Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 13 (1934)
- Issue
- 42 (18.10.1934)
- Date
- 1934-10-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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2CL10.1S34 * A \ li H - / J y i XIII. Jahrgang / Nr. 42 Berlin, 18. Oktober 193^ .. Preis 20 Pfennig Diese Nummer umfasst 16 Seiten Sie enthält u. a.: Hauptblatt: Höhepunkt einer vergangenen Epoche, von Dr. Fritz Ftiedländcr 1. Beiblatt: Die jüdischen Krankenhäuser in Deutschland, von Dr. Bruno Claserfeld (II) — Aus der C.-V.-Bewegung — Schachec\c — Sport der Woche . 2. Beiblatt: Der Einfluss der Bibel auf die bildende Kunst (III), von Professor Franz Landsberger — S. Fischer von Kurt Pinlhus — Rothschild siegt bei V/aierloo — Wirtschaft der Woche 3. Beiblatt: Das Blatt der deutschen Jüdin — Die Slaih-Fravha-Legende, von ]. Veitel — Die V/irtschaftslagc Palästinas — D’c TransfcrmSglichkciten ■ bei der Auswanderung. von Rudolf Cräupncr M öMM Ms KUMMÄ lWWÄSÄN" Dr. M. E. Die Neichsvertretung der deutscheu Juden, die nunmehr etwas über ein Jahr besteht, hatte, wie wir in. der vorigen Nummer unserer Zeitung berichteten, zu einer Bciratssitzung am letzten Tonntag eingeladen. Im Berliner Logcnhaus versammelte sich neben dem aus neun Mitgliedern bestehenden Präsidialausschuß ein Kreis von Persönlichkeiten aus allen Lagern des deutschen Judentums, geeint in dem Willen, in dieser Reichsvertretung ohne Parteirücksichten zum Wohlc des gesamten deutschen 'Judentums zusammenzuwirken. Tie Begrüßungsrede des Präsidenten Tr. B a e ck stellte die Wichtigkeit dieser Einheit von Neichsvertretung, Organisationen und Gemeinden in den Vordergrund. „Pleinungen trennen, aber Ausgaben verbinden. Wo die Meinungen .zurücktreten und das Bewnßtsein der großen Aufgabe vor Geist und Wille tritt, dort ist Zusammenarbeit immer gesunden worden/ Tr. Baeck wies dann aus die schweren Aufgaben, die der Winter mit seinen Eristcnzsorgen an die Organisationen stellt, hin und verlangte, daß die Arbeit im Geiste des jüdischen Lebens, in der Treue zur Idee, Einigkeit und Geschlossenheit erfüllt werde. Wie diesen Forderungen gemäß im letzten Jahre bereits gearbeitet worden ist. schilderte Ministerialrat a. D. Dr. Otto Hirsch, der Vorsitzende des Präsidialansschuffes der Neichsvertretung, in seinein Referat über die innere Lage im deutschen Judentum und seine Organisationen. Er konnte erfreulicherweise seststellen, daß alle Organisationen, die das deutsche Judentum aufzuweisen hat, dem Ruf der Gemeinschaft gefolgt sind und sich, ohne an sich selbst zu denken, für die Erhaltung des Judentums eingesetzt haben. Tr. H i r s ch gab mit diesem Dortrag den Auftakt 311 einer organisatorischen Debatte, die den ganzen Vormittag ausfüllte. Eine große Nolle spielte in ihr eine Differenz, die zwischen der Berliner Gemeinde und der Neichsvertretung im Anschluß an die Derlängernng der Legislaturperiode der Berliner Repräsentanten - Versammlungen entstanden waren. Ter Verlauf dieser Debatte — in der besonders Justizrat Dr. Brodnitz, Direktor Heinrich Stahl und Tr. Julius A Seligsohn hervortraten — und ihre glückliche Beendigung durch ein Vertrauensvotum für die Neichsvertretung zeigt, wie wichtig es ist, daß solche Zwischenfälle in dem. größeren Gremium des Beirats besprochen werden. Ein Kreis von Menschen ans ver-' schiedenen Landesteilen, vor allem auch aus bedrängteren Gebieten, hat das richtige Augenmaß, um die Bedeutung eines solchen Vorfalls auf das Maß zurückznschrauben, das ihm wirklich zukommt. Imponierend war dabei die Haltung des Präsidialausschusses, der. obschon ihm Männer aller Parteirichtungen und verschiedenster Landesteile angehörten, durch die Einmütigkeit seiner Stellungnahme erkennen ließ, voie die höhere Idee die Menschen über ihre Parteizerklüftung hinweg zu erheben vermag. Die Entschließung, die, von Mar Marburg (Hamburg) eingebracht, zum Schluß der Vormittagsdebatte angenommen wurde, lautet: „Der Beirat spricht dem Präsidmlausschuß seinen herzlichsten Tank und sein Vertrauen aus für diehingebungsvoll geleistete Arbeit in schwerer Zeit. 6t beantragt' die Niedersetzung eines Ausschusses. um die organische Weiterentwicklung der Reichsvertretung zu beraten." Tie „Jüdische Rundschau" meint, daß diese Resolution dem Willen des Antragstellers und der Meinung der Mehrheit des Beirats entsprechend dahin auszulegen sei. „daß eine Erweiterung des Präsidialausschusses nicht vorgenommen werden soll". Richtig ist, daß inder Aussprache. der Gesichtspunkt, daß ein dreizehnköpsiger Präsidialausschuß kaum zu anderen Beschlüssen gelangen werde als ein neunköpfiger, da dieser doch immer nur ein».- stimmig entschieden habe, oft und von gewichtiger Stelle betont worden ist. Die Resolution aber enthält eine derartige imperative. Anordnung nicht, sondern gibt dem Ausschuß. dessen Zusammensetzung später beschlossen wurde, die Form, in der die organische Weiterentwicklung der Neichsvertretung erfolgen soll, völlig anheim. Ta, wie in Vorträgen und Debatte deutlich herausgestellt wurde, die Mittel für die großen Aufgaben der Neichsvertretung von den Gemeinden und Landesverbänden aufgebracht werden müssen, entspricht es einem Akt der Gerechtigkeit gegenüber diesen Körperschaften, daß ein Haushaltsausschuß eingesetzt wurde, „der den Haushaltsplan der Neichsvertretung zu verabschieden, seine Einhaltung' zu überwachen und die Rechnung der Neichsvertretung zu prüfen hat". Dieser Haushaltsausschuß wurde aus Mitgliedern der Landesverbände, der großen Organisationen und mit einem Beirat von zwei Finanzsachverständigen — Georg Hirschwald (Essen) und Max Marburg I (Hamburg) — zusammengesetzt. - Während der Vormittag so der F v r m der Arbeit gegolten hatte, war der Nachmittag ihrem I n h a l t gewidmet. Rechtsanwalt- Dr. Rudolf E all mann (Köln), Mitglied ' des Präsidialansfchusses, gab in einem großzügigen Referat einen Ueberblick über Ausbau und Neubau der Schulen, die Schaffung einer Lehrerfortbildung und den Beginn einer Erwachsenenbildung, die durch die Neichsvertretung eingeleitet worden sind. Er stellte das | interessante Zahlenmaterial, auf das wir noch! demnächst in unserer Beilage „Erziehung,! Eltern, Schule" zurückkommen werden, in J den Nahmen einer Betrachtung über die f geistige Notwendigkeit, in Deutschland zu einer jüdischen Bildungsgesinnung zu kommen, die zugleich die Gefahr der geistigen Absperrung des jüdischen Menschen von der deutschen Umwelt überwindet und dem Rufe nach Erstarkung des jüdischen Wissens gerecht wird. Bildung sei nicht einseitiges Wissen, nicht nur 1 Voraussetzung für Leistung, Arbeit und Erj werb, sie sei etwas Seelisches, das Hinein- I finden der Person zu ihrem eigenen Sein und Wesen. Tie Jugend muß vor der Einseitige keit des Denkens und des Lernens überhaupt- und vor der Freudlosigkeit jugendlicher Altklugheit geschützt werden. Bei allen.geistigen Anforderungen, denen das jüdische Bildungswesen gerecht zu werden hat, dürfe deshalb Spiel und Sport nicht übersehen werden. Unsere Kinder sollen — heute mehr denn je — nicht für die Schule, das heißt nicht für das. Berechtigungszeugnis lernen. Sie sollen für! das Leben und seine heutigen Anforderungen I lernen, aber unter einer geistigen Gesamtschau. ° Tie Arbeit,' die für das Judentum in Deutschland heute geleistet wird, und die, wie schon allein das Schnlwerk mit seinem großen Etat zeigt, ungeheure Mittel erfordert, wäre ' nicht möglich gewesen, wenn nicht eine Zentralstelle die Sammlung und Verteilung der Mittel im entscheidenden Zeitpunkt in die Hand genommen hätte. Ter Zentralausschuß für Hilfe und Ausbau, der diese gewaltige Arbeit übernommen hat, war bereits vor der Neichsvcrtretung gegründet. Er wurde der Neichsvertretung organisch eingcgliedert. seine Arbeit ist in diesen Blättern fast in jeder Nummer erwähnt, seine Unentbehrlichkeit dem deutschen Judentum immer wieder vor Augen gestellt worden. Dr. Franz Meyer, Mitglied des Präsidialausschusses, gab dem Beirat noch einmal ein lebendiges Bild von den großen sozial- - politischen Ausgaben, die der Zent.ralausschuß, A. H. Graf E. Reventlow, der bekannte nationalsozialistische Publizist, veröffentlicht in seinem „Reichswart" (14. Oktober, Nr. 41) an leitender Stelle und in auffälliger Aufmachnng einen kurzen Aufsatz „Deutsche Judenentscheidung unveränderlich". Er beginnt mit dem Hinweis, daß im Zusammenhang mit Genf im Ausland die Frage aufgeworfen werde, ob das nationalsozialistische Deutschland nicht doch dem Judentum gegenüber seine Haltung ändern werde. Hierzu führt Reventlow aus: „Die Stellung des nationalsozialistischen Deutschland dem Juden und dem Judentum gegenüber war und bleibt immer grundsätzliche r Natur. W i r erblicken im I u t> c n t u m einen Fremdkörper i m O r g a n i s m u s d e s deutschen Volkes, der gemäß der Erfahrung langer Jahrzehnte schädlich, ja verderblich wirkt und deshalb a u S d e m Leben d es d eu t sch e n Volke s a u s geschieden U' e r d e n mitß. Ter Nationalsozialismus hat diese Haltung zum Judentum niemals persönlich dem einzelnen Juden gegenüber ausgefaßt, nach der einen Seite eben«: sowenig wie nach der anderen, weder zugunsteit, noch zuungunsten. Er hat auch nie die mit den Auswirkungen seiner grundsätzlichen Stellungnahme verknüpften persönlichen Härten in Abrede gestellt, war stets bereit, dieselbe in' Einzelfällen zu bedauern, ohne aber solchem persönlichen Bedauern praktische Folge geben zu können. Es ist unmöglich,, wie nicht zum wenigsten von Juden selbst auch gern gefordert oder angeregt wird, persönliche Unterschiede zu machen, nicht nur deshalb nicht, weil einwandfreie Maßstäbc nicht möglich sind, sondern weil es sich eben um eine grundsätzliche Sache Handel t. Macht deren Durchführung und Verwirklichung Schwierigkeiten, so gilt gerade hier das nenliche Wort Adolf Hitlers: wenn er von Schwierigkeiten spreche. -so denke er dabei niemals an KaPitnlatio n. lieber die Schwierigkeitcn, welche die Haltung des Dritten Reiches zur Jndeusrage zur Folge gehabt hat, ist hier oft gesprochen worden: wir brauchen nicht zu wiederholen. Daß diese, nnd sollten sie sich noch verstärken, in der grundsätzlichen Haltung je eine Acnderung hervorbringcn können, das ist eine kindliche, groteske Annahme." Graf Reventlozv beschäftigt sich sodann mit der ausländischen Argumentation, daß eine Acnderung der Stellung gegenüber den Inden die Zahl der positiven Stimmen bei einer Volksabstimmung vermehren werde, tind äußert hierzu: „Soweit es in Deutschland wohnende Juden betrifst, ist es v o l l k v m - men g l e i ch g ü l ti g. o b d i e I u d e n in einer V o l k s a b st i m m u n g sich m i t - Ja o d e r N e i n oder g a r n i ch t bete i l i g e n , schon aus de m einfachen gestützt ans die jahrzehntelange Vorarbeit der Zentralwohlfahrtsstcllc zu leisten hat. Tie jüdische Oefsentlichkeit müsse endlich erfassen, daß das finanzielle Einstehen des einen für alle und aller für eilten zttr Lebensnotwendigkeit des gesamten deutschen Judentums gelvordcu ist. Die Sitzung des Beirats, der nach einem Vorschlag von Dr. Baeck um fünfzehn neue Mitglieder erweitert werden soll, hat schwebende Fragen geklärt und der Reichsvertretuüg die. notwendige stimmungsmäßige und tatsächliche Basis zur Weiterarbeit gegeben. Es scheint uns notwendig, daß diese Stimmung Pfleglich behandelt und von allen Seiten eine freundschaftliche Vorsicht in der Behandlung strittiger Punkte gewahrt wird. Es erscheint uns aber diesen Gedanken nicht förderlich, wenn man, wie die „Jüdische Rundschau" das getan Hatz und natürlichen G r u n d e, w e i l d e r Nationalsozialismus den Juden nicht zum deutschen V o l k e r e ch n e t. und z w a r aus dem anderen, nicht m i n d e r einfachen Grunde, daß der Jude einem anderen Volke, n ä m l i ch dem jüdischen Volke, a n - gehört." Weiter.unten faßt Reventlow seine Ansicht dahin zusammen: „In der I n d e n s r n g e gibt es nur ein Entweder — oder. ... T i e I n d e n f r a g e ist durch d kl s nationalsozialistische T e n t s ch - l a n d als W e l t s r a g e akut geworden... Wir glauben, daß ein Volk nach dem anderen sich z u eine m gewissen Zeitpunkt vor d regle i ch e Frage und Entscheidung gestellt sehen wird, tt n d sie in seine m eigenen v ö l k i s ch c n S i n n e beantworten mu ß, wie h e u t e da s deutsche!"' Wir haben uns an dieser Stelle nicht mit mutmaßlichen Entwicklungen außerhalb Deutschlands zu befassen, über die die Auffassung verschieden sein kann und im einzelnen Falle sehr stark von der Einsicht in die politischen Zusammenhänge etwa der großen westlichen Demokratien und des faschistischen Italien abhängig sein wird — Erkenntnisse, die überwiegend nur bei sehr sorgfältigem Studium, meist nur bei längjährigem Aufenthalt in diesen Ländern selbst möglich sein werden. Auch an deit innenstaatlichen Maßnahmen gegenüber den deutschen Juden soll eine Kritik nicht erfolgen. Wenn aber Reventlow in seinem Aufsatz schreibt: „Wenn der Jude, auch der jüdisch-deutsche Mischling erklärt, er fühle deutsch, er habe sich immer ohne weiteres zum deutschen Volk gerechnet und ganz selbstver stündlich als Deutschen betrachtet, immer im Krieg und Fricdeit sei er für Deutschland eingetreten, so kann dies menschlich anznerkennen sein, niemals aber objektiv den Beweis bildert können, daß er Deutscher oder Arier sei", so ist dem zuzustimmen, daß wir Inden nicht den Beweis zu erbringen versuchen. Arier zu sein, daß wir aber bis zit jenen Apriltagen des vorigen Jahres, in deneit die Gleichsetzung von Deutsch und Arisch erfolgte, uns tu jeder Hinsicht als Deutsche empfunden und auch als Deutsche — was ja Graf Rcoentlow mittelbar anerkannt — betätigt haben. Diese geschichtlichen Tatsachen schufen in den Köpfen und Herzen der deutschen Juden eine bestimmte und auch durch die Entwicklung seit 1933 in Ihren Grundlagen nicht erschütterte Stellungnahme zum Deutschtum, zu deutscher Kultur und deutscher Heimat. In dieser Hinsicht ist die lleberschrist des Leitanfsatzes vor: Graf Reventlow absolut auch für uns zutreffend: D i c d e n t s ch e I u d e n e n t s ch c i - d u li g t st n n v e r ä n d e r l i ch. den Auftakt zur neuen Arbeitspcrivde des Einheitsgreminms mit neuer Polemik einleitet. Wir unsererseits freuen uns darüber, daß sich das deutsche Judentum in dieser Notzeit zu einer Einheit zusammengesügt hat und wollen zu unserem Teile weiterhin darüber wachen, daß diese Einheit in der praktischen Arbeit bewahrt bleibt. Tie Pressestelle der Reichövcrtrctrrng der deutschen Juden versendet nach der Leiratssitzung eine Mitteilung, in der es heißt: „Gestützt auf das dem Präsidialausschuß in der Bciratssitzung dom 14. Oktober erneut von allen Seiten bekundete Vertrauen. wird die Neichsvertretung die Arbeit für die Gesamtinteressen der deutschen Juden im bisherigen Geiste sortsetzen. Pläne für den weiteren organischen Ausbau der Neichsvertretung wird die Leitung der Neichsvertretung in einem besonderen in der Beiratssitzung gebildeten Organisationsausschuß zur Beratung bringen. Einen Schritt ans