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Central-Verein-Zeitung · 1934-11-01 · 44 (1.11.1934) · page 5

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
13 (1934)
Issue
44 (1.11.1934)
Date
1934-11-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
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9 In dem ersten Teil dieses Aufsatzes, den wir unter der Ileberschrift Weniger als eine halbe Million" in der vorhergehenden Nummer derössentlicht haben, sind die generellen Ergebnisse der Konfessionsstatistik des Deutschen Reiches, soweit sie die Juden betressen, ausgewertet worden. (tä folgen nunmehr die geographisch interessanten Erkenntnisse. die das veröffentlichte Material verinittelt. Auch für dieses Gebiet sei das Hauptcrgcbnis vorweggenommen: der Rückgang der Zahl der Judenist in den Teilen des Reiches relativ am stärksten, in denen der Anteil der Juden vor der Umwälzung bereits relativ gering und in denen auch absolut die Zahl der Zudeneine geringe war; absolut a in h ö ch st e u ist der Schr u m P f u n g s - prozeß natürlich in einer Anzahl am d i ch t e st e n b e s i e d e l t e n G r o ß st ä d t e. Es ist in den vorhergehenden Ausführungen durgcstellt rvorden, daß die Gesamtzahl der Juden in Deutschland zwischen 192.'; und 1933 um rund 65 »00 (64 697), das heißt um 11,5 Prozent abgenoinmcn hat. In den einzelnen Ländern bzw. preußischen Provinzen sind die Schwankungen des prozentualen Rückganges um den Reichsdnrchschnitt von 11,5 Prozent außerordentlich groß: sie bewegen sich zwischen über 33 Prozent und unter 5 Prozent. Am stärksten ist der Rückgang der Juden, immer prozentual betrachtet, das heißt geinessen an der entsprechenden Zahl von 1925. im Lande Braun schweig mit 33,03 Prozent. Z w i s ch e u 2 0 u n d 3 0 P r o z e n t beträgt der Rückgang in folgenden Ländern bzw. preußischen Provinzen: Mecklenburg, Schleswig. Holstein, Ostpreußen, Freistaat Lübeck, Anhalt und Tin'iringen. In der Mehrzahl der Länder bzw. Provinzen liegt die Abnahme z w i s ch c n 1 O u n d 2 0 Prozent, und zwar nach der Reihenfolge der Große der Abnahme in den folgenden: Grenzmark Posen-Westprenßen 09,2 Prozent), Pommern, Oldenburg. Ricderschlesien, Lippe, Hannover, Freistaat Hamburg, Bayern, Baden, Provinz Sachsen, Westfalen, Freistaat Hessen, Provinz Hessen-Nassau, Freistaat Sachsen, Hohenzollcrn, Rheinprovinz (10 Prozent). Unter 10 Prozcnt beziffert sich der Rückgang außer in der Stadt Berlin noch in Oberschlesicn, in der Provinz Brandenburg, in Württemberg und schließlich im Freistaat Bremen. Betrachtet man jedoch nicht den prozentualen, sondern den absoluten Rückgang. so stehen selbstverständlich die Gebietsteile an der Spitze, in denen die tatsächliche Zahl der Inden auch vor der Unuvälzung am höchsten war: So hat die Stadt Berlin einen R'ückgang von über 12100 Inden zu verzeichnen. In Wirklichkeit muß die Zahl der aus Berlin auSgewandcrten Juden deshalb viel höher sein, weil aus der Provinz eine größere Zahl jüdischer Menschen nach Berlin neu zugcivandert ist, eine Bcwcgungscrscheinung, die sich in dein Stichtagsergcbnis einer einmaligen Erhebung natürlich ziffernmäßig nicht zeigen kann. Den stärksten Rückgang nach Berlin hat im Rahmen der Länder bzw. preußischen Provinzen Bayern mit einer Abnahme von über 7200 zu verzeichnen, die Provinz Hessen-Nassau mit einem Rückgang von über 6300, die Rhein- Provinz mit fast 5800, das Land Baden mit fast 3500, Niederschlesien mit über 4800 usw. Diese Abnahmebcwegung in den einzelnen Gebietsteilen hat für den Stichtag vom 16. Juni 1933 zu folgenden Bestandszahlen der "Inden in den deutschen Ländern geführt: Land Zahl der Juden Mitte 1933 Preutzen . . . * . . , . 361826 Bayern » . . , , Sachsen Württemberg , : , . ', 10 023 Baden ...... . . , 20617 Thüringen , , . . . . . 2 882 Hessen . . , 17 888 .Hamburg ..... . . . 16 973 Mecklenburg. , . , . . . 1 003 Oldenburg . .? , Braunschweig , . , Anhalt. ... 901 Bremen ..... Lippe ...... . . , 510 Lübeck.. . , . 497 Schaumburg-Lippe . . ... 187 Deutsches Reich") . . . . . "499 652 Zur Vervollständigung dieses Bildes ist es nötig, sich die Verteilung der Inden innerhalb Prcntzcns, in dem 72,5 Prozent aller. Inden Deutschlands wohnen, näher anzusehen. Provinz Zahl der Anden Mitte 1933 Ostpreußen 8 838 Berlin.. . , . . , 160 564 Brandenburg. , 7 61(5- Pommern. . . . 6 317 Grenz,». Poscn-Westpreritzen . Ricderschlesien. , 25145 Oberschlesicn. 9 228 Sachsen.. 7146 Schleswig-Holstein. 3 117 Hannover ....... 12 611 v Westfalen ......... , 18 819 Hcstcn-Nastair 46 923 Rhcirrprovinz ....... , 52 426 Hohenzollern.. . 301 ' Preußen"). 361 826 Diele absoluten Werte rücken fedoch erst ins rechte Lichl, wem, sie zu der Gesarntbevölkerungl des betreffenden Gebietsteiles in Beziehung gesetzt werden. Ordnet nian zunächst die Länder nach der Dichte der jüdischen Bevölkerung, so ergibt sich folgende Skala: *) Ohne Saargebict. — Ergebnisse der amtlichen Reichssta'islic vom 16. Juni 1833. Freistaat: Unter IGO Einwohner» leben: .Hamburg. , , , , i 1,73 Juden Hessen ..... 1,52 Preußen .... 1,06 Baden 1,04 Bayern , , , - 0,67 Lübeck « . . » . 0,49 Sachsen , , , , 0,47 Bremen .... 0,45 Württemberg . , Lippe . 0,42 0,87 Schaumburg-Lippe 0,37 Braunschweig , , 0.35 Arrhalt ..... 0.32 Oldenburg . . , Thüringen . , , 0.28 0.22 Mecklenburg . , . » 0,18 Deutsches Reich , . . . 0,77 Inden. Innerhalb der deutschen Länder schwankt also die Dichte zwischen 0,18 Prozent in Mecklenburg und 1.73 Prozent in dem Stadtstaat Hamburg. Innerhalb Preußens sind die Schwankungsgrenzen jedoch noch größere, und zwar allein wegen des Anteils, den die Inden in Berlin einnchmen. Für die preußischen Gebietsteile errechnen sich folgende Dichtczahlen: Stadt Unter 100 Einwohnern leben: Berlin ........ 3.78 Juden Provinz Hcsten-Rastau. 1.81 „ Grenzmark Pof.-Wcftpr. 0.82 „ Ricdcrschlcsicn . . . . Rheinprovinz . , , . , 0.09 „ Oberschlesicn , , , , . 0.62 „ Hohenzollcrn , . . , . 0,41 „ Ostpreußen ...... 0,38 „ Hannover ...... 0,87 „ Westfalen 0,87 „ Pommern 0,83 „ Brandenburg . , , » , 0,28 „ Sachsen.. Schleswig-Holstein . , . 0,20 ,. Prentzen.. » Wie die vorstehenden Reihen erkennen lassen, ist der Anteil der Juden in rein agrarischen Bezirken besonders gering: je stärker ein Gebiet städtisch besiedelt ist, bziv. je mehr mittlere oder größere Städte in ihm liegen, desto größer ist die „Dichte" der Inden. Diese Feststellung ist kein Novnm. Die Zählung des Jahres 1933 beweist jedoch, daß sich die Tendenz, die darin znm Ausdruck kommt, noch verstärkt hat. Seit März 1933 bis zur Gegenwart ist eine größere Anzahl kleinerer jüdischer Gemeinden in Deutschland eingegangen; viele Inden aus Dörfern und Kleinstädten sind, soweit sie nicht ans Deutschland answandern konnten, in die nahegelegenen größeren Städte abgewnndert. So kommt es, daß Mitte 1933 mindestens 80 Prozent aller in Deutschland lebenden Inden in Großstädten zusammengeballt sind, so daß nicht nur in der Stadt Berlin, sondern auch in anderen großen deutschen Städten die Abnahme prozentual nicht so hock) erscheint, als cs dem Dnrchschnittsprozentsatz im Reich entspricht. Die Z n n a h m c der i n d i s ch e n Binnenwanderung, das' verstärkte Hindrängen der Wenigen in den Dörfern und in den Land- und Kleinstädten hinein in die größeren und großstädtischen Gemeinden stst eine der wichtigsten Erkenntnisse des geographisch-konsessionöstatistischen Merkmals, das nur diesen Ziffern verdanken. Soweit für die preußischen Großstädte Material zur Beurteilung dieser Frage vorliegt, das daS verstärkte Hindrängen der Inden in die Städte indirekt Zu haben in den guten Fachgeschäften. dadurch beweist, daß die prozentuale Abnahme unter dem Neichsdnrchschnitt liegt, sei hier angeführt. In der nachstehenden Tabelle sind die 35 'preußischen Großstädte nach der absoluten Zahl der in ihnen wohneirden Juden geordnet, beginnend mit der Stadt mit den meisten Juden, endend mit der kleinsten jüdischen Großstadtgemeinde in Preußen. Tic Spalte 3 der Tabelle enthält die Abnahme von 1925 zu 1933 in absoluten Zahlen, die Spalte 4 im Prozentsatz, gemessen an der Ausgangszahl jeder Stadt im Jahre 1925. Zahl Rückgang von 1933 Stadl der Anden gegenüber 1923 Mitte 1933 absolut v. H. Berlin .... 160564 12 108 7,01 Frankfurt a. M. 26 158 8 500 11,80 Breslau . , . 20 202 3 250 13,8(5 Köln. 14 816 1 277 Düsseldorf . . 5 053 151 Hannover , „ , 4 8:59 684 12,88 Esten .... 4 506 + 2 — Dortmund . * 4 108 816 7,14 Königsberg . , 8 170 891 21,94 Benthen O.-S. . 8 148 209 Wiesbaden . . 750 21,66 Duisb.-Hamb. . 2 560 12.12 Wuppertal . . 2 471 681 20,34 Stettin .... 250 Mafjcl .... 2 801 449 16.33 Rltona ...» 2 006 644 24,8 Magdeburg . » 1 978 888 16.43 Glciwih . . . 1 88(1 4,59 Gelsen l'irchcn . 1 615 100 Kres.-Uerdingen 1481 216 12,73 1 845 Hindcnbnrg O.-S. 1 154 7 OR 150 12,14 Bochum . . , 228 17,69 M.-Gladbach . 9<>7 46 4,88 8-51 + 12 Bielefeld . . . 86 9.74 Münster i. W. . Oberhanscn . . 161 2:5.47 Kiel. 13,72 Mülheim-Ruhr. 517 111 17.68 Hagen .... 508 138 20,75 Harb.-Wrlhclmsb . 815 89 22.03 Remscheid .' . . + 12 Solingen . . . 217 20,08 Diese wichtige Zusammenstellung läßt Huf Gruppe von preußischen Großstädten hcrvortreten, in denen der Rückgang besonders hoch, und: eine roeitere, in der er relativ gering erscheint. N c b e r 2_° P r v zent ist der Rückgang in folgenden Städten: Altona, Harburg-Wilhelmsbirrg. Königsberg, Wiesbaden. Oberhansen. Wuppertal, Mülheim - Ruhr und Solingen, unter 10 Prozent bleibt die Abnahme von 1925 zu 1933 außer in Berlin noch in Köln, Dortmund, Düsseldorf, Gelsenkirchen, Bielefeld, Münster, M.-Gladbach, Aachen, ferner in Benthen und Gleiwitz. In den übrigen Großstädten bewegt sie sich zwischen 10 und 20 Prozent. Der stille, wenn auch nicht ganz befugte Besucher, der, leicht geblendet durch das Sonnenlicht der Strotze. den int Tuntel liegenden Zuschanerrmnn des Knltnrbnndtheaters betritt, hat zuerst »Rühe, ild) znrechtzminden. Als sich der Raum dem langsam eingewöhnien Auge öffnet, zeigt sich, daß er bis cim ein paar Menschen, die zmn Bau gehören, ganz leer ist. Aus dem Orchesterraum dringt der schwache Schein der Pnltlampen. Ans der Bühne kaltes Licht, unfertige Ausbauten, Sänger und Sängerinnen in saloppem Zivil, vom Trainingsanzng bis zu Knickerbockers. An der Rampe der regiefnhrende Intendant. Am Tingcntenpiilt, von unten hell beleuchtet, ein fchirsgeschnittencr Kopf: Joseph Rosenstock probt Beethovens „Fidclio". Plan merkt, die Pivhenarbcit ist schon vorgeschritten. Ganze Partien iverdcn im Zusammenhang gespielt, von Zeit zu Zeit nur klopft der Dirigent ab, korrigiert einen der Sänger oder das Orchester. Scherzworte, ruhige Anweisungen wecksieln mit temperamentvollen Entladungen, die keine Empfindlichkeit wecken, weil jeder den bedingungslosen Dienst am Werk respektiert. Ter Besucher sitzt still in einer Ecke des Parketts. Alle Unruhe, aller Aerger, der ihm von draußen anhing, ist in wenigen Minuten von ihm abgefallen, er ist dem Zauber dieser „nächtlichen" Stunde mitten im Alltag erlegen. Und jetzt dringen, durch behutsam-genaue Bewegungen der dirigierenden Hände geweckt, Streicherllänge aus der Tiefe, die Einleitung des 6-änr-Ouartetts. eindringlich wie ein Gebet, vielleicht die schönsten Takte der Oper. Ter Besucher sitzt versunken auf seinem Platz, ergriffen wie noch in keiner öffentlichen Aufführung des Werkes. Wie geschah ihin das, so fragt er sich, als er eine Stunde später durch den Verkehrslärm der Straße wieder zu seiner, ihm jetzt gar nicht derlockend erscheinenden Arbeit schreitet? . Entscheidendes fehlte doch, was sonst in seinem Zusammenwirken das richtige Bühnenerlebnis gibt: Kostüme, Tekorationen. stimmungsvolle ■ Beleuchtung und schließlich, als stummes aber wichtiges Element nicht Zu vergessen, ringsum abendlich entspanntes Publikum. das man kaum sieht, dessen Mitgehen man aber spürt.. Warum störten ihn die Unterbrechungen -nicht und die desillusionierend-sichtbare Bühnentechnik? Nein, hier, in dieser Probenstunde wirkte etwas anderes mit stärkster Unmittelbarkeit: Die geistige Kraft eines Mannes, der einem der größten Werke der tönenden Kunst mit Hingebung und leidenschaftlicher Genauigkeit dient. Selbstvergessenes Nachspüren der feinsten Gefühlsschwingungen des Notenbildes bei ruhigster und überlegener Kontrolle des musikalischen Apparates. Das Geheimnis künstlerischer Gestaltung, ein dem Gebären tief verwandter Vorgang, entschleierte sich ein wenig. Es sollte, so denkt der Besucher, keine Aufführungen, nur Proben geben. — u. SWMßSMtzW Was eigentlich ein Fest ist, haben wir ganz verlernt. Im engsten Familienkreis weiß man zwar noch gemeinsam vergnügt zu sein; sonst aber wird zur „Feierstunde" noch am ehesten ein Konzertabend, ein guter Vortrag, streng geschieden in die Wenigen, die „etwas bieten", und in „Publikum", das es sich anhört. Auch größere Feste pflegen nach einem Schema, zu verlausen: eine klassische Ouvertüre; dann weist ein Vorsitzender' in wohlgesetzter Rede auf die „Bedeutung des Tages" hin; die mit Recht beliebte Sängerin x.' singt etwas aus ihrem Repertoire; das junge Fräulein ch. (Sie wissen doch, die Tochter von Herrn..« — und wie hübsch sie gewachsen ist!) gibt' einen Tanz zum besten, so eine Synthese von Ballett und rhythmischer Gymnastik, von Mary Wigmann und „neckisch" und erscheint zur Dreingabe in Smoking und Monokol. Hierauf wird angeregt dann noch allgemein getanzt, bis man nach Hause geht. Kann man große Feiern nicht etwas persönsicher, etwas jüdischer gestalten? Nehmen wir eine Simchat - Tora - Feier. Man braucht, einen großen Saal, denn die ganze Gemeinde wird' ihn füllen, so sehr überfüllen, daß der lustig ertragene Platzmangel die vergnügte Erwartung hebt. Also doch einen Konzertsaal? Ja — nachdem der Konzertsaal der Synagoge die Seelen entführt hat, ist es nur billig, daß er sie ihr auch wieder zufüh«. Jungen und Mädel aus allen Bünden dersehen den Ordnerdicnst. Es gibt eine Bühne im Saal, die sich mit einem (fast nur ans begeisterten Amateuren bestehenden» Orchester und einem' großen Ehor füllt, alles umrahmt von Gewinden reifer Früchte. Es gibt auch ein Programm, streng anfgebant nach Wort. Weise und Tanz. Aber cs wird rasch dafür gesorgt, daß die Bühne kein abgetrennter Darbietnngsraum, das Programm keine steife Abfolge von Nummern bleibe. Ein Vorsprnch ans der Thora gibt den ersten Hellen Akkord eines crnst-srendigen Festes, und dann singt der Ehor. vom Orchester begleitet, die alte Weise, die man morgens in der Synagoge gehört (oder nicht gehört) hat — und bald singt der ganze große Saal mit, so daß ihm sogar erlaubt wird, allein und ohne Ehor zu singen. Und so vergnügt geht es weiter: eine vstjüdische Weise des gleichen Liedes wird der heimischen an die Seite gestellt, später folgt eine ganz exotisch wirkcnde jemenitische. Die oft gehörten hebräischen Worte der Lobpreisung beim Änshebcn der Thora werden Plötzlich, von einem straffen Sprechchor im Wechsel mit einer weichen Müdchenstimme, gesprochen, wieder zur unbekannten, mitreißenden Gewalt des Wortes: es ist, als ob sich eine Kulisse Plötzlich austue, die den Ausblick ins natürlich Große, Freie und Hohe dieser Gewalt verdeckte unter der Schmutzkrustc der Gewöhnung. Und so neu wie das Thorawort wird alles an diesem Abend: es gibt nicht nur „Gebildetes", keine Historie, alles, Musik, Tanz und Wort ist lebendigste Gegemvart, — niemand ist im Saal, der sich dem Schwung dieses Lebens entziehen könnte,' das noch im scheinbar Fremden sein Eigenes aufspürt. Wort, Tanz, Musik wechseln ab; dann strömen alle Kinder zur Bühne, — ein paar hundert, alle mit wehenden Fähnchen, und die Bühne scheint unter diesem Flattern zu atmen, während ihnen nach dem Midrasch erzählt.wird,, was für.ein Fest.dieses Simchat-Tora ist. Auch . die Musik ist. nicht an ihren Platz gefesselt, sie durchzieht mit den Kindern den ganzen.Saal, und die Kinder und Tänzer dürfen- Purzelbäume schlagen und zeigen, was sie können. Und doch ist in dieser festlichen' Freude, die Tausende strählen läßt, kein dithyrambischer Rausch, keine Gefühlsduselei: cs ist ein wirkliches Fest. Die Musik bleibt präzis auch im Uebermnt eines mit wirbelndem Schlagzeug daherfegenden palästinensischen Erntelieds, und so zutraulich die Stimmung, so eng sich — weit über jeder Grnppenspaltnng — eine Gemeinde wirklich znsamniengesehlossen fühlt, es iß doch kein Rausch in diesem Wein und kein Kowbrnnnnen danacl»: cs »var ein Fest, ein wirkliches Eemeinschaftsfest. Es ist leine P!»ankasie. was nur erzählten. Das Fest ist tatsächlich gefeiert worden, verminettet vom Stuttgarter Lel»rl»aus. Tie Beteiligten ans allen Gruppen und Bünden verdienen den Dank einer Gemeinschnstsleistnng. Die geistige Gestaltung und Leitung, und damit den entscheidenden Anteil am Gelingen, hatte Karl Adler. der Leiter des Lchrhanses. Er hat einen neuen Stil, den neuen Stil jüdischer Feiern gesunden. 8. II. Mit einem Stück von Schnitzler „D-er einsame Weg" eröffnete die Schanspielbühne des Kulturbundes Rhein—Ruhr in, Köln ihr zweites Spieljahr. Dem Leiter, Tr. Heinrich Le v i n g e r, ist es gelungen, ein Ensemble zusammenzustellen, von dem man mit gutem Grund Oualitätsleistungen erwarten darf. Zn einigen namhaften Schauspielern wurden jüngere Kräfte gewonnen, die heute bereits überzeugen - und die Bemühung rechtfertigen. unbekannte Begabungen heranzuziehen und zur Diskussion zu stellen. Der neue Spielplan des KulturbundtheaterZ deutet ans die bestimmte Absicht hin. dem Publikum zu geben, wonach heute das stärkste Bedürfnis besieht: Gestaltung allgemein menschlicher Schicksale. Selbst aus die Gerahr hm, nicht immer zeitnah bleiben zu können, sollte man vorm diesem Kurs nicht abgehen. Schnitzler, sensibel, kritisch und leise, gehörte einer mehr + trachtenden als handelnden Generation an. Er hat gefühlt, was ging und was kam. Und hat uns deshalb heute noch etwas zu sagen. Unter der Spielleitung Willibald Frankel- Froons kam eine gute, saubere Ausführung zustande. Durch -sehr geschickte Striche wurde die Handlung dramatisch dichter, bewegter im Ablam. stärker. Die beiden Hauptprobleme waren klar und eindrucksvoll herausgcarbeitct: das Wissen Salas um

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