Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 13 (1934)
- Issue
- 47 (22.11.1934)
- Date
- 1934-11-22
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/2277379-2278044-2278091--08992-2290070- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
le# HBHDSCHUHE WW SCHNEEMANN M/ torfütJlendamm 203/4 a. 1 Inasebeckslr. WJ HandKCstrickte JumpeK Strickkleider* KoMüniP, Milntcl,Schals.Monogramme« -—. Clips ■ ■■■■' - - stiegen. Die meisten von ihnen sind in dein Werk von Heppner und Herzberg „Aus Vergangenheit und Gegenwart der Juden in den Vosner Landen" namentlich verzeichnet. Zur . Ergänzung seien hier nur noch einige wenige genannt. So der 1816 in Schwersenz geborene berühmte Historiker an der Berliner Universität Professor Dr. Philipp Iaffö. der Verfasser der „Regesten der römischen Päpste bis 1198" (Berlin ISol), dem der Papst sein bis dahin persönlich benutztes Brevier mit eigenhändiger Widmung überreicht hatte: eine hervorragend wertvolle Gabe, die Professor Jaffö letztwillig seiner Fakultät überwiesen hat. Von Marcus Jaffö stammte der bekannte Mediziner Dr. Ludwig Jaffö. der 18-12 seinen Wohnsitz von Schwersenz nach Posen verlegte. Tie beschäftigsten Aerzte waren dort bis dahin der Vater der Jugendschriststellerin Tekla von Gmnpert. der Medizinalrat Dr. von Gumpert. sowie der Medizinalrat Dr. Cohen, der sich später Cohen von Baren nannte. Zu den in den folgenden Jahren gesuchtesten Aerzten trat nun auch Dr. Jafsö. Aus Schwersenz stammt überhaupt die woitverzlveigte Familie Jaffö. deren Mitglieder dann von Posen auS den großen Holzhandel des Ostens beherrschte. Don der jüngeren Generation galt M o r i tz I a s f ö durch sein ausgezeichnetes Werk „Tie Stadt Posen unter preußischer Herrschaft" (Leipzig 1909) mit Recht als besonders guter Kenner der Geschichte deS preußischen -Ostens. Tie deutsche Nationalversammlung von 1919 wünschte daher einstimmig seine Entsendung als Sachverständigen für die polnischen Fragen zu den Friedensverhandlungen in Versailles. Daß er dort nichts ansrichten konnte, lag nur daran, daß die deutsche Deputation in Versailles bekanntlich hinter dem Stacheldrahtabschluß das Ergebnis der ohne sie geführten Verhandlungen abwarten mußte. . Sein Bruder, Rechtsanwalt Josef Jaffö, hat sich durch sein letztes Werk. eine wundervolle poetische Uebertragung der Gedichte Mussets. Baudelaires. VerlaineS, Rimbaud» und GirandS, das 1908 in Hamburg unter dem Titel „Französische Lhrik alter und neuer Zeit in deutschen Versen" erschien, in der Literatur einen anerkannten Namen erworben. Der jüngere Bruder. Professor Tr. Max Jafsö, war viele Jahre erster Assistent von Professor Volkmann in Halle und mit diesem berühmten Chirurgen, dessen- Gedichte und Prosaschristen unter seinem gräzisierten Namen „Leander" erschienen, in persönlicher Freundschaft eng verbunden. Jasfö selbst, der durch einen Unfall feiner Tätigkeit allzu früh entrissen wurde, hat durch seine geschickten erfolgreichen Operationen in gleicher Weise Berühmtheit erlangt, wie durch seine wissenschaftlichen Forschungen und zahlreichen Ver. össentlichungen auf dem Gebiete der Chirurgie und Orthopädie. Sein jüngerer Bruder Richard Jaffö, als Rechtsanwalt am Kammergericht Sozius ' feines Schwagers Geheimrat E u genFuch 8, des langjährigen Vorsitzenden des C.-D., ist als erfolgreicher. Dramatiker hervorgetreten. Zu den bekanntesten ehemaligen Schwer- - senzern im Auslande gehörte der 1840 in Schwersenz geborene Simon Baruch, der in Deutschland studiert hatte, in New-Dork Professor an der Columbia-Universität und Chefarzt am Juvenile-Asylum wurde und für seine Forschungen auf dem Gebiete der Hydrotherapie-im Jahre 1600 u. a. auch von Paris die Staatsmedaille erhielt. Von seinen Söhnen ist Bernhard Baruch, einer der bedeutendsten Finanziers Amerikas, in enger persönlicher Freundschaft mit dem Präsidenten Wilson verbunden gewesen, als dessen sachverständiger Berater für alle finanziellen Fragen er nach dem Weltkriege auch an den Verhandlungen der WassenstiUstandskommission teilgenouvnen hat. In dieser Eigenschaft war er. von Wilson unterstützt, anss eifrigste bestrebt, die für Deutschland m Aussicht genommenen schweren Bedingungen zu mildern. .'Auch die ek)emaligen Schwersenzer, die in Deutschland auf geistigem, künstlerischem, kaufmännischem, industriellem und anderem Gebiete Hervorragendes geleistet haben, sind in so ungewöhnlich großer Zahl vertreten, daß sie sich in den engen Grenzen dieses Aufsatzes nicht namentlich aufführen lassen. Wir können hier nur willkürlich einige wenige Persönlichkeiten herausgreifen, wie z. B. die Begründer der Maschinenfabrik Gebr. Lesser und Herrn ann» M ü h l e sowie die angesehene große Familie Brodnitz. die in Schwersenz in der jüdischen Gemeinde, und später in der Posener Stadtverordnetenversammlung, eine bedeutsame Rolle spielte, und der u. a. der jetzige Vorsitzende des C.-D., Justizrat Tr. Julius Brodnitz. entstammt. Weit über die. Grenzen der Provinz Posen hinaus bestens bekannt war auch Moritz Grünfeld, der in Schwersenz viele Jahrzehnte hindurch ein Pädagogium mit Internat erfolgreich unterhielt. Cr war der ältere Bruder F. V. Grünfelds, des Begründers der Leinenindustrie in Laudshut. Tie Unterrichtsanstalt diente auch als Dorbereitungsschule für das Posener Gymnasium. Aus ihr ist u. a. der langjährige letzte deutsche Stadtverordneteuvvrsteher von Posen, Justizrat P l a c z e k, hervorgegangen; ebenso der geistvolle gelehrte Rabbiner Tr. SaulKaatz, der nun schon mehrere Jahrzehnte das Amt des Gemeinderabbiners in Hindenburg O.-S. bekleidet. Ein Verwandter und Namensvetter von ihm. Eduard Kaatz. war als Ittjähriger Knabe von Schwersenz nach Posen gekommen. - wo er als Lehrling in ein Testillations- und Materialwarengeschüst eintrat. In dem ihm als Schlasraum zugewiesenen Dachbodenverschlag, den er mit einem älteren Angestellten des Geschäfts teilte, unterrichtete dieser „Materialist" (wie damals die Verkäufer von Materialwaren genannt wurden) nach Geschäftsschluß den sehr strebsamen, Wissenshungrigen Lehrling in allem, was er selbst in. der Volksschule gelernt hatte. Nach Beendigung der Lehrzeit gelang es ihm. das Ziel seiner Wünsche zu erreichen und Schreiber bei einem Posener Rechtsanwalt und Notar zu werden, wp er ziemlich schnell zum Bürovorsteher aufstiea. Als er dies Amt mehrere Jahre bekleidet hatte, wurde ihm angeboten, in'die Posener rituelle Gastwirtschaft, das. spätere Keilers -Hotel,- einzuheirateu. Kaatz, der die .. Absicht hatte-,-- sich mit einem -eleganten Weinrestaurant in Posen selbständig zu machen, nahm das Angebot unter der Bedingung an, daß seine künftige Gattin mindestens em halbes Jahr erst noch die seine Küche in Willens Keller (später Pforte) m Hamburg erlernen, müsse. Das geschah auch, worauf dann Kaatz in der Friedrichstraße in Posen ein kleines Häuschen erwarb. Dort betrieb er dann viele Jahrzehnte das später von seinem Sohne Dr. Hugo Kaatz weitergeführte Geschäft, dessen vorzügliche.Küche weit über die Grenzen der Provinz gerühmt wurde. Die juristischen Kenntnisse, die er sich als Bürovorsteher erworben hatte, lenkten sehr bald die Blicke seiner Mitbürger aus ihn, die ihn zunächst zum Stadtverordneten und dann zum unbesoldeten Stadtrat machten. Als solcher erlebte er einen ungewöhnlichen Aufstieg, als nach dem Tode des Oberbürgermeisters Kohleis die liberale Stadtverordnetenversammlung zum Nachfolger des Verstorbenen zweimal den Bürgermeister Herse wählte, der edoch seiner liberalen Gesinnung wie auch einer polnischen Mutter wegen bei beiden Wahlen nicht die Bestätigung der Negierung erhielt. Die Verwaltung der verwaisten Stadt wurde darauf von der Negierung dem Stadtrat Eduard Kaatz kommissarisch übertragen. Dadurch hat Kaatz wohl als einziger Jude in Preußen durch Verfügung der kgl. Negierung über ein halbes Jahr lang das Amt des Ob er bürg erm e i ft e r L praktisch und repräsentativ verwaltet. Besonders bemerkensivert aus seinem früheren Leben war sein Verhalten in den Märztagen des Jahres 1848, als die Regierung sich geneigt zeigte, den Wünschen der 'Polen nachzngeben und die Provinz Posen durch eine Demarkationslinie in zwei Teile, eine östlich-polnische und eine westlich-preußische, zu teilen. Die große Mehrheit der Beamtenschaft und der deutschen Kaufleute wußten nun nicht, ob sie wie bisher gegen die Polen Stellung zu nehmen oder dem anscheinenden Plan der Negierung zu folgen hätten. Sie über- .ließen daher alles weitere den Polen und verhielten sich selbst völlig abivartend. Nur ein kleines Komitee trat mit Entschiedenheit gegen die Losreißung eines Teiles der Provinz Posen auf. Ter.Kommission gehörten führend, außer dem Negierungsrat Viebig, dem Vater der Romanschriftstelleritt Clara Viebig, zwei jüdische unbesoldete Stadträte, M o r i tz Ntflmmroth und Eduard Kaatz an. Negierungsrat Viebig und die anderen dem Komitee a«gehörigen Beamten riskierten hierdurch nichts. Wohl aber brachten die beiden kausinännischen jüdischen Stadträte durch ihre offene vaterländische Treue zum Deutschtum ein großes Opfer. Denn ihre Kundschaft bestand größtenteils aus polnischen Großgrundbesitzern und der städtischen wohlhabenden polnischen Bevölkerung, so daß sie nun befürchten mußten, ihre besten Kunden zu verlieren. Die von Julius Nodenberg herausgegebens „Deutsche Rundschau" kam emige Jahrzehnte C.’V.-Ka!ender gaitbtfbttbmft Citpt.u&en ftönlfiflbetß: Dienstag. 27. November, 20 Uhr 15 Mln., Aula der Hlndenburg. bura-Schule, Gemeindeversammlung. Justiz, rat Tr. Brodnitz (Berlin) spricht über „Unsere Lage". . November, 20 Uhr, Tilsit: MitgNkdervrrsammlunfl. Dr. Angerthal («önlgsdera) spricht "der^ „FUr. unseren Arbelts. und Hebensrcwm — Fllr deutschjüdisch, Zufunft!" Landesverband Groß-Berlin f. November 20 Uhr 30 Min.r Potsdam. Dr. Friedrich Brodnitz „Deutsche-» Judentum deute-und morgen". «LeskllschastahkNis „-Liier Fritz", gimmerslratzr 1«.!. Dezember, 20 Uder Ortsgruppe iltO und Neuer Lyn«, gogcnvereiu wcftvaßc. Ghaiulkkafticr. Legrlls;u>u,s. ausprache: Dr. Friedrich B r o d u i tz , Nuntor A. Schreiber: Auztlnden der Lbanukta-Lichtc. Ec. meinsamer Gesang. Ausprache: Rabbiner Dr. Manfred S w a r s e n s k n. Anschließend »adarett. Prachtsäle am Märcheubruuncu, -Am Iriedrichshaiu 20-32. Landesverband Württemberg Dr. Alfred L i r J di b * t ft Wttl\\\\ „Deutsch-judische Gegenwart — öw’ixtsfij-iiiMrtije Zuuuisl!" 28. November, 20 Uhr: Ulm: 2«. November, 20 llht IN Min.: Stuttgart. ©löftrr cmi! bfu Oberen Museums. Peransiaiinng des CB, 28. November? 20 Uhr: Siipplngen. Äahnhofshotel Dettcl- Landesverband Mitteldeutschland Rabbiner Dr. Karl Roseuthal (Berlin) und tzurt E » d a tz t i, (Leipzig) „Gegenwart und Zukunft der deutschen ftuden". 24. November, 20 Uhr: Rordbauscn; LS. November, 11 Uhr: Kifthcn. Außerdem Landgerichts, rat i. R. Dr. Kurt Cohn (Chemnitz). Anschi. Bezirkstagung der Ortsgruppen des Frcisraaics Anhalt und Umgegend. SO. November, Leipzig. Fraucngruppe des GB. Vortrag Julius Lab. Landesverband Rordwestdeutschland LS. November: Parchim. Dr. Werner Grunsfeld (Hamburg). Gemeindeversammlung. 28. November, 20 Uhr 30 Min.: Hamburg. Kundgebung. Dr. Manfred Swarscnskn (Berlin) „Prlisung und Bewährung". Conveutgarlen, Thcatersaal. Landesverband Pommern Dr. Bcrthold Weinberg (Berlin): „Heute und in alle Zukunft deutsches Judentum". und Otto Michelsobn (Stettin): „Unsere Arbeit in Pommern". J1, November: Ttolp; 23. November: Sci»!awe; 20. November: Laucnburg; 27. November: Bütow; 28. No- »rmbrr: Nenstettin; 20. November: Budlitz. Landesverband Niederschlesien Dr. Rudolf Breitbarth (Breslau): „Fltr deutsch' jüdische Zukunft": 20. November, 20 Uhr: Görlitz; 27. November, 20 Uhr: Landcshut. Landesverband Aheinland-Westfalen 21. November, 20 Uhr 30 Min.r Marburg i. 83.: Dr. Steinberg (Essen): 28. November, 20 Uhr 30 Min.r Hamborn: Dr. Plaut (Essen): 2B. November, 20 Uhr 30 Mino Bocholt: Dr. Plaut (Essen). Landesverband Linkürhein 21. November, 201 i Uhr: Aachen. Rechtsanwalt Dr. Nudolf Caümaiui (Köln): „Der jüdische Mensch in der Problematik unserer Zeit", ttursaal. 28. November, 18 Uhr: Mondors. Dr. Hans Jacob: (Köln): „Für unseren Arbetis- und Lcbcnsrauin! Für deutsche Zukunft!" Ennagoge. 27. November, 20'... Uhr: Aöln. Rechtsanwalt Dr. Rudotj Eallmann («bin): „Der jüdische Mensch in der Problc uialik unserer Zeit." BitrgergeseUschaft, Weißer 6a«l- Landesverband Baden.. , 28. November, 1v Ahr: Karlsruhe. Landesverbandstagung Rnssaucr Hof. Dr. Hans R c i ch in a i, n (Berlin): „Für unseren Arbeits. und Lebenorauml Für deutsch-jüdische Zukunft!" 28. November, 20' -j Uhr, Narl-ruhe, Munz-Laal. 28. November, 201 ü Uhr: Mannheim, .Lainey-Loge. 27. November, 20 V-j Uhr: Bruchsal, snuagoge. 28. November 20!ü Uhr: Heidelberg, Garreusaal dcr Harmonie. 28. November, 20^ Uhr: Pforzheim, Gemeindehaus. später noch einmal auf die Vorgänge und die opferfreudige Tat zurück, mit der die beiden aus Schwersenz stammenden Juden so energisch für das Deutschtum eingetreten waren. Verfasser, und da sie zudem in das allgemeine Kulturbewußtsein eingegangen sind, so darf mau ihre Ausführung auf der Bühne des Kulturbundes als einen neuen Beweis der selbstübernvmmenen Verpflichtung betrachten, uns in diesem Bewußtsein fortdauernd wach zu erhalten und zu stärken. Goethes einaktiges Schauspiel „Die Geschwister" ist, wie das ganze Lebenswerk des Dichters, Bruchstück einer großen Konfession. Es läßt sich nicht loslösen von einer menschlichen Persönlichkeit, die sich in allen seinen Lebenslagen dichterisch bezeugt, in „Tassv" wie in „Iphigenie", in „Elavigo" wie in „Faust". „Tie Geschwister" sind ein melancholischer Abklang der Leiden-' l'chast, wie sie zwei Jahre vorher im Furioso des „Weither" mächtig aufbrauste; ein sanft bewegtes Moderato mit dem Leitmotiv, das ihm seine neue Muse, Charlotte von Stein, cingcgeben hat: „Tropftest Mäßigung dem heißen Blute". Willielm in den „Geschwistern" ist niemand anders als der zwischen Sinnenlnst und Seelenfrieden hin und her geworfene, einer inneren Harmonie zustrebende Dichter selbst; Marianne niemand anders als das verjüngte Abbild Charlottens, und wenn dies holde Naturgeschöpf sich in dem sonderbaren Konflikt zwischen Schwester und Frau mit all der reizenden Naivität eines unverdorbenen Empfindens nur mühsam zurechtsinden kann, fo wissen wir aus manchem brieflichen und poetischen Bekenntnis des Dichters, daß seine Beziehungen zu Frau von Stein durch einen ähnlichen Konflikt oft genug bedrängt und seelisch gefährdet wurden. Mögen indes die Voraussetzungen des Stückes immerhin ungewöhnlich sein; mag sich für uns insbesondere aus Wilhelms Verhalten ein etwas peinlicher Zustand ergeben >— das kleine Werk strahlt in seiner intimen . Häuslichkeit jo viel Wärme, in der Gestalt Mariannens so viel innige Seelenanmut aus, daß sich sein Lebensatem auf der Bühne immer wieder erneuert. - Tie Aufführung des Kulturbundes hat es bestätigt. In der Regie Fritz I e ß n e r s kam die innere Musikalität d^8 elegisch.heiteren Stückchens (dem ßanz überflüssigerweise ein orchestrales Präludium von Georg Philipp Telemann voranging) voll zum Klingen; allerdings schien es. als ob der Regisseur hierbei Otto Brahms bekanntem Regiebefehl: „Dcunpsen, dämpfen!" allzu willig und mit Kammerspielneigungen folgte. Auch in der Darstellung dominierte der Con Sordino-Ton, vor allem bei Fritz Wisten. der, in Haltrmg und SUiaife. dem Bilde Goethes merkwürdig ähnelnd, die seelische Bewegtheit Wilhelms sehr fein zum Ausdruck brachte, sie jedoch vor jeder stärkeren Eruption zu schützen suchte. Leise und zart in der Wirkung auch die Marianne von Ruth Reimer, im übriben ganz die „liebe Natur", ganz das jugendliche: „Hausmütterck)en", wie sie Freund Fabrice nennt und wie er sie gern für immer an sich fesseln möchte. Fabrice selbst m der Darstellung Malter H e r t n e r s von gerader, offener, einfacher Schlichtheit, nur zu spröde für den liebenden Jüngling. Auf Goethe folgte Moliöre, auf den Dichter der verglühenden Leidenschaft der leidenfchaftlich zürnende, satirische Spötter. Bon Moliöre hat Goethe gesagt, er züchtige die Menschen, indem er sie in ihrer Wahrheit zeige. Nichts anderes hat der große Franzose, der immer auch ein großer Menschenkenner war. in den ,Fsmmss ZLvsntes" mit seinem überlegen geißelnden, unbarmherzigen Sarkasmus beabsichtigt. Die spitzen Pfeile seines Spottes treffen ut einigen typischen Beispielen das unnatürliche, innerlich hohle, weibliche Preziösenium des Geistes, wie es feiner eigenen Zeit als eine verlogene und aufae- 'blähte Schernkultur den Stempel aufdrückte und wie er es bereits dreizehn Jahre früher -in feiner burlesken Verkleidungsposse, den „pröeisuöes riäieules", lachend aufs Korn genommen hatte. Es war die Zeit, in der die Le- ' rühmten literarischen Salons einer Frau von. Rambouillet und ihrer unklar philosophierenden, heroisch dichtenden, gespreizt konvcrsierenden Nachfolgerinnen gesellschaftlich den Ton gaben. Einer solchen künstlich frisierten, lächerlichen Schöngeisterei hat Moliöre, besonders im zweiten und dritten Akt seiner „Gelehrten Frauen", den Abdruck ihrer wahren Gestalt gezeigt. So weitet sich Moliöres Lustspiel, da8 in 'allem Technischen, in der Einfachheit der Anlage und Szeuenführrrng beinahe primitiv erscheint, über seine individllelle Sphäre zu einer höchst lebendigen, kulturhistorisch bedeutsamen Zeitsatire aus, und wenn die Gefahr für den Satiriker immer in der Verkennung seines Zieles liegt, so hat Moliöre die Grenzen schon im ersten Akt deutlich abgestockt: Geist und Wissen der Frau in allen Ehren — nur „soll sie nicht mit ihrer Bildung glänzen . .., mit Geistesblitzen nicht hausieren geh'n"! Wie ein heiteres Maskenspiel voll liebenswürdiger Stilisierung und steifer Grazie zog Moliöres Werk au uns vorüber. Der dtegisseur — auch hier Fritz Jeßner — hatte den originellen Einsall, zu Beginn die einzelnen Figuren deS Stückes als lebende Bilder über die Drehbühne gleiten zu lassen; an den Schluß setzte er dann ein zierliches Menuett, in dem sich die Paare wie aus einer Erstarrung zu lösen schienen. Die Darsteller — im Dialog noch nicht ganz sicher — wußten geschickt zwischen Stil und Wirklich, keit die Mitte zu halten. Ganz aus dem Boden des Realen stand Fritz Lion, der mit viel Laune und Temperament den ehemaligen Don Juan und nunmehrigen Pantoffelhelden Chrhsa! lebendig machte. Ernst Lenart zergte als Clytander wieder seine gesunde Frische und seinen unwiderstehlichen Scharm; um jo mehr wünschte man. daß er der Artikulation des Sprechens ein erhöhtes Augenmerk zuwende. Chrysals Brüder Aristo bekam durch Martin Wolfaang einen Zilg ins Trottelhafte, der zu dem listigen, mit Phantasie--begabten „Raisonneur" des Stückes, nicht recht passen will. Ausgezeichnet Martin Brandt als der fade, ausgeolasene Schöngeist Trissotin; von amüsant-schlagartiger Wirkung das köstliche Rededuell in der Szene des dritten Aktes, in der er mit seinem dichtenden Kollegen Vadius (von Fritz Ritter mit einer verdrießlichen Arrogariz ausgestattet) wie mit einem gereizten Kamps- Hahn aneinander gerät. Auf der Seite der Frauen sehr gewandt Elly Reicher als Philaminte. die stolze, erst zum Schluß gedemütigte Herrscherin im Reiche der Preziosen; Gerda Weis mann in der Rolle der Armande klug, überlegen und in der verletzten Eitelkeit der älteren Tochter des Hauses Chrysal nicht ohne einen menschlich tiefer, berührenden Zug; Lilly Kann, die Vielseitige, als Bölise eine erheiternde Groteskfigur mit karikaturisLischem Einschlag. Henriette, die jüngere der beiden Töchter, die der affektierten Unnatur von Mutter, Taute und Schivester ihr-natürliches und gerades Empfinden entgegensetzt, fand in Ruth R e i mer, der Goetheschen Marianne, eine zurückhaltende, ungemein sympathische Vertreterin. Weniger zurückhaltend hätte Gina Petruschka als Dtagd Martine sein können: dies derbe Gegenstück zu dem Kammermädchen Dorine in Moliöres „Tartüsf" verlangt einen lebhafteren, einen forscheren Ausdruck ihrer Wesenheit. Um Bühnenbild und Kostüme machte sich Heinz Condell verdient. Seine sonst groß ins Weite, ins Mächtige greifende bildnerische Phantasie hatte sich diesmal auf eine intimere Räumlichkeit zu beschränken, in der sich der ornamentale Stil des Barock unaufdringlich bemerkbar machte. Stilecht auchdie Kostüme der Männer und besonders der^ Frauen, die in ihren dekorativen, steifen Reisröcken das weibliche Gesellschaststdeal aus der pomphaften Zeit 'Ludwigs XIV. widerzufpiegeln scheinen. Trotz manchen Ausstellungen: ein durchaus erfreulicher Gesamteindruck, der in herzlichen Beifallsäußerungen eine gültige Bestätigung fand, Dr. Hugo Lachnmnt>ki.