darmerkranknngen. von Professor Lag neu r (Berlin) über physikalische Therapie, pon Professor B l u m enthal (Belgrad, früher Berlin) über Krebsprobleme, von Professor Singer (Wien) über Diabetes-Fragen, von bcu Professoren L o c iv c n st ein und Reitter ,Wien) über Beziehungen der Tuberkulose zum akuten Gelenkrheumatismus und zu Herzentziinduugen. von Professor Bon ca (Budapest) über Beteilignng des Magens an der Blutbildung, von Professor von S t c y s k a l (Wien) nnd von Tr. Bircher-Beuner (Zürich) über Ernährungsfragen n. a. Großen Beifall fanden auch die Vorträge des früheren Präsidenten des Instituts Robert Koch. Professor Neufeld (Berlin) über Jnfektionsproblcme. Nicht bloß durch die Qualität der Vorträge, sondern auch durch die ausgezeichnete, von dem Begründer der Kurse. Dr. Tomarkin, durchgeführte Organisation und nicht zuletzt auch durch die Schönheit des Ortes und durch mannigfaches geselliges Zusammensein, fühlten sich die Teilnehmer. deren Zahl etwa 160 betragen hat. in hohem Grade befriedigt, so daß allerseits eine gehobene Stimmung herrschte. Ergebnisse der experimentellen Krebsforsdiueg und Kxebstherapie Unter vorstehendem Titel ist im Verlage A. W. Sijthosfs Uitgeversmaatschappij N. B.- Leiden jüngst ein Buch von Geheimrat Professor Dr. Ferdinand B l u m e n t h a l erschienen. Es handelt sich, dies sei vorweggenommen, um ein Werk, das für die medizinische Fachwelt bestimmt ist. Wir begnügen uns deshalb hier hinsichtlich des Inhalts mit der Feststellung, daß es in der Absicht des Verfassers lag. weder ein Lehrbuch noch eine möglichst lückenlose Darstellung des heutigen Standes der experimentellen Krebsforschung und Krebsthcrapie zu schreiben, sondern sein Bekenntnis zu den wichtigsten Krebs- Problemen niederzulegen, zu denen er gemeinsam mit seinen Mitarbeitern und Schülern Beiträge geliefert hat. — Ferdinand Blumenthal gehört bekanntlich zu den Gelehrten, die ihre Lebensarbeit dem Studium und der Bekämpfung der Krebskrankheit gewidmet haben.' Er wirkte auf diesem Gebiete mehr als ein Menschenalter hindurch in Berlin. Als Direktor des Universitätsinstitutes für Krebsforschung au der Charite, als Generalsekretär des Deutschen Zentralkomitees zur Erforschung und Bekämpfung der Krebskrankheit und als Vizepräsident des Rcichsausschusscs für Krebsbekämpfung stand er zuletzt viele Jahre lang mit an der Spitze der Organisation der Krebsbekämpfung in Deutschland. Nachdem er im Jahre 1933 seine Aemter niedcrgelcgt hatte, folgte er einem Rufe an die Universität Belgrad. Wir begrüßen das neueste Werk des deutschen jüdischen Gelehrten und Forschers, weil es Zeugnis ablegt für ein unermüdliches Weitcrschaffen, und besonders auch deshalb, weil es augenfällig das Bestreben zeigt, den Anteil der deutschen Wissenschaft hervorzuheben au der Lösung von Problemen, die gegenwärtig Forscher und Aerzte aller Kulturstaaten in besonders hohem Maße beschäftigen und vereinen. Dr. Albert Simon*. Paul Friedrich Richter A,n 8. Oktober 1934 verschied Dr. med. Paul Friedrich Richter. Professor der inneren Medizin an der Universität Berlin. Paul Friedrich Richter wurde in Benthen (O.-Schl.) als Sohn eines in Schlesien sehr geschätzten Arztes geboren, Nach Beendigung der Schulzeit widmete er sich dem medizinischen Studium an den Universitäten in Breslau. Göttingen und Berlin. Schon frühzeitig zeigte sich seine Begabung, die ihn ans das Gebiet der Stoffwechselkrankheiten hinwies. Er wurde Assistent bei Cohnheim in Leipzig und kam von dort in gleicher Eigenschaft zu Hermann Senator in Bcrlin. Senator crkamtte sehr bald die besondere Begabung Richters ttnd übertrttg ihm die Leitnttg des Laboratoriums seiner Abteilung in der Charite. Hier entstanden Untersuchungen P. F. Richters über Fieber, künstliches Oedem u. a. Später beschäftigten ihn besonders Probleme ans dem Gebiet des Stoffwechsels: Fett- und Magersticht. Lebererkranknngen und Diabetes. Er war einer der ersten, die sich wissenschaftlich mit dem damals in Deutschland noch nicht hergestellten Insulin beschäftigten. Ans dem verschlungenen Weg der Diabetesbehandlnng. die im Lause der Jahre vielfachem Wechsel unterworfen war. ist P. F. Richter ein Führer gewesen. Nie hat er schematisiert, sondern nach dem Grad der Erkrankungen und der Konstitution de-? Patienten eine individuelle Behandlung durchgeführt. Ein besonderes Verdienst erwarb er sich durch die Einsührnng und Ausgestaltung der Methoden zur Prüfung der Nierenfunktion, die er in Gemeinschaft mit dem Unterzeichneten schuf. Ihnen verdankte er die Ernennung zum Privatdozenten an der Universität Berlin und später zum außerordentlichen Professor. Neben seiner regen wissenschaftlichen und Lehrtätigkeit fand er noch Zeit, sich als konsultierender. Arzt und Helfer der leidenden Menschheit zu bewähren und ausznzeichnen. Jahrelang war er Arzt am Jüdischen Krankenhaus und dirigierender Arzt am Städtischen Krankenhaus am Friedrichsharn. Das Bild Richters, des hilfsbereiten Arztes, des fördernden Lehrers und produktiven Forschers wäre nicht vollständig, wollte man nicht des durch und durch geistigen Menschen, seiner vielseitigen Begabung, seitter umfassenden Bildung gedenken, wrc sie im nahen, persönlichen Verkehr sich offenbarten. Eine ungewöhnliche Literaturkenntnis und Belesenheit, die Beherrschung der Geschichte aller Jeiten und Zonen, besonders auch strategisches Wissen, Liebe itnd Verständnis für Malerei, deren impressionistische Periode ihn besonders anzog. Kunstvcrständtiis für alle Gebiete musikalischen Schaffens wachten ihn zu einem überaus anregenden Plauderer, zu einem Liebling der Gesellschaft der verschiedensten Kreise. Prozessor Leopold Casper. Das neue Heim der Berliner Poliklinik Die „Neue Poliklinik" der Jüdischen Gemeinde Berlin, die ihr fünfjähriges Bestehen feiern konnte, ist durch die baulichen Veränderungen am Horst-Wesscl-Platz gezwungen worden, ihre Räume zu verlegen. Nachdem der Umzug in die Alexanderstraße vollendet ist, hatte das Gesundheitsamt der Berliner Gemeinde am vorigen Sonntag zu einer Besichtigung eingeladeu. Nach einer Begrüßung durch den Leiter des Gesundheitsamtes. Professor Dr. Seligmann, machte der Leiter der Chirurgischen Abteilung. Professor Dr. Hugo Picard, welcher auch die Leitung der Anstalt innehat, aufschlußreiche Äussührungeu über deren bisherige Tätigkeit. Man erfuhr, daß im Lause dieser fünf Jahre über 120 000 Einzelbehandlungen durchgeführt worden sind und daß neben die zuerst bestehenden Innere und Chirurgische Abteilung noch zahlreiche Spezial-Meilun. gert traten, deren Leitung namhafte Aerzte ehren, amtlich versehen. Neben die ursprüngliche Ans. gäbe, den ärmsten Päticnten ärztliche Hilfeleistung angedcihen zu lasten, traf rm Lause der letzten Zeit immer stärker die zweite Aufgabe, jüngeren Acrzten nnd Studenten Ausbildungs- und älteren Aerztcn Fortbildungsmöglichkeiten zu geben. Die neuen Räume bieten sich in Hellen bunten Farben dar und haben schon dadurch einen heilsauren Einfluß ans das Gemüt des Kranken. Bon dem Hellen Warteraum gelangt man in die Untersnchnngs- und Behandlungsräume, von denen je zwei für Männer rmd Frauen vorhanden sind. Anschließend daran befinde,r sich ein aseptischer und ein septischer Opcrativnssaal, so daß die Mö§. lidjfcitm zu allen ambulant durchzuführendeu Operationen gegeben sind. Alle Räume liegen an einem Gang, welcher abgeschlossen wird durch einen Raum für clektro-Physilalische Therapie, m dem die modernsten Apparate verwandt werden. Im Nebenramn befindet sich das Laboratoriums in welchem an mehreren Arbeitsplätzen alle er' forderlichen chemischen Untersuchungen aiisgesi'ihrt werden können. Bon hier ans gelangt man in die Röntgen-Abteilung, an die sich eine Dunkelkammer sowie Umkleidcräume für die hier zu mücr. suchenden Patienten anschlicßt. Zwei besondere Räume dienen den spezialärztlichen Abteilungen, von denen zurzeit je eine für Frauen-, Hals-, Nasen-, Ohren-, Augen-. Haut-, Nerven- ' „nd Zahnkrankheiten sowie eine Lungcnfürsorgc besteht. Zwei Aerztezu inner solvie ein Frühstücks, ziinmer für das technische Personal ermöglichen cs. allen Angestellten die Erholnngsmimiicn, die bei der großen Zahl von Patienten ses werden täglich etwa zwischen 140 und 160 Behandlungen durchgeführt) nur selten sind, voll ausz,mutzen. Ein Zimmer für die in der Poliklinik stationierte Fürsorgerin und ein großer Vortragssaal, in welchem die von durchschutttlich 50—60 Aersten besuchten Fortbildungskurse stattfinden, seicit noch erivähnt. _R. H. Steinharter. Der Paul-Ehrlich-Preis. In einer Wissenschaftlichen Festsitzung in Frankfurt a. Nt. sprachen die beiden Träger des diesjährigen Paul-Ehrlich-Preises. Tr. Karl K i b n t h. Privatdozent an der Forschnngsakademie in Düsseldorf und Leiter der wissensä)aftlich.pharmazeutiscl)en Abteilung der JE- Farben A.-G. in Düsseldorf, und Professor Tr. F o r t n r r vom Robert-Koch-Jnstitnt in Berlin. Kibuth ist es gelungen, die Bekämpfung der tropischen Malaria durch eine zusammengesetzte?e- Handlung mit Plasmochin und Atebriu. die schon vor ihm bekannt war. zu einer leichter anwendbaren LaboratorinmSmethode anszubanen. Fortner dagegen sind beachtenswerte Erfolge ans dem Gebiet der Züchtung und Isolierung gewisser Bakterien, so der Erreger des Wundstarrkrampfes, gelungen. Es gelang ihm anaerobe Bakterien im Präparat darznstellcu. Er folgt da in gewissem Sinne den Forschnngswegcn Paul Ehrlichs. Grfahrcnverhütung bei Lokalanästhesie. In der Berliner Otolaryngologischen Ges e l l s ch a f t hielt Tr. B. Grießmann (Üiürnbcrg) am 14. Dezember einen Bortrag über dis Frage „Wie vermeidet man die Gefahren der Lokalanästhesie?" Durch feine Forschungen ist es Tr. Gricßmaun gelungen, eine Erklärung für die,'? Unglückssälle zu finden: er stellt eine neue Technik für die Lokalanästhesie vor. Ter Dortrag fand bei den Fachkvllegcn großen Beifall. Der Leiter der Arbeitsgemeinschaft für jüdische Erbforschung und Erbpflege, Dr. W. Nußba um, Berlin W 57. Potsdamer Straße 92. erläßt fofgcndcn Aufruf: „Diejenigen jüdischen Kollegen, praktischen Aerzte, Fachärzte und Wissenschaftler, die innerhalb der „Gesellschaft der in Deutschland lebenden Inden zur Förderung der Erbpflege" in Berlin und im übrigen Reich mitznarbeiten gewillt sind, die behördliche Genehmigung zur bevorstehenden Gründung liegt bereits vor. werden gebeten, sich bei mir 'zu melden." Bei Anfragen Rückporto. Bibel und Psychoanalyse „Was steht nicht alles in unserer Bibel!" — dieses Wort unserer Alten möchte man wieder einmal ansrnfen bei der Lektüre des neuen psychoanalytischen Sammelwerks ans der Schule C. G. I u n g s („D i e Wirklichkeit der Seele. Anwendungen und Fortschritte der neueren Psychologie." Verlag Rascher. Zürich 1934). und namentlich der darin enthaltenen Abhandlung H u g o R o s e n t h a l s: „Der Typcugegensatz in der jüdische» Religiousgeschichte." Die Bibel enthalt eine Fülle bisher noch ungeklärter und unerklärter Vorgänge, Shmbole, Wunder. Da begreift man denn auch durchaus die große Lockung, die sie ans die Pshchoanalhse ausübt und sie veranlaßt, sich an ihre Deutung heranznwagen. Man kann diese Bemühungen begrüßen. auch ivenn man mit ihren Ergebnissen nicht einverstanden ist. Interessant bleiben sie immer. Im Anschluß an die Untersuchungen Bubers. Melameds u. a.. und in Uebereinstimmnng mit ihnen, schielt Rvsenthal seiner Betrachtung die Bemerkung voran, daß unter den Juden der „introvertierte", d. h. ans Abstraktion oder Intuition eingestellte Typus den „extravcrtierten", d. h. expansiven, den äußeren Objekten hingegebenen, weitaus überwicgt. Sank z. B. ist der typische introvertierte, verschlossene, gehemmte, in sich brütende. David ein freudiger, expansiver, der Welt hingeyebcner, also extravertierter Typus. Daher die anfängliche Macht Davids über SaulS Seele. „David vermag sich durch sein Spiel zu beruhigen, die Angst vor den gewaltig belebten Objekten, die aus Sauls eigener Seele sich drohend vor ihn stellen, zu bannen." Vtber schließlich bricht doch die ursprüngliche, introvertierte Veranlagung Sauls durch — in seinem unbändigen Haß gegen David, in fortgesetzten Lerdächtigimgen der eigenen Umgebung — und der unselige Krieg zwischen den beiden Helden nimmt seinen Anfang. Aber man darf doch wohl fragen: ist dieser seelische Gegensatz allein ausschlaggebend? Gab es nicht auch der äußeren Anlässe — man denke nur an die Siege Davids und seinen triumphalen Empfang durch das Volk sowie an seine Freundschaft mit dem Königssvhn Jonathan, der dem Sieger sogar seinen eigenen Mantel (der den königlichen Rang wohl auch nach außen hin kennzeichnet!) und seine Waffen übergab (I. Sam. XVIII) — also, sagen wir. gab es nicht auch der äußeren Anlässe genug, uns den Neid und die, Ehrfurcht des Königs in stärkstem Maße zu erwecken? Vielleicht noch interessanter als der Gegensatz Saul—David ist das Paar Jakob — Esau. „das bedeutsamste sowohl dem Umfang der Darstellung als auch seiner religionspsychologischen Wichtigkeit nach. Der Stoff gehört zu jenen der Bibel, an denen sich immer wieder Denken und Fühlen der Leser entzünde»". In der Tat: hier gibt es. ftl)on seit der Geburt der beiden Gestalten nnd bis zu ilirer Auseinandersetzung, eine Fülle noch ungelöster Rätsel und Geheimnisse. Zunächst schon die Geburt selbst. Die beiden Kinder stoßen einander schon im Leibe der Mutter.^ Das deutet ans Feindschaft (nach allgemeiner Auffassung). Aber aus welche? Auf innere Feindschaft Jakobs zu einem Teile seines eigenen Wesens — nach der Erklärung Rosenthals. Da Esau haarig („iscli - ss a i r“) war und „S ss o I r“ die Landschaft der Edomiten. der ewigen Feinde Judas war, glaubt schon der Midrasch hier eine innere Beziehung zu finden. Der Midrasch treibt bekanntlich oft ein Wortspiel, für Rvsenthal aber entsteht hier ein „nicht zu bezweifelndes ctymolo- . gischeS Sagenmotiv". Doch nicht genug damit: Lsalr ist auch ein Bock, und zwar auch ein Dämon (daher die Sendung des Sündenbocks in die Wüste). Und so bezeichnet denn auch der Midrasch Esau als einen Dämon. Dadurch „ergibt sich" dem Psychoanalytiker die „naheliegende^ Vorstellung, daß Esau, der ja zusammen mit Jakob geboren ivurde. nach der Vorstellung der Bibel der eigene böse D ä m on Jakobs sei (die Häkchen stammen von mir. E. H.). Genauer: da Esau nach der Bibel rot war, was, nach dem' Midrasch, auf Blutgier deutet, so personisiziert Esau die Blutgier Jakobs selbst! Durch die mühselige. langjährige Arbeit bei Laban läutert sich freilich das Wesen JakobS. Aber als er von Laban wegzieht. stellt sich Ihm Esau bzw. dessen Schutzgott noch einmal in den Weg. Was sich in jener nächtlichen. rätselhaften Szene am Jabboknser abspielte, war dieses: „Jakob stellt in der Tat fein Unbewußtes. s i ch t b a r vor sich. Er projiziert seinen Seelcnkampf in den Widersacher und in Jakob, der mit jenem ringt. Die da sichtbar miteinander kämpfen, sind der Sohn der. Rebekka, welcher die göttliche Verheißung weiterzutragen hat, und der, welcher seine böse Seite personifiziert: Israel und Esau." (I. c. S. 399!) Nun. dos geht doch wohl ein wenig zu weit! Das ist doch so, als wäre schon der Bibelverfasser ein gewitzigter Psychoanalytiker gewesen. Nosenthal stützt sich auf den Älidrasch (zu Genesis 25, 22), in dem es heißt: „R. Berantia sagt im Namen des N. Levi: Sage mir nicht, daß der Kampf erst »ach der Geburt entstand. Als Esau noch im Mntterleibe war. richtete sich schon seine Haiid gegen Jakob." Die ewige Feindschaft zwischen Juden . und Jdunäern wird also von der Sage frijon in den Schoß ihrer gemeinsamen Mutter berlegt; keineswegs aber sollte angedeutet werde», daß Esau einen Teil des Wesens von Jakob selbst darstellte. Ferner: wenn die Bibel Esau zu einem stark lvhaartcn Menschen macht, so nicht, mit Achnlichteit mit dem „bockgestaltete» Dämon" aiizudcutcn, sonder» ganz einfach: weil Behaarung ein Kennzcieiien der starken Männlichkeit ist, die zum Bilde eines Jägert y p u s, als der Esatt geschildert wird. paßt. Nnd schließlich: weil der Alidrasch die nächtliche Vision Jakobs am Jabbok als das Erscheinen des Schutzherrn Esaus deutet, kann er sich ans die Worte Jakobs bei seiner Begegnung mit Esau (Gen. 2,3, lü) berufen: „Ich habe dein Antlitz erschaut wie das eines Gottes". Aber bedeutet nicht der Ausdruck „Elohim", den Jakob hier gebraucht, den Eindruck des Herrlichen, Herrischen — in diesem Sinne übersetzt denn auch Onkclos diese Stelle Aramäische —, den er an der leibhaftigen Erscheinung Esaus bei ihrer Begegnung am Tage empfängt? Doch selbst, wenn man an der Auffassung festhalten wollte, in der Nacht am Jabbok sei Jakob der Schutzgott EsauL erschienen, um mit ihm zu kämpfen, so würde damit wiederum in einer intcrestanten, an Homer erinnernde Weise der Kamps zweier Stämme in einen göttlichen Bereich (em Rest von Polytheismus) erhoben werden. So deutet denn auch Oskar Goldberg („Die Wirklichkctt der Hebräer", 1925. S. 17) diese Szene von E. Mertens rtchüg: „Der Kampf JafobI mit dem Elohim ist nichts anderes als der Kampf der borden Völker Israel und Edom. der von ihren göttlichen Repräsentanten geführt wird. Der Vertreter des neu gegründeten Volkes Israel ist Jakob, der seinerseits wiederum der Vertreter des Elohim JHWH. des GottcS der Hebräer, ist Ebenso ist der Repräsentant EdomS als sein Gott« das heißt seine Schuhmacht aufzufassen, die sich mit Jakob als dem Vertreter JHWH's, mit desich Kraft Jakob ausgerüstet ist, in einen Entsch"- dungskamps einlätzt. bevor die irdischen Repräsentanten der beiden Völker, nämlich der gewöhnliche Jakob nnd Esau, zu entscheidender Besprechung zusammcntommeu. Da Jakob gesiegt hat, so ergibt sich, daß Esau ihm (später) ans das Freundlichste entgegenkommt." Zwei Repräsentanten zweier feindliä,er Stämme standen sich also am Jabbok gegenüber — nicht aber zwei Hälften des gespaltene» Jakob. Wenn Rosenthals seine Anfsasping dadurch ,;>» stützen glaubt, daß erst seit den, nächtlichen Kamps Jakob mm Israel heißt, weil er sict; im tlHugen geläutert habe, so kamt demgegenüber betont werden. daß Gott sich Jakob bereits beim Antritt seiner Wanderung nach Ehorau. also bereits viele Jahre vor jener nächtlichen Szene, als jem Schutzgott^geoffenbart hat. und zwar in dem berühmten Traume Jakobs von einer Leiter, die seine Schlafstelle mit dem Himmel verbindet. In der Tat heißt es unmittelbar darauf (Genesis. XXVIN. 15): „Und nun bin Ich mit Dir und werde Dich ans allen Deinen Wegen behüten." Bibel^ und Psychoanalyse: ein amüsantes Ka» pitel, bei dem man ansrnfen möchte: „Sa naa ö vero, ö den trovato". E. H. Heti Horwitz-SchiUer: «Ernährung und Diät“ (Ein Quersdhnitt und Leitfaden), Berlin 1934, Philo-Verlag. Es sind schon viele Ernährungs-, viele Diätbüchcr geschrieben worden. Dieses Buch ist dadurch ausgezeichnet, daß es von einer Frau für Frauen und Dtütter^ verfaßt wurde, um diesen die Bedeutung der Kost für das Wohl der ganzen Familie klarzulegen. Frau Horwitz bespricht anfangs die Ernährungsphysiologie, u. o. die Bedeutung des Kalorierr- und Bitaniingchalts der einzelnen Nahrungsmittel. Ans den hierbei gewonnenen Erkenntnissen leitet sic die Ernährnngskrankhciten ab, gibt schließlich Hinweise für gesunde Normalkost, Krankennnd Säuglingsdiät. ^.as Buch ist auf Grund eingehenden'Studiums der einschlägigen Literatur geschrieben, in intereisanter und für jeden Laien verlländlicher Form. Es wird viele Hausfrauen zum Nachdenken über die Zusammensetziuig der täglichen Mahlzeiten anregen und ihnen wertvolle Hinweise geben, 21.P»