Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 13 (1934)
- Issue
- 39 (28.9.1934)
- Date
- 1934-09-28
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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R Li i Nr. 39 i l.BoEb!att Don Amsterdam aus fährt man mit dem Zug Men durch grüne Weiden, Getreide-und Blumenselder nach der alten holländischen Stadt Alkmaar und weiter nach dem kleinen Ort Schagen. Von dort bringt einen der Omnibus über freundliche Landstraßen nach dem jungen jüdischen Werkdorf Rieuwesluis. das am Wieringer Meer, 3Ö Kilorneter von Alkmaar entfernt, im Entstehen ist. Vor wenigen Jahren erst hatte man begonnen in härtester Arbeit dem Zuidersce Land abzuringen. Heute schon dehnen sich auf diesem Gebiet weite bebaute Flächen, die aber immer noch — in der Formation des Bodens und in dem rauhen, salzigen L?md, der darüberweht — irgendwie den Eharaktcr des Meeres tragen. Auf diesem Gebiet hat die holländisclie Negierung in Zusanuncnarbeit mit der holländischen Judenschaft und den internationalen jüdischen Hilfsstellen ein Stück Land von etwa 67, Hektar zur Verfügung gestellt, auf dem man im Herbst des vorigen Jahres mit der Errichtung des jüdischen Werkdorfs begann. Unter der Leitung des deutschen Arztes und Pädagogen Tr. Lubinski arbeiten dort jetzt über hundert deutsche Juden, meist im Alter Zwischen!I!I!I!IIIII!!IlII!Il!III!I!III!!!!II!I!IIII!lII!II!IIIIIIIl!I!!I!!III!!!l!!I!IIII!!Ii,IH Bei Umzögen und bea dessen ist für die Nachsendung der „C.-V.-Zeitung“ ein besonderer Antrag bei dem zuständigen Postamt zu stellen, da die Post Zeitungen nur au! Antrag nachsendet. Der Nachsendungsantrag für gewöhnliche Postsendungen genügt nicht. Die Post erhebt, soweit der Umzug nicht innerhalb desselben Postbezirks erfolgt, für derartige 'Anträge eine Gebühr von 50 Pfennig (Ausland 40 Pfennig). Vom Verlag der „C.-V.-Zeitung“ können die Nachsendungen in diesen Fällen nicht beantragt worden. Wir bitten unsere Mitglieder aber, auch den Verlag der „C.-V.-Zeitung“, Berlin W 15, Emscr Strasse 42, bei Adressenänderungen zu verständigen, damit wir unsere Mitgliederverzeichnisse in Ordnung halten und unseren Mitgliedern unsere Mitteilungen prompt zustellen können. Il!!]!llIIlI!!lIlininilIiniillllll!I!II!I!!ll!lll!I!lII!Il!IllII!!!!Il!ninilIlIllin! T7 und 25 Jahren; ungefähr die Hälfte von ihnen sill nach Palästina auswandern, die andere Hälfte m verschiedene Länder inllcbersee. Eines ist ihnen allen gemeinsam: sie schichten um, sie bereiten sich nuf einen neuen Berns vor, aus ein neues Leben. Wettergebräunt, musfelstark sind alle die Jungen und die fünfzehn bis jetzt dort anwesenden Mädchen bei ernster Arbeit. Tie Ausbildungszweige sind ähnlich wie die m deutschen Umschichtungslagern: für die Zukunft dieser Menschen kouunt nur ein handwerklicher, ein landwirtschaftlicher oder ein hauswirtsrhastlicher Beruf in Frage. Tiefes Wertdorf hat den deutsei)en Umschichtungsstellcn gegenüber allerdings manchen Vorteil: es ist ausdehnungsfähiger und kann so mehr Menschen Platz und den Menschen mehr Alöglichkciten bieten, und cs zwingt durch seine Lage aus fremdem Boden die Leute schon während ihrer Ausbildungszeit, sich an ein fremdes Land zu gewöhnen. Anderseits ist freilich zu bedenken, daß durch die vollständig einsame Lage, noch dazu un fremden Land, die dort lebenden Menschen vom täglichen großen Geschehen allzu isoliert sind; sie leben unter sich wie auf einer glücklichen Insel, man könnte fast sagen, wie Schulkinder, aus die nach den Anstrengungen der Lernstuudcn das friedliche Elternhaus wartet, in das nur hin und wieder die Geräusche der Welt dringen. Trotzdem muß man diesem Bedenken feil« hemmende Schwere verleihen; im allgemeinen brauchen die Menschen, die dort arbeiten, nach den heißen Stunden des Tages äußere und innere Ruhe, und außerdem kann jeder aus eigener Initiative den Kontakt mit draußen kmsrcchterhaltcn: cs gibt ja Zeitungen, auch schon Radio und jeden Freitag, vor Beginn des Sabbat, fährt für wenig Geld ein eigens gemieteter Omnibus nach Amsterdam, wo allwöchentlich eine Jahl der Umschichtler den arbeitsfreien Sabbat derbringt. Beim Ausbaucn und Verwalten des Werkdorss erlernen die Schüler jeden Berusszweiges gleich ihre praktische Arbeit, jeweils unter der Leitung eines holländischen Meisters. Von der holländischen Regierung wurden einige Arbeiterbaracken 3lir Verfügung gestellt, die von den Maurern. Zimmcrleuten. Tischlern und Schlossern ausgebaut und auf die notwendige Anzahl vervollständigt werden. Ilm. wie beabsichtigt, in einiger Zeit etwa 250 Leute be- Herbergen zu können, werden 15 Wohnbaracken notwendig sein. Es ist keine leichte Arbeit, da wegen der Rauheit des Klinras, besonders im Winter, alle Wände gedoppelt werden müssen, und auch alle sonstigen Anlagen Anpassung an diese besonderen Erfordernisse verlangen. Alle Nohrlegearbeitcn werden selbst ansgeführt, und man plant sogar für die nächste Zeit die Errichtung eines Bade- und Dnschraums. Ja, nran plant noch viel mehr, d. h. die Anfänge dazu sind schon gemacht: es wird em Gemeinschastshaus gebaut, um das im Halbkreis dann die Wohnbaracken liegen iverden. Bis jetzt ist der Mittelpunkt des Torfes das Direktionsgebändc, in dem sich das Büro und eine Poststation befinden. Vorläufig sind dort and) noch die Schlasräume der Mädchen. Zwischen Leitung und Schülern herrscht ein herzliches Einvernehmen; hier ist ein Büro, in das man sozusagen ohne langes Anklopfen eintreten kann; das wäre auch insofern überflüssig, als man die kraftvollen Schritte der Lagerinsassen in ihren schweren Langschäftern schon von weitem hört. Ja, Langschäfter sind hier nötig, ebenso wie all die andere derbe Kleidung, in der Jungen und Mädchen ihre Arbeit verrichten. Der Boden ist noch weich und sandig, die Wege durchs Dorf müssen erst angelegt werden, und der Wind ist heftig und nur Wolle kann ihm standhalten. Diese harten klimatisck)en Bedingungen erschweren besonders den Gärtnern und Landwirten ihre Arbeit sehr; aber man muß sid) der schon erzielten Erfolge freuen. Wundervoll weite Felder sind angelegt, Gemüse, Getreide und Blumen gedeihen bei der sorgsamen Pflege; 8 Pferde Helsen bei der Landarbeit und auf der Weide grasen 10 Kühe, die das Dorf mit Milch, Butter und Käse vorsorgen — der eigene Viehbestand. Das Werkdorf, das sich aus volkswirtschaftlichen Gründen natürlich von den holländischen Märkten mit seinen Erzeugnissen sernhalten muß. ist durchaus Selbstversorger: das Getreide will man im Herbst auch selbst dreschen und dann gegen Brot eintauschen. Das gut und kräftig znbereitcte Essen für alle hundert Leute besorgen die Mädchen, die sich hier die umfassende Ausbildung zur Siedlerfrau aneigucn; dazi: gehört Geflügelzucht ebenso wie Milch-, Butterlmd Käsewirtschaft, Wäscherei, Plätterei und Eemüsevcrwertuug; die Dauer dieser Ausbildung beträgt nur ein- bis eineinhalb Jahre, während man für alle anderen Berufszweige zwei Jahre rechnet. Eine abschließende Prüfung gibt es hier so wenig wie überhaupt in Holland, lind die Onalifilativn der Lerrlenderr lintersteht nur dem Urteil der Meister und schließlich nicht zicketzt dem der Schüler selbst, die ja bereits erwachsene Menschen fiub. Daß man nach Möglichkeit die obere Altersgrenze von 25 Jahren einzlihalten sucht, hat seinen Grund in der weit größeren Sd)>vierigkcit, die eine berufliche und seelische Umschichtullg für ältere Menschen bietet. Selbstverständlid) legt die Leitung des Wersdorfs bei der Aufnahme des einzelnen ans Nachweise seiner geistigen lind körperlichen Eignung für den gelvähltcn Beruf und seiner sonstigen eiinvandfreieil Führung Wert. Dagegen gibt es keine Beschränkung hiusid)tlich der wcltanschaulichen Einstellung, das heißt, man nimmt Angehörige jeder jüdischen Richtung auf. Tic lnoilatlid)eu Kosteil, die Ausbildung inbegriffen, betragen für einen Handlverker 60 RM.. in der Gärtnerei, Haus, und Landwirtschaft 45 NM. Bei Minderbemittelten kommen teibveise die Heimatgemcinden oder der Zcntralausschuß der deutschen Juden für Hilfe und Ausbau für die Kosten auf. Alle Aumeldungen für das Werkdorf gehen über die Zentralstelle für jüdische Wirtschaftshilfe in Berlin. Dem Dorf selbst werden Maschinen lind anderes Material gestiftet. Manchmal aber gibt es auch Geschenke, die nur eine ganz persönliche Freude, einen kleinen Luxus für die Lagerillsassen bedeliten sollen: so kam z. B. vor kllrzer Zeit eine größere Zigarrenspende. Da aber nicht alle Jungen Zigarren rauchen, verkaufte mari sie teibveise in der kleinen Kantine, die ein blstiger Bayer verwaltet, zu niedrigen Preisen und schasste dafür Zigaretten liud Schokolade, die begehrtesten Gcnußmittcl, an. Ueberhaupt — man versteht es in Nieuwesluis, sich bei aller harten Arbeit das Leben allgenehm zu gestalten. Tie gemeinsamen Mahlzeiten verlaufen in einem herzlichen, freundschaftlichen Ton, und die Freizeit wird durch Musik, Bortrag oder Arbeitsgemeinschaften anregend gestaltet. Zir würdiger Feier führen die Freitagabende alle Beroohner des Werkdorss zusammeil. Außerdem findet abends alllvöchentlid) eine allgemeine Heimversammlung statt, in dem man die wiäjtigsten .<6 0 MM Zrvel Holzschnitts siKös tmteeiannten MInssr Lünsklers Wir Juden des Westens haben gelernt, llnsere Gefühlsäußerungen zll beherrsche!:. nur selten geben lvir ihnen lauten Alisdrnck. Der Ostjnde dagegen reagiert gailz anders, gewissermaßen primitiver, nichts hindert ihn, seine Freude und seinen Schmerz laut lmd deutlich sichtbar auszndrücken. Besonders auffallend ist der plötzliä)e übcrgangSlose Wechsel von tiefster Traner liild Schwermut zu ausgelassener Fröhlichkeit. (Alan erinnere sich der Tybnk - Allfführungcn der Habimah vor einigen Jahren, wo dieser jähe Ctimmungswechsct in veri'4 ■'QQ: Ji i~'i ly—:;W - T-'i H'-- 'Urs:;s; : MW P; schiedenen Szenen hervorragend wrcdergcgeben wlirdc.) Schon hier erkennt lliau, daß lvir uils ein völlig falsches Bild machen, wenn wir allein auf Gruild gewisser literarischer und bildlicher Schildcrirngen annehmen, der Jlide des Ostens sei nur schwermütig und freudlos. Gerade im echten Ostjuden steckt eine primitive Lebenslust, die sid) in Liedern lind Tänzen ausspricht. Und da — wenigstens bis vor einigen Jahrzehnten — das gefaulte Leben des vstjüdischen Menschen vorn Reli-> giöseil her bestinunt wllrde, so tennmt der wirkliche Stimmungscharaller dieser Menschen auch am dciltlichsten in ihren religiösen Feiern zmir Ausdruck. Mall muß einnml eine Simchat Tora-Feier in einer kleinen nstjüdischcn Synagoge miterlebt haben, muß gesehcll habeil, wie Männer lind Kinder -mit der Tora im Arm tanzen lind hüpseil, wie die Begeisterung gar kein Ende nehmen will, uild inan lvird begreifcil. was „Simd)at Tora". Freude am Besitz der Tora, bedeutet. Wir gebeil hier zlvei Abbildnugen nach Holzschilitten eines lulbeknilnten Wililaer Künstlers des 18. Jahrhunderts wieder, die eine Siulchat Tora- Feier darstetleri. Auf dein obere!: Bilde ist der große Umzug der Torarollen in der Synagoge dargestellt. Teul Zuge voran schreitet der Schammes mit einem dreiarmigen Leuchter, ihm folgt der Ehasou mit der Torarolle im Arm und dem geöffneten Gebet, buch iil der Hand, aus dem er vorsiugt, gefolgt von drei Mämlern, die ebenfalls Torarollen im Arm tragen, den Schluß des Zuges macht ein Knabe, der sein Fähnchen schwenkt. Ter Alaun im Hintergründe hat rvohl die Torarollen aus dem Aron na kodeseh genommen und ail die Männer verteilt. Auf dem liuteren Bilde Hat die Festessrende ihren — anscheinend recht weinseligen — Höhepunkt erreicht. . Diese Szene ist mm höchst originell lind hmnorvoll gestaltet. Tenil während der eine der drei Männer gerade daS Weinglas zmn Munde führt, der aildcre Flasche und Becher freudig schwingt, hebt der dritte die Hände zniil Hinunel, Ulan weiß nid)t recht. ob ans Berzlveiflung darüber, weil er seihst noä) nichts von dem köstlichen Naß bekvmrneil hat. oder weil der andere des Guten etlvas zu viel nimmt, oder ob er etlva noch einmal inbrünstig sein „Hoschanc>"-Gebet wiederholt. Der mit der Flasä)e hcrbcieilende Knabe scheint jedoch die erste Aunähme zu rechtfertigen! Der Verfertiger dieser beiden Holzschnitte scheint kein großer Künstler gewesen zu sein. Seine zeichnerische Technik ist recht primitiv, uugekonut und ungelenk. Die Figuren, machen fast den Eindruck von K inderzeichmingen: die Gesichter der dargestellten Personen sind fast nur in: Profil wiedergcgeben rmd iudividncll nicht untere schiedliä) gekennzeichnet, Augen, Nase und Alund sind nur durch Striche augedeutet. Beine und Füße nicht gegliedert. Dagegen sind die lailgeil Bärte, die faltigen, nach der damaligen Alvde in der Taille eng eingcschnürten Kaftane, die hohen, pelzverbränltcn Mützen mit aufsalteuder Deutlichkeit wiedergegeben. Abgeiehcil von der primitiven Freude an diesen Aeußcrlich. keilen lassen sich in der Holzschuitleclm.ik diese Binnen schrnffnren lveit leichter anbringeu als etlva eine seine Zeichnung der Gesichter. Primitiv ist audi die Naumaudeutuug durch den perspektivisd) falsci) gezeichneten Almeinvr, der auf drei Säulen ruht (eine recht lvackelige Geschid)te!s und dllrch den vielariuigeu Leuchter. Tie Lebtiaftigkeit der Gesten, namentlich auf dem zweiten Bilde, ist dagegen frappierend, und hierbei fällt vor allem der stark akzentuierte Rhglhmus aus, der noch durch die Parallelität der Veivegungeu unterstrichen lvird. Alan verfolge einmal die vollkommen gleiche Arm- und Beinhaltnng bei den Tora-trageudcu Aläuuern.' die Wiederholung der senkrechten und voaagerechteir Armhaltuug lind die gebeliglcu Knie bei den großen und kleinen Fignren des zmeilen Bildes: hier lvirken die Bervegnngen trotz ihrer Lebhasligleit sckiou beinahe geivollt ornamental. Nimmt man noch die schön geschnittene, dekorativ als nntere Randleiste hiugesetzle hebräische Unterschrift hinzu, so zeigt es sich, daß bei aller Uubehvlfenheit doch ein künstlerisch begabter und eigemvilliger Aleusch hier am Werke war. — Tie auf beiden Blättern stark überschnittcuen Figuren rechts mid links, ebenso loie die überschuitteuen Buchstaben, lassen vermuten, daß diese beiden Blätter zu einer größeren Folge gehörten, deren loeitere Stücke lvir aber leider nicht kenucu. Lrm: Stein. Fragen bespricht. Obligatorisch ist einer vor: den drei Sprachkursen, Englisch, Hebräisch oder Spanisch, der für das kvillmeilde Leben in: frclnden Land vorbereiten soll. Allch eine kleine, vielbenntzto Lagcrbibliothek ist schon vorhalldcn, die lwch ihrer Vervollständigung durch freundliche Spender wartet. Alan sieht es allen hier lebenden und schaffenden Menschen an: sie leben und fdjnffcn gern in diesem rauhen, weiten Land, durch das, an ihren Baracken vorbei, ein Kanal zw.n offenen Aleer führt, ganz draußen, dort, wohin der Blick nicht mehr reicht. Nur das innere Auge sicht ständig das offene Aleer vor sich und die osscuc Zukunft, und wenn die Post verteilt wird, die den Stempel der Heimat trägt, dann liest man auf den Gesichtern dieser Leute: sie bleiben der Heimat verbunden, ohne wehleidigen Schnlerz des Rückblicks, liild ne schassen mit starkem Willen für ein neues Leben, das erkämpft sein muß. liild« .Marx. Seit laugen: war dieser Alaun, der einige Stunden nach Ausgang des Jowkischua an der Sdpvelle des 00. Iah res" starb, der alte Wolfs. Vor ihrem fünften und ilach ihrem 80. Lebensjahre genießen ja die Aleusd)cu das Glück, un: dieser Daseinsstufen willen mit besonders lvarmer Herz-! / / / ' u preisw/erte Angebote 0SU8 £2 .SÜANBAISSS STRASS* . K O. fcsj I GSTR ASSC . <SE G R ObJD.Eü JS15