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Central-Verein-Zeitung · 1934-10-25 · 43 (25.10.1934) · page 1

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
13 (1934)
Issue
43 (25.10.1934)
Date
1934-10-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
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XIII. Jahtgang 7 Nr. 43 Berlin, 25. Oktober 1934 Press 2G Pfennig Diese Nummer umfasst IS Seiten Sie enthält a. a.: Hauptblatt: Imcrjüdvsche Randbemerkungen. 1. ' Beiblatt: Die Klcider\ammer der jüdischen Gemeinde. Von Hilde Marx. — Ausstellung deutsch-jüdischer Künstler in Breslau. Von Dr. Margarete Steinberg. 2. Beiblatt: Erziehung, Eltern, Schule. Vom jüdischen Schultvcrk in Deutschland. Von Dr. Rudolf Callmann (Köln). — Kindliches Spiel — kindlicher Trotz. Von Professor L. F. Meyer. 3. Beiblatt: Der Einfluss der Bibel auf die bildende Kunst. Von Prof. Franz Landsberger. — rierbslfeste in Jerusalem. Von Gabriele Tergit. — Moses Montcfiore. Von Dr. Hans Kalisch. — Gesetz und Recht. U EkßKÄM tee öMHM KMW Soeben werden vom Statistischen Reichsamt die mit Spannung erwarteten Reichsergebnisse der religiösen (nicht rassemäßigen) Zusammensetzung der Bevölkerung veröffentlicht. I. Um das Hauptergebnis vorwegzunehmen: die Zahl der Juden in Deutschland ist Mitte UM bereits unter eine halbe Million gesunken. Dieses Ergebnis überrascht zwar nicht in seiner Richtung, um so mehr aber im absoluten Ausmaß. Es darf nicht vergessen werden, daß sich die Ergebnisse der amtlichen Statistik auf den Zeitpunkt von Mitte Juni 1933 beziehen, also auf einen Termin, an dem seit der Politischen Umwälzung in Deutschland erst einige Monate vergangen waren und sich erst ein Teil der jüdischen Abwanderung LWMg W EMgl'ZMiNs ifpftü mM Dr. M. E. An zwei aufeinanderfolgenden Sonntagen bedeutsame jüdische Arbeitssitzungen. Am 14. Oktober die Beiratssitzung der Reich svertretung der deutschen Juden — am 21. Oktober die Sitzung des Arbeitsausschusses des Eentral-Bereins. Es liegt nahe, zu vergleichen, weniger das Was als das Wie. Und es lohnt sich auch zu vergleichen; denn der völlig verschiedene 'Verlauf dieser beiden Tagungen^ ist kein Zufall, sondern aus der inneren Struktur der beiden Gremien bedingt.- ' Die Reichsvertrctung, weltanschaulich überparteilich, zu einer Einheit aus der Erkenntnis der Forderung des Tages zusammengeschmolzen, bietet die Möglichkeit zu Auseinandersetzungen, die, wie der 14. Oktober erfreulicherweise gezeigt hat, nicht auseinanderzuführen brauchen, sondern gerade durch die Ueberwindung von Gegensätzen zu stärkster Einheit des Wüllens führen können. Doch schon das Presseecho, vor allem die Berichte in der „Jüdischen Rundschau" und im „Berliner GemcindeblaLL", zeigten, wie sorgfältig die Menschen, denen diese Einheit am Herzen liegt, darauf bedacht sein müssen, sie zu erhallen und zu schützen. Tie Frage der Einheit brauchte bei der Sitzung des Eentral-Bereins keine Rolle zu spielen. Wer ein Jahrzehnt und länger in der Arbeit des Eentral-Bereins steht, weiß, daß in dieser großen Organisation die Einheit der Aussassungen nicht immer selbstverständlich war. Aber es waren schließlich nur Nuancen, die bei einer so breiten Plattform, wie der E.-B. als „schöpferische Mitte" des deutschen Judentums sie darstellt, unvermeidbar sind. Diese Nuancen haben sich zu einer Sinfonie abgestimmt, und alle Stimmen fügen sich dem Tirigenteustab des Präsidiums, seitdem die äußere Lage des Judentums in Deutschland auch die Eigenbrötler davon überzeugt hat, daß jetzt nicht die Zeit zu einem übertriebenen Individualismus ist. Tie Sitzung, die nach vicrmonatiger Pause am letzten Sonntag die Vorsitzenden der Landesverbände und die Mitglieder des Arbeitsausschusses mit dem Präsidium des Vereins in Berlin zur Berichti echtesten _. was ein Freund ans dem Süden des Reiches verlangte, daß die deutschen Juden eine Rotgemeinschast, sondern eine G e s hu n u u g s gemeinschaft, die durch die.Not vielleicht verstärkt werden, die aber auch jede Notzeit überdauern muß. Tie Tagung, die von 10 Uhr morgens bis 8 Uhr abends währte, wurde vom Vorsitzenden des Vereins, Justizrat Dr. Julius B r o d u i tz. und von seinem Stellvertreter, Rechtsanwalt Geiger (Frankfurt a. M.), geleitet. Der Vorutzende gedachte zunächst der in den letzten Monaten verstorbenen Mitarbeiter und Freunde, eine lange Liste kluger und feinsinniger Men- Ichen. deren Andenken in diesen Blättern bereits gewürdigt wurde. Daß besonders des Münchener Freundes Justizrat Heiler o n n e r und des Leipziger Rabbiners Tr. Felip G o l d m a n n gedacht wurde, der erstmalig in diesem Kreise fehlte, war selbstverständlich. Dann folgten, wie nun schon traditionell, die beiden Referate der gesckästsführenden Syndici Dr. Alfred Hirschverg und Dr. Hans R e i ch m a n n, hie mit ihren Darstellungen aus der praktischen Arbeit des Vereins und mit neuen Gedanke:: zur Vereinsideologie Grundlage und Richtu::g zur anschließenden Aussprache boten.. Die Forde- ruug von Alfred-Hirschberg, daß der Verein sich nicht in der praktischen Arbeit allein erschöpfen dürfe, sondern seine progrcumnati sehen Forderungen mit dem Totalitätsanspruch im Judentum durchzusetzcn versuchen müsse, den jede echte Bewegung für sich beanspruchen könne, fand in der Diskussion vielfache Betrachtung. Diese Aussprache unterschied diese Beiratssitzung von denen der letzten anderthalb Jahre, die sich vorwiegend "mit den praktischen Fragen befaßt hatten. Auch sie kamen in Anlehnung an Dr. Reichmanns Darstellung am letzten Sonntag nicht zu kurz. Aber es zeigten sich doch überall das Verlangen und die Ansätze dazu, auch das geistige Bild von dem Wollen und den Forderungen der E.-V.-Bewegung neu zu forme::, sich in diesem geistigen Ringen immer wieder von der Berechtigung unseres Daseins als deutsch-jüdische Menschen zu überzeugen und sich so ein seelisches Kräftereservvir für die Tagcsarbeit zu schassen. Tie Berichte über Einzelsragen der Arbeit wurden in einem Referat über die Sonderfragen der jüdischen Anwaltschaft ergänzt, welches allseitig mit größtem Interesse ausgenommen wurde. Friedrich Vvrchardt, der Bearbeiter der Vcrwaltungssragen im Präsidium des E.-V., erstattete nicht nur einen Finanzbericht, der die dringende Mahnung zur finanziellen Durchorganisierung der Landesverbände enthielt, sondern führte auch zu der wichtigen Frage der Berufsumschichtung über. In seinen und in zahlreichen Ausführungen verschiedenster Freunde aus dem Lande zeigte sich der Uebelstand, der in den letzten Monaten . immer offenbarer geworden ist. daß nämlich infolge der radikalen Umstellungsparolen des letzten Jahres nunmehr ein Mangel an kaufmännischen jüdischen Lehrlingen besteht. Diese Frage bedarf, darüber war man sich einig, der größten 'Aufmerksamkeit aller mit der Berufsberatung befaßten Stellen. Daß ihre Lösung' aber nicht nur von den iüdischen Stellen allein abhängt, ja daß sie nicht einmal innerhalb Deutschlands allein zu lösen sein wird, ergibt sich von selbst. Die ganze Berufsfrage hängt mit der Problematik der staatsbürgerlichen Situation der deutschen Juden aufs engste zusammen. lieber die mögliche Gestaltung dieser staatsrechtlichen Fragen unterrichteten zwei eingehende Berichte der Stellvertreter des Vorsitzenden Dr. Bruno Weil und Dr. Rudolf Gallmanu (Köln). Die Aussprache über diese beiden Referate zeigte den unbeugsamen Willen, auf deutschem Boden als deutsch-jüdische Menschen zu s e i n. Nach Erledigung einiger Satzungssragen schloß die Sitzung. Sie hinterließ in allen Teilnehmern die Gewißheit von der Wahrhaftigkeit und überzeitlichen Kraft der E.-V.- Jdee. UMW ösn Äfiafi i j/m! h 11 , U h i i/O1 «r vollzogen hatte, die auf Grund der neuen Verhältnisse ernsetzte. Die überaus interessanten Ergebnisie der amtlichen Statistik sind nur in der Entwicklung und im Vergleich zu würdigen, erst dann werden sie als Erkenntnisquelle produktiv. Aus der nachfolgenden Zahlenreihe geht mit Deutlichkeit hervor, daß Mitte 1933 die Zahl der Juden in' Deutschland niedriger ist, als sie bei der Neichsgründung im Jahre 1871 war. Jahr Zahl der Juden in Deutschland 1871. 1880 . 1890 . 1900 . ... 586 833 1910. 1910*). 1925 . 1983 (Mitte Juni) . . . 499 682 *) Umgercchiret aus dem nach dem Krieg verkleinerten Neichsgedict. Wie das Schaubild deutlich zeigt, ist die Zahl der Juden in Deutschland bis 1910 absolut angesticgen, wenn auch der Zuwachs rellrtiv viel geringer ivar als der der Gcsamtbevölkerung; mit Rücksicht auf die Gebietsverluste nach dem Vertrag von Versailles ergab dann die Volkszählung von 1925 erstmals eine Verringerung der Juden in Deutschland. Aber diese Verringerung ist nur eine scheinbare: denn wenn man in den Ergebnissen der Volkszählnng von 1910 die Inden der abgetrennten Gebiete absetzt, so ergibt sich für dieses Stichjahr anstatt 615 000 eine Zahl von 535 600, die bis 1925 wieder auf 564 000 gestiegen ist. Und nun weist die Statistik erstmals einen eckten Rückgang aus: eine absolute Abnahme um mehr als fast 65000 Menschen hat zwischen Mitte 1925 bis Mitte 1933 stattgesuodeu. Wie erklärt sich das Ausmaß dieser Bewegung'? Man ist versucht, anzunehmen, daß die Abwanderung von Juden nach der politischen Umwälzung in Deutschland die alleinige Ursache ist. Das ist jedoch nur mit Einschränkungen zutreffend, ein weiterer, bcvölkerungspolitisc'^r Grund spielt ebenfalls eine sehr beachtliche. Ms Zahl de^ 3uöe:i 620 000 610 000 600 000 590 000 580 000 570 000 560 000 550 000 540 000 530 000 520 000 510 000 500 000 490 000 480 000 470 000 46;'. 000 3ahr Itckm m DsmschlEö ISfl-iSi t) 1910 ' 1925 Diese Entwicklung versteht man erst ganz, wenn man sich vor Augen hält, daß die gesamte Reichsbevölkerung von 1871 bis Mitte 1933 von rund 41 Millionen auf über 65 Millionen gestiegen ist, d. h. um über 24 Millionen oder u:u mehr als die Hälfte des Ausgangspunktes bei der Reichsgründung, trotzdem im Gefolge des Krieges das Reichsgebiet eine Verkleinerung erfahren hat. In der gleichen Zeitspanne ist die Zahl der Juden in Deutschland aus unter 500 000 herabgesuuken, sie liegt also Mitte 1933 noch um 12 000 niedriger als 1871. Was das für den Anteil der Juden an der Cesamtüevölkeruug des Deutschen Reiches bedeutet, erhellt daraus, daß bei der Reichsgründung unter 1000 Deutschen etwa 12 bis 13 Juden lebte::, Mitte 1933 dagegen nur noch 7 bis 8. Unter 109 Deutschen Jahr waren Juden 1871 1880 . 1890 . 1900 . 1910 . 1910*) 1925 . 1933 (Mitte Juni) 1,24 1,15 1,04 0,95 0,93 0,90 0,77 *) llmgercchnet aus bent nach dem Kriege verkleinerten Reichsgebiet. sehr ernste Rolle. Sehr aufschlußreich sind nach dieser Richtung die Feststellungen, die dac- Preußische Statistische Landesamt hinsichtlich der Ergebnisse für das preußische Staatsgel'.3 in einer soeben erschienenen amtlichen Veröffentlichung macht. Ter Rückgang der Juden in Prcumm allein beziffert sich, wie nachstehend noch näher dargelegt rvird, auf über 42 000 Personen. Run wird in der 13. Sondernummer der „Statistischen .Korrespondenz" berechnet, daß von 1925 bis 1933 die Ab::ah:ne von mehr als 15 OOO Juden durch deu Ueberschnß der Cterbefälle über die Geburten und mehr a'- 27 OOO aus deu Auswanderungsverlust e:3 fallen. Am Rande sei bemerkt, daß der Austritt vor: Juden aus der jüdischen Religiomgcmeinschast zwischen 1925 und 1933 unseres Erachtens keine erhebliche Rolle im Rahm-- dieser Größenordnungen spielt. Uebcrwäch mau die für Preußen 'sestgestellteu Werte auf das Reich, so würde das bedeuten, daß bei der Schrumpfung der Zahl der Juden zwischen etwa Mitte 1925 bis Mitte 1933 um 65 OOO etwa 22 5OO sich dadurch erklären, daßuoeniger Geburten als Todesfälle in dieser Zeit waren, und daß etwa 40 OOO Juden aus Deutschland abgcwaudert sind. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß nach der bevölkerungspolitischen Seite der

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