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Central-Verein-Zeitung · 1934-09-28 · 39 (28.9.1934) · page 9

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
13 (1934)
Issue
39 (28.9.1934)
Date
1934-09-28
Page
– (sequence 9)
Language
German
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G C.V.-Zeitung / Nr. 39 — 2. Beiblatt — 23. September 1934 MdtsGes Vottes in.HranTen h An einem leichten linb frohen Sommertag fuhr ich durch Franken. Die kleinen, sauberen Dörfer lagen in der Sonne. Es war Mitlag, als ich Bechhofen erreichte, das Ziel meinet Reise. Nach kurzem Suchen fand ich Unterkunft bei dem jüdischen Lehrer des Ortes. Meine Frage galt' sogleich der alten Bechhofener Synagoge, von der ich hatte erzählen hören. Der Lehrer, der sich als Hüter eines vergessenen Heiligtums fühlte, war mit Feuereifer bei der Sache. Das Bethaus, erzählte er, wurde im Jahre 1685 erbaut. Es sollte unauffällig und bescheiden wirken, und man errichtete es daher in der Bauart der umliegenden Häuser. Als es stand, sah es nicht anders aus als irgendeine Holzscheune im fränkischen Fachwerkstil. Auch das Innere war nüchtern und schmucklos, aber ein halbes Jahrhundert . /r <. o t'f*. .Die Synagoge von Bechhofen / Zeichnungen und Text von Max Raymer '■CT; 1 ir T" /t/ Vvilfsi!! i!"!5. ü‘!/ i?! N \ später wanderte der Maler Elieser ben Schelomo zu und malte die Innenwände aus. Diesen starken Kontrast zwischen der Bescheidenheit außen und der Pracht innen, hat das -Bechhofener Gotteshaus sich bis heute bewahrt. Die Malereien ben Schelomos sind irn Stil seiner Zeit, der Spätrenaissance, und in ihren leuchtenden satten Farben Blau und Rot gehalten. Besonders färbenprächtig wirkt die Ausmalung des Tonnengewölbes mit ihren Ornamenten, Blüten und Tierbildern. An der Ostseite des Raumes erhebt sich der Thoraschrein in Bauernbarock, geschnitzt und bemalt. Die Vorhänge der Bundeslade siiid Brautgewänder aus früheren Jahrhunderten. Tie reich verzierten Leuchter wurden in der Zeit der Markgrafen angefertigt. Ter ganze Raum mit seinem fast quadratischen Grundriß erfährt seine Gliederung durch den Almenor, der hier sonderbarerweise inmitten des Raumes steht. An der Südwand befindet sich ein siebenarmiger Leuchter, der aus Buchstaben geformt ist, die zusammen den Tert des 67. Psalms, den man am Sabbatausgang betet, wiedergeben. In einem der $ &( i.; - ’ "H, \ Wi > f-' ' N-- .niliWQ i- ..-jÄ-i.-y--' ,i l* * \LL*^-- - * w-^w' Felder, in die die Wand durch die Malereien ausgeteilt ist, steht ein Gebet für Karl Friedrich-Wil- Helm, Markgraf von Ansbach-Bayreuth und Brandenburg. - v Entsprechend der Anordnung im Tempel von Jerusalem, an dessen Nordwand der Tisch mit den sieben Schaubroten stand, ist hier eine Zeichnung dieses Tisches angebracht. Tie westliche Giebelseite zeigt wieder allegorische Malereien von der Hand ben Schelomos: die Stadt Jerusalem, einen Feststrauß zu Laubhütten, blasende Engel in Gestalt von Tieren, die sogenannten Chajot, neben ihnen den Korb mit den Erstlingsfrüchten. Nach alter Sitte ist der Frauenvorhof an der Rückseite des kleinen Gotteshauses angebaut und vom Männerraum durch Holzgatter und Vorhänge getrennt. Eine besondere Seltenheit stellt die Tür dar. welche von der Frauenschul zur Männerschul führt. Es war nämlich ein vielgeübter Brauch, daß Kinder vor der Beschneiduug durch diese Tür gereicht und von ihrem Gevattermann auf den Beschneidungsstuhl getragen wurden, lieber der Tür — solche Beschneidungstüren (sogenannte Brith-Milcü finden sich nur noch sehr selten — steht ein kleiner Spruch als Gruß für das junge Mcnschenkind, das mit der Beschneidung in die Gemeinde aufgenommen wird: bornch habo, gesegnet sei, der da kommt. Dies alles zeigte und erklärte mir der eifrige liebevoll bemühte Lehrer auf meinem Rundgang. Auch heute noch gibt es in Bechhofen eine kleine jüdische Gemeinde, die voller Liebe an ihrem Gotteshanse hängt. Mit dem Beginn des Gottesdienstes erschienen alle vollzählig. Keiner versäumt jemals den Gottesdienst. Ein Ausflug in die Umgebung führte mich an den jüdischen Friedhof, das „Judenbegräbnis", das an einen Abhang hingelagert ist. 'Nach einen: markgräslicheu Erlaß mußten sich „bey 20 Gemeinden-Ortschaften" seiner bedienen. Neben den großen Rabbinern aus Ansbach und Günzenhausen birgt diese Totenstadt historische Persönlichkeiten, die einst am markgräflichen Hof eine Nolle spielten. Eigentümlich mutet die Anordnung an. daß Märtyrer abgesondert von den übrigen zu begraben waren. Zu ihren Gräbern pilgern auch heute noch die umliegenden Gemeinden vor dem Rosch Haschana-Fest. Novelle von £3« Cpmüsr (Schluß) Am Abend kam Jan/ Sie wollten sich gerade zu Tisch setzen, als er eintrat. Auf dem weißen Damast brannten, zwei silberne Leuchter. blank strahlten die Teller und das Silberzeug. Freundlich begrüßte ihn der Alte, Ruth drückte ihm hoffnungsvoll die Hand. Essen konnte Jan fast nichts, würgte an den Dissen, nippte am Wein und ließ sich fortwährend zmn Nehmen auffordern. Es waren noch einige Gäste da, er kannte sie nicht. Immerfort sah er die Röte auf Ruths Wangen,, den Schein, der sich in ihrem schwarzen Haar spiegelte, und wie vornehm sie die Schüsseln,-reichte. Je länger er sie bestaunte, desto mehr wuchs ihr Bild zu einer hehren Erscheinung, der er stemd gegenüberstand und zu deren Herzen er keinen Weg fand. Er hatte gewagt, sie zu begehren. Welch ein Tor war er! Er, ein armer Fährmann, hablos, ungebildet — sie, eine anmutige Dame mit einem liebevollen Gemüt, mit Geist und Bildung. Am liebsten wäre er fortgerannt und wünschte sich aus seine Fähre, auf den Strom zwischen den grünen Weiden. Als die Teller und Schüsseln abgeräumt waren, der Alte sich gesättigt und zufrieden in seinen Sessel lehnte, trug er seinen Wunsch vor. heißen Atems, würfelte er Worte, die er nicht verstand, denn bunte Farben taumelten vor seinen Augen. Der Alte erschrak, das Veriangen kam ihm unerwartet, schien ihm irrsinnig. Dieser arme Teufel begehrte seine Achter, er mußte auflachen, eine Eule ächzte, ^ar dieser Mensch ulkig! Nein, daran war nicht zu denken. Hatte er sie deshalb gerettet? ^a wäre sie besser ertrunken. Nie würde er mn Kind diesem Narren geben, sie segnen — vem! verstoßen und verdammen. Jeden Betrag wollte er ihm zahlen, aber seine Ruth — Nie ihm geben. Er ließ seine Tochter rufen. Wie sicher und ruhig sie eintrat. Stand sie mit ihm im geheimen Lund? Er erzählte ihr das Geschehene, und mit Ernst und Bestimmtheit antwortete sie: „Die Ehe mit Jan ist mir nicht undenkbar. Er hat mir das Leben gerettet, und wenn er mich fordert, kannst du ihm das Geschenk nicht verweigern. So undankbar bist du, Vater, nicht. Zeige deine Güte und Liebe. Jan begehrt mich, ich sage nicht nein, und wie .kannst du ihn abweisen. Er hat seinen Edelmut und feine Liebe bewiesen, und in Bewunderung müssen wir ihn verehren. Ja, ich will seine Frau werden/ Ihr Vater tobte und schrie, von Undank-' barer Tochter, von Hinterlist und Betrug,' schwur bei ihrer - toten Mutter, bei seinem ewigen Gott. . . Ein. Wirbel voll Gedanken durchpeitschte Jans Hirn, er begriff nicht, was' alles gesprochen wurde, aber an den wilden Gebärden des Alten erkannte er, daß hier ein Vater verzweifelt um sein Kind rang. War er ein Dieb in diescnn Hans, begehrte er "Unmögliches? Er empfand/ daß er gehenmußte. Ruth umklammerte rhn, schmeichelte ihm Liebcsworte, hielt, ihn zurück. Er lächelte-sie an, als begriffe er die Wirklichkeit nicht, würden ihn Gestalten eines Wunderreichcs umschweben. Sie beugte sich über ihn und küßte ihn. Das war die Ergebung, feierliches Gelübde. Sein Inneres jubelte vor Freude, heißen Dank. Ihre Stimme wehte wie Gesang um ihn: „Morgen Abend . . . wenn die . Dämmerung fällt, dann holemich und ich will mit-dir gehen/ Ernst und stark fielen die Worte, sie stand' wie eine Prophetin hochaufgerichtet und sprach zu einem, der durch ferne Wüste schlürfte und sie rief: „Einen Tag lasse mir noch, um mich zu sammeln und zu festigen, dann will ich dein Weib werden und mit dir das Schicksal der Fähre hüten/ Selig berauscht, ein Gott ans Erden, schritt Jan um Mitternacht die Landstraße nach Neß zurück. Stolz und siegesbewußt schaute er in die weiße Vollmondscheibe, fühlte sich den Sternen nah, Hütte vor Freude tanzen können, dann — nach Stunden, als den Himmel ein undurchsichtbares Tuch überspannte, schritt er langsamer und nachdenklich. Sein Herz thronte aus einem Glasboden und jeden Augenblick fomne die Scheibe zerbrechen. Biel buchende Bäume umrankten das Haus, aber in der dunklen Kammer saß sein Weib und weinte. Warum weinte sie? Warum weinte seine Ruth? Er war doch gut und lieb zu ihr. erfüllte ihr alle Wünsche, gehorchte ihrem Willen. Warum weinte seine Ruth? Daß er ein anderes Herz besaß, nicht ihre Bildung, dafür konnte er nicht... ' - lieber die Wiesen und den Rhein wehte eine Stimme, ernst und andächtig,-wie die seines Vaters, eindringlich wie die. seiner Mutter: Jan, das ist kein Weib für dich. Er ' nickte dem Greis, der neben ihm schritt, zu; er nickte bejahend. Das Hochwasser fiel, von Stunde zu Stunde um fast zehn Zentimeter. Vielleicht -floß morgen schon der Strom in seinem alten Bett, lieber Nacht, hatte Jan die Fähre auSgebcssert, zurcchtgezimmcrt und morgen früh wollte er seinen Dienst wieder antrcten. .Er freute sich daraus, als würde ein neues Leben beginnen. Glücküberstrahlt schaute er-auf die - Wiesen und' Aecker und -Linden, grüßte froh seine alte Heimat. Die Bauern, Kaufleute und Händler empfing er freundlich, für jeden Fahrgast hatte er ein freundliches Wort. Die Bürger kannten ihn nicht wieder.' Das grausige Elend hatte manchen abgestumpft, dem Leben feindlich gemacht, im Schrecken schien Jan heiter und menschlich geworden zu sein. Die Wandlung blieb ihnen unverständlich. .Jan lächelte, wenn sie danach fragten und . schwieg, er lächelte, wenn ein Mädchen aus dem Dorfe kam und ihm einige Veilchen schenkte. Seine Augen schauten voll Sehnsucht westwärts, als erwarte er von dort die Erlösung. das Wunder. Der Winter war erstorben. Des Früh- . ling» neues Grün und farbige Knospen prunkten verheißungsvoll. Wieder lag die große Freiheit und Heiterkeit über der Erde. Auferstehung. Jan lächelte in den Frühling hinein, als wüßte er etwas von der Erde, das alle Menschen nicht ahnten. Er verriet es nicht, schaute in sehnsüchtiger Erwartung nach dem linken Ufer; aber die Braut kam nicht, er wußte nichts von ihrem Schicksal, träumte, daß ihr Leben im paradiesischen Glanze strahle und das machte ihn so glücklich, darüber freute er sich. Dank euch ihr Wellen, Dank dir milder Strom und er verbeugte sich vor ihm. wie ein Priester vor Gott. Dieser Strom trug Geheimnisse, gebar Göttlichkeit und Liebe und seine Herrschaft kettete Millionen. Jan schaute wieder nach Westen, der sonnige Tag neigte sich, die Kette rasselte, die Fähre trieb vom User — durch die grünen Wellen, in ihrer Tiefe lag sein Glück, — nach der linken Rheinseite. Und Jan lächelte in den Himmel und harrte freudig der großen Ersüllungsstunde. MKM M AM iSif Alfred Brust, der ostpreußische Dichter, geboren am 15. Juni 1891, ist in der Nacht zum -19. September 1934 in Königsberg gestorben. Dieser eigenartige, eigenwillige Poet — der Berfasser eines mit dem Kleist-Preis ausgezeichneten Romans „Die verlorene Erde", der Schöpfer schöner Gedichte und mystisch-dramatischer Spiele — ist für uns bemerkenswert besonders darum, weil in seinem Werk auch die Gestalt des Juden, die räumliche und geistige Welt dez Juden, eine östliche Welt hier, aus -eine seltsam die Wirklichkeit überhöhende Art sich spiegelt. Ter einsame grüblerische Ostpreuße war ein tiefer Mensch: den „Müttern" nicht fern, spürt er überall das Wesen und Weben der Erdgewalten, der Kräfte des Bodens, weiß er um die tierischen Triebe, ihren dunklen Ursprung, ihre oft so wirren Wege, kennt er all die Dämonen. Aber inbrünstig ringt er mit ihnen, ein znm klaren Licht, zur sühnenden Tat, zur reinen Liebe Emporstrebender. Es zeugt für die Wahrhaftigkeit des Menschen, aber

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