Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 13 (1934)
- Issue
- 47 (22.11.1934)
- Date
- 1934-11-22
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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t Z 1 i Nr. «7 1. Beiblatt M UöN VM Zsn Arlhur Kcsnthlll Am 25. November feiert ein eifriger Förderer des C. - V. - Gedankens, Arthur Kronthal, ehemals Stadlrat in Posen, seht im Altersheim Berlin-Schmargendorf, seinen 75. Geburtstag. Stadtrat Kronthal, der sich um die Förderung der deutschen Kunst und Kultur und des Ansehens der deutschen Wirtschaft und deS deutschen Gewerbes in Posen besonders verdient gemacht hat. stellt uns nachfolgenden aufschlußreichen Aufsatz über Schwersenz und die Schwersenzer Juden zur Verfügung. Wir freuen uns. gerade aus Anlatz dieses Jubiläums von Arthur Kronthal den Aufsatz abdruckcn zu können: Als die zuerst durch die Kreuzzüge religiös ianatinerte Menge die Juden Westeuropas im ^ause der -Jahrhunderte wiederholt vor die Wahl stellte, entweder das Ebristentum anzunehmen oder den Scheiterhaufen zu besteigen, und viele, um diesen Schicksalen zu entgehen, sich selbst und ihrer Familie den Tod gaben, da entflohen andere, unter Zurücklassung ihrer gesamten Habe, nach dem toleranten Königreich Polen, wo sie eine gastliche Ausnahme fanden. Bei den Königen und dem polnischen Adel standen sie - vielfach dauernd in mehr oder minder großer Gunst. Bon ihnen wurden sie auch häufig vor der Bürgerschaft in Schutz genommen, die die Juden später aus wirtschaftlichen Gründen mit ihrem Haß versolg- Goethet »Die Geschwister" Neben»lebendt Wilhelm (Fritz Wüten), Marianne (Ruth Reimer) Unten: Fcbrice (Walter Hertner) Uz/Z'i Goethe und Moltire im Berliner Kulturbund \ /;V' ’t.V ■^w X Fotodieust Arno Kikolcr Moliere: „Die gelehrten Frauen“ Oben: Arthur Kronthal Chrysal (Fritz Lion), Bclisc (Lilly Kann) D.attcb en: Philammtc (EUy Reicher), Bclisc (Lilly Kann), Armande (Gerda Weismann), Trmoiin (Martin Brandt) fflin!l!!llllll!l!!llliill!i!!!!!II!IIIIII{!nuil|IIilI!il!Ii||li!ilIII!!!l)!!!I!I!IIil!IIIjl!l!!l!ll!I!IIl!!IIII!l|l!il![IIIIIl|[!I!lIlll!I!lI i!l!ll!lIl!l!lli!!!Ii!IU!iiIIIIIII!l!IIillIIII!ll!I!l!l!!!l!]l!!IIHl!II!lllllil!!!ll!I!!lllllI!n[!IIIil|{l!lll!ll!!l!!lll!l!!ll!ll!!nS ten, da die zu den Innungen nicht zugelassenen Juden als Außenseiter den organisierten Handwerkern und Kaufleuten eine unliebsame"Konkurrenz machten. Tie christliche Bürgerschaft benutzte daher jedes Mittel, um die Konkurrenten aus der Stadt zu verdrängen, wozu sich nach dem Brande des Jahres 1590, der einen erheblichen Teil des Judenviertels in Posen zerstörte, wieder einmal Gelegenheit bot. Tie gehässige Verfolgung der durch den Brand obdachlos gewordenen Inden ging so weit, daß ihnen in der Stadt nicht das kleinste Unterkommen gewährt und ihnen auch nicht erlaubt wurde, in den Vorstädten Wohnräume zu mieten. In dieser höchsten Not entstand ihnen in dem reichbegüterten Wojwvden Sigismund Grundzinski ein Netter, der den Wunsch hatte, daß in der Nachbarschaft eines seiner Dörfer eine neue Stadt entstehen möge, für die er dm: obdachlosen Posener Juden so viel Grund und Boden unentgeltlich und kostenlos aubot, wie sie für ihre Häuser und Gärten haben wollten. Auch stellte er ihnen für ihre' Häuser und öffentlichen Gebäude unentgeltlich Bauholz zur Verfügung, errichtete aus eigene Kosten die Fleischverkaufsstände, die Stadtwaage und den Brunnen zu dem rituellen Franenbad, bewilligte für alle öffentlichen Bauten und Anstalten für ewige Zeiten völlige Zinsfreihcit und gewährte den jüdischen Ansiedlern durch das Privilegium vom o. Juni 3G*J 1 völlige Freiheit für die Ausübung aller Gewerbe. Schließlich verpflichtete er sich auch noch, für 'sich und seine Nachkommen auf sein ritterliches Ehrenwort, die Privilegien zu halten, was dann auch geschah. Die Juden, die somit als die Gründer der Stadl Schwersenz zu bezeichnen sind, waren auch noch etwa zwanzig Jahre nach der Begründung der Stadt ihre alleinige n Bewol/ner. Erft dann zogen die durch die Gegenreformation ans Posen vertriebenen Protestanten hinzu. Tie Juden bildeten jedoch auch dann noch die überwiegende Mehrheit. Erst als die Stadt im Jahre 17W unter die preußische Herrschaft kam, änderte sich dies Verhältnis. " Immerhin waren auch noch in der zweiten Hälfte des JO. Jahrhunderts von den rund 3000 Einwohnern 1000 Juden und 1400 Ehristen. * Eigenartig wie die Geschichte dieser ausschließlich von Juden begründeten und meh-> rcre Jahrzehnte mir von Juden bewohnten Stadt ist bei den Inden von Schwersenz und ihren Söhnen auch die, besonders im Verhältnis zu der geringen Einwohnerzahl des kleinen Städtchens, große Zahl von Persönlichkeiten. die später zu hohem Ansehen aus- AM MNM im $5ctUncc MimLund Auf dep Bühne steht ein großer schwarzer mgel, und an diesen großen schwarzen lüget setzt sich eine zarte, kleine, schmale :au mit sehr roten Haaren und mit eurer armorweißen Stirn und mit Augen, die nst sind, und die lachen können, und mit aem schönen Mund, der jede Stimmung rszudrücken vermag. Aber das sehen, hören, lsien wir erst im Lause des Abends. Zuichft sehen wir nur diese reizende, zarte, rotmrige Frau — eigentlich müßte ein Mann 3er sie schreiben und noch dazu ein zriker — in einem würdigen schwarzen ransparentkleid mit einem Marie-Annnette-Spitzenschal vor dem Flügel, und Lin singt sie als Erstes ein russisches Volksed, und sie begleitet sich selbst, und wrr vereher: kein Wort, denn es ist ja russisch. und ir fühlen doch jedes Wort und iede üance, denn die ganze kleine üyrau ist nrusillischer Nhythmus. und ihr Gesicht spregelt des Wort, das sie singt, und der ^mue 'ringt schon beim ersten Lied über aus das -ublllum, und das verstärkt sich beim nachen — dem deutschen Geschichtchen von der rinzessin aus der Erbse —, und wieder beim ächsten. wächst zum Jubel der Begeisterung nd schmilzt all die Menschen un auserkauften Hans zu einer Masse zusammen, ie der zarten jungen Frau auf dem Podium r jeder Stimmung folgt, vom Ernsten rn^ »eitere, vom Jüdisch ° Melancholischen riw iusnsch-Volkstümliche, von dem Sternenimnra ins Schlafzimmer. N-emalwrrd iofe Krau plump, die gewagte,ten Duige ngt sie Mit scharmanter Grazie, IN jedem lon und in jeder Geste, in jeder Fingerspitze ühlt man den Verstand oder den stuckt, vn dem sie einmal so hübsch singt, den ^zn» tinlt. für das. was wir hören wollen, was vir heute zu hören ertragen — und wenn ruch das eme oder das andere Lred uns — und vielleicht auch ihr — nicht so ganz liegt, well es für i h r e Zartheit vielleicht zu derb und für unsere Ohren und Nerven zu „billig" ist, so adelt ihr Vortrag auch diesem Stoff, Mid wir danken ihr auch dafür. Aber Dela Lipinskaja bleibt nicht immer die seine Dame im schwarzen Samtkleid im Marie-Antoineite-Stil. in dem sie Marcellus Schisser und Christian Morgenstern, Hans I. Modrze usw. singt. Sie gibt auch Figurinen Phot. Herbert Sormenfeld «um besten, und die sind er« das Lied vom Leviathan-Schmaus -und tanzt jmrgenhaft vergnügt, well doch alles so schön sein wird beim Mahl der Frommen; und dann wieder kommt eine russische Dorfschöne, die „Hofmusik" macht, urid schließlich eine russische Hölzpupe mid wieder hören wir Laute, die wir nicht verstehen und sehen und fühlen in dem fremden Bäuerinnengewand einen Menschen. der uns mitreißt und der - uns beglückt. Und nach der Panse erscheint sie ganz duftig in einem mattlila Stilkleid und singt und spielt Nocllinghoff und Peter Scheer, Ringeln,rtz und Peter Herz und noch eimnal Christian Morgenstern," und das Publikum zwingt sie wieder und wieder zu Zugaben, und sie spendet aus dem Reichtum ihres Könnens mehr mrd mehr. Und als man endlich das Theater verläßt, hat man das Gefühl, eine Sinfonie von Musik, Geist und' Grazie erlebt zu haben. Aber Dela Lipinskaja begleitet sich nicht immer selbst. Wenn der Stofs die Mimik der ganzen Frau verlangt, dann setzt sich ihr Gatte Walter Lajtai-Lazarus an den Flügel und begleitet sie mit der Hingebung eines Menschen, der den Lebensrhythmns eines anderen Menschen ganz erfaßt hat. Und zwischen den Figurinen spielt er amerikanische Transkriptionen, die ganz einfach klingen, aber sicher sehr schwer zu spielen sind, und die sich der Stimmung des Abends so harmonisch einfügen, daß sie nicht etwa als Unterbrechung, sondern als verbindendes Zwischenspiel wirken. Was ist Kleinkunst? Wir haben diese Frage in den letzten Monaten häufig gestellt. Was wir Sonnabend abend erlebten, ist Kleinkunst in hoher Vollendung, eine zeitlose .Kunst, die uns selbst dann noch entzückte, wenn sie uns — weniger espritvoll vorgetragen — verletzt hätte. Hier siegte das Wie über -das Was. Und dieses Wie mar unvergleichlich. Dennoch bleibt für die jüdischen Dichter die Aufgabe, auch für diese Künstlerin den zeitnahen Lortragsstoss zu schaffen. Dr. 21. E. RvÄ fein 1U örs Mrünrr Theaters Die Intendanz deS KulturbundeS deutscher Juden teilt mit: „Zu den in der Presse erschienenen Nachrichten über die Versteigerung des Berliner Theaters teilen wir mit. daß der Kulturbund deutscher Jiwen sowohl vertraglich wie baupolrzeilich zunächst bis zum 'Ablauf dieser Spielzeit das Recht hat. seine T h e a t e r a u f s ü h r u ngen fort zu setzen. Verhandlungen bezüglich der nächsten Spielzeit sind sofort eingelcitet worden." . EmM M UMm im Brrilner Kullurbuad Aus den geweihten Bezirken biblischer Prophetie und erhabener Sinnbildlichkeit ist die Knlturbundbühnc wieder auf die Erde herabgestiegen und bringt als zweite Schauspielpremiere der neuen Spielzeit zwei Stücke, die der realen Sphäre bürgerlicher Vergangenheit entstammen: Goethes „Geschwister" und Moliöres „Gelehrte Frauen". Es sind, unter der Perspektive des Judentums gesehen, völlig „neutrale" Stücke, aber sie erhalten ihre künstlerische Weihe schon durch die Namen ihrer -Blusen aus Bemberg die fesche modische Herbstkleidung der Dame. Prospekte und Nachweis durch: ■ Sigmund 8sgn!2l.-8.l£taoifz.! I- P P;5yC