Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 13 (1934)
- Issue
- 41 (11.10.1934)
- Date
- 1934-10-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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r Zmm Ö 7-. r\ XIII. Jahrgang! Nr. 41/p- Berlin, 11. Oktober 1934 j Preis 2© Pfennig .1 i y 14. H. Vor kaum Monatsfrist fragte mich r&Iir Gold mann an, ob ich fein neuestes Manuskript .Dcutschjüdische Epistenz heute", das er im Entwurf soeben abgeschlossen halv. lesen und begutachten wolle. Seit Jahren kamen in kürzcrcn oder längeren, Abständen solche Anfragen und danach die Manuskripte der Arbeiten, die er in seinem außerordentlichen Fleiß meist in der Ltille des bücherbordgesaftten Arbeitszimmers in Leipzig mit der Hand niedergeschrieben hatte: so „Ter Jude im deutschen Kulturkreis" und die Talmudbroschüre, Mit Freuden schrieb ich mein Ja und konnte wenige Tage spücr die Arbeit in Händen halten, in der Felix Goldmann, der so vieles zur Zeit zu sagen hatte, zusammenfassend die Problematik des dciitschjüdischen Gedanken-, Lebens- und Arbeitsraumes untersucht hat. Aus meine Bemerkungen kam Ende Teptember die Antwort, in der cs heißt:.„Herzlich gern hätte ich mit Ihnen über die Tinge gesprochen. Ta ich aber die Absicht habe, bercsts am 11. Oktober nach Palästina zu fahren, wird cs vor meiner Abreise nicht dazu koimnea können. Jedenfalls werde ich Ihnen noch einmal vorher schreiben." An diesem 11. Oktober werden wir Felix (boldmaim in Leipzig zur letzten Ruhe betten; ■ die Aussprache über seine Arbeit kann nur noch einseitig geführt werden. Felix Eoldmanu hat seinem Manuskript vor feinem Ableben noch die. von ihm als endgültig beabsichtigte Fassung gegeben. Eie ist sein Vermächtnis an das dcutsc!)e Judentiun. für das er lebte und in dessen Tienste er sich verzehrte. W'r ehren sein Andenken und uns durch die Verösfcntlichung des Schlußkapitels dieses letzten Werkes. Seit der Tempel zerstört worden ist, so sagt ein Talmudwort, ist die Gabe der Prophetie nur den Kindern und Narren verliehen. Felix Goldmann Sporen 16. April 1882, gestorben 6. Oktober 1934 Schleier der Zukunft, und sei es auch nur den über die nächsten Monate gebreiteten, aussuheben. ist unmöglich. Jede Ueberlegung oder Vorausberechnung ist um so mehr zwecklos und unnütz, als man die Faktoren nicht kennt, von denen sie abhängig ist, als man auf sie auch nicht den geringsten Einfluß hat. Auch historisches Vergleichen hilft nicht weiter. Die xhn Stämme sind verlorengegangen, der ^tamm Juda ist Grundlage eines neuen Volkes geworden. Unglück hat oft vernichtend gewirkt, oft. die Lebenskraft gestärkt. Und auch, Qr5 Letzteres die Regel gewesen ist, daß die ^Deutschland zur Zeit des schwarzen Todes crtricbcnen Scharen in Polen ein neues MN §MZ OglhWMM Zentrum gründeten, daß die durch die spanische Inquisition verjagten sich im Orient ' ansiedelten, ist keine Grundlage einer -Prognose, weil eben die äußeren Geschichtsbedingungen jeder Einheitlichkeit entbehren. Judenschicksal ist immer anders! Schicksal und Haltung sind aber zu -trennen. Ein altes Wort sagt, daß es nicht -darauf ankomme, was das Schicksal einem bescheere, sondern wie man es zu tragen misse! .Ueber Sein und Nichtsein entscheidet letztlich die seelische Haltung. Schlimmeres als dem Judentum zur Zeit der zweiten Zerstörung Jerusalems angetan worden ist, wird in der an grausamer Sinnlosigkeit so reichen Weltgeschichte noch nie geschehen sein, und doch haben die gedemütigten und gefesselten Sklaven der Römer sich behauptet, weil sie, den .Mächten der Zerstörung die Größe der inneren Haltung entgegenstellen konnten! Seelische Haltung verbindet Individuelles 'und Allgemeines, in ihr fließt Sein und 'Sollen zusammen. Sie ist unmöglich ohne Sicherheit und Fertigkeit der Seele, sie ist uu- .möglich, 'ohne daß das Individuum sich an einem Ziele aufrichtet. Seelische Haltung ist letzten Endes abhängig von den Gemeinschafts- Werten, die Zaghaftigkeit und Zweifel überwinden. Ueber die Zukunft des Geschehens läßt sich gar nichts sagen. Daß. aber der objektive Ablauf der Tinge anders auf harte und anders auf schwache Naturen wirkt, ist selbstverständlich. Auch auf die Gewalt des Sturmes auf dem Meer hat man keinen Einfluß, aber man kann sich zur Reise auf einen großen Ozeandampfer begeben und kann sein Leben einem schwankenden kleinen Segelboot anvertrauen. Schicksal kann man nicht abwenden, aber man kann es ertragen und meistern! Kohelet, der Prediger, sagt, daß es eine Zeit in allem gebe. Wenn wir auch nicht Herren über unser Schicksal sind, dürfen auch wir uns zu den Faktoren zählen, die an ihrer Stelle und zu ihrer Zeit das Geschehen zu beeinflussen suchen. Auch wir haben eingegriffeu. Nicht, wie unsere Gegner es wahr haben wollen, als die „Weisen von Zion", die das Weltgeschick dirigieren! Wohl aber habenwir deutschen Juden im Kampfe um das Recht unseren Mann gestanden, und wir haben tapfer den Kampf um die völlige Durchführung der Emanzipation geführt, manches schönen Erfolges uns erfreuend. Diese aktivistische Epoche ist in Deutschland vorbei. Es ist nicht mehr die Zeit zum Angriff, sondern zur Stärkung der eigenen Stellung. Nicht mengen wir uns in die Politik und das Treiben der Welt, sondern wir schauen aus uns! Darin liegt unsere Zukunft! Unsere deutschjüdische Existenz hängt von unserem Beharren ab. Und bleiben können wir nur auf Grund einer seelischen Haltung, die vom Glauben getragen wird: vom Glauben an uns und.au die Richtigkeitunseres bisherigen Weges, vom Glauben an die jüdische Realität. Was in Tagen der Größe und des Glückes Vorzug ist, wird in schlimmen Zeiten zum Quell des Zerfalls. Wir-deutschen Juden sind doppelt gesegnet. Als Juden sind wir Jndividualisten-und Intellektuelle, Erneuerer und Erbauer des Künftigen auf der Grundlage der Kritik. Als Deutsche sind wir auch 'Individualisten . und Intellektuelle,- Grübler und Denker! Wundervolle Anlagen -für die Zeit des Aufstieges, die den Wert des Zusammenhalts nicht zu erproben braucht! Unseliges Erbteil in der Zeit'der Not, da nur fester Halt in einem Gemeinsamen aufrechterhält. Dian rühmt dem Juden auf seinem Lebenswege durch die. Geschichte Wendigkeit nach, die Fähigkeit, sich in sein Los zu schicken, sich in jeder Lage einzurichten, zu warten! Wird in unseren Tagen sich diese seelische Wendigkeit bewähren? Wird unser Geschlecht die Kraft haben, in Würde zu beharren und zu warten, 'im Glauben stark zu wirken? -Oder wird der Schrei nach den Fleischtöpfen Aegyptens erklingen und die Erinnerung an verflossene Tage die Verzweiflung grvßziehen, den Sprung in das Nichts bewirken? Das ist das Problem der Zukunft. Deut s ch jüdische E x i st e n z hängt nur von unserer s c e l i s ch e n Haltung ab. Bon ihrer Festi g kei t, von ihrem Glaube n. Es ist nicht die Zeit, zu werben und zu verhetzen, es ist nicht die Zeit, innere Unsicherheit zu säen, aus der nur Verderben erblühen kann. Es ist, um Kohelet nochmals zu zitieren, nicht die Zeit, zu reden, sondern zu schweigen! Es ist die Zeit, seiner unbestochenen, von Vor- .urteilen freien Liebe nachzucisern, es i st die -Zei t, dem andersdenkenden Judeu dieselbe Ehrlichkeit u n d Aufrichtigkeit der Gesinnung, dieselbe heiße Liebe zum I u d c n t u m z u z u - g c st ehe n, die man s ü r s i ch selber i n A n s p r u ch ui m m t! Wir spüren den Fortschritt der Jahrhunderte überall int Weltgeschehen und im Wcltdcnken. Ist der Mensch von ihm nicht ergriffen? Steht der jüdische Mensch abseits? Lebt noch immer jener Geist der kalten Zwietracht, der die Verteidigung. Jerusalems gegen Titus — geschichtlich eine der gewaltigsten Taten, die zäher H c l d e n g e i st vollbringen konnte — zum brennenden Mal der S ch m ach für die jüdische Seele gestalten konnte? Selbst wenn die deutschjüdischen Menschen. das Geschlecht der Emanzipation und der Assimilation Fehler begangen hätten, es gibt Zeiten, da es besser ist, ans falscher Grundlage hart und konsequent fortznwirken, als angesichts feindlicher Angriffe zu kritisieren und alles zu zerstören. Tie llncntwcatheit der Theorie bedeutet nicht immer das Glück des Seins! Wenigstens das sollten die Verneiner unserer jüdischen Grundlage sich sagen. Wir freilich können nicht finden. -i Justizrat Dr. Julius Brodnitz bei der Ansprache vor der Festaufführung des „Jeremias4“ im Berliner Kulturbund (Text 3. Beiblatt, 2. Seite) Fo/odirnst A rvo Kifodrr EnEnBBanncnnnnnnnncnnnnnnnnEHa daß unsere Existenz auf einem falschen Prinzip ausgebaut ist. Sachlich und formal haben wir die Grundlagen der dcutschjüdischen Existenz' von heute untersucht. AL a ß st a b war uns das Ziel des Judentums und der Sinn der Zeit! Emanzipation und Assimilation gliederten wir in das Wesen des Judentums und die Ergebnisse der modernen Kulturentwicklung ein. Und sinnvoll erwies sich die Richtigkeit dieser Deutung in der Leistung, die die deutsche Judcnheit im neunzehnten Jahrhundert vollbracht hat. Ein Doppeltes sollte damit gezeigt sein. Jüdische Eristenz ist immer modifiziert durch die Bedingungen des Raumes, in denen sie sich vollzieht! Es gibt polnisch-jüdische, persisch-jüdische, amerikanisch-jüdische, palästinensisch-jüdische, deutschjüdische Eristenz, aber es gibt keine jüdische Eristenz schlechthin! Alle sind sie gleichwertig, wenn sie im jüdischen Geiste wirken. Daß sachlich der deutsche Jnde in einem Rahmen lebt, der des Judentums würdig ist, unter Kultnrbedingungen. die die Eristenz des Judentums gewährleisten, muß ihm zunächst gezeigt werden. Maß aller Dinge bleibt aber der Mensch! Und das ist das zweite! Ter deutsch-jüdische Mensch muß wissen, daß er im Ganzen des -Judentums wirkt! Er muß befreit sein von der Last von Vorwürfen, die er sich selber macht, die andere Inden gegen ihn schleuderten. Er muß arbeiten können in der Selbstsicherheit des rechten Weges. Und auf diesen beiden Pfeilern, auf dem Bewußtsein - einer jüdischen Aufgabe, ans arbeitsfreudiger, seelischer Sicherheit beruht die deutsch-jüdische Eristenz von heute. Das Wort Gottes an Josnä hat, ewige Bedeutung: „Ehasäk wcema;!"' Sei stark und fest! J ü jj;j |] | viiMVi •uuuU. tzm FM MöMM San gulfuf Vrsdnltz'. Es gilt einen schweren Abschied, den letzten Gruß an Felix Goldmann. Wir wußten seit langem, daß er leidend war;,aber an seinem Schaffen war es nicht zu merken. Die Energie, die Eindringlichkeit, die Entschlossenheit im Anfassen von Arbeit, und Problem waren die gleichen, wie wir sie seit Jahrzehnten als Segen und Bereicherung unserer Arbeit beobachten konnten. Er starb, kurz nachdem er die letzte Hand an seine Niederschrift über die jüdische Lage der Gegenwart gelegt hatte, unmittelbar bevor er-das Land der Väter, für dessen Aufbau er seit langem cingetreten war, auf einer Studienreise mit eigenen Augen sehen'konnte. Mit Felix Goldmanns Heimgang ist eine tiefe und nicht auszufüllende Lücke in unserem Freundeskreis entstanden. Diese Vereinigung von wissenschaftlicher Gründlichkeit mit der Fähigkeit gemeinverständlicher Darstellung, dieses scelsorgerische Verantwortungsgefühl mit der Fähigkeit organisatorischpraktischen Wirkens machten ihn zu einer Bereicherung, für jeden' Arbeitskreis, dem er -sich zurechnete.' Vom K. E. aus kam er zu uns. Und unser war er.' In keinem der vielen Bereiche, denen er angehörte, war er so mit Geist-und Leib und Herzen dabei wie im Ecntral-Verein: denn-in ihm'sah er die Idee des Judentums geformt, die.ihn erfüllte. -Deshalb fand schon der Werdende den Weg zu uns, und der Gewordene '— um nicht zu sagen der Fertigerer fühlte sich, nie fertig und rang bis -zum letzten mit den Problemen des Tages und der Ewigkeit — fand im Central-Verein denjenigen Platz in der Führung, der ihm gebührte. Haupworstand, Arbeitsausschuß und Beirat sahen ihn in jeder Beratung, und als die große Reorganisation des E.-V. als erstes Ergebnisden , bedeutsamen Landesverband Mitteldeutschland schuf, gab cs keinen anderen Führer, dieses Bezirks als den langjährigen inhaltskasfen umseifig