Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 13 (1934)
- Issue
- 51 (20.12.1934)
- Date
- 1934-12-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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XIII. J&Krgahg t Nr. 51 Berlin, 20. Dezember 1934 Preis 2© Pfennig enfcral- \ erem - owo LITTEß FÜR IEUTSCHTUH U?J -Ä Ü Cj ä T l li g 11 & fi j? fjj gl 6 ÄK H j) iji d! (? fr i; i*J S Bu m O C3*f A. H. Am 25. Dezember begeht der Jüdische Handwer^erverein, Berlin, den 40. Jahrestag seiner Gründung. Er entstand in einer Zeit, deren Berufs- und Bildungsideale die jüdischen Menschen wie die anderen neu den handwerklichen Berufen fortlockten; in der sich das Maschinenzeitalter zum letzten Barstes; anschickte, der Pserdekräste über Menschenscelen stellen wollte. Der Jubilänmstag findet nicht nur die deutschen Juden, sondern das deutsche Volk und darüber hinaus die .Kulturvölker allgemein in einer Stimmung, die voll Bejahung für han.d- '.vertliches Können, und voll Ablehnung der 'eelenlvsen Uebermacht der Maschine ist, und in der das Streben nach der völligen Beherrschung eines begrenzten Greises der oberflächlichen .Üenntnismöglichkeit aller Probleme vorgezogen wird. Aus einem Akt der Selbsterhaltung, in gewisser Beziehung sogar der Opposition gegen Zeitströmungen, wie ihn die Gründung des Jüdischen Handwerkervereins einst darstellte, ist durch unvorhersehbare und unerwartete geschichtliche Entwicklung ein glücklicher Umstand für die jüdische Gegenwart geworden. Es ist nicht erst seit gestern und ehegestern, das; man in jüdischen Kreisen die Problematik unserer Berussstruktur erörtert. Seit über 100 Jahren gibt es Komitees und Bereinigungen, die die Lcrufsumschichtung der Juden, vor allem zum Handwerk hin, zur Ausgabe haben. Aber solange die Akademiker und Großkaufleute, die an der Spitze dieser Komitees standen, den Eltern Ratschläge für die Berufswahl ihrer Kinder gaben, die sie für die eigenen Kinder nicht zu verwirklichen beabsichtigten, mußte die praktische Wirkung im wesentlichen auf kleine Kreise beschränkt bleiben, so ausgedehnt auch die theoretische Diskussion in Versammlungen und in Zeitungen geführt wurde. Heute bedeutet für einen jüdischen Menschen bei seiner Berufswahl, für jüdische Eltern bei der Entscheidung über ihre Kinder der Entschluß zum Handwerk keine Resignativn und keine Vorstellung von sozialem Abstieg. Dazu hat sich in den Erschütterungen' der letzten Zeit zu sehr die Brüchigleit mancher Fassade erwiesen, imb ist das Streben nach relativer KrisenscstigkeiL in den Herzen unserer Menschen zu stark geworden. Das Dalmudwort von der Hungersnot, die auch bei siebenjähriger, Dauer nicht an die Düren des Handwerks herankäme, hat hieraus sicherlich zunächst einen stärkeren Einfluß ausgeübt als jene bekannten Sätze unserer Glanbensschriften. die die Ehre der Arbeit und besonders die Ehre und Notwendigkeit des Handwerks betonen. Es liegt nun einmal in der menschlichen Natur, daß der sogenannte freie Entschluß meist nur die vermeintlichen. Interessen verwirklicht und erst der durch Zwang geläuterte Entschluß die echten Vorteile bringt. Den; Handwerk, das innerhalb des deutschen ständischen Aufbaues einen ehrenvollen und bedeutsamen Platz hat, muß auch innerhalb unseres jüdischen Lebens im ''lahmen seines Umbaues unb seiner Entwicklung die ihm gebührende Rolle zugestandeu werden. Uns scheint heute der Gedanke des j u n - g e n Goethe in seinem „Werther" nicht mehr ganz zuzutreffen, der lautet: „Jeder Handwerker scheint mir der glücklichste Mensch; was er zu tun hat. ist ausgesprochen, was er leisten muß, ist entschieden . . . Wie beneide ich den Döpser an seiner Scheibe, den Tischler vor seiner Hobelbank/ Hier ist zu viel noch von dem Rousseauscben Gedanken des „Zurück zur Natur", zurück zur Primitivität. Um. so wesentlicher ist des alten Goethe Wort aus den „Wanderjahren": „Allem Leben, allem Tun, aller Kunst muß das Handwerk vorausgehen, welches nur in der Beschränkung erworben wird. Eines recht wissen und ausüben gibt höhere Bildung als Halbheiten im Hundertfältigen/ Was wir bei der praktischen (Scftattuiu} unserer jüdischen Arbeit brauchen, ist die Zuverlässigkeit im kleinen und die Liebe zum Detail. Was wir für unsere junge Generation brauchen, das ist die Konzentration ihrer Kräfte ans einen kleineren Kreis, den jeder vollendet ausfüllen mag. Es ist durch den überkomnienen Bildungsbesitz der Alten und durch das innere Streben unseres Nachwuchses ausgeschlossen, das; das handwerkliche Tun etwa zu geistloser mechanischer Verrichtung absinkt. Welchen Platz der Mensch in seinem Berufe einnimmt, hängt von dein Ileberblick. ab, den er über einen größeren Bereich als den gerade bearbeiteten hat. Tie Bedeutung des jüdischen Handwerkers im jüdischen Leben ist von der Berücksichtigung dieser Tatsache bestimmt. Und ebenso sein Platz im ehrlichen und freien Die Verhandlungen, die in Nom über die politische und wirtschaftliche Gestaltung des Saargeüiets nach der aus den 13. Januar festgesetzten Volksabstimmung geführt worden sind, haben, wie die „E.-V.-Zeitung" in ihrer letzten Nummer unter Zitierung der einschlägigen Bestimmungen mitgeteilt hat, zu einer Verständigung zwischen der deutschen und französischen Regierung geführt. In den letzten Tagen ist auch die Zustimmung des Völkerbundes zu diesen Abkommen erfolgt. Das Ergebnis betrifft nicht nur diejenigen, die aus dem Abstimmungsgebiet stammen, oder dort abstimmungsberechtigt sind, sondern sie hat auch' für die gesamten deutschen Juden eine gewisse Bedeutung. Die Zahl der Juden an der Saar beträgt mit 4800 etwa ein halbes Prozent der Bevölkerung. Abstimmungsberechtigt sind ungefähr 2800 jüdische Personen. Die jüdische Bevölkerung an der Saar wohnt dort zum großen Teil seit vielen Jahrhunderten. Ter ökvnomischeu Lage nach handelt es sich ganz überwiegend nur eine, kaum auch nur den mittleren Vermögensklassen angehörende Schicht. Tie im Saargebiet überaus mächtige Kohleuuud Schwerindustrie ist niemals auch nur zum geringsten Teil in jüdischen Händen gewesen. Tie Zahl der den akademischen Berufen angehörenden Inden ist nicht groß. Jüdische Beamte gibt es nur in einigen Fällen. Tie Treierkommission, unter dem Vorsitz des Italieners Gras Aloisi, der der Völker-, bundsrat weitgehende Vollmachten zur Entscheidung aller das Saargebiet betreffenden Fragen eingeräumt hatte, hat sich von den Juristen des Völkerbunds Gutachten darüber erstatten lassen, ob sie überhaupt in der Lage sei, demjenigen Staat, dem das Saargebiet. Zugesprochen wird, Verpflichtungen aufzuerlegen, welche die „Behandlung der Einwohner oder einiger Kategorien unter ihnen" betrifft, oder ob sie die Zuteilung des Saargebictcs von der Annahme derartiger Verpflichtungen durch den betreffenden Staat abhängig machen können. Beide Fragen sind verneint worden. Privatgutachten, die zu anderen Ergebnissen gelangten, drangen demgegenüber nicht durch. Das Treierkomitee hat sich, wie nicht anders zu erwarten, den Juristen des'Völkerbundes'angeschlossen und öic' Möglichkeit der Einführung eines Minder» heitenschutzes für das Saargebiet verneint. Aus der anderen Seite hat der Ausschuß sich aus den Standpunkt gestellt, daß der Wechsel des Regimes sich möglichst. ohne: schwere Erschütterungen vollziehen müsse, und es sollten ' daher geeignete Maßnahmen mit Bezug auf die „Rechte und Interessen der" Einwohner ohne jede Ausnahme" getroffen werden. Der Ausschuß hat infolgedessen mit der deutschen und französischen Regierung verhandelt und gebeten, die Maßnahmen genau Wettbewerb der allgemeinen Wirtschaft. r Tie gesetzlichen Voraussetzungen vom Lehr- |; lingsvertrag bis zum Meisterbrief zeigen js; einen übersichtlichen, wenn auch zeitgemäß fchwierigen Weg. Der Zwang zur überlegenen Kenntnis'des sachlichen Tuns, den die Zeit auserlegt, wird leichtfertigen Dilettantismus schnellfertigen Halbkönnens, soweit er überhaupt sichtbar geworden ist, zurückdrängen. Handwerk und kaufmännische Berufe, diese beiden Lebensmöglichkeiten stehen unseren jungen Menschen im wesentlichen zur Verfügung. Sie ergänzen sich in vielem, aber sie münden in der einen Forderung: der deutsche Jude, der sich heute seinen Beruf wählt, muß sich klar darüber sein, das; er einen Sektor jüdischer Eristenzmöglichleit zu wahren und zu entwickeln und das; er sich in ihm beruflich und menschlich zu bewähren hat: daß er dabei nicht nur seine persönliche Lebensabsicht verwirklicht, sondern zugleich auch eine Rückverantwortung gegenüber der jüdischen Gemein- MSMSWSN ZU bezeichnen, die jede der beiden Regierimgen für den Fall zu treffen bereit sei, daß das ganze oder ein Teil des Gebietes mit seinem Staatsgebiet vereinigt werde. In einem fast gleichlautenden Briefwechsel sind daraus von der deutschen und der französischen Regierung Uebergangsrcgelnngen zugesagt worden. Die Regierungen haben darin sich verpflichtet, auch hinsichtlich der nicht abstimmungsberechtigten Bewohner des Saargebietes, ebenso, wie dies schon im September den Abstimmungsberechtigten zugesagt worden ist, keine Verfolgungen, Vergeltungsmaßnahmen oder Schlechterstelluugen wegen der politischen Haltung stattfinden zu lassen, die diese Personen „während der Verwaltung durch den Völkerbund mit Beziehung' auf den Gegenstand der Volksabstimmung" eingenommen haben. Als Bewohner gilt dabei jede Person, die seit mindestens dem 18. Januar 1902 ihren Wohnsitz un Säargcbiet hat. Die im Jahre 1900 und. 1904 infolge der politischen Ereignisse in Deutschland nach dem Saargebiet abgewan-. derten Personen, unter denen sich im übrigen mir eine kleine Anzahl von Juden befindet, haben daher keinen Anspruch auf diesen besonderen politischen und gerichtlichen Schutz. Allen gegenwärtig im Saargcbiet wohnhaften Personen ist die Abwanderung aus dem Saargebiet sreigestellt. Sie dürfen ihren dortigen Grundbesitz behalten oder verkaufen und. ihr bewegliches Vermögen abgabesrei mitnehmen. Tie Absicht, das Gebiet zu verlassen, muß innerhalb einer Frist von sechs Monaten, gerechnet von der Einführung des endgültigen Regimes an, der Behörde mitgeteilt, und die Verlegung des Wohnsitzes ums; innerhalb eines Jahres, gerechnet vom selben Zeitpunkt an, erfolgt sein. Tie deutsche Regierung hat weiter erklärt — der Wortlaut ist in der letzten Nummer der „E.-V.-Zeitung" veröffent-. licht worden —, das; während der Datier eines Jahres von der Einführung des endgültigen Regimes an die Bewohner des Saargebietes, ohne Rücksicht anf ihre Staatsangehörigkeit, kcineSchlechterftellung wegen ihrer S p r a ch e, R affe oder Reli g i 0 n erfahren werden. Sie werden in dieser Beziehung rechtlich und tatsächlich die Behandlung und die- Garantien genießen, die sich aus. der gegenwärtig im Saargebiet geltenden Gesetzgebung ergeben. . Da im Saargebiet zurzeit noch.alle Gesetze gelten, die am il. November 1918 dort in Kraft gewesen sind — soweit sie nicht inzwischen durch die Negierungskommission eine Aenderun'g-erfahren-haben —, ist damit von der deutschen Regierung zugesichert, daß mich die gesamte Ariergese'tzgebnng während eines Jahres nach dein Inkrafttreten des endgültigen Regimes nicht eingcsührt wird. Die französische - Negierung, .hat, wähi Erich Kehr-Kaisersioutcrn SO Jahre alt schast trügt, die ihm jetzt nach besten Kräften beim Aufbau seiner persönlichen Eristenz zuc Seite gestanden bat und der er deswegen zur opferfreudigen Mitarbeit verpflichtet ist, sobald er fest im Berufe steht. Die Männer, die vor 40 /obren in Zeitströmungen, die ihren Absichten wenig erfreulich waren, unbeirrt und treu ihren Weg gegangen sind, zeigen uns, was handwerkliche, was berufliche Meisterschaft überhaupt bewirten lauu. Ehren wir die Meister. so ehren nur damit die Zukunft eines Standes, denen Arbeitsmethode für die Zukunft unserer jüdischen Gemeinschaft in Deutschland beispielhaft sein kann. reud sie im übrigen völlig gleichlautende Erklärungen mit der deutschen abgegeben hat. zu der Frage der Minde.rheiten erklärt: „Die Einwohner des Saarbeckens werden, ohne tHücfiidit auf ihre Staatsaugehörigkeit, keine Schlechterstellung wegen ihrer Sprache. Rasse oder Religion erfahren. Im übrigen werden alle diejenigen, die die französische Staatsangehörigkeit infolge der Tatsache der Aendernug der Souveränität erwerben sollten, die gleichen bürgerlichen und Politischen Rechte erhalten. wie alle übrigen.französischen Staatsangehörigen." Die „Basler "Nachrichten" haben in einer Besprechung dieser Abmachungen bemerkt, das; es insbesondere für die Juden recht und billig gewesen wäre, ihnen einen längeren Zeitraum „für die schwierige Suche nach einer treuen Eristenz" zu. sichern. Das spanische Mitglied der Kommission hat mitgeteilt, daß eine Verlängerung der Frist sich nicht habe erreichen lassen. Wir können uns trotzdem der Ansicht des Schweizer Blattes nicht anschließen, als vb es selbstverständlich sei. das; nunmehr alle jüdischen Einwohner der Saar unter Mitnahme ihres Vermögens und unter Benutzung der gegebenen einjährigen Frist das Saargeüiet verlassen sollten. Wenn der Großteil der deutschen Juden unter gewiß nicht leichten Verhältnissen in.Deutschland verblieben ist,, und. wie das ganze Leben des deutschen Judentums zeigt, sich wirtschaftlich und seelisch eine neue Zukunft aufzubauen versucht, ohne deswegen auf sein Ideal der völligen Gleichberechtigtmg ztt verzichten, dann sollten unsere Freunde an der Saar, deren Familien seit vielen Jahrhunderten dort ihre Heimat haben, und.denen immerhin eine Erleichterung durch die liebergangsbestimmungen.zugesagt ist, nicht abwandern, soweit tticht für einzelne sehr dringende, in ihrer Person liegende Gründe gegeben sind: sic 'sollten sich vielmehr nach der Entscheidung, des Völkerbtmdsrats in die Gemeinschaft-der. deutschen Inden miteingliedern. Diese Nummer umfasst 20 Seiten Sie enthält u. a.: Hauptblatt: Vorn Wesen des deutschen Judentums, von Dr. Kurt Alexander (Krefeld) — Dostojewskis Stellung zur Judenfrage. 1. Beiblatt: Fragen der jüdischen Wanderung — Ritter von Sonncnthal. von Fritz ■ Engel — Aus der C.-V.-Bewegung — Neue Rechtsvorschriften 2. Beiblatt: Wirtschaft der Woche — Kunstnachrichlcn 3. Beiblatt: Das Hule-Cebicl. von C.eorg . Rosenow — Wandern wohin?, von Alfred Auerbach — In ntemoriam Hugo Zucl(crmann — Eine Mutter erzählt die Bibel, von Alice Oppenheimer 4. Beiblatt: Medizin und Naturwissenschaften — -Neue Bücher — Sport der Woche