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Central-Verein-Zeitung · 1934-10-05 · 40 (5.10.1934) · page 1

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
13 (1934)
Issue
40 (5.10.1934)
Date
1934-10-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
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f'i SkSM 7 XIH. Jahrgang / Nr. 40 >4- Berlin, 5. Oktober 193^^ 7 Aus^afao^ P.reis-20 Pfenn-S LITT £ ß PP. PUTSCIITU UÜfMfi >C>vJ>L>0^ Tie Aufbruchsstimmung dieser Tage: Zu» rück zum Judentum, jüdische Selbstbesinnung, jüdische Selbsteinkehr — zunächst nur naivunbestimmte Reaktion auf ein umwälzendes Geschehen—,sucht nach festem Grunde und sieht sich dem ungeheuren, rätselhaften, vielfältigen, jeder Formel sich entziehenden Wesen gegenüber, das Judentum heißt, das weder allejn Gesetz noch Idee noch Wirklichkeit ist, sondern alles dieses zugleich und unentwirrbar ineinander verflochten. Und doch: es bietet sich ein teipewerlsr! Oezlstete! Die juristisch-wirtschaftliche Beratungsstelle des C. V. steht allen Anzeigen- und Bezieherwerbem, ebenso wie Inhabern von Zeitschriftenvertrieben und Angehörigen benachbarter Berufsgruppen für ihre besonderen Berufsfragen zur Verfügung. E\"!!IS!n!!I}H!!I!SII!-U!I!!l!I!3!I!i!l!!!!!!lII!!l!!!l!!!S!!il!l!!I!!!I!!I!l!S!!2!!l Sort dar, für das man nicht so streng einstehen zu müssen glaubt, es ist so weiträumig und tolerant, so ehrfurchtgebietend und vertraut Zugleich, so sehr allen Hoffnungen und Idealen, der Vergangenheit wie der Zukunft geöffnet, kurzum so wunderbar, daß man cs mit stolzer Gebärde in die Masse werfen kann. Gs ist das funkelnde Wort: Kultur. Und es hebt das Rufen an nach der jüdischen Kultur. Tie nationaljüdische Bewegung fühlt sich aufgerufen, den ihr aufgegebenen Sinn zu erfüllen, das ihr immanente Gesetz zu vollziehen. Und nunmehr gerät sie in ihren fragwürdigsten Bereich. Tie Kulturfrage in der Diaspora ist in der nationaljüdischen Lehre und Praxis die Bruchstelle, wo die Tendenz zur nationalen Reinheit durch den Zwang durchkreuzt wird, die geschichtlichen Eigengestaltungen der Diaspora-Judenheiten hinzunehmen und anzucrkcnnen. Kulturgeschichtliche Wirklichkeiten kann man mit Aufrufen und Forderungen nicht meistern. Kultur wächst einzig und allein aus der Begegnung des schöpferischen Menschengeistes mit dem Geschehen in Natur und Geschichte. Wie sich diese Begegnung vollzieht, welche Auswahl unter den sich bietenden Erscheinungen sie trifft und welche Gestaltungen sie hervorbringt, kurz: die schöpferische Haltung des Menschengeistes wird von den verschiedenartigsten im schaffenden Menschen lebendigen Verten und Kräften bestimmt. Unter ihnen i?t jede Rangordnung willkürlich und ent- ' springt mehr dem Wunschbild des Betrachters als dem Wirklichkeitsbefund. Es ist, was die deutschen Juden anlangt, eine oberflächliche, bei der Erfassung geistiger Beziehungen stets besagende, weil von außen kommende Bekrachtungsweise, die deutschen Juden der Umwelt gegenüber zu stellen. Aus seiner geschichtlich gewordenen Daseinsfülle wird das deutsche Judentunx weiter wirken und schaffen. Es kommt nicht — um auf eine akute Frage einzugchen — so sehr darauf an. ob die Bühnen des Kulturbundes. Stücke mit jüdischem Inhalt aufführen, entscheidend ist allein, von welchen Kräften und Werten die schöpferische Haltung des schaffenden deutschen Juden getragen und bestimmt lv:rd. Deutsche Sprache, deutscher Boden, deutscher und europäischer Kulturkrcis werden Leiter ihre formenden Kräfte entfalten. Dem Aufbau einer nationaljüdischen Kultur im Rutschen Raum fehlt das mächtigste bildne- ^'üche. schlechthin unerläßliche Element: die Von Bertkold Weinberg hebräische Sprache. Alles Hebräischlernen wird nichts daran ändern, daß die deutsche Sprache die Sprache der deutschen Juden bleibt. Im kulturellen Schaffen wird sich vermutlich die Stosswahl mehr als bisher dem jüdischen Geschehen zuwenden. Aber auch an einen bestimmten Stoffkreis ist der schöpferische Mensch nicht zu binden. So bleibt auch in der deutschen Gegenwart, um nur das eine hervorzuheben, trotz aller durch die Rassenlehre bedingten Ausschließung, den deutschen Juden die Brücke zu der gewaltigsten und fruchtbarsten schöpferischen Kraft, die das deutsche Leben von heute formt und erfüllt: zur Philosophie Nietzsches, die ja längst, nicht zuletzt dank dem Juden Georg Brandes, in das europäische Geistesgut eingcgangen ist. Was verschlägt es gegenüber der Wirklichkeit deutschjüdischen Kulturschaffens, wenn man' dem Emanzipationsweg des deutschen Judentums den Vorwurf der Entjudung entgegenschleudert? Gerade von den nationaljüdischen Gegnern der Assimilation hört man immer wieder, die Assimilation sei mißglückt, im jüdischen Schaffen breche immer wieder die jüdische Substanz durch. Für ein solches „Mißglücken" muß man, vom Jüdischen her gesehen, dem Schicksal Dank wissen. Es ist geradezu die „List der Vernunft", die wir hier am Werke sehen. Warum dann aber (Judentum hier allgemein als schöpferische Substanz gefaßt) Entjudung? Gewiß, das deutsche '/I. r 7 \ : 11" , \ ■ i " A K., \ufgamn Judentum hat durch die Emanzipation einen Gestaltwondel erfahren. Aber während dieser Zeit haben jüdische Menschen gelebt und gewirkt. Jüdische Substanz ist Gestalt^ . geworden. Woran es gefehlt hat, das war die jüdischbcüvußte Aufnahme dieses Schaffens durch die deutschen Juden, die jüdische Bezugs- und Zurechnungseinheit. Vielfach vollzogen die Schaffenden selbst die äußere Abkehr vom Judentum, und dies geschah im Zuge einer Epoche, in der man seine Lebcnsfülle naiv in den umgebenden Raum verströmte, ohne geschärftes, wertbetontes Bewußtsein des jüdischen Elements bei Gebenden wie Empfangenden. Damit hängt die Lockerung des Gemeinschaftsbewußtseins überhaupt zusammen, aus der Erscheinungen wie Taufe und Mischehe hervorgegangen sind. Die Gegenwart hat die Wendung nach innen gebracht, zur Gemeinschaft, zur bewußten jüdischen Wertverwirklichung. Das deutsche Judentum ist auf dem Wege, sein Kulturschasfen in den geschichtlichen Kreis der deutschjüdischen Individualität einzubeziehen und an ihm das jüdische Wertbewußtsein anfzurichten. Um welchen spezifischen Wertgehalt wird und soll das jüdische Wertbewußtsein kristallisieren? Diese quälende Frage kommt nicht zur Ruhe. Das Religiöse an sich besitzt keine allgemein verbindliche Kraft mehr; aber auf seinem Grunde, unter dem seclengestaltcnden Bann seiner Ideen, seiner Uebung, des ihm gewidmeten Denkens und Forschcns haben sich schöpferische, sittlich-menschheitliche und sor- ZL Stefan Zweig Zur Aufführung des „Jeremias** im Berliner Kulturbund Fotodienst Arno Kikoler <x>CxX><>0000<>C><X><X><X>C^ mal durch radikale Tenkenergie ausgezeichnete Kräfte entwickelt, denen man wohl eine für das Judentum repräsentative Bedeutung zusprechen darf. Vergegenwärtigt man sich indes die reiche Fülle der von jüdischen Menschen auf allen Kulturgebictcn vollbrachten Leistungen, der verschiedenartigsten Individualitäten unter ihnen, dann erkennt man das Judentum als gewaltigen Energicnbcreich, dem man mit bestimmt angebbaren „spezifischen Werten" nicht gerecht wird. Es gibt keine absoluten Wertmaßstäbe, keine allgemeingültige Rangordnung der Werte. Das Diaspora-Judentum ist ein anderes als das national geschlossene. Jedes hat seine eigene unabhängige Wertgesetzlichkcit. Wir bejahendas deutsche Judentum in seiner geschichtlichen Gestalt aus seiner selbständigen Wcrtsüllc heraus und suchen es mit allen Kräften zu erhalten in der heute geschichtlich notwendigen Lebensform der deutschjüdischen Gemeinschaft. Die diesem Kreise eigene Dascinssülle ist in ihm so tief innen und vermöge ihres europäischen Standortes so entwicklungsfähig, daß sic auch um die Zukunft nicht zu bangen braucht. einer Zwmhengemmmn / Spätnachmittag in den Ferien. Die schützende Ankerbucht der kleinen Insel wird durch felsige Vorsprünge begrenzt, die ' dichte Pinienwäldchen bis an den Küstenrand hinan tragen. Frei geht der Blick über die Adria und die Nachbarinseln. Der Tag neigt sich zum Abend. Langsam zieht ein dickbauchiges Schiff mit Zitronengelben, mit rostbraunen Flicken besetzten Segeln dem nächtlichen Hafen entgegen. So sind hier die Schiffer seit Jahrtausenden gefahren. Selbst die Form der Schiffe und der Segel wird sich kaum wesentlich verändert haben seit den- Zeiten, in denen, um mit einem großen Historiker zu reden, „die Griechen einen hellenischen Küstensaum an allen Barbarenstrand webten." Die Sonne sinkt, in raschem Wechsel ändert sich Beleuchtung und Farbe der Landschaft. Schon ist es zum Lesen zu dunkel geworden; das Buch auf den Knien, das noch eben die Gestalt des großen Kaisers Diokletianus, der von -diesen Küsten her seinen Weg begann, wieder zum Leben erweckte, klappt zu. Die Gedanken nehmen, gelöst von der Dämmerung, ihren Lauf. Sie beginnen bei der Wahl gerade dieses Buches. Wie war es doch schon?, Die Zusammenstellung der Bücher, die auf eine Reise als Begleiter mitgenommen werden sollen, ist immer eine Entscheidung von einiger Bedeutung. Neben der leichten Kost für Bahnführten lagen diesinal eine Reihe von Büchern zur Auswahl auf dem Tisch. Auf der einen Seite der „Born Juda" und ein Sammelbänd des Sechaluz, auf der anderen die Lebensbeschreibungen des Plutarch. und ein Band Jacob Burckhardt. War es nur ein Zufall, daß ohne viel Nachdenken Plutarch und Burckhardt eingevackt wurden und die Bücher jüdischen Inhalts zu Hause blieben? Vjellescht lohnt es sich, jeßt hier an diesem stillen Mittclmeerabend darüber nachzudenken. Vielleicht führt schon die Tatsache weiter, daß dieses. -■ Bedürfnis der Rechenschaftslegung vor sich selbst sich unabweisbar meldet. Es ist zunächst einmal eine Generationenfrage. Menschen der älteren Generation hätte;; - wohGdic gleiche- Wahl gettosscn. ohne daß sich Von FRIEDRICH BRODNITZ bei ihnen in der Unangefochtenheit ihrer Bildungswclt die mahnende Frage: Warum keine jüdischen Bücher? überhaupt eingestellt hätte. Menschen der jungen' Generation — wenn sie überhaupt das Bedürfnis gehabt hätten, einer Reise durch ein ernsteres Buch einen stärkeren Inhalt zu geben —, sie hätten wahrscheinlich ohne viel Zweifel hier jetzt ein Buch ans jüdischem Lebenskreise vor sich liegen. Beides, Wahl des klassischen Buches und zugleich Zweifel an der Richtigkeit der Wahl, findet sich heute nur bei dieser eigentümlichen Zwischengeneration, deren besondere geistige Lage wir uns einmal einen Augenblick näher anschen wollen. Es sind die Menschen, die etwa zur Jahrhundertwende oder kurz vorher geboren wurden. Schon die, die nur wenige Jahre älter sind als sie. leben anders. Als der Krieg ausbrach, war deren Bildungserlebnis im wesentlichen vollendet. Sie haben sich heute mehr oder weniger dem Wandel der Zeiten handelnd angepaßt, in ihren Anschauungen - leben sie noch in einer jetzt untergchenden Welt-, einer Welt individueller, selbstverantwortlicher Lebcnsgestaltung, in einer Welt, in der Bildung, und zwar klassische Bildung, unangefochtene Lebensgrundlage war. Damit hat die junge Generation gebrochen.- Auf den Trümmern der alten Welt baut sie mutig und entschlossen eine neue, ihre Welt auf, eine Welt des Gcmeinschaftsöewußtseins und -willens, eine Bildungswelt, die durch die Gegebenheiten und die Forderungen der eigenen, gesonderten Gruppe bestimmt wird. Und sie hat recht damit,;vie jede junge, kom-- mende Generation für ihre Zeit recht hat. Zwischen diesen beiden steht unsere Zwischengencration. Ihre ersten und entscheidenden .Bildunc;serleünisse empfing sie von der alten, scheinbar so gesicherten Welt. Dann kam der schicksalshafte Einschnitt: die Fragwürdigkeit eines unerschütterlichen, angeblich für alle Zeiten gleichmäßig gültigen Bildungsbegriffes wurde ähr immer deutlicher, und eine neue Forderung stand immer größer vor ihr auf.. Gerade diejenigen, d-e sich durch historische Schulung den Blick für Gruppenwandlungen - geschärst hatten, erkannten die Dringlichkeit der neuen Forderung schon lange, bevor die äußere Entwicklung sie zum Gemeingut machte. Was schon als 'Wandel des Denkens europäischer Menschen deutlich wurde, bekam im Kreise des deutschen Judentums noch eine besondere Note. Immer klarer wurde es uns, daß es eine Lebensfrage des deutschen Judentums sei, den Uebergang zu neuem Denken und neuer Lebensgestaltung zu finden. Es ist kein Zufall, daß diese Erkenntnis gerade von vielen Menschen der jüdischen Zwischcugenc-' ration schon seit vielen Jahren vertreten wurde. Damit werden aber gleichzeitig die Grenzen der Möglichkeiten dieser Generation deutlich. Erkenntnis und G e st a l t u n g werden in der Geschichte fast nie einer einzigen Generation zugleich verliehen., Moses, der Wegbereiter zum gelobten Lande, darf es nur sehen. Erst die Kinder derer, die ausgezogen, neu-altes Land zu suchen, gestatten das Leben im neuen Hause. Tie Bildungswelt vergangener .Jahrzehnte gabdie geistige Schulung, aus der einer vorbereitenden Generation — der Zwischengeneration — die Erken ntn i s des Notwendigen erwuchs. Für eine neuwertende Lebens g e st a! t u n g ist der Besitz derselben Bildungswelt keine Hilfe mehr, son- Diese Nummer umfasst 16 Seiten Sie enthält u. a.: Hauptblatt: Ergland gestern, heule und morgen 1. Beiblatt: Stefan Zweigs „Jeremias", von Eva Rcichmann - Jungmann — Körperliche Arbeit Glück und Pflicht — Organisation des jüdischen Sports — Gesetz und Recht 2. Beiblatt: Der Einfluss der Bibel auf die bddende Kunst, von Professor Franz Landsberger — 600 Jahre Osijuden — „Erasmus", von Stefan Zweig, angezeigt von Julius Bab 3. Beiblatt: Das Blatt der deutschen Jüdin: Beginn der Aufsatzreihe: Eine Mutter erzählt die Bibel — Wirtschaft der Woche.

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