Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 13 (1934)
- Issue
- 39 (28.9.1934)
- Date
- 1934-09-28
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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FH lichkeit. ja mit Zärtlichkeit umhegt zu 'werden. In dem Treivierteljahrhilnbcrt. das daznnschen liegt, ist es freilich anders. Aber die Stürme und Kämpfe, die.dieses Leben eines iübifdicu Lehrers und Predigers durchschüttert haben,.machten..ihn j.m Anstlang seiner Zeit allen, die ihn kannten, besonders liebenswert. Tie Jugend dieses Mannes, der auS der Gemeinde Emden stammte, fällt noch in die Frühzcit der sich in die.neuen Verhältnisse cinrichtenden.Indenheit, sein Ende in den Um. bruch unseres'indischen Lebens. Was er in den vielen Jahrzehnten umniterbrochcner mühevoller Arbeit als Lehrer, Kantor, Kultnsbcamtcr in zahlreichen deutschen Gemeinden erfahren, getan und erlitten, das kann' man geradezu einen Abriß deutschjüdischer Kulturgeschichte der letzten drei Menschcnalter heißen. Lion Wolfs war ein außerordentlich ' ledendiger.wacher Mensch von be-- sonderer Willenskraft. Er l)at vor 15 Jahren die „Lebensersahrungen eines jüdischen Lehrers und ' Schriftstellers" in einer kurzweilig zu lesenden Selöithivgraphic beschrieben; und das Auf und Ab, das Hin und Her seiner Wanderschaft, das schwere Ringen ums Brot für sich und die Seinigen wird hier in einer' Weise geschildert, daß man der Tcmpcrainent- 'fi'lllc der Darstellung, ihrer Anschcnilichkcit und Lebensnahe so manches mit eiiifließendc einseitige Urteil nicht übe! nimmt. Er war ein Autodidakt, wie er ja vom ursprünglichen Handwerkerbernf in den des Lehrers hinüberwechselte, nachdem er mit. großem Fleiß sich die ersten Kenntnisse im jüdischen Wissen erworben; und er blieb es eigentlich sein Leben lang. Tabei war er eine durchaus praktische Ratur: immer nur lernen, um zu lehren, die Kinder als Schullehrer, die Erwachsenen als Prediger und Seelsorger und nicht zuletzt die Staudesgenossen durch die Fülle der vou ihm abgefaßteu Schriften. Agenden. Predigtsammlnngcn. Einsührungsbücher in die verschiedenen Ziveige solcher Lernsstätigkcit. Aber er wollte nud) die Gemeinden zu wirtlichen Gemeinden erziehen, und zu dieser Art Tätigkeit rechnete er — mit Recht — deu unermüdlichen Kampf, den er um die würdige Stellung des eigenen Amtes führte. Er stritt nicht pro 601110, hat jedenfalls in feinem 50jährigen Kriege gegen die kleingemeindliche Parnasfokratie für fid) selbst kaum mehr erreicht als den Zwang zu ununterbrochenem Wanderleben. Er war and; noch nicht abgekämpft, als er im hinterpommerschen Tempclburg endlich zweier Jahrzehnte der Ruhe ]id) erfreuen durfte. Wie es oft geht, genossen die «mdcren, für deren gemeinsame Sache er die eigene Stellung riskierte, die Früchte seines Mühens. was dem durchaus selbstlos auf die Sache und ihr Recht eingestellten Mann aber als eigener Triumph erschien. Unter dem Volke herangewachsen,, selber stets von Sorgen bedrückt, .aber niemals von ihnen erdrückt und stumpf gemacht, erschlossener Seele. für die Leiden der andern, wußte er herzlich und verständlich zu deu Menschen zu reden, nicht bloß zu Juden. Oft in seinem Leben stand er in vorderster Reihe, wo es galt, den Kampf für die Ehre des Judentums zu fuhren. Und an mand]ent Ort. wo kaum eine Handvoll Inden lebte, dafür aber um so stärker die Feindsdiait gegen sic. hat er tapfer und mit dem begrenzten Erfolge, der solchem Bemühen nur eben öeschieden ist. eine schneidige Klinge geführt. Könitz — s-in Kampf tim 'bie Wahrheit, rn dem Ritualmordprozeß — war ein Glanzpunkt auf diesem Gebiete seiner Lebensarbeit. Tas sei ihm hier besonders gedankt. Er übte eine merkwürdige AnziehnngSkraft ans die Jugend ans, bis zuletzt, zog noch bis ins höchste Alter, das er proeul negotiis hier in Berlin verlebte, junge Menschen als Schüler in sein Haus und wußte sie für jüdische Dinge 311 erwärmen. Er brauchte foldjc Umgebung; denn er war Lehrer von angeborenem Temperament, der sich immer mitteilen, äußern, fdjcnfcnb darrcichen mußte. Und das andere war seine glühende Liebe zu jüdischer 'Art. Gr brachte aus der guten alten Zeit jene Selbstverständlichkeit jüdischer Gesinnung mit. die jenseits von Richtungen und Parteien, im Grunde des gvttgegebcncn jüdischen Lebens selber wurzelt. Ist in unseren. Tagen jüdische Leidenschaft fast unabtrennbar von der Zugehörigkeit zu irgendeiner , Richtung, so lebte in ihm. seine ganze Liebeskraft erfüllend, datz eine ungeteilte Judentum. So hat er bei aller äußeren Enge und Schwierigkeit ein glückliches Dasein vollendet, uüc cs nicht vielen befchredcn ist. Temner war mit ganzer Seele zugetan seinem Geschick; und das heißt doch Gott lieben und von Gott geliebt zu werden. Ser Londoner Kongreß für Ethnologie und Anihrovotogie Der internationale Kongreß für Ethnologie und Anthropologie in London, um dessen Zustandekommen das englische Kgl. Patronat und die Re- Präsentanten der verschiedenen Länder, insbesondere Professor Myers. sich bemüht hatten, tagte in sieben Sektionen-mit einer ' Gefolgschaft von über 1000 Mitgliedern. Es wurden speziell auch Probleme-der Anthropologie im engsten und weitesten Sinne erörtert, die zur heutigen. Rassenlehre Stcllung nehmen. Tie Blutgruppen weisen hillsichtlich ihrer bishcrigeu Feststellung nicht eine solche Tisserenziernng auf — abgesehen von dem gehäuften Borkommeu der Blutgruppe ö in Ostasicn —, daß die Juden selbst eine Soudergruppe darstellen. -Was das Taktylogramm betrifft, so sucht Professor Poll dnrd) Untersuchungen an Hamburger und Berliner Inden nachznweiscn, daß nach seiner Methode eine Differenz zwischen Inden und anderen Bevölkerungsgruppen besteht. Allerdings übersieht er hierbei gänzlich die anthropologischen Tifsercnzierungen, da ja das Hamburger und Berliner Material der Iudenschaft tein einheitliches ist, sondern fid) ebenfalls ans ostischcn, baltischen, ' dinarischen und nordischen Anteilen zusammen setzt; ja selbst die sephardischen Inden sind doch wesentlich westischer Herkunft/ Tie Feststellungen von Professor Poll beziehen sich nur ans ein Merkmal bziv. eine Merkinalsgrnppe und können nicht etiva definitiv als Feststellung eines totalen Eestaltnntcrschiedes zweier Rassengrnppcn betrachtet werden. Ferner sprad) Professor Goldstein (jetzt Amsterdams, indem er gemäß der Ecstaltnngspshchologie — ansgebant von Köhler und Wertheimer -- den Sirnkturgedanken im anatomisch-funktionellen Ausbau des Individuums betonte und auf ansgleichende Kräfte himvn's. Dnrd) diele Naturwissenschaftliel;- biologische Bctrad)tnngswcise crsälirt von neuem die Synthese von A'atnr. und Geisteswisscusdiaft eine Förderung/ indem der strukturelle Ausbau der Persönlichkeit neben der generativen Verbundenheit zu einer wesentlichen biologischen Kategorie erhoben wird. Gerade die ,jüdische Anthropologie erfährt dnrd) diese Idee.der Struktur eine.wesentliche Förderung. da dadnrd) die anatomischen Lokalisationen vou Merkmalen nur dnrd) den Gesamtausbau der Persönlichkeit eine Bedeutung erfahren. Tie Ergebnisse seiner erbbiologischen Zwillings-' sorschung trug Tr. Rußbaum (Berlin vor, der mit -Hilfe der biologisch-genetischen Methode in' Verbindung mit den Anforderungen der modernen Varrationsstatistik auf die Vererbung iveiblicher - Merkmale hüiwies. Professor Smith, der Leiter der anthropologischen Sektion, hielt einen Einführnngsvortrag. An Veranstaltungen sind zu erwähnen die Teilnahme sämtlicher Mitglieder an einem offiziellen' herzlichen Emp'ang im Lancasterhouse ans Vcran. lassnng des Royal Goveruemcnt. wo jeder einzelne vom Staatssekretär für die Dominions begrüßt wurde. Tie Ausflüge, u. ,r. nach der Universität -Orford, und die Einladungen im Ereter- und Rew- Evllege regten von neuem Ecörtcrungen des englischen Erziehungsideals an. das die alten Ideals des KaloskagathoS in die Ideale des fair play und gcntlomenliUc iimznwandcln sich bemüht. Besichtigt wurde u. a. die Warburgsche Bibliothek. ferner präl)istorische und paläologische Funde aus Palästina, teilweise vom Karmclberg und teilweise aus der Gegend vou Gaza, ferner ■ aus Samaria. Tic letzteren wurden unter dem Patronat des englischen Königs dnrd,geführt vom Palcsti.no Exploration Fund. Im British-Museum war ausgestellt der „Codex-Sinaitieus“ anS dem 4. Jahrhundert, der am Siuaigebirge gefunden wurde und nunmehr vom englischen Staat unter weitgehenden Opscrspeudcn des "englischen Volkes angekauft wird. Ter Kongreß brachte die verschiedensten Be- - vvlkernngsgruppen ans wissenschaftlichem und gesellscliaftlichem Gebiete in Berührung: es war der erste Kongreß dieser Art. Ter nächste findet im Jahre 1938 in Kopenhagen statt. IteWeatMTW An den Gräbern der am l2. September 1914, für die Befreiung der Stadt Tilsit gefallenen jüdischen Soldaten fand eine vom Rcichsbund jüdischer Frontsoldaten veranstaltete Gedenkfeier statt. Rabbiner Tr. Rösel erinnerte an die Begeisterung. mit der vor zwanzig Jahren der Netter der Stadt, General feldmarschall von Hinhenburg. von Tilsits Bevölkerung begrüßt wurde. Daß so viele deutsche Soldaten, unter ihnen auch viele Inden, bei der Befreiung Tilsits ihr Leben lassen mußten, sei ein bitterer Trapsen in dem Becher, der Fcsiessreudc gewesen. Tas 'Andenken an diese jungen Helden möge deu Juden Tilsits und dem deutschen Vaterland zum Segen gereichen. Im Auftrag des Oberbürgermeisters Tr. Mir legte der zweite Vorsitzende der Tilsiter Ortsgruppe des RjF., Rechtsanwalt Tr. -Hugo Ehrl i d), mit einer kurzen Ansprache Blumensträuße an deu Gräbern der jüdild'en Kriegsgefallenen nieder. Aucaylich der Befrciungsfcicr der Stadt Tusit wurden and) einige jüdische Mitkämpfer, die der Einladung der Stadt gefolgt lvaren. mit der von der Stadt gestifteten "Befrerungsplakette ausgezeichnet, darunter die Kaufkeutc I. A b rast a m f 0 1) n (Laovicn) und Arno Fabian (Tilsit). _ W den Familien Rabbiner Br. O. Bahr (Prenzlou) irttf. 78 Iahrr ölt, demnächst itadf 4fliäl)viflet Tätigkeit als Rabbiner in den Rul>-s!and. Cr bar lange Zeit hindurch die Ortsgruppe des C.-B. geführt. Der C.-V. sieht seinen, langjährigen Mrtarbeiler nnb Tre'.nid ungern aus seinem Amt scheiden. — Der jitdische Frauen-Vercin Remscheid feiert am Oktober sein 2äiährigeo Bestehen inrd zugleich das silberne Jubiläum seiner Borsitzendcn Frau Hede cS 0 11« I) e [ s. 1)2aDbitter Tr. Mar Kappel, bisher Hirschberg im Riesengcbirge, ill an die jüdische Rcformgemeinde Berlin berufen worden. Die Amtseinführung von Rabbiner Tr. Koppel findet am h-ZNDZR Okt. 1934 Tischri 5695 1. Montag 22. Schmini Azeress (Schlussfest) 2. Dienstag 23. Ssimchas Thauroh (Gesetze freude) 6. Sonnabend 27. Wochenabschn.: Bereschiss 1. B. M. 1,1-6,8 Haftara: Jes. 42,5—43,io Neumondsweihe 7. Sonntag 28. Tekufass Tischri (Herbstbeginn) 9. Dienstag 30. 1. Tag Rausch Chaudesch Marcheschwan 5695 10. Mittwoch 1. - 2. Tag Rausch Chaudesch 13. Sonnabend 4. Wochenabschnitt: Nauach 1. B. M. 6,n-ll.n2 Haftara: jes. 54,i-55,5 20. Sonnabend 11. Wochenabschn.: Lech L’cho 1. B. M. 12—17 Haftara: Jes. 40,27-41,16 27. Sonnabend 18. Wochenabschnitt: Wajjero 1. B. M. 18-22 Haftara: 2. B. Könige 1,1-37 Sonntag, 7. Oktober, vormittags lOj.j llhr, im Gotteshaus der Rcformgemeiudc. Johannisftraße 16, statt. Lurwig DogeHletn gellorben Am 24. September ist der bekannte Philanthrop und Führer des amerikanischen Reform-Indentinns, Ludwig Bogclstcin. nachdem er eine Hcrzattadc erlitten hatte, im Mount Sinai-Hospital gestorben. Ludwig Vogelsteiu, der ein Alter von 63 Jahren erreicht hatte, lvar ein Bruder des betannten Breslauer Rabbiners und jüdischen Gelehrten Tr. Hermann Vogelsteiu. Ter Verstorbene hat sicii besonders in der ainerikanisdsen Good Will Union botätigt. deren Ziel es ist. gegenseitiges Verständnis unter allen konfessionellen Gruppen Amerikas zu fördern. Berlin: 30. September, 16 Uhr: Feierstunde bet G.-2J..5rnucn und ihrer Angehörigen iu der Laubhütte. Revner: Handelsgerichrsror Richard Cassel, Hauptkantor Bert, hold Friedmaun, Frau Margarete Fried. Musikatilchc Einrahmung: Frau Lewi-Dasen. > Bbnngoge ttindenstraß?, 2. Oktober, 201 -j Uhr: Zweiter rileinlunsiahend he:. KuttJirbuiibea int Berliner Theater, betitelt ,.Crnsle i:ri> heitere Famitienhitder". Einführende Handlung ree, Ideen norr Willn Prager. Es wirken mit anster dein gesamten Äleintunstensenible Rolf Rap. Ruth ül n fr Im, Relly H irth, Else Buhlon, Will: . Rase n Coa Böhm, Ferdinand C> r.ü n c ct e r: ent Flügel Kapellmeister Erich A i c g I c r. . 2. Oktober, 20 Uhr: Jüdisches Erwerbslosen-Kümller. - Ormester. Teilung: Dirigetit Hugo Btrautz, M>'.- wirkende: Wille Prager. Marion Koegel und Finz Tachauer. Musiker-Festsäle, Kaiser-Wilhelm-Btraße, 3!. 4. Oktober: Kulturbund. Professor Franz Oppenheuitct: ,.2inn der C'eschichieA Eingakodemie. 5. Oktober, 20ui Uhr: .«lilnstlerhilfe der Jüdischen El>. meinde. „Herbstliche BUlineir im Haus". Sprechern,: Franziska Bruck, tstesang Raset Sander. Am Füigcic Helene Lachmanski-Schaui. Frantfurt a. M.: 6. Oktober, 20'-i!!hr: ,.l0!> Minuten jüdischer Äunll" Leitung: Hans Assenheim. Bercinshaus, Esche»- heimer Landstraße 27. WO M Hill not? fehanfen jum etilen ©eSurfötns des KnUurbundeS Len Sr. Kur! Singer Am Jahrestag unserer ersten Theateraufführltng im Kutturbulid delitschcr Juden — 1. Oktober — werden wohl alle, denen dieser Bund eine Herzens- und Ledensangeleqenheit geworden ist, Rückschau halten, eine Rüctschnu. die in der Erkenntnis des Guten und des Pcisttungenen zugleich eine Vorschau werden muß. Lassen wir heute einmal das Gefühl des Stolzes beiseite: lvir haben manches geleistet und viel erreicht, wir haben gestrebt und Erfolg gehabt, haben ein festes Fundament geschaffen und zimmern am Werk, Stunde um Stunde. Was aber, fragen nur heute, fehlt am Ganzen und im einzelnen, wo sind die. Fehler, wo sind die Besserungs- Möglichkeiten? Laßt uns nicht zufrieden werden, laßt uns Prüfen. 1. Erinnerung tut not. In der Gewohnheit des täglichen Spielcns haben viele schon vergessen, daß vor einem Jahr für unsere berufstätigen Künstler tiefschwarze R'acht der Vergessenheit, der Erwerbs- und Arbeitslosigkeit da war. Tie jüdischen Musiker, Sänger, Schauspieler, Regisseure und Kapellmeister waren auf dem Wege der Gleichschaltung in Deutschland von der Mitwirkung am kulturellen Leben ansgeschaltet. Biele, und nicht gerade die schlechtesten, verließen Tcutschland und wanderten aus. Wir haben versucht, einige znrückznholcn. Vergebens. Wir sind diesen Protagonisten deshalb nicht gram. Wir werden, im Interesse unseres Theaters, iveiter werben. Schon gelingt es bei diesem, bei jenem, der gehört hat, daß es in diesem sogenannten geistigen Ghetto mehr Arbeit und fruchtbares Wirken geben kann als draußen im Betrieb provinzialer Theater. Plancher Mime wird durllz uns wieder an den Oücll seiner künstlerisäzen Tradition zurückkehren. Wir haben keinen wertvollen Namen vergessen. 2. Zusammenhalt tut not. Unsere Mitglieder, die auf den ersten Ruf hin kamen, blieben uns treu. Aber da ist nväz ein ganzer Heerbann von jüdischen Menschen, die ohne Kontrolle unserer Arbeit den Weg zu uns scheuen. Vielleicht, weil sie überhaupt iiicl)t mehr in „Vereine", in geschlossene Gesellschäften gehen, vielleicht, weil sie den zivangsmäßigen Abschluß von den anderen nicht mitmachen wollen, vielleicht, weil sie sich, Inden unter Juden, ghcttoartig eingezrvängt fühlen. Gerade die noch leidlich Begüterten bleiben uns fern. Sie stiften Patenschaften — aber sie kommen nicht. Sie versichern uns ihrer Sympathie — aber sie bleiben platonisch in ihrer Liebe. Auch diese in ihrer Mentalität noch unerschütterlichen Glaubensgenossen wollen und werden wir weiter umwerben. Sie müssen sich uns verbunden fühlen in dieser schwersten Schicksalszeit. Wir haben keinen Versuch gemacht, unsere Mitglieder von anderweitigen musikalischen oder theatralischen Genüssen abzuhalten. Aber iver in dieser Stunde des Neuschafsens nicht mit uns ist, der ist gegen uns. 3. L e i st u n g s st e i g e r n n g tut not. Tas sagen lvir frei und kühn und offen. Aber unser Spähen nach Werken, unser Suchen nach Ergänzung und Erhöhung des Spielensembles, des Niveaus der Ausführungen muß vergeblich sein, wenn uns der Atem im Wirtschaftlichen ansgeht. Wir brauchen zur Sicherstellung des Gesamtapparates noch viertausend neue Acitglieder. Im Kampf um das Eristenzminimum kann auch die stärkste Begabuug nicht ihr Inneres in die beste spielerische und gestaltende Form bringen. Tas Leben fordert sein Recht, der Körper 'will heil sein, wenn die Seele gr-eihen, wenn der ganze Mensch bereit sein soll, sich dem Werk der T'arstellung ganz hinzugebcn. Wir wollen unseren Künstlern und Angestellten bessere Taseinsbedingungen schaffen. Tann wird das Werk wachsen. Wieviel hängt von dieser äußeren Zufriedenheit ab! Bewunderung für alle, die in diesem ersten Jahr mit dem Wenigen atiskommen konnten. Aber das muß ciu Anfang, darf keine Gewohnheit sein. Was die Bülfne an neuzeitlichen Erfordernissen der Beleuchtung und Technik, was das Personal durch Nachwuchs und wirtliche Einordnung von Prominenz, das Orchester durch Zuwachs und Veredlung, auch der Instrumente, verlangt, was am Gesicht der Bülme im ganzen, was am Reifen des Enscmblegeistes, an Regelmäßigkeit der Spitzenleistung noch zu fordern bleibt, das soll der Wirklichkeit durch Intensivierung aller Zusarumcuarbeit näher rücken. Wir sind froh dessen, was erreicht lvurdc. Und wissen: Leistungssteigerung tut not. 4. E i u P r 0 g r a m m t u t n 0 t. Auf die Tauer kann die Richtung der Programmgestaltung nicht abhängig bleiben von den Kräften, die vorhanden sind. Die Wortbedentnng des Werkes muß entscheidend werden für Annahme und Aufführung, nicht die Suche nach lltolleu stur unchtige Kräfte des Personals. Vielleicht errciichen wir einmal die Vereinigung dieser beiden Tendenzen. Aber auch heute schon müssen wir nach den Menschen anfcher Bühne suchen, die uns den Weg zilr attischen Tragödie ebenso gangbar macheil wie zum wertbeständigen Theater Goethes, Shakespeares, Atolieretz. zum zeitgebuudeucu Striudbergs oder Schalom Aschs, zu Hebbel wie zu Beer-Hofmaun. Das Universale in der Kunst zu erkennen und zu erfassen, ist unser Ziel. Dazu gehört in besonderer Betreuung auch das jüdische Drama, wo cs sich uns bietet, das Theater der jüdischen Inhalte, der geschichtlichen Epochen, der Gegenwart, Judith oder die Vtaktabäer, den, jungen David oder Jeremias auf der Bühne mit der Stimme und dem prophetischen Wort ihrer Urbilder ans uns wirken zu lassen. Das ist uns heiliger Wunsch und fester Wille. So wie cs nicht an dem Plan fehlt, in allen Konzerten jüdische Komponisten zu Wort kommen Pl lassen; wie das Händcl-Iahr nicht ohne Oratorium ans der biblischen Gesäjichte vor- .beigeheu wird, wie die Oper deu „llcebutadnezar" zugleich als Wille zur genialen Leistung schlechthin wie zur Verdeutlichung jiidisch-kultureller Besonderheiten in den Spiclplan ansnimmt. Zum Drama der hmzellräfte gesellt sich — mit „Jeremias", mit den „Trocrnlncn" — das Voltsdrama, lind ehe der Winter vorbei, soll der Freude»- Hymnus der Neunten Sinfonie in jiidischeik Herzen wieder Wurzel fassen. Verbindung zum. deutschen Geistcsgnt, Verbindung Zinn jüdischen Wurzelgcdanten: in den Vortragsserien unseres Bundes, in den Zullen geistiger Themata beiur Jüdischen Lehrhaus lverdcn die Rcitglieder sie scheu und grüßen. 0. R uhetutu 0 f. Jene äußere Ruhe im Kamps der Meinungcn.in der die Unruhe der fiinftlcvivd)cn Arbeit sich zu gleichmäßiger, stabiler, fruchtbarer Tat entfalten kann: jenes ^tillhalten der öffentlichen Richterin. die bei der Einsicht in Ziel, Haltung, Wille und Ei'er des -Instituts aucli einmal Wohlivollen a» irrtelie dir so nnerbittliclien Strenge setzt, lttzolilwollcu einem Kinde gegenüber, das umcint. ist oft besser als-Zucht und Strafe. - Dennoch-' wir nehmen Rat an, lvir lvollcn nicht nur gelobt fei 11. Wir sind nicht frei -von Stolz. Bstr haben heute schon ciu Reclst. kr innert zn werden. Denn Kritik ist Vergleich. Vergleich »iU Vorbildern. Die innere Disziplin unserer Organisation ist so gut, daß wir uns gegenseitig durch ^Kritik und Vtahuung auch über einen "Mißerfolg schon hinwegbringen. Wer voll Mißstimmung im Haus hört oder von Gärung oder vou Palastrevolution, der lächle getrost. Wir sind so abergläubisch wie andere Künstler auch. Und'deshalb provozieren wir auch einmal einen Krach iin Theater. Es kracht nichts im Gebälk der Büline. int Holz der Instrumente, im Gestell der Schrcibtiselie. Wir sind nur unzufrieden, um nicht zur inneren Ruhe ches gleichmäßigen Betriebes zl> finden. Wir sind auf der einigen Suche nach Neuerem, Besserem, Größerem in uns. nni uns, bei uns. Aber wir sind glücklich dabei. Und wollen Im neuen Spieljahr dieses Arbcitöglücksgefühl noch steigern.