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Central-Verein-Zeitung · 1934-10-25 · 43 (25.10.1934) · page 9

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
13 (1934)
Issue
43 (25.10.1934)
Date
1934-10-25
Page
– (sequence 9)
Language
German
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I l \ t: s j t? L-v.-rtg. fl““ % Beiblatt g233 Nr. 43 Die Mitglieder der Mittekstells, vor allem ihre Leiter. Professor Dr. Martin Bnber und Dr. Ernst Simon, stehen auch für die Lehrersortbil-dung Zur Derfügmrg. Von Or. kudsif LsHmann-Wkn Bel der Beiratssitzung der Reichsvertretung der deutschen Juden am 14. Oktober hat Dr. Rudolf Callmann. Mitglied des Prasidialausschusses der Reichsvertretung. wie wir bereits in der vorigen Kummer unserer Zeitung mitteilten, einen umfassenden Bericht über das Schulwerk der Reichs- Vertretung erstattet. Aus diesem Vortrag vcrösientlichen wir nachstehend die wesentlichen Abschnitte. l<r?§S §Zsr lüld^r&gp Tie Aufgaben, die die Reichsvertretung auf dein Gebiete der Schul- und Berufsbildung zu erfüllen hat. erwachsen nicht so sehr aus den materiellen als den seelischen Besonderheiten unserer Lage. Wenn wir es auch mit Entschiedenheit ablehnen, uns durch die Rassengesetzgebung unserer Zeit in eine Stimmung des Hasses oder der Feindschaft zum deutschen Voll treiben zu lassen, so ergeben sich dvch zwingende Folgerungen aus der Tatsache, daß man in Deutschland unsere Andersartigkeit vielfach als Minderwertigkeit empfindet und aus dem Tissimilationsstreben der andern eine Isolierung entstanden ist, die im Gebiete des Kultur- und Geisteslebens zu einer ganz besonders schwierigen Lage geführt hat. .vier erleben wir das völlige Ausgcstoßensein, die fast restlose Absonderung, die zum Absterben führen muß. wenn es uns nicht gelingt, aus eigenen Kräften die Stoffe zu erzeugen/ deren unser geistiger und seelischer Organismus bedarf. Wir erleben eine geistige Not nicht nur bei denen, die bisher bewußt kaum Juden waren, sondern auch bei denen, die, aus tiefster Seele und mit starkem Bewußtsein Juden, von dem Ouell deutscher Geistigkeit nicht lassen können und wollen, lind wie so manches andere, so hat auch dieses Problem im Verlauf des letzten Jahres eine ganz neue Beleuchtung erhalten. Hatten wir m Jahre 19:33 noch ausrusen müssen zu einem Jasager, zum Judentum, so ist es heute in allen Kreisen des deutschen Judentums eine Selbstverständlichkeit geworden, zu den Werten des Judentums zurückzukehren und die Problematik kreist nur um das W i e. Wir sind dabei, hier eine allgemein anerkannte Unterlassungssünde wieder gutzumachen, und nur erleben es mit Rührung, wie sich uns die Fülle des Jüdischen erschließt, wenn wir cS sucheir. Die Gefahr aber liegt anderswo; das Deutsche droht uns fremd zu werden. Zwar sind wir umgeben von den Ausdrucksformen deutschen Wesens und deutscher Kultur, zwar erleben wir ständig die Denkmäler der deutschen Vergangenheit, auch besteht noch immer in mannigfachen Beziehungen ein Zusammenleben mit deutschen Menschen, aber im Seelischen spricht nichts zu uns; die seelische Distanz zu den Erscheinungen der Gegenwart dünkt uns weit größer als die zeitliche Distanz zu den ältesten Gegenständen der deutschen Kultur; aber nur aus der gegenseitigen Wechselwirkung, auf der Tistanzlosigkeit. aus der seelisäfeu Nähe, aus dem lebendigen und immerwährenden Austausch der Gedanken und Einpfindungen kann die geistige und seelische Beziehung zum Deutschtum bestehen. So drohen uns, nachdem die erste Periode der materiellen Verluste hinter uns liegt, Verluste ideeller Art, Verluste einer Beziehung und Kenntnis, die uns nicht nur aus natiornlen Erwägungen wertvoll sein müssen, sondern die uns auch wertvoll sind, rveil es für uns ein tiestrauriger Gedanke ist. daß unsere Kinder vielleicht einmal nicht mehr den Parzival und das Nibelmrgenlied, nicht inehr Wolfram von Eschenbuch und Walthe^ vvir der Vogeliveide keuneulernen sollen, daß sie mit Goethe. Hebbel mK> George nichts anzufangcn wissen. Wie aber vor allen Dingen sollen wir das Verhalten der deutschen Umwelt begreifen, wenn wir den Kräften entfremdet werden. die deutsches Leben gestalten; wie sollen wir verstehen, warum der deutsch Jude zu seinein Heimatlande eine andere Beziehung hat als der Jude anderer Länder, wenn wir die Strömungen nicht kennen, die deutsches Geistesleben durchfluten? Dies ist der eine Fragenkomplex, der eine Krise unserer Bildungsgesinnung erzeugen muß; der a n - d e r e kommt aus dem jüdischen Bereiche: cs ist der innere Konflikt der religiösen Erziehung, der mit dem Hcraustreten des Judentums aus dem Ghetto zu Anfang des vorigen Jahrhmrderts begann, als die neue Zeit jene geschlossene Einheitskultur auflöste. wie sie nur die alte Judengasse mit ihrer Lebensgemeinschaft schaffen konnte. Die heute rm Jlrdentnm errvacherDe Religiosität, das Streben noch einer Zurückführung der Jugend zu emer neuen Offenbarung des Geheimnisses in der Welt sucht euren Anknüpfungspunkt im Bereich des weltlichen Lebens. Das Haus, die Familie, seit altem die Stritte der religiösen Unterweisung, des religiösen Erlebnisses, um so mehr, da jüdisck)e Religiosität Nicht neben dem realen Leben bestand, sondern das Leben gestaltete, selbst Lebensstil lvar. versagt sich heute in rveitcn Kreisen des deutschen Judentums, da es. wie Rabbiner Dr. Lacck einmal gesagt hat, Hans mw Familie neben Häusern und Familien andern Wesens geworden ist/ Während nun auf der einen Seite erkannt wird, daß jene alte Fornr der Frömmigkeit nicht wieder - die Frönnnigkertsform der Gegenwart tverden kann, daß vielmehr nur die Schule es sein kann, die mit ihrer Erziehung des einzelnen Zurückwirkt auf den Geist in Haus und Gemeinde, wird vor» andereil überhaupt bestritten, daß eine Erziehung zur Religiosität notwendig oder gar möglich ist. wird hier das Lernen von jüdischer Geschichte, Judentumkunde und hebräischer Sprache wohl als jüdischer Bildmrgsrvert an sich, nicht aber als Mittel zur religiösen Erneuerung anerkannt. So sehen wir hier die beiden Hauptprobleme, in deren weitgespanntem Nahmen sich entsprechend dein Reichtum unserer jüdischen Geistigkeit in mannigfaltigen Abwandlungen die Bildungsideale unseres heutigen deutschen Judentums beweg«,, und eS leuchtet ein. daß eine Körperschaft wie die Reichs- Vertretung empfindlichen Schwierigkeiten begegnet, will sie sich einer einheitlichen Bildungsgesinnung gewiß werden, um von ihr aus zu den positiven Zielen aufzusteigen, die jüdischer Bildungswillc von heute sich seht. Lehrreich ist es. daß wir zurzeit vor einem Problem stehen, das uns die Konflikte zeigt, sowohl aus dem Gedanken der deutsch-jüdischen Bildungsthese . heraus wie aus der Verschiedercheit des religiösen Gefühls. Das ist die Frage des Staatsjugendtages: Auf der einen Seite der ernste Wille, den Sabbath zu heiligen, auf der andern religiöse Gleichgültigkeit, auf der einen Seite bewußte Zurück- Haltung gegenüber allem, was zum Wesen des nationalsozialistischen Staates gehört, auf der andern der Wille, durch Teilnah'.ne selbst am nationalpolitischen Unterricht die Verbindung mit deutschem Denken aufrechtzuerhalten. In Fragen solcher Art steht der einzelne vor einer Entscheidung seines Gewissens.!Uit ihr muß er allein fertig zu werden suchen; er kann Hilfe in Anspruch nehmen; aber er unterliegt nicht fremdem Gebot. Und wir wollen uns durch die heute mehr denn je zutreffende Erwägung einer jüdisckM Gesamthaftung nicht dazu verleiten lassen, mit Hilfe eines überspitzten Solidaritätsgefühls einen ©o wissenszrvang ausüben. Ta aber, wo wir es vorwiegend mit der praktischen Arbeit zu tun haben, müssen wir bedenken: wie jeder Zustand seine Gesetze aus sich heraus allmählich entwickelt, so wird sich auch die mittlere Linie unserer Bildungszicle erst allmählich aus der Verbindung mit der praktisck)«, Betätigung und aus der allgemeinen Zeitentwicklung ergeben. Aber uns. die wir planend dem Erziehungswerk des deutscheu Judentums unsere Aufmerksamkeit zu widmen haben, muß die Problematik bewußt werden, damit nicht aus der Geltendmachung von Londeranfprüchen an die Schule eine Ghaötik entsteht, m der eirc klare Linie jüdischen Bildungsideals nicht mehr erkennbar ist. ©o@ prckfflscfo© Arbeit Bier große Gruppen haben wir im Arbeitsgebiet der Reichsvertretung zu unterscheiden: 3. Subventionierung der bestehenden höheren und Yoiksschuien Gegenüber dem Stand des vorigen Jahres haben sich die Austvendungen für die bestehenden Schulen in starkem 'JJtofje erhöht. Ter Grund hierfür liegt in der Verarmung der Gemeind«,, welche Zuschüsse in früher gezahlter Höhe jetzt nicht mehrleisten können, in der Einstellung staatlicher Zuschüsse und nicht zuletzt in dem Ausbau der Schulen selbst, deren Schülerzahl wuchs, ohne daß die Schulgeldeiugänge sich im entsprechenden Maße erhöhten. Ter Bedarf dagegen stieg durch Reueiustelluug von Lehrern, Neuanschaffung von Lehrmitteln uub der Notwendigkeit baulicher Veränderungen. Der Schülerzmvachs bei den von uns subventionierten bestehenden Schulen beträgt vhne Berlin seit dem letzt«, Schuljahr (Februar 1934) etwa 1035. Das bedeutet, wenn man einen Dnrchschuittssatz von 30 Kindern pro Klasse annimmt, ein«, Zuwachs von 35 neuen Klassen. Ten bestehenden Schulen sind von der Reichsvertretung an laufenden Zufchüsseu für das vergangene .Halbjahr Januar dis Juni 1934 115 305 RR! bewilligt ivorden. 2. Neugründungen Ter Neugründung von jüdischen Schulen stellten sich erhebliche Schmierigkeiten verschiedenster Art entgegen. Trotzdem ist es gelungen, zu Ostern 1934 neun neue jüdische Volksschulen zu eröffnen, die etwa 900 Schüler umfassen. Dazu kommt das Schulwerk der jüdischen Gemeinde Berlin, das seit Juli 1933 einen Zuwachs von rund 1800 Schülern aufweist, die sich auf die alten wie auf eine neu eingerichtete Schule der Gemeinde verteilen. Andere Schulen wieder, deren Schulträger bisher Vereine waren, wurden zu Gemeinschulen umgestaltct und erhielten dadurch erheblichen Schülerzuwachs. Neue Schulen wurden gegründet in Aschafsen» bürg, Bonn. Breslau. Tarmstadt. Lübeck, Mainz. Ofsenbach, Stettin. Stuttgart, Wiesbaden und im vergangenen Halbjahr bzw. Vierteljahr so subventioniert. daß aus die jüdische Gemeinde Berlin 66.000 RM. auf alle andern 10115 RM entfielen. An einmaligen Zuschüssen wurden für diese Schulen für Einrichtungskosten, Umbauten, Lehrmittel usw. im ersten Halbjahr 11803 RM ausgeworsen. Ferner besteht die Notwendigkeit, für ernzelne Kinder, die, um eine jüdische Schule besuchen zu können, aus ihrem Heimatort in den Schulort fahren müssen, Fahrgeldzuschüsse zu bewilligen. Solche Fahrgeldzuschüße wurden in Höhe von 956 RM gezahlt, rrromit wurden für Neugründungen und deren Erhaltung in der angegebenen Zeit im ganzen 85 905 Reichsmark bewilligt. Z. Me Lehrerfrcg© Im Bereiche des Geistigen kann niemand einen andern dorthin führen, wv er nicht selbst steht. Deshalb haben wir der Ausbildung unserer Lehrer die allergrößte Aufmerksamkeit zuzuwenden. Der Lehrerausbildung dient in allererster Linie die schon seit Jahrzehnten bestehende Lehrerbildungsanstalt in Würzburg, außerdem der zu Ostern 1934 eingerichtete Kursus des preußischen Landesverbandcs Berlin mit dem Ziele der Lehrerausbildung. Ueberprüfen wir den Bestand der jüdisehen Lehrerschaft in Deutschland, stellen wir also fest, welche Lehrer beschäftigt und welche unbeschäftigt sind, wie groß ungefähr der Lehrerbedarf für die nächsten Jahre sein wird und wieviel Lehrer neu auszubilden sind, so kommen wir Zu dem Ergebnis, daß eine übergroße Anzahl stellenloser jüdischer Lehrer, sowohl Akademiker wie Volksschul, lehrer, sich in Deutschland befindet, so daß im Laufe der nächsten Zeit auch ein gesteigerter Bedarf au Lehrern gedeckt werden kann. Wegen der Fülle der Bewerber kommen weitere Anstalten für Lehrerausbildung vorläufig nicht in Betracht. Es wird im Gegenteil zu erwägen sein, ob nicht aus die Landesverbände dahin einzmvirken ist. künftig die Neuausuahmen in den beiden Lehrerbildungsanstalten einzuschränken. Der Lehrerausbildung dienen ferner Stipendien, die die Reichsvertretung begabten aber mittellosen jungen Menschen zur Ermöglichung des Studiums an einer der beiden Anstalten zur Verfügung stellt. Eine geregelte Lehrersortbildimg wird für die Folgezeit von erheblicher Bedeutung sein. Es handelt sich darum: 1. Volksschullehrer, die aus dem öffentlichen Schuldienst ausgeschieden und an jüdische schulen übergegangen in jüdischer Hinsicht aus- bzw. svrtzubildeu. 2. Studienräte und -assessvren zu Volksschullehrern auszubilden und in jüdischer Hinsicht aus- bzw. sortzubildcir. 3. Studienreferendare, die das wissenschaftliche Examen abgelegt haben, aber die praktische' Ausbildung in den öffentlichen staatlichen Schulen nicht mehr erhalten konnten, überhaupt erst Pädagogisch auszubilden: diese Ausbildung muß ebenfalls eine zum jüdischen Vollsschullehrer sein. 4. Hochsernestrigen Studenten, die Examenreife besitzen und durch die neuen Bestimmungen aus ihrer Laufbahn gerissen sind, durch eine'interne wissensck)astliche Prüfung und ebenfalls durch eine praktische Ausbildung zum jüdischen Volksschullehrer Berufsmöglichkeiten zu bieten. (Daß auch die schon längere Zeit in jüdischen Schulen befindlichen Lehrer einer Fortbildung bedürfen, braucht nicht besonders betont zu werden). An finanziellen Austvendungen wurden für dieses Gebiet — Lehrcrausbilduug. Lehrerfortbildung — bisher folgende Summen ansgesetzt: Israelitische Lehrerbildungsanstalt Würzburg.RM 8 000 Lehrerausbildungsstipendien . . . RM 753 Religionslehrerlnrse für jüdische Akadeiniker beim preuß. Landesverband RM 2 400 Fortbildungskurse der Studienreferendare . NM_100 NM 11 253 4. Sonstige finanzielle Aufwendungen Dr. Eallmann erwähnte dann die Beträge, die für den Neichsausschuß der jüdischen Jugendverbände und das Elternhilfswerk ansgegeben worden sind und stellte fest, daß die Reichsvertretung bis zum 30. Juni 1934 221 063 NM für das gesamte Schulwerk ansgewcndet hat. Im Halbjahr Jlili—Dezember 1934 wird jedoch eine Summe von rund 267 000 RM zu verausgaben sein, da die Ausgaben noch angewachsen sind. Tie Reichsver. tretung Plane eine Danerschan für Lehrmittel und die Errichtung einer Wanderbibliothek. Sie hat bereits Lesebogen herausgegeben, um die jüdischen Schulen mit Lektüre jüdisckM Inhalts zu versehen. „Schließlich", fuhr Dr. Eallmann fort, „mochte ich noch eine Einrichtung erwähnen, die in weitesten Kreisen des deutschen Judentums die allergrößte Befriedigung hervorgerusen hat und die vielleicht in erster Linie nicht nur zeigt, wie ernst der Bildungswille der deutschen Judenheit ist. sondern auch vielleicht in erster Linie dazu berufen ist. eine Verbindung zu schlagen zwischen dem Lernen der Jugend und dem Lernen der Errvachsenen. Dies ist die Mittelstelle ftir jüdische Erwachsenenbildung in Frankfurt, die die Reichsvertretung ins Leben gerufen hat mit folgenden Airsgabenkreisen: 1. Veranstaltung von Vorträgen und Kursen zu Zwecken der Erwachseneirbildung durch die Mitglieder der Mittelsteste tunlichst in Verbiirdung mit vorhanderien örtlichen Einrichtungen. 2. Beratung aller jüdischen Institutionen in Deutschland in Fragen der Erwachsenenbildung. 3. Sammlung von Materialien über die Arbeit und Organisation der jüdischen Errvachsenenbildurrg. üPBüssr BSicäurosgssfoi Unabhängig von den Besonderheiten unserer jüdischen Lage erkennen wir als den Kern aller Bildüng das Streben nach kultureller Wertverwirklichung an, d. h. nicht ist Bildung die bloße Voraussetzung für die Leistung, das Werk, die Arbeit odergar den Erwerb, sondern Bildung ist etwas Seelisches, das Hinfinden der Person zu ihrem eigenen Sein und Wesen. Wenn die Sorge naht, droht der Geist zu schwinden, sagte Leo Vaeck. Deshalb erfordert es in einer Zeit der Not. wie der unsrigcn, in der die materiellsn Grundlagen unseres Seins aufs tiefste erschüttert sind und ihre Stützung unsere Kräfte in einem beispiellosen Uebermaß in Anspruch nimmt, mehr Kraft denn je, das Ideal einer zweckfernen, selbst genügsamen Bildung durch die Klippen eines allzusehr dem Nutzen verschriebenen Dasein? hindurchzulciten. Der absolute Leistungs- und Ersolgsmensch verlangt von der Schule einzig und allein die Vermittlung praktischer Kenntnisse. Unsere Bildung aber heißt humanistisch, nicht weil sie den Menschen in die Praxis des Lebens, sondern in die Welt einführt, die ihn erst zum wahren Menschen macht, in die Welt des objektiven Geistes und damit in die Gesellschaft der geistigen Menschen.. Daß die humanistische Auffassung der Schule als Bildungsanstalt einseitig ist. kann ruhig zugegeben werden. Aber in einem Zeitalter, das vom reifen Manne eine so unerhörte Einseitigkeit beruflicher Hingabe verlangt, wie das unsrige. ist es geradezu notwendig, durch die Einseitigkeit der Bildung?» schule, die Harmonie in der Entfaltung der Gesamt- Persönlichkeit 311 sichern. Und hier finden sich die Linien des humanistischen Bildungsideals und des jüdischen Leruens und Hebens des Religionsgesehes zusammen. Auch das Talmudstudium war nicht Arbeit, sondern edle Muße; von jeher kernte der Jude um des Lerueus willen. Aber die traditionelle jüdische Bildung mit ihrem einseitig verstandesmäßigen Lernen ist nicht mehr die heutige Form der Erziehung jüdischer Jugend. Gilt es, unsere Kinder in einer wertbewußten Haltung freier Ungezwungenheit im Geiste einer ressentimentfreieu weltbegreifenden Humanität zu erziehen. so müssen wir sie vor der Einseitigkeit des Lernens überhaupt wie auch vor der Freudlosigkeit einer unkindlichen Altklugheit zu bewahren suchen. F-eucrbach sagte einmal: Wenn das Sprichwort meint, Alter schützt vor Torheit nicht, so finde ich es ärgerlicher, wenn Jugend nicht vor Weisheit schützt. Auch hier geraten wir wieder mit den Leistungs- und Erfolgsmenschen in Konflikt; ihm, ist das Spiel, diese göttliche Domäne der Kindheit, nur verächtliche Spielerei: er hat kein Organ für das wesentliche der Kindheit überhaupt und erzieht die unglücklichen Geschöpfe, die in seinem elterlichen Einflußbereich geraten sind, von klein aus zum alleinseeligmachenden Ideal der beruflichen Rührigkeit. Gerade aber in diesem Erziehungskampf für unsere Jugend, im Kampf um Sport und Spiel, Turnen und Wandern, begegnen uns Schwierigkeiten, die ich Ihnen nicht erst durch den Hinweis aus behördliche Verfügungen darzustelleu brauche, denken Sie au das Verbot, durch das die Jugendbetätiguug zurzeit stark geheiumt ist. sondern hier genügt der Hinweis auf die einfache Erwägung, daß das Leben in der Natur. Spielen und Wandern, immer Eemeinschaststätigkeit ist. die sich nicht unter dem Ausschluß einer empfindlichen Oeffentlichkeit vollziehen kann. Aber wenn wir mutig mit der Kraft unsere? 'Optimismus überhaupt au die Gestaltung jüdischen Lebens in Deutschland Herangehen, so werden wir sicher nicht verzagen, wenn es darum geht, da? Beste und Teuerste. was wir haben, zu erhalten und zu erziehen, wenn es sich darum handelt, unsere Jugend zu wertvollen Menschen. Zu Persönlichkeiten zu entwickeln. Non, scholae sod vitae discimus. Nicht für die Berechtigungsanstalt lernen wir. auch nicht für das praktische Leben, aber für das im Zeitalter der Zivilisation verkümmerte und geknechtete Leben der Kultur; und so wollen wir uns und unsere Kinder zu erziehen suchen: für das wahrhaft menschliche Leben in der Schau des Geistes. LehrerforfhiBdungstcagung in Leipzig Tie israelitische Religionsgemeinde Leipzig veranstaltete in Gemeinschaft mit der Reichsvertretung und der Mittelstelle für Erwachsenenbildung vom 7. bis 11. Oktober einen Fortbildungskursus, der in erster Linie für die Lehrer des mitteldeutschen Bezirks bestimmt war. Als Hörer nahm ferner eine große Anzahl Führer der jüdischen Jugendbünde teil. Die außerordentlich stark besuchte Tagung wurde von dem Vertreter der Gemeinde Leipzig. Dr. L 0 e b e n st e i n. eröffnet, der leider an die Spitze die Trauerbotschaft vom Hinscheiden Tr. Felix Goldmanns setzen mußte. Von der Reichsvertretung war Studienrat Dr. L e s ch n i tz e r entsandt, der während des Kursus besonders wertvolle Einwürfe machen konnte. Professor Dr. Martin Buber behandelte iu seinen Arbeitsgemeinschaften die Kapitel 15 und 22

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