Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 13 (1934)
- Issue
- 44 (1.11.1934)
- Date
- 1934-11-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XIII. Jahrgang / Nr. 44/ ' Pp c VW; IN! -! Ni i! ij iyt in •’^vwV \J CsVU V T-er Beschluß des Beirats der Reichsvertretnug, einen Ausschuß zu ihrer organischen Weiterentwicklung einzusetzen, hat den Blick k* deutschen Judentums wieder einmal auf seine Organisationssormen und deren Entwicklung gelenkt. Um die rechte Blickrichtung zu gewinnen, muß man einige Vorentscheidungen treffen. Man muß sich zunächst darüber klar sein, das; Organisation niemals Selbstzweck sein kann, das; sie ihre Bedeutung nur gewinnen kann, durch den Geist, der sie erfüllt — daß Dar Berner Prozess um d!a Uelsen v©n Zion Die ersten ausführlichen Berichte aber andererseits die Entfaltung der geistigen Werte behindert werden kann, wenn die Organisation. die sie vermittelt, nicht reibungslos arbeitet. Ferner müssen Irrtümer über die Möglichkeiten des jüdischen Lebens im neuen Dtwrt ansgeräumt werden, deren Auftreten in der jüdischen Presse und in den Organi--. sationen des deutschen Judentums nicht verkannt werden kann. Ter nationalsozialistische Staat ^schließt die Juden von seiner Kultur ab. Er verlangt von ihnen, daß sie die Grenzen respellicren, die er zieht. Aber er gewährt ihnen Freiheit im innerjüdischen Bereich und erwartet in keiner Weise, das; die deutschen Juden auf diesem Bereich sein Gedankengut, lute, etwa Totalitätsgedanken, Führerprinzip, Ablehnung „liberalistischer" Auffassungen, übernehmen und nachleben. Eine ..braune Assimilation" ist also den Juden keineswegs auferlegt; nationaljüdische und deutsch-jüdische Kreise haben in gleicher Weise Anlaß, sich von ihr fernzuhalten — was auf beiden Seiten aber leider nicht immer geschieht. Ist es den deutschen Juden vergönnt, im eigenen Kreise ihr eigenes Leben zu führen, so können sie sich auch auf das besinnen, was schon früher ihre Ueberzeugung und ihr Stolz war. Sie sind heute mehr denn je angewiesen auf eine freiwillige Disziplin, auf ein geschlossenes Auftreten gegenüber der Umwelt. Aber es ist 'ihnen nach wie vor unmöglich, in ihrem Kreise eine Uniformität der Gesinnung zu erzeugen und die Freiheit des Geistes ans dem Gebiet des jüdischen Lebens ist für sie kein leerer Wahn. Diejenigen, denen es möglich ist, ihre — im einzelnen gewiß mannigfach sich differenzierenden — Anschauungen auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen, finden nach wie vor ihren Halt in ihren .weltanschaulichen" Organisationen, so z. B. (wenn wir hier von den Organisationen überwiegend religiöser Prägung absehen) der Zionist in der' Zionistischen Vereinigung für Teutschland und zum Teil neuerdings ^dem ..Staatszionismus", die deutsch »'jüdischen Areise vor allem im E.-V.. daneben inchüoas soldatischer Abwandlung im RjF. Die Bebentnng dieser weltanschaulich gebundenen Organisationen sollte für das heutige „Judentum in der Beschränkung" nicht geringer, sondern größer sein als zuvor. Deshalb kann es auch besonders begrüßt werden, das; in diesen Blättern nach einer von vielen bedauerten, aber verständlichen Periode einer gewissen Unsicherheit des Standpunktes (es fei gestattet, das ganz offen zu betonen), etwa seit Ende UM eine eindeutige Auffassung der uns bewegenden Probleme charakter- und wirkungsvoll verfochten wird. Dem Vorsitzenden des E.-P., Jnstizrat Tr. Brodnitz, und dem Leilei >s Blattes, Dr. Alfred S i r s ch b e r g, gehört hierfür der besondere Dank des deutschen Judentums. Wie die Organisationen, so haben aber auch die Jüdischen Gemeinden in dieser Zeck eine erhöhte Bedeutung für das Leben jedes em-elnen Juden gewonnen. Ihre Wirkungs- Möglichkeiten und schon dadurch besonders große, daß jeder Jude ihnen kraft Gesetzes angehört. Zu den reliaiösen Aufgaben, die ihnen East ihrer Natur als Synagogengemeinden Dr. Bruno VJeil,' obliegen, ist in der Gegenwart eine Fülle praktisch wichtigster sozial-charitativer Pflichten getreten, neben das Wohlfahrtswesen die Wirtschaftshilfe, die Berufsberatung und Arbeitsvermittlung. neben die Pflege des religiösen Gutes die unterrichtlichc Versorgung eines steigenden Prozentsatzes des jüdischen Nachwuchses. Es ist nicht der Ort, hierauf des näheren ernzugehen. Wichtig für unsere Betrachtung aber ist eine Qualität, die dem Gemcindeleben als solchem inncwohut: die Kraft der Ueberbrückung und Verbindung. Auch in dem Wirken einer Gemeinde muß eine gcnüsse weltanschauliche Grundlinie zu erkennen sein — die Lehmig unfcm- Berliner Gemeinde hat dies wiederholt betont. Aber kein Gemeindevvrstand wird die Billigung der Gemeindencktglieder finden können, der nicht auch den Interessen der Minderheiten Rechnung trägt und vor allem: gemeinsame Arbeit verbindet den tätigen Menschen. -Laben so Gemeinden und Organisationen im deutschen Judentum von heute ihren Platz, so bleibt der Raum zu bestimmen, der der Gcfamtvertretuug dieses Judentums nach außen zukommt, d. h. der Reichsvertretung. Jeder wünscht dieser Gcsamtvertretung eine weitreichende und fruchtbare Wirksamkeit. Es kann auch. hier in diesen wenigen Zeilen nicht ' das Arbeitsgebiet der Reichsvertrc- , tung abschließend . umrisfcn werden. Es ist der jüdischen Oefsentlichkeit bekannt, daß der Reichsvcrtretung (wie den Landesverbänden) neben der Vertretung nach außen eine Zahl praktisch wichtiger, dein deutschen Judentum gemeinsa m er. Ge g e n i v a rlsau fg a b e u übertragen worden ist. Die Abgrenzung im einzelnen könnte gelegentlich Gegenständ besonderer Betrachtung' sein. Für diese grundsätzliche Darlegung genügt die eine Feststellung: Niemand sollte wünschen, das; sich diese Wirksainkeit aus Gebiete erstreckt, die das Tätigteitsfeld der Organisationen. oder der Gemeinden darstellen. Auch bei der Vertretung der Gesamtinteressen des Judentums werden weltanschaulich getönte Auffassungen gegeneinander anszngleichen sein. Aber dies hat lediglich zu geschehen zur Durchführung der praktischen Ausgaben, die zu erfüllen sind, nicht zum Zwecke einer Verschmelzung der .Gesinnungen, zur Schaffung eines „Gesamtjudeutums", womöglich mit Tvtalitätsansprnch, wie es groteskerweise von einer Richtung in der Jugendbewegung zurzeit vertreten wird. Daher gibt es auch im Leben der Stellvertreter des Vorsitzenden des CV, sprach bei einer grossen CV-Kundgebung in Cross-Berlin cm Dienstag, dem 30. Oktober,. (Bericht umstehend.) BcnanannnaaEnEEEnncEisaasassEsn jüdischen Gemeinschaft keine „Führung" analog der des deutschen Staatslebens, und jeder, der versuchen wollte, über die sehr notwendige Einheit des deutschen Judentums gegenüber der Umwelt hinaus eine Einförmigkeit jüdischer Gesinnung zu schassen, müßte an dem Wunsch der deutschen Inden, ihrer Organisationen und Gelneinden nach Freiheit des Geistes scheitern. Wir hoffen, das; die organische Weiterentwicklung der Reichsvertretung, die deren Beirat wünscht, dieser Notwendigkeit Rechnung tragen wird. In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister. Dr. Walter Breslauer. -o n V* V-- l Vs/ s^ V O' 11; j \ [}!!{! > ]\\ f! SM AschWSTL Wir haben einem Aufsatz von so geschätzter Seite wie Dr. Walter Breslauer - sehr gern Raum gegeben. Der Verfasser, der Vermal- Lungsdirektor der Jüdischen Gemeinde Berlin, ist in der Lage, aus nächster Nähe die Probleme zu sehen. Dazu kommt als ein Umstand, der die Unterhaltung erleichtert, seine weitgehende Uebereinstiminun^ in den Grundfragen der sogenannten E.-V.-Jdeologie, so daß hierüber eine öffentliche Auseinandersetzung nicht notwendig wird. Nur das eine sei festzustellen gestattet: die zu Beginn des Umbruchs in diesen Blättern bemerkte „Unsicherheit des Standpunktes" hat objektiv nicht Vorgelegen. Was vorlag, war eine weitgehende Unsicherheit und Eespaltenheit des 'Standpunktes des Leserkreises, der durch die aufgeschlossene und aus die Probleme eingehende Betrachtungsweise unseres Blattes zur Einheitlichkeit znrückgeführt worden ist. Wir sind der Meinung, daß man in einiger' Zeit in gleicher Weise zu Unrecht von einer Unsicherheit des Standpunktes der Gemeinden oder der Organisationen gegenüber der Einheitsidee der Reichsvertretung sprechen können wird, sobald nämlich Entwicklung und Ersah-' rung zur Erkenntnis der notwendigen einheit-’ liehen Zusammenfassung geführt haben werden. Voraussetzung hierfür ist der Wille zur gerechten Beurteilung, desien Grundlage im wesentlichen darauf beruht, daß man Gegebenheiten, die man für sich.selbst in Anspruch nimmt, auch den anderen zuerkennt. Es besteht gar kein Zweifel, daß die Idee und Praris der Jüdischen Gemeinden, und vor allem deri Jüdischen Gemeinde Berlin, in den letzten Jahren eine organische Entwicklung genommen hat. Niemand wird im Ernst daran. denken, etwa die Wahlparole der in Berlin führenden Liberalen mit den praktischen Leistungen der Liberalen zu konfrontieren und daraus, entweder dem liberalen Programm oder der Gemeindepraxis unorganische Entwicklung dieser Grundlage vorzuwerfeu. Im Gegenteil, jeder wird froh sein, daß sich die führenden Männer der Gemeinde in sachlicher und menschlicher Elastizität den Aufgaben der . Zeit zur Verfügung gestellt haben. Der gleiche Vorgang vollzog sich auch und vollzieht sich dauernd innerhalb der jüdischen Organisationen. Es gibt wohl keine, deren Ärbeits- * aufgaben nicht in erheblichem Ausmaße völlig gewandelt und nett auSgerichtet wordett wären. Wenn man das seststellt, und als berechtigt zugesteht, so muß man auch die Gedanken einer organischen Entwicklung der Reichsvertretung affeftfrei. zu beurteilen sich bemühen. Jeder weiß, daß die Reichs- Vertretung viel stärker ■ auf einer mittleren Linie des Derzichtens aus gewisse Teile der Gemeinden- und Organisations-Souveränität erwachsen ist, als aus einer positiven Uebertragung konkreter Ausgaben. Mit Bedacht haben die Schöpfer der Reichsvertretung ihr keine nach Artikeln geordnete Berfasittug gegeben, sondern haben die menschlichen Oualitäteu der Männer in der Reichsvertretung und vor allen; die objektive Lage des deutschen Judentums als ausreichende Faktoren angesehen, aus denen sich ein organischer Arbeitsbereich der Neichsvertretting Herausstellen würde. Gemeinschaftsarbeit ohne allgemein vorhandene Opfcrbcreitschaft ist unmöglich. Vorn organisations-egoistischen Standpunkt hätte der E.-V. beispielsweise gegen mancherlei neue Arbeitsbereiche,, die die Gemeinde an sich gezogen hat, ebenso Einwendungen zu erheben, wie gegen entsprechende zeitweilige Bestrcbnngen in der Reichsvertretung. Aber die Leitung des E.-V. vertrant der Stärke seiner Gedanken und der Werbekrast seiner Arbeit und der organischen Entwicklung, bei der alles lieberflüssige von selbst verkümmert und alles Lebensnotwendige stark bleibt. Wir sind keineswegs erschreckt über weitgehende Forderungctt und Entwicklungswünsche etwa in Richtung eines einheitlich ideenmäßig geformten deutschen Judentums. Wir zu unserem Teile wüßten keine glück- lichere Erfüllung unserer Arbeit, als wenn unsere Idee vom Teutschjudentum die gesamt- : jüdische Idee des deutschen Judentums wäre. Und hierin liegt ein wesentlicher Unterschied zwischen dem Geist der Gemeinden, der Organisationen und vielleicht auch der Reichs- Vertretung. Die Gemeinden als ursprünglich religiöse Körperschaft haben sich einen unr- sangreichen Verwaltungsapparat angegliedert. Bei der praktischen Arbeit wird es sich bei mindestens 90 Prozent aller Ausgaben um zwangsläufige Tätigkeit handeln, die aus den objektiven Gegebenheiten entspringt. Die restlichen 10 Prozent sind gesinnungsbcstirnnck, und hier mich die Gemeinde als Eiuheitsgemeinde.den Weg der mittleren Linie mit Rücksicht auf ihre Gesinnungsminderheiten gehen. Anders ist es bei den weltanschaulichen Organisationen. Diese müssen, wenn sie der Echtheit und Kraft ihre Idee 'vertrauen, Totalitätsanspruch haben und davon ansgehen, daß alles Denken und Tun von der Basis ihrer Anschauung zn geschehen habe. Die Reichsvertretung schließlich stellt ein Drittes, Neuartiges dar: sie ist ebensosehr der Ausdruck einer bei vielen unbestimmten, aber doch überall zu bemcrkendcnchüdischen Sehnsucht nach einheitlicher Repräsentation, wie auch Verwaltungskörper zur Erledigung bestimmter,/ allgemein bedeutsamer und verbindlicher Fragen. Sie ist ohne Vorbild in der Geschichte des deutschen Judentums, und man darf deshalb ihre organische Eutwicklttng attch nicht nach Vorbildern abschnüren. die wegen der Erstmaligkeit der heutigen Reichsvertretung irgendwie doch nicht stimmen können. Was wir zum akuten Vorgang des für die organische Entwicklung der Reichsvertretung eitigefetzten Beiratsausschusses zu sagen hatten, ist an der Spitze unserer Glosse „Innerjüdische Randbemerkungen" in der letzten Wvchc sehr deutlich zum Ausdruck gebracht worden. Zusätzliche Erklärungen sind heute verfrüht. Die Männer des Vertrauens des deutschen Judentums' sollen ungestört dttrch öffentliche Erörterungen ihre verantwortliche Arbeit verrichten. ' Weder Gemeinde, noch Organisationen, - noch Reichsvertretung sind neben dem' lebendigen Werden des deutschen Judentums von heute und der künftigen Jahre denkbar.. Sie unterliegen den immanenten Enüoick-' lungsgesetzen der Gesamtheit — oder ihre Ausgabe wächst über sie hinaus. MW Ach Am 4. Noveuiber jährt sich zum erstenmal der Todestag unseres Ludwig Tietz. (st ging; aus einem Leben, das durch Arbeit an sich selbst und für andere und durch Mühsal für. andere köstlich gewesen war. Er ging von' einem Werk, dessen Grund er ■ gelegt, und | dessen Mauern er emporgeführt hatte:. Hilfe | und Ausbau im deutschen Judentum. Sein Leben hat sich noch nach seinem Tode erfüllt. | Sein Werk und sein Geist sind lebendig' im - deutschen Judentum und ihm folgt nach, auch wer ihn zn Lebzeiten nicht gekannt.. ■ Seine Erfüllung bleibt unsere Ausgabe. Diese Nummer umfasst 28 Seiten Sie enthält u. a.: Hauptblatt: Ansprachen von Dr. Bruno Weil in Berlin und Justizrat Dr. Brodnitz in Breslau. 1. Beiblatt: Wo wohnen die deutschen Juden? — Aus der C.-V.-Bewegung. 2. Beiblatt: Wirtschaft der Woche — Der Berner Prozess um „Die Weisen von Zion". 3. Beiblatt: 400 Jahre Lutherbibel, von Dr. Ludwig Feuchtwenger, .München — Neue Bücher — Zum Todestag von Walter Cale, von Siegfried Jacob]) — Schachecke — Sport der Woche. 4. Beiblatt: Das Kinderblatt.