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Central-Verein-Zeitung · 1934-10-05 · 40 (5.10.1934) · page 5

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
13 (1934)
Issue
40 (5.10.1934)
Date
1934-10-05
Page
– (sequence 5)
Language
German
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\3owo f—! fcSir« CO 1. Bosbfaw .&W€TtiKiM IMiä )$ M MWZÄ Berussumschichtung ist ein Schlagwort der Zeit geworden, und die Forderung der Erlernung eines Handwerks steht dicht dabei. Schlagwörter bedürfen der Prüfung, und wie könnten wir sie andcrs prüfen als in den überlieferten Weisungen, die heute einen neuen Sinn in ihrer alten Wahrheit erhalten haben. Im ersten Abschnitt der Sprüche der Väter ttirb ein Wort Hillels bewahrt, das heißt: „Wer nach dem Nus und Rainen hascht, der verliert seinen Manien, wer nicht zunimmt (in der Erkenntnis), mm Ult ab: wer nichts lernen will, ist nicht wert, daß er lebe, u-^d wer die Krone rls Werkzeug braucht, geht unter und zugrunde." Zn diesem Wort liegt die altjüdifche Werkgesinnung beschloffen, die von einer Bewertung der geistigen Arbeit au-i-gcht, wie sie der üblichen Porftesiung von den Wurzeln des indischen Lebens nicht entspricht. Hillcl meint mit der Krone die Thora, die nicht zum'Werkzeug des Erwerbs gcinacht werden solle. Aul ihr und ihrer Verbreitung durfte der Rabbi des alten Judentums seinen Lebensunterhalt nicht verdienen, vielmehr mußte er dies durch seiner G'mde Arbeit tun. Zumindest ein Drittel des Inges sollte er arbeiten, zur übrigen Zeit dem Smdiuin obliegen, und bis in das späte Mittelalter hinein hat sich diese Forderung erhalten. Alle großen Lehrer — Naschi ist das beste Beispiel — haben für die Ueberlicfernng des jüdischen Geistes lind feines Wortes „neben" ihrem meist handwerklichen oder bäuerlichen Beruf gewirkt. So berichtet denn auch Moses bim Maimon, die ältesten Weifen hätten alle zu ihrer Lehrtätigkeit ein Handwerk betrieben, um nicht nur vom Lehr- oder Nichteramt leben, oder das Gnadenbrot der Begüterten essen zu müssen. Sie hätten ihr Amt ohne Entgelt verwaltet, kümmerlich gelebt lind das Leben gefristet, lind wären im höchsten Ansehen lind in Ehren gestanden. So habe Hillel sich vom H o l z s p a l t e >n ernährt. In diesem Sinne sprechen denn auch die Rabbineu vom Handwerk: „Wer sich nährt von seiner Hände Fleiß und Arbeit, ist mehr als der Gottesfürchtige, der ein beschauliches Leben führt." Oder: „Zieh dem toten Tier aus freier Gasse das Fell ab, liild sage nicht: Ich bin ein Priester, ein gelehrter Alann, das schielt sich nicht für mich. Alles besser als von Almosen leben und von der Menschen Gunst ulld Gnade." Und ist schließlich nicht gerade der Talmud selbst, dieses Sainmelbecken altjüdischer Geistesströme, eine unerschöpfliche Quelle für die Werkgesinnung, die dem Iudentinn zugrunde liegt:! Was da in langen Erörtcrnngen dargelegt wird, ist ja gerade jener handwerkliche Alltag mit allen Fragen, die sein Ablauf allswirft, der im gottgefälligen Tun den fruchtbaren Boden für die indische Werkheiligung darbietet! Und welch and-'ren Sinn hätte chcr Sabbaitag als den der Ruhe wn der Hände Arbeit! Das ganze Judentum ist von diesem Werkgeist durchdrungen, und darum ist die Umschichtung zlrm handwerklichen kein Ausweg, sondern auch Rückkehr zum Leben im Geiste der Väter. Jrrr Auftrag des Zcntralausschirsfes der -rutschen Juden für Hilfe und Aufbau erläßt die ZentralwshLfahrLSftelle der deutschen Inden folgenden Aufruf: „Die blaue Beitragsmarke für Hilfe und Aufbau wirbt im Oktober für die Berussumschichtung Fot. Herbert Sonnsnfcld, Berlin Jüdische Dachdecker hei der 'Arbeit und stellt sich damit in den Dienst einer Aufgabe, die für uns eine überragende Bedeutung gewonnen hat. Das Wort „Berussumschichtung" ist heute schon jedem jüdischen Menschen geläufig. Wird aber auch der Sinn des Wortes, sein Inhalt, immer richtig erfaßt? Zunächst umschließt dieser Begriff eine Fülle praktischer Aufgaben und ein großes Blaß sachlicher und zielbewußter Aufbauarbeit: die jungen jüdischen Menschen, aus unproduktiven oder aussichtslosen Berufen kommend, sollen in einem der drei Hauptzweige: Landwirtschaft. Handwerk, Hauswirtschaft übcrgekeitet werden. Es ist den jüdischen Gemeinden und Organisationen nur unter größter siuanzieller Opserbereitschaft möglich gewesen, das begonnene Werk so auszubauen, daß heute für den starken Bedarf an Lehrbctrieben in allen drei Berufs?,itegoricn annähernd gute und ausrciü)cilde Einrichtungen zur Verfüguug stehen. Die künftigen Bauern, Landarbeiter lind Gärtner finden ihre Ausbildimg in gut geleiteten landwirtschaftlichen und gärtnerischen Betrieben. Für' die Handwerker gibt cs die Einzellehre und' Anlernwerkstätten aller Art, und für die Ausbildung der Mädchen wird gesorgt durch stüdtiid)c und ländliche Han s hal t s s ch. ll ei:. Daneben finden in fast jeder Gemeinde Kurse für Schneidern. Weißnähen, Kochen, Bügeln usw. statt. Diese Einrichtungen unserer Jugend zu erhalten und sie ausznbanen, ist dringendes Erfordernis; zu diesem Werk bciznlragen rufen wir jeden einzelnen auf. Die praktische Arbeit am und im Lerussnn-- schichtungswerk wird getragen durch die Id"', der sic dient: die Lebensfähigkeit der jüdiiwen Gemeinschaft zu sichern durch eine gesunde Bermspolitik durch Abkehr von dein früheren, durch Hinwendung zn dem neuen Bernssidca! des werktätig schaffenden Menschen. Tie jüdische Jugend, die heute cutsichlossen. mutig und voller Zuversicht die Umstellung auf körperliche Arbeit in ihrer ganzen Schwere aus sich numnt. ste bildet das Fundament jeglicher jüdischer Aufbauarbeit. Sorgt alle nor!) Vesten .grasten dafür, daß der Grund, auf dem nur bauen, lest ijt und bleibt. Wer für die Berussumschichtung gibt, hilft allen und damit auch sich selbst!" Landesverband Groß-Berlin 9. ONobcr, 20 lüjc 20 2."in.: „PrackUsäle bcs Offene.", 0 112, Frankfurter Olller 4S: Nnndgebnna der C.-V.- Ortsgruppe Osten. Dr. Friedricti B r e * n 1 b, : „fünfnaben unb Probleme im deutfboen Judentum", Or. Audolf H. §> e i m n lt f c ij n : „Der Wen. der jüdischen Jugend".' O'-iefanet: Dora B c r n ft e i r. -Börner, Paul Lichte u st e v u. 14. Oktober. 11) Uhr 20 Pi in.: Hotel „Nöuia von Portuaal", <l 2. Burgstrasie 1(’>: Dimebai-Tora-Feier der E.P.- Ortoaruppe 2>ordost und den tlieueu Dnuagoaenverelus Rukestrasie. Dearüsumaoausproelie: Dr. 5lurt Braun. Kantor A. S di r c i li e r , Nabbiner Dr. biiupfr. Blümirkeude: Eric!, sl s eb , ArNuir B r o d t m n n i: , Änni (f> r c c it , Dieamund b’> r il n l b c 1 , Dertba 6 i in o u i unb L. 2o o 1 f f o 1) it vom Tbeo.terverein ,,N!)eingolb". Landesverband Nheinlarrd-Westsalerr 9. Oktober: Lüdenscheid. Dr. Ernst P laut (Essen). 9. Oktober: Attendorn. Dr. Erns: P laut (Essenp 10. Oktober: Meinerzhaqen. Dr. Ernst P laut (Essen). 17. Oktober: ftrcfclb: Dr. Ernst P laut (Essen). 21. Oktober (uachmittago): 5Uenc. Dr. Ernst P!au-§ (kfleu): Ü!»s WMhNA Der ncugegründeLe RcichsausschnF jüdischer Sportver bände. Berlin, gibt uns Kenntnis von folgenden Mitteilungen des Rcichssportsührers: „Ter Reichsspoistführer zu Tgb. 5534/34- Lü/Ms. Bertiu.Eharlotteuburg, 18. Juli 1334 Hardcubergstraße 42—13. Richtlinien f ü r den S p o r t b e t r ie b v o n I u d e n u u d s o u st i g e n N i ch t a r i e r n. In Zusammenfassung der bisher ergangenen Vorschriften und Einzel,mordmmgcn über die Be- Zur bevorklehroSM LuMrung im Derltnsr KMMrrid Tie Berliner Juden, noch im Banne verhallender Festtagsklänge, noch eingesponnen in die aus Erschütterung und befriedender Weihe eigenartig gemischte Atmosphäre der letzten Wochen, rüsten zu neuem Erleben. Zum ersten Male wird der Kulturbund mit einer Darstellung vor sie hintreten, die sich ihre jüdische Rechtfertigung nicht mühsam konstrnieren muß, sondern deren Inhalt nichts anderes ist als das jüdische Schicksal selbst. Stefan Zweigs „Jeremias" läßt eine Epoche der jüdischen Geschichte vor uns aussteigen, die stärker als irgendeine andere von den Geburtswehen dessen, was wir heute unter .Judentum" zu fassen uns gewöhnt haben, geschüttelt wird. Der von Babylon als Vasall eingesetzte König Zcdekia verweigert in falschem nationalen Ehrgeiz den Tribut und lehnt sich gegen die Oberhoheit ans. Vergebens warnt Jeremias. In aufwühlenden, düsteren Gesichten sieht er die Schwäche des kleinen judäischcn Staates und seinen sicheren Zusammenbruch voraus. Aber was zunächst nicht mehr 3u sein braucht als die leidenschaftslose poliiijche Einsicht eines überlegenen Geistes wird bei dem Berufenen Gottes zu einem sittlichen Prinzip. Gott hat Judas Gegner mit so gewaltiger Btacht ausgestattet, daß es keinen Kamps gegen sie gibt. Es gibt nur eine Möglichkeit der Erhaltung: Bekenntnis zur Machtlosigkcit, Frieden. Ihn predigt Jeremias auf den Gassen Jerusalems, gepeinigt von der Vorahnung des nahen Untergangs,,begnadet von der Gewißheit seiner Gefolgschaft Gottes. Aber das Volk will ihn nicht hören. Es verhöhnt ihn, es verfolgt ihn, es verflucht ihn als einen Gekauften Babylons. Der nationa- Mischc Taumel hat es erfaßt und verblendet, -w Aussicht auf ein Bündnis mit Aegypten verführt es zu völliger Urteilslosigkeit, der fvgche Prophet Hananja reizt es zu immer. tollerem Fanatismus auf. Der Krieg kommt und nach kurzer trügerischer Siegeshosfnung folgt die Belagerung Jerusalems durch Nabukadnezar. Elf Monate dauert das verzweifelte Ringen. Vergeblich sind die Versuche der Chaldäer, die Stadt im Sturm zu nehmen, vergeblich die Bemühungen der Juden, den eisernen Ring der Feinde zu durchbrechen. Langsam weicht die Begeisterung im Innern der Müdigkeit und der Mutlosigkeit. Immer sehnender tönt in den Stimmen der Herzen das Wort: Frieden. Und inmitten dieser Stadt voll armen, schuldbeladenen, leidenden Volkes geistert in furchtbarer Einsamkeit der Prophet. Der Genosse Barnch, der bezwungen von der Gewalt seines Wortes als einziger ihm gefolgt war, hat zu seinem Teil seine Sendung vollstreckt, indem er durch selbständige Unterhandlung versucht, zwischen den feindlichen Königen zu vermitteln. Jeremias aber bleibt mitten unter denen, die ihm fluchen, und geht den schweren Weg seiner Sendung. Ter führt ihn in Todesnot und in den Kerker. Und er führt ihn wiederum vor den Thron des Königs, wo wie zum Spott dem Geschlagenen und Erniedrigten die Entscheidung über Sein oder Nichtsein des Volkes und der Stadt in die Hand gegeben wird: Zedekia legt ihm die Frage vor, ob er Nebukadnezars Bedingungen für die friedliche Einnahme Jerusalems annehmen oder ob der Kampf seinen Fortgang nehmen solle. Aber cs ist wirklich nur ein Spott. Denn wirkungSlos verhallt Jermias' Flehen um Unterwerfung, und seine beschwörende Beteuerung, daß selbst die Gottcsschmähung, die der König Babylons vorbereitet, vor Gott nichts bedeute, wenn nur die Stadt errettet werde, findet taube Ohren. Tenn längst ist das Los gefallen. Längst schon hat der Bote das „Nein" übcrbracht, das das Schicksal vollenden muß. Der Hunger beginnt sein zermürbendes Werk. Die Borratsspeicher sind ausgeleert. Die Brote werden kleiner und schlechter. Das Volk rottet sich zusammen und schreit nach Sättigung. Und wie sich zum erstenmal das Zittcim der Herzen in den einen übermächtigen Gedanken verdichtet, wie zum erstenmal das Wort: Frieden! von aller Lippen dröhnt, da bricht auch das Schuldgefühl aus gegenüber dem, der immer Frieden gepredigt hatte und der darum verfemt ward und im Kerker schmachtete. Jeremias wird herbeigeführt. Atan begrüßt ihn als Wahrheitskünder und Wender des Geschickes. Aber als das strenge Wort seines Glaubens, daß nur Gott helfen könne, ungläubige Ohren findet, weiß er wieder nur seine Stimme gegen ihre Torheit zu erheben und ihnen in großartiger Unerbittlichkeit die Strafe für ihren Abfall zu verheißen. Wieder ivütcn sie gegen ihn und bedrohen ihn mit Steinigung und dem Kreuzestod — da bricht der Feind in Jerusalem ein. Tod und Schrecken toben in den Straßen der gepeinigten Stadt. Die Schwerter der Chaldäer schlagen wahllos um sich wie Sensen in einem reisen Kornfeld. Zcdekias Söhne fallen vor seinen Augen als ihre Opfer, dann fallen auch die Augen, vollgesogcu mit Grauen, unter den Messern, die chn blenden. Jeremias aber, zu Boden geschlagen von der grausamen Wucht, mit der seine Gesichte zur Wirklichkeit geworden lvaren, Jeremias hadert mit Gott. Jetzt, da er sieht, was er ahnend seit Jahren verkündete, da erliegt auch er der Folterqual des geballten Leides lim ihn, und er lehnt sich auf gegen den Zorn des Ewigen. Aber seine Versuchung ist auch zugleich seine Erhöhung. In leidenschaftlicher Liebe wendet er sich den Resten des gequälten Volkes zu. Die Worte der Drohung, die er zu ihnen sprechen mußte, brennen in seiner Seele; er ivill die Wunde heilen, indem er fortan nur noch Trost und Hilfe bringt, und sei es selbst gegen den Befehl seines unbarmherzigen Gottes. Aber Gott ist m i t Jeremias' Wandlung, und er segnet sie. Und deshalb strömen aus Jeremias' Munde fortan Worte der frohen Verheißung für die Zukunft des Volkes, er gibt seiner Niederlage neuen Sinn, und sein Leiden preist er selig, weil es in ihm erwählt ist zur ewigen Naü)solge Gottes. Hier recht eigentlich, in der S i n n g e b u n g des nationalen Untergangs als Begründung ewigen religiösen und geistigen Fortbestandes, wächst die Deutung des prophetischen Wortes zur grandiosen Apotheose des Judentums. Nicht die Enge eigenen staatlichen «Lvins, nicht Jerusalem, die irdische Stadt, kann seine Stätte sein, sondern der Herzen, des Glaubens, der Gottheit heiliger Gedanke: Jerusalem. .Wir wandern in alle Ewigkeiten, Die Letztgeblicbeuen Unendlicher Schar Heimwärts zu Gott, Der aller Anfang und Ausgang war. Bis daß er uns selber die Heimstatt werde, Ter ruhlos wie wir mit Sternen und Jahren ' Tie Welt umwandert und leuchtend umkreist, Und wir ganz ansgehn im Unsichtbaren: Verlorenes Volk, unsterblicher Geist. . / Beim Klange solcher Botschaft tauchen die Menschen ans aus der Tiefe ihrer Zer« knirschuiig. Ein neuer Geist erfaßt sie und sie, die Geschlagenen, die Besiegten heben ihre Häupter kraftvoll empor'. Als der Tag des Auszuges in die Verbannung anhebt, d< leuchtet es um sie Uüe das Licht ferner Welten,, und sie schreiten einher wie im Siegeszug. Als Stefan Zweig seine dramatische Dichtung schrieb, da gestattete er in ihr sein Kriegserlebnis, und die Botschaft des Propheten schloß für ihn in erster Linie die Weltoffenheit seines allmenschlichen Friedenswillens ein. Heute ist es vor allem der j ü d i s ch e Geist des Werkes, der uns anrührt und stärker, als es der Dichter wohl selbst ahnte, bedeutet es für uns als Inden in diesen Tagen Hilfe und Aufrichtung. In ganz neuer Nähe und iu ganz unmittelbarem Bezüge stehen wir heute davor. Denn sicherer als die Generationen vor uns wissen wir es wieder: was damals geschah iu den Tagen der Propheten, was damals in wenigen Großen ausschrie gegen den Wandet

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