Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 13 (1934)
- Issue
- 38 (21.9.1934)
- Date
- 1934-09-21
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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77 c&r&fr/Th//H vui /m 'EcelKsb* elf ihaß3'Hbbs&s&b8& Die Ausstellung von jüdischen PorträtZ im Vm'cum der berliner Gemeinde ist künstlerisch cden'v interessnnt wie vom kulturhistorischen Standpunü aus. Tos ist ein gewichtiges Wort! Man jsc erstoimt. sielst man alle die Kupferstiche, Zeich. unugen und Lithographien, die Nciniaturen nnd pkudierimuen, die aus allen Ländern nnd aus allen Ail!-'. jüdischer Kultur vor uns stehen. Sie Muicuu'.sleitung hat es uns leicht gemacht, indem sic nils in den verschiedensten Abteilungen tw, wertvollste IKntcrinl zusounueustellte- Sie reimte der Familie Heine eine besondere C^rfc ein, jic i,webt nno da nicht nur besannt mit den Porträts des Ticbters und seiner Perwandten, wie zum Beispie! mit b'illv Peru Heims Bildnis Charlotte Enibdeuo. der Schwester des deutschen Lyrikers, sie hat mich io ein kostbares Werkcheu wie' dre Bildnisminiatnr Anna Heines, geb. .Manila/ ausstellen können, die Stieler KWO geschaffen: ein unvergeßlicher Eindruck. wie fidj das bezaubernde Not des Samts am Kleid von dem. Goldschmuck abhebt, den die Sorgestellte um den Hals trägt. Tann finden wir uns in Moses Mendelssohns Welt nnd p'.eit verseht, feiern Wiedersehen mit Chodowieckis getuschter Federzeichnung des Philosophen oder mit dem .Kupferstich, der nnrij Grosfs Porträt von Henriette Herz gearbeitet wurde. Tiefer Teil der Ausstellung ist insbesondere für die Berliner indische Bergangenheit von Wert, aber darüber Iiiuans bietet die Abteilung, die unter dem Kennwort „Sephordische Juden" steht, eine Fülle der Anregungen. Ta sehen wir das Porträt des Arztes , und Schriftstellers Amatus Lnsitanus Zacntns, des Äaranucn, der später wieder ins Judentum znrückkchrte, des Maimonides, des Antonio Nuncs Ribeiro Sonchez, ebenfalls eines bcrühniten Arztes des 16. und 17. Jahrhunderts, von Jsaac A. da Fonsaca Aboab, der im 17. Jahrhundert in Holland als Nabbiner tätig war; einen wundervollen Farbstich nstt dem Bildnis von Jnunannel Eopodoce, des Amsterdamer Arztes. Tas; die Ausstellung an verschiedenen Spinoza-Tarstellungen reich ist, kann inan sich verstellen. Ein ganz besonderer Eindruck ist das Porträt von Tavid Joses Sinzheim, der Nabbiner nnd Borstch'cr des Sanhcdrin gewesen. Man muß vor diesem Bild empfunden haben, wie sich das Braun des Pelzbesatzes an der Kopfbedeckung vom Grau des Barthaares abhebt, wie die Hand mit ihren schmalen, doch von Ausdruck fast bebenden Fingern gleichsam den gesamten Charakter dieses jüdischen Menschen widerspiegelt, man mochte diese Tarstellnng fast als plastische Leistung verzeichnen, weil sie voller Leben ist. In der Gruppe der Porträts ans jüdischen Finanzkreisen fällt mancher bekannte Name auf: Sir Moses Montefivre nnd der indische Bankier Tavid Sassoon, dessen Zeichnung irr der Kopsbedccknng nnd den frciubländtfclicn Ornamenten an der Gewandung schon do8 indische Milien nndentet, eine Serie von Portrötköpfen der Famlie Rothschild, dessen Wappen aus einem besonderen Blatt zu sehen ist, das Wappen der Freiherrn von Rothschild, das die Inschrift „Eoncordia, Jntegritas, Judustria" trägt. „Gelehrte" nennt sich eine andere Abteilung der Schau, und man sieht hier als frühestes Gelehrtenporträt den jüdischen Troubadour Sü-ßlind von Trimberg in der Miniatur der Manessischen Liedcri Handschrift. Vielleicht fühlte sich dieser „Süßkind der Jude von Triinperg", wie ihn die Inschrift der berühmten Miniatur nennt, die kürzlich im Rahmen der neuen Insel-Ausgabe der mittelalterlichen Handschrift farbenfroh vor uns steht, nicht ganz so gelehrtcnhaft nüc Professor Ehrlich, der Nobelpreisträger, oder Franz Oppenheimer und Dubnow, Professor Lndnstg Traube, als der Begründer der experimentellen Pathologie oder der Begründer der Marburger Philosophenschnle Hermann Cohen! Ihre Porträts hängen neben denen der Künstler, neben der hervorragenden, fast dämonischen Wiedergabe Fritz Kortners, neben dem Bildnis Jzraels, des Lehrers von Mar Liebermann — dessen Porträt im Ausstellungsraum fehlt —, neben Mcycrbeer. Ten Begründern der Wissenschaft des Judentums gilt unser besondere« Verweilen, wir stehen M M §!© Vsveür m r (-1 Fortsetzung). Spät am Morgen erwachte Ruth aus schlvcrcm Schlaf. Wusste nichts von der seltsamen Fahrt der Nacht, musterte furchtsam den fremden Nauru — bis sie ihren Ohm erlannte und das strahlende Gesicht ihres Vaters sah. Ein starker Engel hatte sie über das Meer gelragen, und sie hatte nichts von dieses Gottes ^rdlschkeit gespürt. Ihr erster Nus war nach stau, sie wollte ihm danken, doch ihr Vater wehrte ab, er sei längst heimgeeilt. Ta wurde sie traurig, lies; sich zum fünsteumal die Einzelbeiten der Nacht erzählen, nnd immer wehr staunte sie über den l’Jiiit und die Heldcnhaftigkeit ihres Erretters. Fahl und blas; lächelte die Morgcnsonne, huschte verträumt über das gelbe Laub und stürzte sich, eine verliebte Törin, durch die klaren Scheiben. So frei nnd heiter triumphierte der Tag, ein blauer Bogen umsbannte den Markt, die Häuser und die alte Kirche. Im behaglichen Frieden streckten sich Gäßchen, als gäbe es auf der Welt keine Erfahr. Ter Wind spielte mit den welken Aätteru, jagte sic aus, sprang ihnen nach und bsiß sie toll wirbeln. Ein sonniges Kinderlieb Ruth freute sich. Immerfort musste sie an Jan denken. Er hatte sie ohnmächtig getragen, fein Leben gewagt; ein kleines Kind mußte. sie in seinen Armen gewesen sein. Sie kannte Jan, hatte jhn oft gesehen, wenn sie am Nheinufer lasierte. Wie stolz stand er auf seiner Fähre, herrisch und selbstbewußt reckte sich seine hohe gestalt, sein Auge glich einem verschlossenen Neich, nur die blonden Haare ließ er flattern. galt für einen Sonderling, einen vereinsamten Mann fernab der Menschen; aber jetzt war er die Leuchte des Nicderrheins. Nachdenklich lehnte sie am Fenster, träumte über die schweigenden Dächer nach südlicher Ferne, wo sich ein Berg wölbte. Nur das Geklapper der Holzschuhe auf dem holperigen Pflaster zerriß die Stille. Wie von einer großen Krankheit genesen fühlte sich Ruth, nnd mächtiger Freiheitsdrang dehnte sich in ihrem Innern. Ihr Vater saß aus einem Schemel und sprach sein Morgengebet. Ein Tankgebet an Gott, und gehörte es nicht einem Menschen? Hinter dem Hause begann die Landstraße; schnurstracks rannte.sie, bis sie zwischen Bäumen und Aether zerrann. Am Tor warf in gemächlicher Ruhe die Mühle iyre Flügel, ein Schlag wie der andere. Ein Mann kam die Straße herauf, langsamen Schrittes; er wankte, das Gehen schien ihm schwer zu fallen. Ab nnd zu blieb er stehen und schaute sich bang um. Wiesen ringsum, Vögel kreischten über dem Graben. Als er die Brücke überquert, die ersten Häuser gestreift, erkannte ihn Ruth, jubelte ihr Herz, nnd vor Freude verbarg sie sich in den Gardinen, hüllte sie sich in einen Schleier. Er kam und sollte hohen Tank ernten. Warum schlich er so furchtsam an den Häusern entlang, trug er seine Seemannsmütze tief ins Gesicht? Welche Begegnung fürchtete er? Nun stand er vor ihrem Haus — warum klopfte er nicht? Ihr Herz pulste znm Zerspringen. Warum trat er nicht ein? Er senkte den Blick zur Erde, als suche er etwas in der Gosse, zwischen den Sternen, im Moos. Sein Fuß betrat die Steintreppe: sie floh in die Ecke des Zimmers, nun mußte sie sein Klopsen hören. Sie lauschte . . , kein Schlag wider die Tür, sie lauschte . . . des Vaters Gebet flüsterte im Raum. Sie trat ans Fenster — da ging er gebeugt über den Markt. Warum war er nicht gekommen und hatte ihren Dank entgegengenommen? Hatte ihn ihr Vater beleidigt? Sicher, der Alte verstand die Jugend nicht mehr, lebte zwischen Talmudsprüchen, Wolle nnd Garn und hatte zu allen Menschen das Vertrauen verloren. .!k Sie warf sich ein Tuch über die Schultern und folgte ihm. lieber den Kirchplatz schritt er, durch die alten Lindcnbäume. Ganz weh war es Jan uins Herz, unbekannte Gefühle lärmten in ihm; feine Gedanken jagten durcheinander und fanden kein Ziel. Ihr Bild lag tief in seiner Seele, ihre Stimme erfüllte voll Sang sein Innerstes. Gedankenlos hatte er den Weg nach der Kirche genommen; er erinnerte sich selbst nichtmehr, wann er zum letztenmal gebetet. Es mußte lange her sein. Eine dumpfe Heiligkeit umfing ihn, als er das dunkle Schiss betrat. Müde^ nnd schlver tappte er sich an den Stühlen entlang und kniete nieder, legte den Kopf in die Hände und schalste erwartungsvoll auf. Noch nie hatte Ruth eine katholische Kirche betreten, sie fürchtete sich, die Schwelle zu überschreiten, lind sah. an Wunder glaubend, andächtig in den dunklen Raum. Zaghaft trat sie über die Steinplatten, Glaube überströmte sie, eine Hymne sang in ihr ans. Die Bilder in den farbigen Scheiben — wie fremd und doch wie gut bekannt. Sie ahnte um die große Gottheit, die dieses Heiligtum durchflutete, um die Sehnsucht des Menschen nach himmlischer Erlösung. Er wunderte sich nicht, daß das Mädchen neben ihm stand. Weich, voll Mitleid und Zuneigung strich sie sein Haar, und Jan war es, als töne die Kirche voll Jubelchöre, brause ein Lobgesang sakramental zum Himmel empor und der Ewige stände im flutenden Licht auf flammendem Thron. Er streckte ihr die Hand entgegen und sie küßte sie. Sie beugte sich nieder, hob ihn auf, nnd zusammen schritten sie aus der Kirche, durch die Lindenbäume, verneigten sie sich nicht, grüßten sie nicht ehrfurchtsvoll das geweihte Paar? „Wie muß ich ihnen danken, daß sie mich gerettet haben. Das Hans war alt nnd morsch und wäre bald eingcstürzt. Wie muß ich Ihnen danken, Jan! Die Tat kann ich nie . vergessen. Wie soll ich sie belohnen? Nenne mir deinen letzten Wunsch, nnd wenn ich ihn Io* r..rn $ V* 1. Spalte: Fritz Kortner — 2. Spalte: B er - jamin Di s r aeli — 3. Spalte oben: Amatus Lusitanus Z a cutu s, — 4. Spalte oben: J u d S üs s — 3. Spalte unten: David Josef Sinzheim — 4. Spalte unten: H ei nr ich H eine vor dem eindrucksvollen Bildnis von Leopold Zmiz. das zur Feier des 70. Geburtstages geschaffen wurde und des Jubilars Worte trägt, „Echte Wissenschaft ist thaterzeugeud". Abraham Geiger, Ludwig Philippsou, Moritz Lazarus, sie alle sehen uns au. Ludwig Bambergcr, Gabriel Rießer und Eduard Laster vertreten in dieser schönen Ausstellung das Bereich der Politik, wie die Leitung es nennt, und diesen berühmten Juden gegenüber hängen die Bildnisse der „Zionistischen Führer", das Porträt Herzls von Hermann Struck, jene weltbekannte Radierung, das Bild seines Mitarbeiter« Nwr Nordau, schließlich eine schöne Jcichnnng des jüngst verstorbenen Dichters Bialik. Ein weiter Weg ist es, der mit dieser Ausstellung beschritten wird. Eine Schau jüdischer Wissenschaft nnd Kunst zieht an uns vorüber, würdig, von jedem bewußten jüdischen Menschen besucht zu werden. Dr. 0. B. erfüllen kann, es wird getan, ich schwöre es. Was ist unsere Gabe gegen deinen Heldenmut?" Jan schritt neben ihr nnd schwieg. „Ich möchte dir einen Kranz winden, der nie welkt. Eine strahlende Krone müßte dein Haupt schmücken; ich kann dir nichts Ewiges geben. Es ist estvas Herrliches um die tapferen nnd mutigen Kämpfer, sie sind der Schild der Frauen, nnd zu ihnen schauen die Mütter in ihrer Bedrängnis. Nenne mir deinen höchsten Wunsch, und ich will meinen Vater bitten, daß er ihn dir erfüllt." Jan schritt neben ihr und schwieg. Ern als ihn daS Mädchen noch einmal ansgewrdert: „Wähle", hob er den Blick zu ihr empor und feine Augen sprachen. Stumm war die Bitte, aber Ruth verstand, was sic stamme! - ten. Diesen Wunsch hatte sie nicht erwarbt, er war unerfüllbar. Wie ungeschickt und täppisch er schritt, wie hilflos und schüchtern war dieser Mann. Ter Glaube war nicht das Letzte, was sie trennte, ihre Naturen waren so verschieden, daß eine. Freundschaft unmöglich war. Aber warum verschwieg er seinen Wunsch wie ein Kind? War dieS der Mann, der sie über den Rhein gerudert und nachts ans holperiger Straße den Wagen gelenkt? Dennoch — sie sah feine innere Größe, die Reinheit seines Wesens, in der Unbeholfenheit seine Stärke, in dem Schweigen sein lautes Geständnis. „Ruth. . Vorwurfsvoll zitterte seine Stimme, grollend. Was hatte sie ihm getan, daß er ihr zürnte. Zum erstenmal, daß sie von ihm ihren Namen hörte. Welche Befangenheit in dem dumpfen Ton, welche Sehnsucht in der Tiefe des Lautes. Sie schmiegte sich an seine Gestalt — wie stark war er, nnd sie sah dankbar in seine Augen. Noch nie hatte ein Mann sie znm Weib begehrt, wenig war sie mit Nlännern zusammen-- getroffen, hatte immer einsam nnd errvartnngsvoll ans ihrem Stübchen gesessen. Ihrem ersehnten Freier glich Jan nicht, sie hatte den