Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 13 (1934)
- Issue
- 49 (6.12.1934)
- Date
- 1934-12-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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f* § i: j 1 ii 1 3!| 1 XIII. Jahrgang / Nr. 4?- Berlin, 6. Dezember 1934 / Preis 2© Pfennig owo Gj T jcgi g u ui % (p 0 n Q) »Ti ssl jjl § Diese Nummer umfasst 18 Seiten Sie enthalt u. a.: Hauptblatt: Cibt cs eine jüdische V/ellpoUük? 1. Beiblatt: Dr. Rudolf Callmann (Köln) übet: Der jüdische Mensch in der Problematik unserer Zeit. — Eröffnung der Liebermann-Ausstellung fn London. — Auslandsnachrichten. —> Zur Lage der Juden in Frankreich. 2. Beiblatt: Wirtschaft der Woche: Kall(Ulationsmethoden im Tcxtil-Eipzclhandcl. 3. Beiblatt: Die jüdische Winterhilfe, von Hilde Marx. — Eine Mutter erzählt d<e Bibel, von Alice Oppenheimer. — Sport der Woche. 4. Beiblatt: Seite der Jugend, Chanukkajcsl-Nummer der Jüngeren. Vf. ffff ff. r'VXA -v ii . „ f„ Wenn nur Bewegung durch eine Zeit geht, wenn wrenschen da sind, die Erregung durchficbcrt und alle Kräfte sich umspannen, um sich jm Riesenkampfe zu messen: dann lohnt es sich, ein Mensch zu sein, und was dann dasselbe ist, ein Kämpfer, Moeller van den Bruck. Alle unsere Gedanken, Ueberlegnngen, Sorgen, Hoffnungen, Enttäuschungen kreisen um einen Mittelpunkt: das jüdische Schicksal. Und insbesondere um das Schicksal der jüdischen Menschen, der jüdischen Jugend ans deutscher Erde. Wie sollte es auch anders sein? Haben wir doch niemals etwas anderes erstrebt, als eine Lebenssormung der Judenheit, die durch Herkunft, Ueberlieserung und gemeinsames Geschick aus deutschem Boden beheimatet ist. Diente doch unsere Bemühung lediglich dem Zweck, jene Lebenssormung mit dem Stil des gesamtdeutschen Daseins in Uebereinstimmung zu bringen. Jm Bewußtsein unserer deutsch-jüdischen Verantwortung haben wir uns niemals als „Juden am Rande" empfunden; wohl aber sind wir uns stets unserer geschichtlichen Randlage — des Schicksals der Diaspora — bewußt gewesen. Jenes Schicksal legt uns die Verpflichtung auf, unsere Beziehung zur Umweltentwicklung immer wieder zu überprüfen. Um so mehr in einer Zeit gewaltiger Veränderungen, wie der unseren. Tenn die innere Unruhe und Ratlosigkeit, die sich weiter Kreise unserer jüdischen Gemeinschaft bemächtigt hat, rührt nicht allein von den wirtschaftlichen Sorgen her, die uns betroffen haben, sondern sehr viel mehr noch von der beklemmenden Empfindung, daß wir über unser Verhältnis zu der neuen Gestaltung der Welt, die sich allenthalben vollzieht, noch im dunkeln tappen. Widerstrebt die neue Weltgestaltung von vornherein dem jüdischen Wesen? Oder stimmt sie mit den Elementen der jüdischen Ueberlieserung überein? Diese Fragen zu untersuchen, sei der Sinn der nachstehenden Zeilen. Dämmerung der Demokratie? Will man, von unserer deutsch-jüdischen Lage ausgehend, die Reusormung unserer Zeit * und der gegenwärtigen Welt in ihrem Sinngehalt erfassen, so kann man den Radius seiner Betrachtung nicht weit genug ausdehnen. Zur richtigen Erkenntnis der Verwicklungen und Zusammenhänge bedarf cs einer Sehart. die vor gewissen kühnen Schlußfolgerungen nicht zurückschreckt, einer Schart, wie sie heute unter den Deiitschcn etwa Spengler in großartiger Einmaligkeit übt. Terin ebenso wie Spengler iins gelehrt hat, die deutsche Lage und die deutsche Zukunft nur jm. Verein mit der allgemeinen weltgeschichtlichen Entwicklung zu betrachten, genau so müssen mir die deutsch-jüdische Lage und die deutsch-jüdische Ziikilnst nur im Verein mit den weltgeschichtlichen Wandlungen^ der gegenwärtigen und der kommenden Zeit auszudeiiten suchen. Worin besteht nun die entscheidende Wendung? Unverkennbar in dem Bruch mit den Formen der Staatsgestaltung, wie sie da^ neunzehnte Jahrhundert entwickelt hat. Hören wir etwa einen Vertreter des modernen nationalgesinnten Frankreich: Marcel Töat, der faschistischen Ideologie offen zugetan, trifft in einem Aufsatz „Faschismus oder Sozialismus" („Europäische Revue", 0. Jahrgang. 11. best) die Feststellung, daß in der gegenwärtigen Welt der Faschismus im Steigen begriffen fei, während sich die Demo^ lratie auf absteigender Linie bewege. Bückt man nun auf die Staaten, die vorzugsweise als die traditionellen Länder der klassischen Demokratie gelten, so scheint ihm die Entwicklung recht zu geben: die amerikanische Union auf dem Wege zur autoritären Staatsführung, in Frankreich akute Krise des parlamentarischen Systems; nur in England und seinen Dominions scheint sich die parlamentarische Demokratie siegreich zu behaupten. Tenn Mosleys Griff nach der Macht ist zunächst ein Griff ins Leere. Ursprung des Faschismus? Also Sieg des Faschismus? Sieg einer Sache, über deren Wortbedeutung und Ideengehalt in weiten Kreisen Unklarheit herrscht. Denn mit dem Begriff „Faschismus" verhält es sich ähnlich wie etwa mit den (so oft mißbrauchten) Begriffen „Gotik" und „Romantik". Ursprünglich auf eine einmalige, konkrete, zeitlich begrenzte Epoche gemünzt, werden jene Begriffe vergleichsweise auf ähnlich geartete, angeblich oder tatsächlich in innerem Zusammenhang befindliche Epochen übertragen. So hat man beispielsweise in dem bemerkenswertcn Umstande, daß der große indianische Reformator Tekumseh um 1800 den Abwehrkampf der roten gegen die Weiße Raffe Predigte, den Ursprung des Faschismus gesehen. Das war gewiß einseitig: denn das Moment des R a f se n k a in p f e s genügt allein nicht, um das Phänomen des Faschismus zu erklären. Entscheidend ist derVolkst u m s g e d a n k e: die einzelnen Glieder der Nation sollen ebenso unzertrennlich zusammengefaßt werden wie — daher stammt das Wort — die Ruten im Bündel („wsees") der römischen Liktorcn. (Fortsetzung nächste Seite) Mttzrat MM in Migsberg - N. Mösls Sa-lnMlrMn in Berlin Sr. Sruao Mil in MdMda Die Versammlungen, - die der Central- Derein in allen Teilen des Reiches stattfinden läßt, sind überall überfüllt. Es ist ein ungeheures Bedürfnis nach Unterrichtung nicht nur bei den Mitgliedern vorhanden, sondern weit über deren Kreis hinaus. Man verspricht sich besonders von denjenigen Männern die Erfüllung seiner Erwartungen, die die Wirklichkeit des jüdischen Daseins in Deutschland aus ihrer Arbeit in Deutschland aufs genaueste kennen. In der letzten Woche haben eine Reihe von Veranstaltungen stattgefunden, die deshalb besondere Beachtung verdienen, weil auf ihnen der Vorsitzende des Vereins und zwei seiner Stellvertreter das Wort genommen haben. LEiWt Sr.Zrsönitz!n MlMeg Die Ortsgruppe Königsberg des Central- Vereins hatte die Mitglieder der Königsderger Gemeinde zu einer Kundgebung am 27. November eingeladen, in der der Vorsitzende des Central- Vereins, Justizrat Dr. B r o d n i tz , über „Unsere Lage" berichtete. Tie große Aula der Hindenburg- Obcrrealschule war bis auf den letzten Platz besetzt. Es hatten sich . nicht' nur Mitglieder unseres Vereins eingefunden. Das Publikum setzte sich aus allen Richtungen des Königsberger Judentums und allen Alterskrcisen zusammen. Stimmungsvoll wurde die Veranstaltung durch die Wiedergabe zweier Sätze aus dem Es-dur- Quartett von Mendelsvhn (Dr. Hans M a g n u s Cohn. Dr. H a n s-K a d i s ch , Dr. Robert L e v y und Tr. F r i tz Lev y) eröffnet. Die Vcrfammlung wurde durch Geheimrat Professor Dr. F a l k e n h e i n geleitet. Aus den mehr als cinstündigen Ausführungen des Justizrats Dr. Brodnitz heben wir das Folgende hervor: Bei der ungeheuren Fülle der Gedanken, welche durch die Betrachtung unserer Lage ansgelöst werden, tvird niemand eine erschöpfende Berichterstattung erwarten. Schon eine Betrachtung in dem SinNe: „Wie haben wir die Ereignisse der letzten VA Jahre erlebt unö was haben diese Erlebnisse in uns ausgelöst?" fällt mehr als reichlich die Zeit, die ein Redner für sich in Anspruch nehmen darf. Bei all den schweren Sorgen, die über uns gekommen waren, war eine der schwersten: „Was wird innerlich, menschlich ans den deutschen Juden?" Werden sie verzweifelt und verbittert, zu prodtiktiver Arbeit unfähig werden? Mit Dank darf ich feststellen, daß. so schwer die deutschen Inden auch betroffen worden sind, trotz Entgleisungen, die uns in beschränktem Umfange nicht erspart geblieben sind, im wesentlichen die deutschen Inden sich der ihnen gestellten Schicksalsausgabe würdig gezeigt haben. Tie deutsche Jndenhcit hat sich nach ganz kurzer Zeit, in der man unter der Wucht des Cchicksalsschlages den Atem anhielt, zu produktiver Arbeit zusammengefnndcn. Ich brauche nur aus die Tätigkeit der jüdischen Gemeinden und unter diesen allen voran ' der großen Gemeinde Berlin, der Tätigkeit der Reichs- Vertretung, der großen Gemcindcoerbände und mit besonderer Betonung der Arbeit zu gedenken. welche der Zentralausschuß der deutschen Inden für Ausbai: und Hilfe ans sich genommen und zn einem bei der Größe dieser Ausgabe erstaunlichen Teile der Lösung cntgegengesührt hat. Sehr viel ist ans diesem Gebiete noch zu vollbringen., Opfer werden von -UNS verlangt, die man früher nicht für tragbar gehalten hätte. Wir deutschen Juden sind genullt, diese Opfer, so schwer sie auch fallen. ZU bringen. Denken wir an die gewaltigen Ausgaben der Ausgestaltung unseres Schulwesens, unserer Wohlfahrtspflege und der beruflichen Umstellung, so ahnt auch der Fernstehende, welches Arbeitsgebiet zu bewältigen ist. Tank und tatkräftige Unterstützung denjenigen, die an leitender Stelle zur Lösung dieser Ausgaben berufen sind! Tie Frage der beruflichen Umstellung ist mit einem Eifer ausgenommen worden, der weit hinansgeht über die Befriedigung der Zwangslage, welche durch die Gesetzgebung geschassen worden ist. Auch wir deutschen Inden sehen in Uebereinstimmung mit unserer Umwelt das Bedürfnis gegeben, eine unwahre Fassade abzubauen, welche verantwortungsvolle Menschen auch schon vor den neuesten Ereignissen schmerzlich empfunden haben, ohne daß die Stimme der Warner gehört wurde, solange nicht die gewaltigen Ereignisse der Gegenwart Umstellungskräste auslösten, die wir früher nicht gekannt haben. Voran geht unsere Jugend, die keine Arbeit, keine Entsagung scheut, um ein neues Leben ausznbauen. Rach zweierlei Richtung besteht eine Gefahr. Wir Inden sind gewohnt, die großen Entwicklungen in rinscrem Leben nicht nach Monaten und Jahren, sondern nach großen Zeitläuften zn beurteilen. Alle Achtung vor der Nmstellnngsfähigkcit, die ans jungen Kauslenten, Schriftstellern und Gelehrten Landarbeiter und Handwerker macht! Aber seien wir uns auch darüber klar, daß wir uns mit Recht das Volk des Buches nennen. An unsere Jugend richtet sich die Mahnung, diese unsere Mission nicht 51t vergessen. Nicht Intellektualismus, den auch wir in seinen extremen Entgleisungen verurteilen, aber bei aller körperlichen Umstellung auch in dieser Uebergangszeit die geistige Entwicklung nicht vergessen, die ja schließlich durch die Jahrhunderte der schicksalsabhängige Boden unseres Lebens gewesen ist. Diese Mahnung richtet sich nicht nur an die Jugend. Es ist 'hoch erfreulich, daß durch jüdische Lehrhänscr nach der Väter Sitte Einrichtungen geschassen werden, die uns Besinnung und geistigen Halt auch in schwerster Notzeit geben. Und eine zweite Gefahr: Wir haben volles Verständnis für die notwendige A'uswandernng des Frühjahres 1908. Wir protestieren dagegen, daß diese Auswanderer, die außerhalb Deutschlands unter schwersten Entbehrungen Arbeitsraum zu finden suchen, allgemein als „Emigranten" bezeichnet werden. Wir haben auch volles Verständnis dafür, daß ein großer Teil dieser Auswanderer, wenn sie schon den Wandcrstab ergreifen müssen, cs vorziehen, ein neues Leben nn „heiligen Lande" anfznbanen. Wir neigen uns dankbar vor den Pionieren, welche in Palästina unter härtesten Entbehrungen Möglichkeiten geschaffen haben, um wandernden Inden Freiheit und Arbeitsranin zu schaffen. Wir wissen, daß diejenigen, die in ernster Vorbereitung ihren Entschluß fassen, in dem Benulßtsein hinausgehen, unter Entbehrungen und in größter Bescheidenheit Lebensmöglichkeiten zu finden. Wir grüßen insbesondere diejenigen, die sich hierbei als Pioniere für alle diejenigen fühlen, die ähnliches, wie sie erlebt haben oder erleben werden. Aber wir müssen uns darüber klar sein, daß etwa 400 000 deutsche Inden ans deutschem Boden verbleiben werden, und es gilt, dafür zn sorgen, daß diesen deutschen Inden ans deutschem Boden seelisch gesund und lebensfreudig Lebcnsraum bleibt oder geschaffen wird. In einer Zeit so gewaltiger geschichtlicher Erscheinungen müssen unter den deutschen Inden ideologische E r ö r t e r n n g c n möglichst bciseitegcstellt werden. Es ist hocherfrcnlich, daß die deutschen Inden die Kraft gesunden haben, sich von ideologischen Kämpfen zn befreien. Dies bedeutet aber keinesfalls, daß die weltanschauliche Differenz schwinden soll: nur bedenke jeder, daß er bei Vertretung seiner Weltanschauung ringenden Brüdern und Schwestern gegenübersteht. Nur darf niemand verkalkt lediglich die Worte wiederholen, die cumiiumimimmuminmiiisnmmimimmiiiummmimuHiimim ln diesen Tagen wird der Briefträger die Quittung über die Postzustellgebühr in Höhe von 48 Pfennig für die Lieferung der C.-V.-Zeitung für das I. Quartal 1935 vorlegen. Niehtmitglieder- Abonnenten zahlen 3,18 RM. Wir bitten unsere Leser, diese Quittung einzulösen, da nur dann die prompte Zustellung der C.-V.-Zeitung ab 1. Januar 1935 gewährleistet ist. Diese Postgebühr ist unabhängig vom Mitgliedsbeitrag; sie kann nicht an den Verein-oder den Verlag gezahlt werden. . Für jede nichteingelöste Quittung muss der Verlag der C.-V.-Zeitung eine Strafgebühr von 30 Pfennig zahlen. wir aus früheren Zeiten kennen. Es ist eine Unmöglichkeit, heute zur Palästinasrage noch so Stellung zu nehmen, wie cs früher geschehen ist. Das haben wir am eigenen Leibe in der letzten Zeit genügend erfahren. Wir E.-V.cr dürfen nicht die alten Reden halten, wenn auch wir dankbar anerkennen,, daß selbst in dieser Notzeit unsere Stellungnahme, wie sie im § 1