Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 13 (1934)
- Issue
- 46 (15.11.1934)
- Date
- 1934-11-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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XIII. Jahrgang / Nr. 4^- Berlin, 15. November 1^34 Preis 20 Pfennig M T II M Diese Nummer umfasst 10 Seiten . - Sie enthalt tu a.:- . Hauptblatt: Cross-Berliner Kundgebung des C.-V. — Auslandsnachrichten. 2. Beiblatt: Juden m der Soldatenstadt— Ich t>ar im Variete, von ben Israel — Die Juden in der Schweiz. 2. Beiblatt: V/irtschaft der Woche — Zur Rassenfra^e — Sport der Woche. 3. Beiblatt: Die Versteigerung der Sammlung Ottmar Strauss-Festtag in Afrika, von Dt. R. Pinner — Fahrt ins Poscnsche, von Arno Herzberg. 4. Beiblatt: Das Blatt der deutschen Jüdin — Kleine Herbstmusik. von Artur Silbergleit M m. Ut'wIVU’L-j'U ff(\ l/f mro r II A. H. „lieber ben Versuch, wie die Gefahr eines Auseinanderlebens ber jüdischen Schichten vermieden werben könnte, soll in einem zweiten Aussatz gesprochen werben/ Mit diesem Sah schloß unser Leitartikel in der vorwöchigeu Nummer ber „E.-V.-Ztg.". Vorangegangen war die Feststellung, baß sich innerhalb der jüdischen Gemeinschaft gegenwärtig Entwicklungen vollziehen, die bas deutsche Judentum auseinanberzusühren geeignet sind. Um welche Erscheinungen handelt es sich? In erster Linie muß die nationaljüdische Stellungnahme zur jübischen Gegenwart in Deutschland in ihrer veränderten Ausdrucks- Achtung, 4. Beiblatt! Das Blatt der deutschen Jüdin ■ form gegenüber der Zeit vor dem Januar 193) /gewürdigt werden. Von aller theoretischen Betrachtung fern, läßt sich bis 1933 eine Wirkung der zionistisch-mationaljüdischen Propaganda in doppelter Hinsicht beobachten. Die stärkere war die Weckung des Interesses an Palästina; es hat sich seit 1933 nicht nur wicht abgeschwächt,. sondern Derständlicherweise noch verstärkt.' Die zunehmende Intercssierung weitester auch nichtzionistischer Kreise am Palästinawerk, und' die Investierung sehr erheblicher Beträge, die für die Behebung der Lage der deutschen Juden in der Welt gesammelt wurden, die aber nie nach Deutschlnd kamen, sondern unmittelbar Palästina zugeführt wurden, haben allerdings in zahlreichen Menschen die Empfindung geweckt, daß es sich hier um ein nur in zionistischer Treuhändersehaft befindliches gesamtjüdisches Werk handele, wie ja auch die Jewish Agency zu gleichen Teilen aus Zionisten und Nichtzionisten besteht. Tie zweite Auswirkung war die Renaissance des jüdischen Bewußtseins. Hier hat sich ein sehr bemerkenswerter Bedeutungswandel vollzogen. Tie Rückwirkung der zionistischen Forderungen nach einer stärkeren Weckung der nationaljüdischen Energien und Fähigkeiten in einer Zeit, in der im Zuge der Epoche mehr auf den Ausgleich der Unterschiedlichkeiten zwischen den Juden und der Umwelt in Deutschland als auf ihre Vertiefung Wert gelegt wurde, war in viel stärkerem Maße eine Erhöhung des jüdischen Bewußtseins als eine Bejahung der natiortaljüdischen Theorie. Wir wissen, daß begeisterte Zionisten sich 1914 kriegsfreiwillig gemeldet und tu den Schlachten des Weltkrieges bewährt haben, und daß Zionisten nach 1918 keinen Augenblick Bedenken trugen, Negierungsämter Zu übernehmen, um sie mit ehrlichstem Wollen auch auszufüllen. Für diese Menschen war Zionismus der Ausdruck der Zeit für ein betontiüdisches weltliches Judentum. Darum war auch sein Anhang in den religiös gebundenen oder in den liberalen, aber von echter Neligiontät erfüllten Kreisen des deutschen Judentums verhältnismäßig gering. Die zionistischnationaljüdische Idee in ihrer letzten Aus-- prägimg wurde theoretisch sehr eifrig. erörtert. Aber das Verhalten der Zionisten in den entscheidenden Vionaten des vergangenen. Jahres zeigte, daß sie zu keinerlei praktischen - Konsequenzen führte. Damals ist in besonderer Deutlichkeit sichtbar, geworden, daß diescheinbare Bestätigung der zionistischen Idee durch Ereignisse nicht im Sinne politischer Aspekte, wie etwa nationale Minderheit oder nationale Autonomie erfolgte, sondern daß hier Zionismus, jüdischer Stolz und jüdilches Bewußtsein,. jedenfalls im Empfinden der Masse, absolut gleichgesetzt wurden. Wir sind die letzten, die dies bekämpfen wollten. Die Entwicklung hat aber gezeigt, daß das deutsche Judentum der ihm nahegelegten - Identifizierung von Zionistisch und Jüdischbewußt in seiner übergroßen Mehrzahl nicht gefolgt ist. Vielmehr ist, durch die Außensituation hervorgerufen, das Streben aller ernsthaften jüdischen Menschen in Deutschland nach einem Verstehen und Wissen und Verbundensein mit, dem .Judentum so stark geworden, daß es die Ursächlichkeit, des zionistischen Anteils an der Erweckung zwar als geschichtliche Tatsache und als Aktivum des zionistischen Gedankens wertet, aber daß .man keineswegs bereit ist, nun umgekehrt sein eigenes gestärktes und gewecktes jüdisches Bewußtsein als zionistische Bejahung zu empfinden. Der deutsche Zionismus hat die Er- . kenntnis dieser Entwicklung vielleicht schon in seinen führenden Persönlichkeiten seit längerem, hat sie aber erst seit kurzem auch praktisch-agitatorisch zu berücksichtigen begonnen. Es sind bisher'wenige, aber um so charakteristischere Vorgänge, die erkennen 'lassen, daß der deutsche Zionismus die Mög- *' 'lichkeit, in ein jüdisch-bewußtes und von jüidischem Wertgesichl erfülltes deutsches Juden- 'tum einzugehen, nicht Gebrauch zu machen beabsichtigt, sondern seine eigentliche, thev- .retische Cedankensührung, seine ursprüngliche theoretische Zielsetzung mit Schärfe wieder zur Darstellung bringen will. Und da nun zwei Bemühungen offene Türen einrennen, das Palästina-Problem und das jüdische Bewußtsein, muß er notwendigerweise auf den Gebieten scharfe Abgrenzungen wählen, auf denen es kaum praktische aber ideenmäßige Unterschiede in der Beurteilung'jüdischer Zukunftsmöglichkeiten in Deutschland gibt. Und hier allerdings vollzieht sich ein Vorgang, der Zum Auseinanderbrechen des deutschen Judentums, oder:wie wir hoffen, nur zur Ab-' splitterung eines kleinen'Teiles aus der ins Positive gewendeten ZwangSeinheit führen könnte. Wenn wir uns Juden als die klassische Gemeinschaft betrachten, die die Fähigkeit hat, lange Zeiträume geistig zu überbrücken, so ist der Zionismus diejenige Anschauung, die die Zukunstspfeiler des deutschen Juden- - tums entweder in Palästina oder in einen von der deutschen Welt isolierten, vom Gefühl einer Fremdheit und Entfremdung erfüllten; jüdischen Lebensraum in Deutschland einbaut. lieber die Zukunft des deutschen Judentums Zuverlässiges zu sagen, ist weder den - Zionisten noch uns verliehen. - Die Verschiedenartigkeit der Beurteilung läßt sich am 'knappsten vielleicht so ansdrücken: Der Ziouismus hält die Herauslösung des deutschen ..Judentums aus den deutschen Zusammen- ' hängen, sei es nach Palästina, sei es in Teutsch- Die Kraft . jedes wirksamen Organismus hängt aufs engste von der Zuverlässigkeit ab, mit der alle seine Teile untereinander verbunden sind. Er lebt, er funktioniert nur dann, wenn sein Tri ebstoss sich bis in die kleinsten, von der Quelle entferntesten Teile des Gesamtwesens answirkt und wenn umgekehrt aus diesen peripheren Zellen dem Zentralmotor immer neue Lebenssäfte Zuströmen. Die große, weitverzweigte Organisation des E.-V. hat ihre Stärke gerade in den 'letzten Monaten unter Beweis stellen können. In allen Teilen des Reiches haben unsere Freunde den Kontakt mit Gleichgesinnten, den der C.-V. ihnen gab, als einen Trost, als Hoffnung und Stärkung empfunden. In großen und kleinen Gemeinden werden Berufskreise und gesellschaftliche Gruppen durch ein geistiges Band zusammengehalten, das aus den Aussätzen und Nachrichten der C.-V.-Zeituug geflochten wird. Die Aeußerungen der freudigen Zustimmung, mit denen' die Vertreter des E.-V. überall, in Versammlungen oder' Ausspracheabenden, begrüßt werden, die Anregungen, die unsere führenden Freunde von jeder Reise heimbringen, ' sind Beweis für die Lebendigkeit unseres Organismus. Nur Berlin,' die Weltstadt, der'„Wasserkopf", ist ein'Sonderproblem. Wohl lesen' auch hier Tausende und aber Tausende die „E.-V.-Zeitung", werden. Zustimmend oder kritisch, zu Gedanken angeregt, die ' sie viel-' - leicht' im engen Freundeskreise austäuschen,' aber: es fehlt hier die-Wechselwirkung.- Hier ist der Blutkreislauf nicht stark genug, aus dem Herzen des E.-V. strömen die spendenden Säfte, aber nicht in genügendem Maß erhalten die Verantwortlichen.Kunde, wie fie! wirken. Die Ursachen liegen im Wesen der Groß- . stadt, wo . ein Jude kaum seine Glaubensgenosien im Hause, geschweige in der Straße oder im Bezirk kennt. Wie viele gibt es. hier, die ihre jüdischen Sorgen erleichtern könnten, wenn sie einen Menschen hätten, sich ihm an-' zuverlrauen. , Wie oft werden wohl Probleme dos. Tages von einzelnen schwer überprüst uM als unentwirrbar befunden, die die gemeinsame Arbeit im C.-B. längst gelöst hat. Teile der jüdischen Bevölkerung Berlins wissen vom E.-B. nicht mehr, als daß er eine Zeitung herausgibt, von seiner Arbeit und Leistung können sie sich kein Bild machen. So hat der E.-B. manchem Juden an der Ostsee oder am Bodensee geholfen und weiß vielleicht nichts von den - Nöten eines Glaubensgenossen in Friedenau, dem er gern Helsen möchte und oft auch könnte. Ter Vorstand, dem die Sorge für die Mitglieder in Groß-Berlin anvertraut ist, hat sich jetzt aufs neue mit dem Problem der Beziehungen zwischen Leitung des Vereins und seinen Mitgliedern beschäftigt. : ■ Zeitung und' Versammlungen allein reichen nicht aus, um den notwendigen Kontakt herzustellen, der jedem Mitglied das Bewußtsein geben soll, mehr zu sein äks der Abonnent der größten jüdischen' Zeitung: Lebendiges Glied einer starken Kette, die eine Schicksalsgemeinschast umschließt. Eng sollendie Mitglieder mit den Führern dieser"Gemeinschaftdem Vorstand des Vereins, verbunden sein. Wissen um des anderen Note ist Voraussetzung für das'Helfen. ' - Ein-paar Menschen, die mit der Tagesarbeit der Zentrale bestens vertraut sind und' bleiben, werden unsere Freunde aufsuchen und sich mit ihnen aussprechen. Nicht Ausgabe des Seelsorgers, Arztes oder Anwalts sollen' sie erfüllen, auch nicht etwa Helfer sein der, Wohlfahrt und Fürsorge. Sie sollen vornehmlich sein Mittler zwischen Mitgliedern und Vorstand, . Vertrauensleute deutscher Juden, die das Erleben des'einzelnen dorthin tragen, wo das Erleben vieler zu starker Auswirkung, in der Umwelt gebracht wird.- Wir erwarten, daß unsere Mitglieder den Besuch unserer Vertrauensleute verlangen, wenn sie unseren Rat benötigen; wir bitten aber auch,' sie zu empfangen, wenn wir den Kontakt' von uns aus suchen. Daun werden diese Männer sein, was wir erhoffen: lebendige Bindungen im Organismus des Eentral-Vereins. Dt. Bruno Glascrleld, land selbst, für gewiß; uugeiviß ist der Zeitpunkt. Wir halten; eine spätere Wiedereinsügung für gewiß; ungewiß ist der Zeitpunkt. Der Zio» nismus will über.die Vorstufe einer jüdischen Erweckung zur nationaljüdischen Empfindung hinsühren. W i r sehen in der Erstarkung des jüdischen Bewußtseins, dem wir mit kühlem Kops und heißem Herzen dienen, die geistig-seelische Fundierung unseres Beharrens in Deuts ch l a n d. Und da auch von zionistischer Seite dis Unmöglichkeit des Herauslösens durch totale Auswanderung zugestanden wird, bedeutet bi*ä Anerkennung des Herauslösens innerhalb bei deutschen Grenzen, bedeutet die Verstärkung und Vermehrung der von außen her geschaffenen Trennnngstatsachen durch jüdisches Zutun eine Verstärkung der Tendenzen, die die Wiedereinfügung unmöglich machen. Wir müssen einer Seolenentwicklung in den Massen des deutschen Judentums entgegenarbeiten, die . uns zu Juden mit „limitiertem" deutschen .Hcimatwillen macht oder zu Auswanderernaus Termin. Dieser Abbruchstimnumg int deutschen Judentum durch zionistische Gedankengänge, gleichgültig, ob sie aus.Auswanderung 'gerichtet sind oder mit Verbleiben rechnen, -muß mit aller Schärfe entgcgengetreteu werdet!. Menschen, die in ihrem Beharrung-?, willen oder '-in der inneren Gewißheit einer günstigeren Entwicklung des deutscheu- Judentums erschüttert sind und verzweifeln, sind vielleicht ein günstiges- Agitations'- öbjekt. für zionistische Argumente. Aber sie sind kein Menschenmaterial, mit dem man, .in engerem und ärmlicherem Rahmen, das deutsche Judentum neu ausbauen kann. An den deutschen Zionismus ist die Frage zu richten, ob er glaubt verautivvrten zu können, die im Realen sehr deutliche Situation des -deutschen Judentums durch sehr irreale Theorienzu verwirren und zu erschweren. Denn selbst wenn unsere Vorstellung von der jüdischen Zukunft in Deutschland durch die Entwicklung der Tatsachen widerlegt ivürde. so ist ein sck)rtttweises-Anpassen an die Gedanken eines immer schärfer-sich herausbildenden Minder-- heitenschicks'alsgeschichtlich und seelisch gerechtfertigter als die Schaffung einer-seelischen Minderheiten st i m m u n g vor der notwendigen realen Minderheitenentscheidung. Für eine Minderheit der Zahl nach ist es niemals eine Schande gewesen, daß sie das Gesetz des Handelns nicht vorwegnahm, sondern, gegebene Gesetzlichkeiten berücksichtigte. Diese innerjüdische politische Klarstellung über die notwendige und von den. Zionisten betonte Unterschiedlichkeit der Wege mußte vorausgeschickt werden, ehe die seelischen und soziologischen Entwicklungen untersucht werden können, die eine, Gefährdung der innerjüdischen Einheit in sich bergen. In der Umwelt ist der Umsturz der alten Weltanschauung' vom Umsturz -der alten Formen begleitet gewesen. Im Judentum sind sehr viele überkommene Vorstellungen und seelische Sicherungen zerstört worden, aber die Formen sind im wesentlichen unverändert geblieben. Das Fehlen einer „innerjüdischen Revolution" ist trotzdem nicht zu bedauern;' denn Revolntionsergebnisse sind mindestens eben so sehr qualitätswie qnantitätsbedingt. Es ist möglich, daß die Qualität von netten Menschen, Persönlichkeiten von Opposition gegen die überkommene Ordnung des jüdischen Lebens. in Deutschland, ausgereicht hätte.- um die Führung zu -übernehmen. Aber die Massen- und machtmäßigen Voraus- . setzungen hierfür waren nicht vorhanden. Diese Tatsache ist jenseits von Genugtuung oder Bedauern als solche sestznstellen. Und da sowohl die bisherige Ordnung und Führung im Judentum ebenso n>ie die Geführten und vor allem die neuen teilweise zwangsläufig zum Judentum Hingcsührteu