Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 13 (1934)
- Issue
- 39 (28.9.1934)
- Date
- 1934-09-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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] c 7T 7erein Ir li!Ti jjj XIII. Jahrgang / Berlin, 28. Septemb Preis 20 Pfennig UE3 j!i; Iw Diese Nummer umfasst 26 Seilen \ Sie enthält u. a.: | Hauptblatt: Friedrich Schinkel: „Preußischer Sozialismusvon Dr. Kurt V/ilk 1. Beiblatt: Besuch in Wieringen, von Hilde Marx — Simchat Tora, von Erna Stein —! Was tut uns not?, von Dr. Kurt Singer | 2. Beiblatt: Altes jüdisches Gotteshaus in } . Franken, Text und Zeichnungen von Max \ Reimer — Jan und Ruth (Schluss), von \ Max Spanier — Wirtschaft der Woche j 3. Beiblatt: Erziehung, Eltern, Schule — Kinderblatt i \ * M MMW olrf>fi0l oir»> vS’ Ky O-/ j ■rh i C O’üV/vj’U’U’L- 0-b ÜÖLCU VE.Dr.DwNS We Turch die Behandlung des Antrags, durch Polen ein allgemeines internationales, alle Staaten bindendes Abkommen über den Schutz der Minderheiten verlangt, ist diese Frage wieder in den Mittelpunkt der Erörterungen geruckt worden. Der Antrag und seine Behandlung in der Völkerbundsversammlung und der 6. politischen Kommission des Völkerbundes sind nur zu verstehen, wenn man sich en das historische Werden des gegenwärtigen Minderheitenschutzes erinnert. Während des ganzen neunzehnten Jahrhunderts ist allen jungen Staatswesen Europas bei ihrer Gründung regelmäßig die gleichmäßige Behandlung aller Staatsangehörigen airfcrlcgt worden. In der Sitzung des Berliner Kongresses vom 28. Juni 1878, durch den Serbien, Bulgarien. Montenegro und Rumänien als sclbßändige Staaten geschaffen wurden, ist eine ßicrliche Erklärung abgegeben worden, in der & Großmächte, an ihrer Spitze spürst Bismarck für Deutschland, die Anerkennung der Unabhängigkeit an die Bedingung der religiösen Freiheit für alle Staatsangehörigen geknüpft haben. Rach Abschluß des Weltkrieges ist den unterlegenen Staaten Bulgarien, L e st e r r e i ch, der Türkei und Ungarn der Schutz der Minderheiten und ein besonderes Prozeßverfahren hierzu als Friedensbedingung auserlegt worden. Diese neue, viel weiter als die frühere, gefaßte Minderheitenllaniel ist dann auf die mit den Fricdensverträgen geschaffenen neuen Staaten ausgedehnt worden. Zuerst in dem von den verbündeten Hauptmächten am 28. Juni 1019 mit V ölen geschlossenen Vertrag, dann in ähnlicher Fassung in den Verträgen mit der T s ch c ch o s l o w a k c i, S ü d s l a w i c n, R um ä n i e n und Griechenland. Von dem Abschluß dieser Minderheitenbcrträge haben die Mächte die Anerkennung Polens und der anderen Staaten ausdrücklich abhängig gemacht. Polen hat diese Bestimmungen nicht leichten Herzens hingenommen. Tenn sie bedeuteten eine Einschränkung der ichm von den Alliierten gegebenen staatlichen Freiheit. Aber die Alliierten haben dem Tranae Polens nicht nachgegcben. In einem, ui der letzten Zeit fortgesetzt zitierten Schreiben. das C l e m e n c e a u als Präsident der ariedenskonferenz am 24. Juni 1019 an den Präsidenten der polnischen Delegation, Paderewski, gerichtet hat, hat Elementen daraus hingewiesen, „daß es sich um enien seit langem im europäischen öffentlichen Pccht geübten Vorgang handelt". Ter Minderheitenschutz sei nichts Neues. Früher sei die Garantie für seine Ausführung den Großmächten anvertraut worden. Jetzt übergebe bes neue System die Garantien dem Völkerbund. Polen mußte die Bedingung der Kontrolle über seine Art des Minderheitenschutzes anuchmen. Seine Grenzziehung, in der sich starke Minderheiten, vor allem auch deutscher Abdämmung, befinden, wurde in ursächlichem Zusammenhang mit dem feierlich übernommenen Schutz der Minderheiten gebracht. Als ß l a n d, Lettland, und Litauen in den Völkerbund ausgenommen wurden, rnuysmr sie, ebenso wie Albanien, erklären, daß Gesetzgebung mit den Erfordernissen des -änderheitenschutzes übereinstimme. Schließ- 'ch sind auch noch Danzig und Finnl^and durch ausdrückliche Minderheiten- ^ltinnnungen für ihr ganzes Gebiet, gebuncn. so daß fünfzehn Staaten, die in Mittel^. und Osteuropa liegen, sich zum Minderheitenschutz feierlich verpflichtet haben. Nicht dagegen die Großmächte Frankreich, Italien, England und auch nicht Belgien, das in Eupen und Malmedy eine deutschstämmige Bevölkerung erhalten hat. Auch Deutschland ist in dem Versailler Vertrag eine solche allgemeine Minderheitenklausel nicht auferlegt worden. Eine ausdrückliche vertragliche Vereinbarung liegt für Deutschland nur betreffend O b e r s ch l e s i e n in dem dentsch- Polnischen Abkommen vor, dessen rechtliche Natur und Bedeutung anläßlich der Petition Bernheim mit Bezug auf die Lage der oberschlesischen Juden im vorigen Jahr in allen Teilen erörtert worden ist, und bei dem die deutsche Regierung ihre Bindung auch ausdrücklich anerkannt hat. Allerdings hat der Völkerbund durch eine R e s o l u t i o n v o m 2 1. S e p t e in bcr 1 9 2 2 zum Ausdruck gebracht, daß der Schutz der Minderheiten sich nicht aus die ausdrücklichen vertraglichen Vereinbarungen beschränken könne. Die Staaten, die nicht ausdrücklich gebunden seien, müßten trotzdem . „in der Behandlung der Minderheiten der jj jlli fj j\\ {li ifilll iich i'9 i\!i ] / mmu wuuu^/ TJ/Jb/ck / . > Ein alter Scherz läßt an den hohen'Feiertagen den Schutzengel Israels gegenüber dem 'Satan frohlocken: „Heut mußt du zugeben, wie unberechtigt deine Anklagen gegen mein Volk und seine Gottlosigkeit, sind. Siehst du nicht alle Synagogen überfüllt? Mußt du nicht verstummen im Anblick dieser Andacht, dieses Willens zur Umkehr, dieser heiligen Begeisterung?" Und der Satan schleicht sich beschämt davon. Aber bereits am Morgen nach Jom Kippur, wenn sich nur eine spärliche Zahl von Betern im Gotteshaus cinfindet und es schwer hält, „Minjan" zu bekommen, wagt er sich wieder heran und fragt voll Spott: „Nun. wo sind denn heute deine Juden, die gestern so fromm waren?" Wie so oft hat hier eine traurige Erfahrung sich in ein lustiges Gewand gehüllt. Wenn erst das Schlußscst und der Thorasreudcntag vorbei sind, stehen unsere Gotteshäuser, in die man jetzt nur mit besonderen Eintrittskarten Zulaß fand, wieder leer, manche Gemeinde verlegt ihren Gottesdienst über den Winter in einen kleinen Bctsaal und in nicht so wenigen Klcingcmeindcn wird die Synagoge das ganze weitere Jahr über geschlossen und verödet dastchen. Es ist für jeden religiös begeisterten Juden ein tiefer Schmerz 31t sehen, daß unsere schönen Feiertage das religiöse Bedürfnis des Juden befriedigen, statt daß sie cs erst wachrusen sollten. Das religiöse Leben rauscht wenige Tage in breitem Strom dahin, um dann fast vollständig 311 versiegen oder nur als ein dünnes Wässerlcin dahinzuschleichen. Die religiöse Bedürsnislosigkeit ist eine schlimme Wunde am Körper des heutigen Judentums. N i ch t ü u ß e r c G es ch e h n i s s e, n i ch t Politik oder Wirtschaft b e st i m - men das Schicksal des I u d e n t um s, sondern einzig und allein die Stärke seines religiösen Lebens. Was hat uns denn vier Jahrtausende lang am Leben erhalten, was hat Israel zu einer geistigen Weltmacht geformt? Es war sein religiöses Genie und seine religiöse Energie. Nur diese könnten ihin auch eine Zukunft sichern. Diese einfache Wahrheit wird immer wieder aus'den Augen verloren. Anders ist es gar nicht zu erklären, daß so vieles im jüdischen Leben mit falschem Maßstab gemessen wird. I u d e n t u m h e i ß t n i ch t jüdischer Sportplatz, heißt nicht jüdischer K r i e g e r v e r e i n, heißt nicht jüdischer K v n z e r t s a a l. Das alles'sind gewiß Notwendigkeiten. Es ' wird damit großer Nutzen gestiftet. Die deutschen Juden sind denen zu Dank verpflichtet, die diese Notwendigkeiten in großartiger Weise organisiert haben. Aber es sind Einrichtungen für die Inden, das Judentum hat daran kein Genügen. Auch die Wiederbelebung der hebräischen Sprache, das Studium der jüdischen Vergangenheit, der Ausbau. Palästinas mögen begeistern und gewiß Förderung und Lob'verdienen. Doch auch sie. ja selbst ein glühendes - jüdisches Nationalgesühl, könnten nur in den Vorhof des Judentums führen. Wir besitzen aber hinter diesem Vorhof ein Heiligtum, wenn cs auch für viele ein unbekanntes ist, das ist.und bleibt unser Glaube und Bekenntnis. Es ist wahrhaft erschreckend, nüe sehr wir oft von diesem Mittelpunkt unseres Daseins abirrcn. Alan lehrt Jndentumskunde, jüdische Geschichte, hebräische Sprache und umgeht so sorgfältig, wog: man anscheinend nicht mehr die innere. Kraft besitzt, sich zn religiösen Glaubenssätzen und religiösen Geboten und Lebensordnnngen zn bekennen. Oder cs findet ein Schulungskurs für Wohlfahrtspflege statt. Was ist der innere Oncll aller Wohlfahrts- Pflege. wenn nicht religiöse Getriebenheit. Berantwortungsgesühl vor Gott und der -Wille, seine Gebote der Menschenliebe 31t verwirklichen. Daraus zieht die christliche Earitas ihre Kräfte, darauf hat sic ihre wnndcrvvtlcn Werke errichtet, das ist der Nährboden, uns dem solche edlen Persönlichkeiten wie der Pfarrer Bo delschwingst oder William Booth, der Gründer der Heilsarmee, oder George F0x und Witliaui Peint, die Begründer der Ouäkerfekte, erwuchsen. Keine Wohlfahrtspflege, auch die jüdische nicht, kann -sich ein höheres Ziel setzen, als mit diesen zu -wetteifern. Auch die jüdische Wohlfahrtspflege kann nur auf religiösem Fundament aufgebant sein und muß deshalb ihre ausübenden Organe religiös bilden. Statt dessen bietet der Schulungskurs: „Jndentumskunde". „Tie geistigen Strömungen im deutschen Judentum" und eine „Einführung in die jüdische Geschichte" werden dort von Männern gelehrt, die wir hoch verehren, aber ihre Themen -sind nicht das, was wir unfern Sozialbeamten am dringendsten mit ans den Weg zu geben haben.; Es ist schwer zu erklären, woher es gerade bei uns Inden zu dieser Verkümmerung religiöser Bedürfnisse gekommen ist. Wir sind doch das Volk, in dem die Bibel ans Licht trat, das Volk der Propheten und Psalmisten. Das Volk, in dem die Gottcssehnsucht emvorloderte wie in den glühenden Worten: „Was habe ich im Himmel und außer dir begehre ich nichts auf Erden. Wenn mir gleich Leib Rasse, der Religion oder der Sprache min* . bestens die gleiche Gerechtigkeit und Toleranz beweisen, wie sie durch die Verträge und die ständige Praris des Völkcrbnndsrats gefordert werde::". Zu einer ausführlichen Erörterung über das Wesen der Minderheit kam cs in der Völkerbundsversammlung des Jahres 1988. Die Frage, ob die d e n t s ch e n I n d e n eine Minderheit im Sinne der in den Friedensverträgen gebrauchten Ansdrucksweise seien, stand im Vordergrund des Interesses. Ihre Erörterung beherrschte Rat und Ver- SM GM MM GMKWÄ und Seele verschmachtet, so bist Tu, mehr .Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Teil." In gleicher Flamme, gedämpfter und doch nicht kühler, brannte ein Jehuda. Hatevi, brannten alle die jüdischen' Mystiker. Und dieses Volk ist dahin gekommen., daß es sich zn einem großen Teil mit einem Nt i n i m n m an religiösem Leben b e g n ü g t? Vielleicht liegt viel an unserer unglücklichen. Bcrnssgliedernng, die uns fast ausschließlich in Geldcrwerbsbcrnfc hineingedräugt hat und immer noch mehr hincindrängt. Vielleicht liegt es an unserer fast restlosen Verstädterung, die uns von dem Zusammenhang mit Gottes Natur immer mehr abgeschnittcn hat. Was auch die Gründe feien, hier ist unsere Wunde, an der wir hinsiechen, hier müssenalle Bemühungen für eine Heilung einsetzen. Es gibt vielleicht auch schon einige wenige Anzeichen einer sich anbahnendcn Genesung, besonders in den Reihen unserer Jugend. Vielleicht haben wir das Bild zn schwarz gemalt. lleber allem aber steht die Gewißhcit, daß diese Krankheit in Israel stets wieder Heilung finden muß. Wir glauben der Verheißung des Propheten: „Es kommt die Zeit, daß ich einen Hunger ins Land schicken werde, nicht einen Hunger nach Brot, oder Durst nach Wasser, sondern nach dem Worte Gotteses zn hören." Das religiöse Bedürsnis des Juden wird wieder erwachen und an uns ist es, alles zu tun, um. es wieder zn wecken. Es bedarf dazu gar keiner neuer Methoden oder Einrichtungen. ES tut nur not, die Menschen hinznsührcn zu unserem Gottesdienste, zu den religiösen Bräuchen des häuslichen Lebens, zu dem „Lernen" im altjüdischen Sinn, das kein Studium, sondern religiöse Hebung war. Wenn diese Fülle alter Einrichtungen von unseren besten, fortgeschrittensten und geistig ansprnchvvllstcn Menschen benutzt würde, verloren sie ganz von selbst eine gewisse Mus* sigkeit, Ghettvhaftigkeit und Geistlosigkeit, die manchen von ihnen heute leider anhasiet. Auch hier gilt, daß das Niveau einer Sache von denen bestimmt wird, die sich ihrer bedienen. Dann wird der Fluß des religiösen! Lebens nicht nach wenigen Feiertagen wieder versickern, er mag wie in dem Bilde Jecheskels nur als schwacher Ouell unter der Schwelle des Tempels hervvrbrcchen, wird aber von Schritt zu Schritt weiter anschwellen und zn einem Strom des Lebens und Segens werden. Das ist es, was :vir für unser Judentum jetzt am Ende der Fciertagszeit ersehnen: Hunger, nicht nach Brot.