Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 13 (1934)
- Issue
- 46 (15.11.1934)
- Date
- 1934-11-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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jOL_ -r- Nr.- 46 ioS^E®» mmm & &s ®mm G««Z Spandau, dicht vor den Toren Berlins, gleich, dltrig und ehemals gleichgestellt mit der heutigen Aeichshauptstadt, ist zum Aschenbrödel geworden. Tcr Berliner hat nicht viel übrig für die ein wenig strenge, arbeitsame'und stille Havelstadt. deren winklige Gäßchen mit ihrem kleinstädtischen Leben Sic nabe Metropole nicht ahnen lassen. Es gilt hier, ein wenig dies Unrecht der Nichtbeachtung gutzmnachen. Die Spandaner Inden haben auch nach der Eingliederung ihrer Stadt in die Verwaltung Eroß-Berlins ihre Selbständigkeit behalten — nicht ohne sich auf die ältere Tradition ihrer Gemeinde zu berufen. 1:325 mag Spandau gegründet ivorden sein, und schon 1307 berichtet ein Toknmcnt von den „Spandauer Juden". Bald daraus gelangt einer von ihnen namens Fritzen zu hohen Ehren: als Kammerknecht und später „Finanzminister" des Markgrafen Ludwig des Körners leistete er seinem Herrn so gute Dienste, das; dieser ihm das „Turmamt" in Spandau mit . allen Nutzen und Rechten" übcreignete. Die Sage berichtet, daß seit dieser Zeit der heutige Juliustürm .Judenturin" hieß, wie er auch tatsächlich jahrhundertelang genannt wurde,. Tragisch schließt das erste Kapitel der Spandauer Judenschaft. Jur Jahre .1510 raubte ein Kesselflicker aus Bernau in der Kirche 311 Knoblauch im Havelland eine Monstranz mit zwei Hostien. Man sing und folterte ihn. Er gab unter der Marter des Verhörs an. daß er die eine Hostie gegessen, die andere an einen Spandauer Juden verkamt chabe. Der Markgraf,.ließ... daraufhin alle Juden in der 'Mark Brandenburg verlosten. Unter der Folter gestanden die Juden, H'o* man von ihnen haben wollte. Ans dem Neuen Markt in Berlin. wurde die Gerichtsverhandlung abgehattcn. Der Kesselflicker und 38 Juden wurden verbrannt, zwei weitere, die sich hatten taufen lassen, zur Enthanptung begnadigt. Tie übrigen Inden wurden aus der Marl vertrieben: der Rat'von Spandau ließ die Juden der Stadt auf Wagen nach Bernau fahren. Der Spandauer Iudenfriedhof wurde aufgelöst, htc Leicheufteine zum Festungsbau verwendet: noch sahrhundertclaug ivaren sie mit ihren hebräischen Schristzeichcu in der Stadtmauer zu erkennen. Erst der Große Kurfürst holte wieder Juden in fein Land; die 50 ans Oesterreich vertriebenen jüdischen Familien, die er 1671 aufnahm, ließen sich in allen Teilen der Mark nieder, wo sie strengen Soudcrgeseßen .unterworfen wurden. Nur Spandau blieb bis zum Beginn des 18.Jahrhunderts ohne Juden. 1782 gab cs hier acht jüdische Familien, 1812 waren es zwanzig: aber noch 18g-; bildeten, nur sechs Familien die Spandauer Gemeinde. Sie mieteten sich ein Lokal, das für Gottesdienst und Schule verwendet wurde. Ein Rabbiner fehlte vorläufig noch, cs wurden leine Predigten gehalten. Zehn'Jahre später lvurdc die kleine Spandaner Gemeinde trotz ihres lebhaften Protestes an die große Kreis-Synagogengemcinde Nauen angeschlossen. Aber bald verlegte sich der Schwerpunkt ganz von selbst zurück nach Spandau, und dies um so schneller nach der Rcichsgründung, als die Svandaucr Staatssabrikcu der ^tadt einen gewaltigen Aufschwung gaben und sich somit die Lebensbcdiugungen günstiger als in dem ländlichen Nauen gestalteten. Aber erst in den neun* zsiwr Jahren wird Spandau wieder zu einer selbständigen Gemeinde. Am l. November feierten die Spandaucr Juden den -10. Geburtstag ihrer Gemeinde. Erft 180-1 kann man an den Ban einer eigenen Snnagoge denken. Bisher hat man sich mit den primitivsten Lokalen beholfen; am vornehmsten war noch die „Privat-Lynagoge der kinderreichen südischen Honoratiorcnfamilic Sternberg in der Breiten Straße — heute eine Wohnküche im Hintergebäude des Warenhauses ^ternberg, mngcben von den modernen Anbauten dieses Großbetriebes, ein vergessenes Stück Romantik aus alter Zeit. Desto schöner ist die neue Synagoge, die heute dreihundert Gläubigen Platz bietet, aber für die sechshundert Seelen starke Gemeinde fast schon wieder zu eng geworden ist. Geradezu dramatisch ist der Kampf, den die Spandauer Juden um ihren Friedhof auszuscchten hatten. Seit der Zeit der Vertreibung der Juden aus' Spandau wurde hier kein neuer Friedhof angelegt, und man begrub die Toten bis l858 aus dem jüdischen Friedhof zu Berlin. Da griff hier der Großvater des heutigen Gemcindevorsitzenden Sternberg ein und erwarb eine Parzelle in den ..Schülerbergen" hinter dem Schützenhans. Es war ein. romantischer Platz, aus dem sich ohne sichtbare Ordnung die Grabsteine ancinandcrreihten. Ein Gebüsch an Stelle eines ZauneS trennte den „guten Ort" von der so ganz andersartigen Umgebung: dem. Gelände des MilitärfiSkus. Die Soldatenstadt Spandau erhielt nach 1871 ein immer militärischeres Gesicht. Ans dem fiskalischen Gelände in den Schülerbergcn entstanden die „Wagenhäuser". Der Iudenfriedhof blieb in der Mitte liegen und war bald umgeben von kriegerischem Getriebe. Dis vor zehn Jahren hatte der Friedhof keinen eigenen Zugang. Wollte man ihn besuchen, so mußte mau das Militärgeläude durchqueren; und zwar unter Bewachung eines Soldaten, der die Aufgabe hatte, die Besucher zum Friedhof zu begleiten. Der Gemeindevorsitzende erzählt gern davon, wie er selbst während seiner Militärzeit an den Schülerbcrgen .FBache schieben" und seine Glaubensgenossen mit geschultertem Gelvehr auf den Friedhof begleiten mußte. . . Als nach dem .Weltkrieg die Stadt, den Friedhof erwerben und ihn dem fiskalischen Gelände angliedern wollte, drohte die Gefahr der Erhnmiernug. Herr Sternberg entschloß sich daher, ein Stück Land dazu zu kaufen, lim einer, neuen eigenen Zugang zum Friedhof zu schaffen. Heute gelangt mal, durch einen umzäunten Weg zur Stätte des Zin^s: Jüdenstresse. Oben rechts: Frühere Noisynagoge in der V/cI-.rzkiiche der Familie Sternberg. Unten: Neue Synagoge. ßr Schweigens. Aber wenn ein Krieg ausbrechen sollte — das ist im Kaufvertrag festgelegt —, mutz der Zaun fallen. Tapfer und beschaulich, arbeitsam und beharrlich geht die Spandauer Iudenschast ihren Weg. Die kleine Gemeinde vor den Toren Berlins, betreut seit mehr als 17 Jahren von ihrem Rabbiner Dr. Arthur Löwen stamm, geleitet von den drei Herren des Vorstandes Julius Stern borg, Louis S a l 0 m 0 n und dem Mediziner Dr. Josef K a l l n e r, hat ihre Eigenart bewahrt, trotz der alten Tradition, zugewandt einer segensreichen Zukunft. L—r. l *1 s&y . 5 > l IAA Die DonnerStagsdortragsreihe des Berliner Jüdischen Lehrhauscs sind infolge der großen Nachfrage nach Hörerkarten in einen anderen Raum verlegt lvvrden. Der nächste Vortrag über „Räume jüdischer Geschichte" von Dr. Joachim Prinz findet daher am Donnerstag, dem 22. November, 20V- Uhr, im Friedens» t e m p e l statt. \ '\ Fotodienst Arno Kiknler Eine Ztnlrale der jüdifÄen Wanderung Juden, vornehmlich aber dessen Hamburger Zweigstelle unter Leitung von B. C ha fiel, haben hier eine der wichtigsten Hilssausgaben vollbracht, welche die jüdische Welt in den vergangenen Jahren kannte. - L. Vor wenigen Tagen wurde in Hamburg das Uebcrsecheim der Hamburg—Amerika-Linie geschlossen, eine Anlage, die in der Geschichte der jüdischen Auswanderung der letzten Jahrzehnte eine große Rolle spielte, in der Hundcrttansende von Inden, die durch die Verfolgungen ans ihrer Heimat im Osten Europas vertrieben wurden, die letzten Tage aus europäischem Boden verbrachten, bevor sie den Weg in die neue Welt und in ein nngeuüsses Schicksal antraten. Wenn diese Hallen erzählen könnten, es wäre lein E>,de zu finden von all dem Elend, das hier dnrchgegangcn ist. von den Seufzern und der bitteren Not, die ihre Räume gesehen, aber auch von der Hilfsbereit- ' schaft und der Menschenliebe, die versuchten, den Unglücklichen beiznstehcn und sie einer besseren Zukunft znzusühreu. . . Tie Gründung der „Auswanderer- Halle n", wie das Uebersceheim ursprünglich hieß, ist noch auf Albert Batlin zurückzu, führen. Bei der Eholeraepideinie im Jahre l 892/3 hatte es sich gezeigt, daß die Räumlichkeiten in der großen Hafenstadt Hamburg zur Unterbringung von Auswanderern bei derartigen besonderen Vorkommnissen nicht ausreichten, und mit der Großzügigkeit, lvie sie Batlin auszeichnete, wenn es sich um Pläne handelte, die er einmal als richtig erkannt hatte. ließ er aus dem Gelände südlich des Hamburger Freihafens, der sogenannten Veddel, eine Anlage erstehen, deren Umfang einer wohlorganisierter! kleinen Stadt entsprach. Mit einem Kostenansivand von 3 Millionen 'Mark wurden diese Ausrvandercrhalten errichtet, die 1901 in Betrieb genommen und 1906 so erweitert wurden, daß sie 4000 Menschen Aufnahme gewähren konnten. Tie jüdischen Auswanderer, welche über Hambürg gingen, stammten in den Jahren vor dem Krieg zum weitaus größten Teil aus Rußland, Galizien, Rumänien und Ungarn, nach dem Krieg meist aus Littauen und Polen, nur zum geringsten Teil aus Deutschland selbst. Die großen Wellen der Jndenversolguugen in Rußland und Rumänien spiegeln sich deutlich in den Zahlen der hier dnrchgegangenen Auswanderer. Da die vorhandenen Statistiken teils nach Auswanderungs- und teils nach tziuwanderungsläudern geführt wurden und eine Trennung nach Konfessionen erst später vorliegt, sind die Zahlen der hier durchpassierten jüdischen Auswanderer für das erste Jahrzehnt des Jahrhunderts nach der Errichtung der Hallen nicht genau anzugeben. Sie bewegten sich alljährlich in einer Höhe zwischen etwa 12 000 und 38 000 Seelen. Von 1901 an nahmen diese Zahlen ständig zu' und erreichten einen Höhepunkt im. Jahre 1905, muh den großen Judenverfolgungen in Rußland, stiegen bis 1908, nahmen dann wieder etwas ab, um 19U von neuem anzusteigeu und mit 38 997 Auswanderern ihre höchste Ziffer im Jahre 1913 zu erreichen. Während des Krieges wurden die Hallen als Marinelazarett verrvandt, und erst 1921, als die deutsche Schisfahrt wieder in Wettbewerb treten konnte, wurden sie von neuem ihrem eigentlichen Zweck zugeführt. 1921 gab es 6184 jüdische Auswanderer, die l)ier eiugeschifit wurden, 1922 7698. 1923 8325. Diese bis dahin steigenden Ziffern fielen plötzlich im Jahre 192-1, als daS Haupteiuwanderungslaud, die Bereinigten Staaten von Amerika, seine Einwanderungs.beschränknngen ein« führte. So waren es 1924 nur noch 1968 jüdische Auswanderer, denen von hier aus die Ausreise erlaubt wurde. Im Jahre 1933 fanden nur noch 795 jüdische Ansiva«derer den Weg über Hambürg, im lausenden Jahre bisher 746, deren größerer Teil aus deutschen Juden bestand. Die anderen jüdischen Auswanderer der letzten Jahre waren meist Littauer, die für Südafrika bestimmt Ivaren, oder Polen, die Passage aus einer polnischen Linie genommen hatten, die ihre Schiffe von hier auslausen ließ. 1924, als die Eimvandernngsquote nach den Bereinigten Staaten plötzlich herabgesetzt wurde, mußten etiva 150 jüdische Auswanderer in Hamburg Zurückbleiben, weit die russische E'mwanderungsquvte für Amerika erschöpft war. Ihnen wurde das lleberseeheim für einige Jahre zur ständigen Heimat, wo sie bleiben mußten, bis die Weiterreise ermöglicht werden konnte, da ihre Unterbringung in Deutschland unmöglich war. Vorbildlich waren die Einrichtungen für die rituelle Verpflegung der jüdischen Gäste. Das Heim enthielt auch eine schöne Synagoge, in der bis vor kurzer Zeit fast täglich Gottesdienst abgehalteu wurde. In den letzten Jahrzehnten betreute in allen jüdischen Angelegenheiten der Leiter des Fremdenpflegeheims der Hamburger Deutsch-Israelitischen Gemeinde, des Dnuiel-Wvrmser-Hauses, Albert Halberstadt, das Heim. Nach seinem Hinscheiden im vergangenen Jahr wurde die Synagoge geschlossen und das heilige Gerät daraus entfernt. Auch die Koscherküchen lvurden aufgehoben. Jetzt schloß das Heim, das in letzter Zeit vielfach noch der Bewegung „Kraft durch Freude" als Massenquartier gedient hatte, gänzlich seine Pforten, da der Staat als Grundeigentümer den Vertrag nicht mehr verlängern konnte, weil das Gelände für staatliche Zwecke gebraucht wurde. Der H i l f s v e r e i n der Deutschen MW Die ReichsverLretling bet deutschen Juden er« läßt nachstehenden Ausruf: Unserer jüdischen Schuljugend ist jetzt eine Möglichkeit gegeben, die Stunden des Sabbats zu eigen zu gewinnen. Tie jüdischen Schüler können aus Antrag der: Erziehnngsbcrechtigten am Sonuaber'd vorn Schul» besuch befreit werden. Der Unterricht am Sonnabend ist durch die Einführung des Staatsjugendtages neu geregelt. An. diesem Tage sinder für oatz 5. bis 8. Schuljahr wissenschastlirtier Unterricht nicht mehr statt. Anregungen, die die Reichsvertretung den Gemeinden übermittelt, wollen aufzeigen, wie der Sabbat für unsere Jugend gestaltet werden kann, damit sie es 10jeder lerne, den Sabbat zu halten. Für ein Werk seelischen Aufbaues, für die innerliche Aufrichtung soll eine Grundlage bere.tet werden. Ein feierlicher und festlicher Sabbat soll die.Freude am Judentum und damit die Freude am Leben stärken. Wir rechnen daraus, daß unsere jüdischen 6E tern-sich dieser großen Möglichkeit eröffne!, und dieser bedeutungsvollen Ausgabe Verständnis entgegenbringen." * Wie wir erfahren, iverden die in diesem Aufruf erwähnten Anregungen. in einem Rundschreiben der Rcichsvertretung cm die Gemeinden enthalten sein, das in den nächsten Tagen zur Versendung gelangt. Es wird Vorschläge für die .Ausgestaltung des Sabbats in Form eines Rahmenprogranuns enthalten. Wenn der Freitag abend kam und die Sonne . unterging, da waren in früheren Zeiten die geschäftigen und tätigen Juden mit einem Male verwandelt, alle ihre Sorgen sielen von ihnen ab. und sie wurden wieder „Mensch mit menschlichen Gefühlen". Ten ganzen Schabbath über war die Not vergessen, und jeder Jude fühlte sich als Herr und Fürst. An den Schabbath-Nachmittagen las man ans den alten Büchern und freute sich an LLüMLKZZ S0 vmmmKL Stoffe Wäsdie * Kleidung Gardinen * Teppidie Möbel :r—q i B ■\r If W if ^3 ' 7 ". - 1 n er—1 1£ | $ uJ )\ . A, JOUL J . JL-j BERLIN Ca * SEAN DAUER STRASSE KÜNl&STRASSE m