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Central-Verein-Zeitung · 1934-10-05 · 40 (5.10.1934) · page 3

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
13 (1934)
Issue
40 (5.10.1934)
Date
1934-10-05
Page
– (sequence 3)
Language
German
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MM, lUfe «O OW ei. London, im September 1934. Ter amerikanische ' Film „ids Plouss of P^hscbüd“ war der große Publikumsersolg >er Londoner Saison. Das Tivoli am Strand, Hin Riesenhans, war täglich von Mittag bis Miticrv.adjt vom Mai bis August eusverkaust. Der Engländer sicht es gerne, wenn Patriotismus und gute! Geschäft sich zu einer idealen Mischung dereinigen, wenn audj kritische Gemüter den Einrrend erhoben, daß schließlich doch der Herzog wn Wellington bei Waterloo gesiegt habe, nicht 5athon Rothschild aus Frankfurt. Im übrigen ist fein Selbstbewußtsein so stark entwickelt, daß er feine Schwächung seiner Art befürchtet, wenn Männer wir Tisracli in seinem Dienste sich aus« zeichnen und durch die höchsten Ehren ausgezeich. ßc; werden. Dieses ruhige Selbstbewußtsein hat sich im englischen Milieu auch auf jüdischer Seite cniwickclt. Tie Anpassung an den Typ des Gentlcmen, die allen Kreisen als Ideal vorschwebt Unt> — bet entsprechendem Einkommen — wirklich erreichbar ist. wenn auch vielleicht erst in her zweiten Generation, ändert nichts an dem Lckemüms zu der eigenen Art. So hat es niracnos Befremden oder Anstoß erregt, daß Lord Äsilchetts ältester Sohn und Erbe zu der Konfesiio.n seines Vaters snicht seiner Mutter) zurückschrie. Daß der Marquis of Neading. der früticrc Vizckönig von Indien, ursprünglich den '.Hamen Isaacs trug, hat nicht verhindert, daß man ein uraltes Nitteramt auf ihn übertrug: die Wurde eines .IVardan ok the Cinque Ports“, und das Schauspiel selber Bestallung, die mit ollem Gepräge eines mittelalterlichen ..Paqeant" vellzogen wurde, war ein patriotisches Fest, das ".'chel und Volk mit dem gleichen naiven Behagen g-noüen. Ter Erfolgreiche wird in diesem Lande mrhr bewundert als beneidet, und Besitz ver» pilichtet nicht nur. sondern berechtigt auch. Bei dem jüngsten Revirement in der Negierung wurde der Untcrstaatssclretär im Schatzamt Leslir Horc-Belisha zum Transportminister befördert. Von diesem jungen Menschen, der zum Snnon-Flügel der Liberalen gehört, prophezeien manche Leute, er werde sich zu einem zweiten Dsraeli entwickeln. Ein schmeichelhaftes Wort, selbst wenn cs nur halb im Ernst gemeint sein wag. Tas Transportministerium, das er vor einigen Wochen übernahm, ist eine Behörde, die sich erst im Weltkrieg entwickelte, wie so viele andere zentrale Einrichtungen, die Großbritannien, das Land der bürgerlichen Selbstverwaltung und des ererbten Mißtrauens gegen alles?-amtentum, allmählich mit einem einheitlichen (Ich bürokratischer Leitung überziehen. Aber ech heute noch gilt nicht das Amt. sondern der Sr/m und. was er kann. Jede Woche wird die Ahk.der Unfälle verössentlicht, die der Straßenr-rkehr im Vereinigten Königreich verursacht: der Wegzoll des Todes. Wer ein Auto lenken will, braucht keine Prüfung zu bestehen; er muß es nur können. Und es geht auch so. Es wird ausgezeichnet gefahren, von Menschen, die sich auch am Steuer wie Gentlemen benehmen. Tari» chausseure und Herrenfahrer verkehren, solange sic aus der Straße sind, als Kollegen und Kameraden. Die Fußgänger sind frei von Neid und Tvcinbfeligfctt- Trotzdem geht die Zahl der Un- Tr.üc in jeder Woehe in die Tausende, und die chner an Toten erreichte zweimal in diesem Sommer die Höhenmarke von 100. Tenn cs wird im Lande des Wochenendes ungeheuer viel und dazu oft unvernünftig schnell gefahren, und die Engländer bleiben Individualisten, die immer noch glauben, man komme mit einem Minimum an Regeln aus, und auch dieses brauche nicht wört- Uch genommen zu werden. Dafür sind die Straßen ausgezeichnet, und in raschem Tempo werden überall — das Land ist ja so reich, trotz aller Einbußen ' — neue by-passcs ausgebant, {U'obc Hauptverkehrsadern, die den Städten im Logen ausweichen. Vor allem aber hat Hore- Velisha alsbald einen Werbeseldzug eingeleitet, der die ganze Nation davon überzeugt, daß die Sorge für die Straßcnsicherheit nicht nur eine Ausgabe der Behörde ist, sondern die Sache jedes einzelnen. Bewundernswert, welche Initiative dabei die Presse entfaltet, in der Erkenntnis, daß demokratisches Führertum im kleinen wie im großen auf Erziehungsarbeit beruht, die zur freiwilligen Einordnung führt. Und wenn cs gelingt, die Unsallzisfern hcrabzudrückcn. fühlen sich alle belohnt, vom letzten Straßenwächter bis hinaus zmn Minister. Das ist guter Sport und gute Politik. Hore-Bclifha wurde mit 35 Jahren — als Jude — Minister. Es gibt auch andere Beispiele schnellen Aufstieges junger Menschen. Aber im großen bleibt Großbritannien das Land der rot- 'bäekigen alten Gentlemen. Hohes Alter gilt hier immer noch — bis zum Beweis des Gegenteils — als Zeichen von Reise und Erfahrung. Aber auch hier hat der Krieg das Gencrationen-Problem verschärft. Tie jungen Leute sind heute ungeduldig geworden. Sie sind nicht mehr so sicher, daß ihre Zeit kommen werde. Sic haben sprunghafte Entwicklungen erlebt, mindestens als — nickt unbeteiligte — Beobachter ausländischer Ereignisse. Tie hohe Besteuerung der Einkommen und Erbansälle verringert die Aussicht, eines Tages ohne eigene Blühe ein standesgemäßes Auskommen zu finden. Und überhaupt ist der Lebensspielraum, selbst für den Engländer, heute enger als früher, wo die Wirtschaft aus dem vollen schöpfte und das Indian Civil Service jedem jungen Mann von Familie, der sich bemühte und bewährte, eine vornehme Eristenz sicherte. In Orford redete man nach dem Krieg in den ältesten Colleges eine Zeittang fast kommunistisch, und heute ist diesen „intellektuellen Masern" (wie man mit verzeihender Ironie sagte) eine starke Stimmung für Oswald Mosleytz Schwarzhemdenbewegung gefolgt, die sich mit besonderem Erfolg an die Jugend der „besseren Kreise" wendet, wenn auch ihre uniformierten Garden teilweise aus Arbeitslosen rekrutiert werden. Die Konservativen betrachten die Agitation des jungen Aristokraten, der vorher bei der Labour Party ein Gastspiel gegeben hatte, als eine unbequeme Konkurrenz, gegen die sie sich mit allen Mitteln wehren. Antisemitische Tendenzen hatte Mosley zunächst bestritten; immerhin will er keine jüdischen Mitglieder ausnehmen (falls sich welche melden), und er hat den Vorwurf, er sei ein blinder Nachahmer des italienischen Vorbildes mit dem Hinweis auf die mittelmeerische Abkunst des großen konservativen Führers Tisraeli beantwortet. Aber gerade das hat ihn die mächtige Protektion des Zeitungslords Rothermere gekostet, der eine Zeitlang die „Daily Mail" und den „Evening Staudard" säst uneingeschränkt in den Dienst der faschistischen Aktion gestellt hatte. EWsÄKö MWWÄ? Der amerikanische Journalist H. R. Knickerbocker. der seinen Ruf als Beobachter revolutionärer Entwicklungen in Moskau begründet und sich seitdem zum europäischen Erdbebensvezialisten entwickelt hat, verbrachte dieses sonnige Frühjahr in England. Was dieser Mann aus Teras, der einig anssicht wie ein blasser überstudierter Primaner, im konservativen Zentrum der Welt fiörtc und sah. hat er mit ausgezeichneter Technik in Artikeln wiedcrgegcben. die zunächst für den mncrikanischen Zeitungslcser bestimmt waren. 6ute Reporter-Arbeit, die Fülle der Tatsachen sachlich gruppiert und objektiv dargestcllt, aus bcm Augenblick geboren und doch auch in Buchform lesbar. (Eine deutsche Ausgabe ist mit bemertenswerter Firigleit im Rowohlt-Verlag erschienen, unter dem Titel: „Die Schwarzhcmden in England und Englands wirtschaftlicher Ausl'ieg".) Aus Ziffern und eigenen Beobachtungen in Londons Lurusvierteln und Elcndsquartieren. im verrußten Newcastle, im modernisierten Sheffield, in Glasgow, der Hauptstadt des Whisky und der ^iesenschiffe, ergibt sich ein packendes Bild des Erfolgs der Bemühungen, Englands Wirtschaft 31t stner Insel der Prosperität zu machen. Diese Entwicklung hat sich hinter Schutzzollmauern völligen. Aus Gesprächen mit dem Ackcrbauministcr, kalter Elliot. den Knickerbocker für den kommen- Mann der Konservativen hält, und dem Lonm'ner Labour-Führer. Herbert "Morrison. zieht der Amerikaner den Schluß, daß „die besten Köpfe beiden stärksten politischen Parteien darüber ewig stien, keine Fortsetzung des ungeplonten, ungerichteten freien Wettbewerbs des liberalen kapitalistischen Systems zu dulden." Von Mosley. dem Chef der jüngsten Partei, der faschistischen, unterscheiden sie sich durch die Ablehnung der Gewalt, die' Knickerbocker als „die Methode des wahren Faschismus" bezeichnet. Hat Oswald Mosley Aussicht, bei den Wahlen von 1936, so wie er ankündigt, die Mehrheit und damit die unumschränkte Herrschaft zu erlangen? Knickerbocker hat un Londoner „Schwarzen Haus" in der Sloane Street den jungen Baronet interviewt, der als 20jährigcr Kriegsfliegcr abstürzte und mit verkürztem Bein als Invalide entlassen wurde. Ein großes Porträt seines Vorbilds Mussolini hängt in dem klösterlich strengen Arbeitszimmer neben einem Rutenbündel. Die britische Faschistenpartei hat er vor 18 Monaten gegründet, nachdem er mit 22 Jahren konservativer Abgeordneter, mit 33 Kabinettsmitglied der Labvur-Negierung war. Seine beste Helferin war seine (im vorigen Jahr verstorbene) Gattin Eynthia. Tochter des Marquis Eurzon und Enkelitt des Chicagoer Getreide-Millionärs Lcvi Leiter. Wenn es zutrisst, daß seine organisierte Gefolgschaft bereits Hunderttausende beträgt, so wiegt das doppelt, da das englische Parteiwesen, wie das englische Wesen überhaupt, dem Organisatorischen widerstrebt. „Noch zwei Jahre Borbereitung..., bei einem Wachstum, rascher als alle faschistischen Bewegungen in der Geschichte", und cs müßte, meint• Mosley, möglich sein, in ganz England einen Wahlfeldzug durchzuführen mit jungen Rednern, die es verstehen, auf die Massen zu wirken. Mosley selbst findet überall ein Echo, das „in bedeutsamer Weise an den Jubel in Deutschland' erinnert, der Adolf Hitler in seinen Anfängen umbrandete". Knickerbocker selbst hat eine Versammlung in der Hafenstadt Bristol erlebt, in der die Mehrheit dem radikalen Flügel der Arbeiterpartei anhängt. Er schildert: „Zwei Minuten lang stand Mosley da und ließ die Leute schreien. Er.war gekleidet wie gewöhnlich: das schwarze Jersey-Hemd. die schwärzen Hosen und der breite schwarze Ledergürtel der Bewegung. Wie Hitler trug er keine Rangabzeichen. Er stand da: groß, kräftig, die Schultern militärisch zurückgenornmem Brust heraus. Kopf cmporgereckt, Hände an den Hüften, und musterte die Massen unter arrogant gesenkten Augenlidern. Er begann zu reden. Zunächst in kalt drohendem Ton, wie mit zusammengebissenen Zähnen. Der drohende Ton hatte eine sonder, bare Wirkung. In zwei Minuten hatte er erreicht. daß aus dem Tumult nur vereinzelte Rufe übrigbleibcn. Nach Ablauf von zehn Minuten hatte er mit Hilfe seiner Schwarzhemden, die einzelne Unruhestifter bedrohten, völlige Ruhe hergestellt." Der Amerikaner vergleicht Mosleys rhetorische Wirkung mit der größter politischer Rethoren der Gegenwart. Selbst seine Gegner gäben zu. daß er der beste Volksredner aus den britischen Inseln sei. Sein Programm: völlige Abscklietzung vom Ausland, Lohnerhöhung in der Industrie. Preiserhöhung in der Landwirtschaft. Der Jubel wächst bei den antisemitischen Anspiclungcu, wobei niemals das Wort Jude fällt, „Einige britische Patrioten aus dem Orient, die gewaltige Vermögen an der Effektenbörse macken". Oder: „Jene großen Interessen in der City von London, die zu einem guten Teil in den Händen von Männern ruhen, in deren Adern kein Tropfen britischen Blutes fließt." Unter wahren Stürmen des Händeklatschens beantwortet Moslev zum Schluß geguerische Fragen. „Juden", so sagt er. „werden in unsere Partei nicht ausgenommen, weil sie sich als unsere Gegner erklärt haben, und nur ein Narr würde erklärte Feinde in seine Reihen aufnehmen." Auf eine weitere Frage: „Wir sind nicht antisemitisch, aber wir werden die Juden ffli&t rerbssssnd! s Bezog Io Gross - Berlin frei . .1 Hans durch die Versandsteile der ßtaatsquellen Fachingen nnd Niederselters Berlin SW 11, Schöneberger-Str. 10a. TcL: B2 Lütz. 5264. nach Maßgabe ihrer Verdienste als Briten beurteilen." Fünf Faktoren sprechen nach Knickerbockers Ansicht gegen Mosley. Erstens und vor allem: „England hat keine Schmach zu tilgen; seine Produktion an Nationalstolz ist seine größte Industrie." Es gibt also „kein gefühlsmäßiges Bedürfuis für den Faschismus zur Stärkung des Nationolstolzes." Zweitens: England genießt im Augenblick die Ansätze wirtschaftlicher Erholung. Drittens: sein Mittelstand ist wirtschaftlich noch zu stark, um das Bedürfnis nach einer Bewegung der starken Hand zu seinem Schutz zu empfinden. Viertens: die Furcht vor einer roten Revolution ist zunäckst hier nur latent. Fünftens: „Und die britische Negierung regiert noch." A e n d e r n könnte sich die Lage bei einem Rückfall zu neuer Depression, bei einem sozialistischeu Versuch der Enteignung der Produktionsmittel oder bei einer Lahmlegung der Regierungstätigkeit durch unsichere Mehrheitsverhältnisse. So weit Knickerbocker, dessen scharfe Beobachtungsgabe gerade bei der Bewertung englischer Tinge durch inneres Einfühlungsvermögen ergänzt wird. Inzwischen hat sich der wirtschaftliche Aufstieg Englands fortgesetzt. Aber cs ist jetzt, wie der Handelsminister Runciman jüngst betonte, ein Punkt erreicht, an dem nach Sättigung des inneren "Marktes die Wiederbelebung des Welthandels zur Lebensfrage wird. Das aber bedeutet ein neues noch ungeschriebenes Kapitel in dem mit Spannungen erfüllten Buche unseres Erleben? .. . WW MM Am 9. Oktober sind es 75 Jahre, daß zu Mühlhausen im Elsaß als Sohn eines Kaufmanns Alfred Dreyfus geboren wurde. "Nichts deutete darauf hin, daß sein Name einmal in der Welr widerhallen, daß seine „Affäre" Frankreich au den Rand des Abgrunds sühern, daß der Kamps um Schuld oder Unschuld dcS Hauptmauns Dreyfus 10 Jahre toben werde. Man hat Dreyfus als überspannt und ehrgeizig, als selbstbewußt und kalt geschildert, man hat oft gesagt, daß seine Person trt keinem Verhältnis zu der Größe d<^s Kampfes, der um ihn entbrannte, gestanden habe. Heute wird man seststellen dürfen, daß ein Mann der zehn Jahre mit zälier Verbissenheit um seine Rehabililierung kämpfte, der stets betonte, daß es nicht um seine Person, sondern mn die Ehre der Armee gehe, der die Grauen der Teuselsiusel erlitten hat, imscrer Achtung und unseres Tankes wert ist. Vor 50 Jahren wurde Alfred Dreyfus fünfundvierzigjährig, ins Militärgesäuguis unter Spionageverdacht eineliefert. 52 Jahre zählte er. als mau ihn zum Ritter der Ehrenlegion schlug. Wenn er seit dieser Zent zurückgezogen in Frankreich lebt, so spricht auch das für seinen Charakter. Es wäre nickt schwer für ihn gewesen, seine Person in den Vordergrund des Interesses zu schieben. Er verzichtete daraus, nachdem Gerechtigkeit und Ehre der Nation gerettet waren. Daß sein Name nicht für uns Inden zum Symbol wurde — denn er litt nur wegen seines Iudeseins —. das liegt weniger au der Person des Hauptmann Dreysuß als an den Persönlichkeiten, die für ihn und damit für die Wahrheit eiutrateu. Au erster Stelle wird mau immer wieder den Obersten im Kriegsministerium Piequart neunen müssen, der trotz seines Judenhasses — nach Erkenntnis der Wahrheit — Stellung. Ehre und Leben aufs Lpiel setzte, um einen llnschüldigetr zu retten. Nächst ihm steht die Gestalt Zolas, der dem Gefängnis mn durch die Flucht entrann, dessen ,,.l'aeeu?e", dessen „Offener Brief an die Jugend" stets als Dokumente der Gerechtigkeit leben werden. Es erübrigt sich, den Ablauf der an Zwischenfällen und dramatischen Ereignissen überreichen Affäre heute noch einmal zu schildern. Für uns. die wir leine Dreyfus-Affäre kennen, war nnd ist dieser Fall aus dem nachbarlichen Frankreich immer Beispiel dafür gewesen, daß sich zu jeder Zeit Männer fanden, die um der Wahrheit willen in die Schranken traten. Der Angeklagte findet schwer das Ohr der Richter. Meist ist es erst der Verteidiger, der Gehör findet, der die Bresche schlägt. Or. Mt M A§ MsMM Bei der lebhaften Anteilnahme, die der kürzlich .veröffentlichte Aufsatz „Trcitschkcs Stellung zur Indenfrage" (E.-V.-Zeitung Nr. 88) bei unseren Lesern gefunden hat, erscheint cs angczeigt, auf die Erörterung des Themas hinznwcisen, die der bekannte Historiker Wilhelm Mommsen in einem Treitschke gewidmeten Aussatz („Vergangenheit und Gegenwart", 24. Iahrg., 9. Heft) vorgcnommen hat. In unsere Tage, sagt Mommsen, weist Trcitschkcs leidenschaftlicher Kamps gegen das Judentum. Trotzdem steht er heutigen Rassenanschaunngen durchaus fremd gegenüber. Es gibt einige Aenßernngeu Treitschkes. die eine gewiß instinktive Andeutung rassischer Gesichtspunkte zeigen. Wesentlich beeinflußten sie ihn nicht. "Allerdings war für ihn die „Indenfrage" nicht wie für viele Antiscmiten seiner Zeit mit dem Wechsel der Konfession erledigt, der ja damals auch für die staatlichen Stellen entscheidend war. Aber ein Jude, der Ehrist wurde und sich bereiterklärte, sich der deutschen Nation einzuordnen, war für ihn ein Deutscher. Er sprach immer wieder von der möglichen wie nötigen „Verschmelzung", die bisher nur teilweise vollzogen sei. „Der Kern meiner Betrachtungen über die Indenfrage", so faßt er sich zusammen, „lag in dem Satze: was wir von unseren jüdischen Mitbürgern zu verlangen haben, ist einfach: sie sotten Deutsche werden, sich schlicht und recht als Deutsche fühlen." So ertrem Treitschke das Judentum und besonders den Einfluß jüdischer Literaten auf das deutsche kulturelle und das deutsche politische Leben bekämpfte, der "Art. wie heute diese Fragen angesaßt werden, wurde er völlig fremd gegennbergestanden haben. Das liegt zum Teil in seiner Zeit, in der die Allerwenigsten von Rasse etlvas wußten. Aber auch hier war entscheidend, daß Treitschke dos Problem ausschließlich vom Staate her sah. §LÄ8s» ösr In einem an die bekannten Ausführungen "Akfred Rosenbergs anknnpfenden Aufsatz „Widnkind und Karl der Westfranke" („Vergangenheit nnd Gegenwart", 24. Iahrg., 9. Heft) fordert Albert Ö. A. Lampe eine entschiedene Revision der bisherigen deutschen Ecschichtswisscnschast. Kann, so fragt er, eine Geschichtswissenschaft, die den Ablauf blntvollen deutschen Geschehens ex cathedra betrachtet und lehrt, die die deutscheu Dinge mit einer erschütternden Beharrlichkeit von außen her ansicht nnd lvertet, statt ans innerstem, herzwarmem Mitschwingen und Miterleben der Regungen nnd Kräfte des deutschen Volkstums zum leidenschaftlichen Künder deutscher Wesenheit wird, überhaupt noch den "Anspruch erheben, gültig, ja, auch nur für ernst genommen zu werden? Diese Frage muß mit alter Entschiedenheit verneint tverden! Es kann nnd darf nicht länger angchen, daß wir deutsche Geschichte durch konfessionelle oder „klassisch-hnmanistischc" Brillen ansehcn nnd unter dem Vorwand wissenschaftlicher „Objektivität" ein Zerrbild über die Vergangenheit des deutschen Volkes verbreiten, das eben so weit von der Wahrheit wie von den völkischen Notwendigkeiten entfernt ist. Hauptschriftleiter: Dr. Alfred Hirschberg; Stellvertr.: I)r. Margarete Edelheim. Beide in Bcrjin. Für Rücksendung unverlangter Manuskripte ist Breiumschlag beizufügen. Leiter der Anzeigen- Abteilung und verantwortlich für den Inhalt der Anzeigen: Friedrich Nathan, Berlin. DA. II. Vj. 50 000. Verlag: Ccntralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens c. V., Berlin W 15, Emser Strasse 42. Tel.-Adr.: „Centralglaubcn Berlin.“ Fernsnr. J. 2 Oliva 8141-45. Postscheck: Berlin 30472. Druck der Buch- und Tiefdruck-Gesellschaft mbH. Berlin SW 19. w nlno "!H®r ii CJ i r> Ja LJv- JCdlü u JUU Ld lOif (Innn'inro STEP nr? a pn U'vj I_D e~7 nn n P3 n C3 & i_3 □ vij t_) lEpsteifffSErag dos Eslisrim-Gs eun 7. Oktober» abends 7 übr Karten beim SeraSraSasissekuss für MS5?e und Äuffbau, KonSc-Cccsso 153. Tel.; Bismarck 6052.

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