Seite der Jugend
- Journal
- Seite der Jugend
- Volume
- 1934
- Issue
- 15 (14.9.1934)
- Date
- 1934-09-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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pllichhmg, vorzuleben. Es gibt in unseren Reiben vielerlei junge Menschen, die verschieden sind in der Ausdrucksweise und verschieden in ihrer Prägung. Aber sie alle sind gleich im Wesen, gleich tief verstrickt in das Ringen um neue Lebensform, die wir, Aeltere und Jüngere, in gemeinsamer intensiver Arbeit gestalten wollen. Der Jüngere wird von dem Aelteren nicht fordern dürfen, dass er seine Lebensart annebme. Er muss sich bewusst sein, dass auch er einmal die kurze Hose ablegen wird, dass auch er einmal gesellschaftliche Verpflichtungen auf sich zu nehmen hat. Freilich wird er sich anders in das praktische Leben fügen wie es bisher der Fall war. Man soll aber nicht auf Formen beharren, da das wesentliche, der Inhalt, viel tiefer liegt. Ich weiss, was es heisst, in einer sternenklaren Nacht am Lagerfeuer zu sitzen, was es heisst, von Menschen gleichen Wollens und gleichen Ringens verstanden zu werden und Gemeinschaft zu erleben. Aber gehen wir einmal ab von unserer hündischen Form, denken wir ans nüchterne Leben, an die Menschen, denen dies alles fremd ist. Wir können es ihnen schildern, es ihnen erzählen, sie werden es aber nie begreifen können, weil sie es nicht erlebt haben. Und gerade mit diesen jungen Menschen müssen wir Zusammenkommen, mit denen, die bisher ausser ihren Beruf ihren Lebensinhalt anderswo sahen, denn sie trifft alles ebenso stark, vielleicht noch stärker als uns. Aber was wir von diesen Menschen verlangen müssen ist dies: dass sie endlich einmal aus der Gleichgültigkeit erwachen, dass sie unter das Vergangene einen Strich ziehen und dann ernst und ehrlich um eine neue Lebensform ringeii. Gerade cÜeses ernste Ringen fehlt ihnen oft. Immer wieder wollen sie den Weg vorgezeichnet sehen, und wenn sie dann das Wort „hündisch“ hören, schrecken sie meist entsetzt zurück. Sind sie zu feig dazu? Bündisch sein, heisst Haltung bewahren in jeder Lebenslage, auch auf dem Tanzboden, im Lokal, oder gerade dort, immer von dem Bewusstsein getragen, der verantwortliche Vertreter einer Gemeinschaft zu sein. Hier sind die Aufgaben für eine Aelterenarbeit, und die Aufgaben werden nur im Bund erfüllt werden können, aber erst dann, wenn die Worte Bund und Gemeinschaft nicht mehr Worte sind, sondern wenn sie erlebt werden. Man darf um einen neuen Lebensstil nicht herumdiskutieren, man muss ihn gestalten. Und so steht es auch um unsere deutschjüdische Aufgabe. Deutschtum und Judentum kann uns erst dann etwas sein, wrenn wir es erlebt haben. Wer einen Freitagabend in seiner kleinen bescheidenen Stube für sich allein begangen hat, nicht programmässig, nicht vorbereitet, und dabei die Weihe des Schubbos begriff, der hat sein Judesein erlebt. So gibt cs unzählige Dinge. Aber sie treten an einen nicht von aussen heran, sondern man muss sie suchen und ist stolz und glücklich, wenn man sie findet. Dann erst kann man Bibel lernen,- dann erst von jüdischer Arbeit sprechen. Die nächste, die entscheidende Aufgabe der Aelterenarbeit wird es sein, Menschen zu formen, die getragen sind von einem starken Verantwortungsbewusstsein und getragen sind von einem wahren und inneren deutschjüdischen Erleben. Mit der praktischen Bundesarbeit und ihren Fragen hat diese Aussprache vertraut gemacht. Etwas anderes aber fehlt völlig: die Aellerenschaft wird nicht nur Bildungs- und Erziehungsarbeit an sich leisten dürfen, sondern sie wird sich schon bald in der Gestaltung und Wirksamkeit im jüdischen Raum zu bewähren haben. Und wenn man hier von Verantwortung sprach, so ist es der Beginn der Erkenntnis, dass die Aelteren erst im Fordern und im Erfüllen ihre Aufgabe finden werden. i; Wir baue g in Berlin in© neu© BundesEeifung I. In den ersten Septembertagen trat in Berlin die Führung des Bundes zu einer Tagung zusammen. Aus Bayern und der Nordmark, aus Ostpreussen und Württemberg waren Menschen gekommen, um über den Weg des Bundes zu sprechen. Es war seit den Lehnitzer Winterlagen das erste Mal, dass die Leiter der Landesverbände sich in persönlicher Fühlungnahme zusammenfanden. Die Tagung sollte dein Austausch von Arbeitserfahrungen und Forderungen dienen und zwischen der Berliner Führung und den Menschen im Reich eine Atmosphäre des Vertrauens und der Kameradschaft schaffen. Dies war die Aufgabe, die Bundesleiter Martin Sobotker in seinem Geleitwort in grossen Zügen umriss. Grundlage aller Besprechungen war der Bundesbericht, den die Bundsleitung durch Norbert W o 1J h e i m erstattete. Von den ersten Anfängen, als die Einheit des Bundes in nicht mehr bestand als in dem Willen zur Einheit, ist der Bund einen weiten und schweren Weg gegangen. Ucber die eigenbrötlerischen Bedenken und Vorbehalte landsmannschaftlicher und organisatorischer Natur hinweg wurde in zäher Bemühung eine Gemeinschaft geschaffen, die im deutschen Judentum Gehör hat. Erst langsam wurde es möglich, in vierzehn sorgfältig gegliederten Landesverbänden das ganze Reichsgebiet in die Bundesarbeit einzubeziehen. Am schwierigsten blieb und wird auch in Zukunft bleiben der Vorstoss in die von Juden schwach besiedelten Gegenden Deutschlands, in die Kleingemeinden, deren Menschen die Gemeinschaft der Arbeit und der Idee brauchen, wenn sie nicht seelisch und sozial verloren gehen sollen. Die Reisen, die von Mitgliedern der Bundesleitung unternommen wurden, aber auch das Wort des Bundes, der in der „Seite der Jugend“ sich sein Organ schuf, haben ihren Weg auch hierhin gefunden. Die neue Aufgabe, die erwächst, nachdem der Bund in allen seinen Teilen konsolidiert ist, wird in der ideologischen Durchdringung und in der Bewältigung von Gegenwartsaufgaben zu finden sein. Soweit der Bunde-sbericht. Danach erhoben sich einer nach dem andern die Landesverbandsleiter und sprachen über die Lage der Arbeit in den Gebieten, die sie zu betreuen haben. Aus vielen Einzelworten erstand niosaikhaft das Bild einer Arbeit, die der ganzen jungen Generation des deutschen Judentums gilt. II. Der zweite Tag des Treffens war der geistigen Arbeit Vorbehalten. In einer eindrucksvollen Ueberschau liess Heinz Kellermann den Weg, den der Bund im Ideologischen gegangen ist, Wiedererstehen. Als Material benutzte er die Aeusserungen führender Bundesmitglieder, die in den zahlreichen Veröffentlichungen des Bundes das Wort genommen hatten. Aber darüber hinaus suchte er aus dem, was gesagt worden war oder danach drängte, ausgesprochen zu werden, den Gang zukünftiger Entwicklung zu deuten. Geschaffen werden müsse die Antwort auf die Frage nach dem „Warum“ unseres jüdischen Daseins auf deutscher Erde. Die Lösung könne nur im Religiösen liegen, nur durch eine Klärung des Galuthproblems gefunden werden. Notwendig sei in dieser Zeit der Mut zum gefahrvollen Leben, das seine Sinngebung aus der Geschichte erfährt. Aber die Geschichte enthalte keine Rechtfertigung, sondern sie könne nur Antrieb und Auftrieb aus dem Erkennen zum Zukunftswillen sein. Der Bund sei die Organschaft, die eine geschichtliche Pause durch ein Erziehungswerk auszufüllen und zu überwinden habe. Wie in Lehnitz, verfechte der Bund auch heute noch die These vom „inneren Emanzipationskampi“; die Bereinigung im eigenen geistigen Raum sei die Voraussetzung äusserer Entwicklung. Aus Willen und Erkenntnis _ forme sich die neue Lebenshaltung heroischen Leidens, das von der Gemeinschaft und nicht mehr allein vom Einzelnen getragen werde. Diese Sätze, die nur einen Ausschnitt aus der Fülle des Referates geben wollen, bildeten den Ausgangspunkt für eine Diskussion, deren!llli!lll!llllllfl|]!l|[||||l!!!lll[lii!i!!l!illilll!ll!ll!l!!(ll(||lllli!lllll|[[[lllll!l Für.Martin Es ist nicht hündische Art, es ist auch nicht jugendlich, Verdienst durch langen Dank zu feiern. Du selbst, Marlin, wirst es zu allerletzt wünschen. Aber allen ist es uns ein Bedürfnis, Dir zu sagen, dass wahre Gefolgschaft nicht mit dem Amt erlischt. Auch wenige Monate können Tradition schaffen. Du hast es uns in Deiner Person und in Deinem Werk für uns bewiesen. Du hast die deutsch-jüdische Jugend nicht nur zur Gemeinschaft geführt, Du hast in ihr all die Leidenschaften erweckt, die die Gemeinsamkeiten des Geschickes und der Sehnsucht zum echten Bund und — so hoffen wir — zur echten Gesinnung werden reifen lassen: das leidenschaftlich mitleidende Herz für die Nöte des einzelnen und das unbeirrbare Pflichtgefühl zur Ueberwindung der gemeinsamen Not. Das freilich konntest Du nur, weil Du selbst diese Tugenden nicht nur besassest, sondern verkörpertest, -weil sie Dir nicht Kostüm und Redensart, sondern Herz und Seele waren. In dieser Tradition steht der Bund und in ihr besteht Dein Vermächtnis für die neue Führung. Deine soziale Kraft, Martin, bleibt uns an bereitester Stelle — im Sozialamt — erhalten. Dein sozialer Wille, der die Menschen zum Bund fügte, wird ihrer Gemeinschaft auch fernerhin die rechte Prägung geben. Erzwang uns über die Kameradschaft, die Bereitschaft der einzelnen für den einzelnen hinaus, zur grossen Bereitschaft aller für die Sache. In diesem Sinne werden wir Dir treu bleiben. So wollen wir Dir danken und grüssen Dich mit „Bereitschaft!“ Heinz Kellermann. lllllinillllllllllllllllllllllllllll!!llinillill!l!l!i!l!lllillll!|]!llllll!lli!l!llilll Ergiebigkeit, an den umfangreichen Ausführungen Kellermanns gemessen, begreiflicherweise nur gering war. Vor allem bewegte die Menschen, die da zusammenkamen, die Frage, wie sich aus theoretischen Ueberlegungen der Durchbruch zum Lebensmässigen finden lasse. Im Mittelpunkt aller Erwägungen stand aber die Problematik neuer Religiosität. Hier steht die Diskussion noch nahezu in ihrem Lehnitzer Anfang, aber es lässt sich sagen, dass der Wille zur Klarheit seither stärker wurde und dass auch die geschichtliche oder geistige Entscheidung zum Judentum heute bereits nicht mehr areligiös ist. Ganz neu war es, dass die Frage nach' einer Richtlinienarbeit des Bundes auch hier auftauchen konnte. Eines Tages wird die Erfüllung einer religiösen Mindestforderung, so sagte man, die Rechtfertigung zum Leben im' Bunde sein. Am Nachmittag hielt Alfred Hirscbberg eine Arbeitsgemeinschaft ab, in der über die „Umschichtung als wirtschaftliches, soziales und seelisches Problem“ gesprochen wurde. III. Keine Unterbrechung der Linie, auf der der Bund sich bewegt, sondern ihre Fortführung war der Rücktritt der bisherigen Bundesleilung und die Wahl einer neuen. .Marlin Sobotker, der den Bund zu dem gemacht bat, was er heute ist, trat aus privaten Gründen zurück und gab sein Amt in Heinz Ke 11 er man ns Hände; ’dem faeuen Bundesleiter werden Günter. Friedländer (Berlin) und Franz Rosenthal (Breslau) zur Seite stehen. Das Sozialamt de3 Buindes, in das die Organisation Land- und Handwerk übergeführt wird, werden Bruno Sommerfeld und Martin Sobotker führen. Diie übrigen Bundesämter bleiben in den Händen derer, die sie bisher verwalteten. Dagegen wurde die Umbesetzung der Führung einiger Landesverbände beschlossen, und zum Abschluss der Tagung nahm der Bund zu den jüdischen Gross- und Jugendorganisationen verbindlich. Stellung. Uebcr die Neuorganisation der Bmnde.sfiihrung, vor allem über die Aufhebung* der Spartenteilung und der besonderen Geschäftsführung werden wir noch berichten. Hinter den Menschen, die die neue Rnmlo.- leituug bilden, sieht die deul.schjüdische Jugend in ihrer Gesamtheit. Und als am Schluss der Tagung das Kameradschaftslied erklang, Lb‘t. ia allen das Gelöbnis zum Bund und zu nmim- Arbeit. K.J. R. e irses* rs p ft r ig ©rtia n <si ei? suu m # büj st er Von Holest Brand Diese Geschichte hat man uns eingesandt. Wir wissen nicht, ob sie „wahr“ ist oder „wahrscheinlich“, wie wir von unseren „unbekannten Mitarbeitern“ gefordert haben. Als wir uns Gewissheit schaffen wollten,-schrieb uns der Verfasser, sie sei ein Erlebnis. Und als Erlebnis veröffentlichen wir sic, und woM sie wahrhaftig ist, nicht aber deshalb, weil wir alle Einzelheiten für allgcmeingültig hielten. Es war an einem sehr heissen Tage. Goell beschien die Sonne das weissgetünchte ScbtaL haus und die breite Treppe vor dem Poi.Tal. Rechts und links, vorne und hinten war Reid; bis zu dem Hause führte eine Allee, die einzige Strasse im Umkreis. Kein Mensch war weit und breit zu sehen. Nur auf der untersten Siufe jener Treppe sass ein Junge. Das schwairzgelockte Haar und die grossen braunen Augcsi verrieten den Juden. Der feingeformle Kopf„ zwischen dessen Augen eine Falle stand, rigolte auf den Händen, die Ellbogen auf den Kiücai. So sass er da, ernst, nachdenkend. Aus dem Portal trat nun ein Junge von etwa 13 Jahren, dessen hellblonde ins Gelbe spielende Haare zwei graue Augen überschatteten. Er schritt die Treppe hinab und hockte steh neben den anderen. „Na, Günther, was grämt dich wieder so?“, fragte er. „Du weisst cs? recht gut, Franz“, antwortete Günther. Franz -schaute ihn mitleidig von der Seite an. „Recht gut, Kamerad, recht gut!“ sagte er, „sicher ist der Verlust für dich schwer, aber einmal musste es doch kommen!“ — „Es musste nie kommen.'1* — „Ja, aber du siehst, dass Widerstand nutzlos ist. Wir sind nicht schuld, wir haben uns für d.teh eingesetzt.“ — „Ich weiss; ich danke euch.“ Ein langes Schweigen folgte diesen Worten. Da fing Franz wieder an: „Wie erfuhrst du eigentlich das Ganze?“ Günther schwieg. Redlich sagte er: „Als ich von der Schule heimkosime, sagt mir meine grosse Schwester, dass eJn Brief von der Schulbehörde gekommen sei. Kr besage — ich müsse die Schule verlassen —, weil ich — nun, weil ich Jude bin!“ — „Wir waren immer treue Kameraden, Günther.“ — „Loh werde dich und die Klasse nicht vergessen.“ — „Was aber hast du jetzt vor?“ — „Meine Schwestern haben mich in die Montefiore-Schade angemeldet.“ — „Deine Schwestern? . . . Ach so.“ Günther erhob sich. „Franz, richte der Klasse viele Grüsse aus. ich — komme nicht wieder.“ ln seinen Augen glänzte es. r*Leb’ wohl, Kamerad!“ Er drückte die Hand des .Freundes. Ein paar Obertertianer der Montefiore-Schule sliessen sich an. „Wofr ist denn der Neue?“ fragten sie sich, ohne dlarnuf antworten zu können. Eben kam Günther, der Neue, dazu. „Das hättet ihr auch mich fragen können!“ sagte er lachend, „ich heisse, Günther Herzfeld und komme aus der Realschule.“ Die Jungen sammelten sich um ihn, stellten ihm allerhand Fragen: „Bist du in einem Bund?“ — „Was heisst Bund?“ — „Ein Bund ist eine Gemeinschaft von jüdischen Jungens und Mädels, welche nach einem bestimmten Ziel streben. Die meisten Bünde sind zionistisch.“ — „Was ist das?“ — „Der Zionismus erstrebt eine öffentlich-rechtlich gesicherte HoimsUiJBe in Palästina, da wir Juden andauernd, heute ivie früher, verfolgt werden. Wir müssen ein Land haben, das uns der Verfolgung entzieht. Palästina ist deshalb das Land, da wir dort, als wir noch ein Volk waren, lebten.“ Günther fragte: „Erlaubt England das denn?“ — „Ja. — Der da, z. B., ist Revisionist. Das sind die rechtsstehenden Zionisten, die militärischen Naiionaljuden.“ „So“, sagte Günther. Ein anderer Schüler trat hinzu, dessen Anzug den Misraehisten verriet. „Was hast du denn da an?“ fragte Günther. „Das ist die Kluft der Misraehisten. Wie gefällt sie dir?“ Er strich an sich herunter. „Ganz nett. Aber, was sind Misraehisten?“ — „Die Misraehisten wollen Erez Jisroel aufbauen, wobei die Tora, die Religion, die Grundlage ist.“ „Aber warum schliesst ihr euch dann nicht alle zusammen; ihr habt doch alle das gleiche Ziel!“ — „Hoho, du bist wohl verrückt!“ antwortete der Revisionist schnell, und sah den Zionisten an, „ich geh' doch nicht mit Feinden!“ — „Feinde? — Es sind doch Juden, wie du! Ihr wärt doch zusammen viel stärker.“ „Trotzdem, es gehl nicht“, sagte der Misrachist, „wir lieben den Frieden, wir wollen keinen Parteihader!“ „Solidarisch, was?“ scholl da plötzlich eine helle Stimme hinter ihnen, deren Besitzer ein rotwangiger, stämmiger Junge war. Er stellte sieh zu der Gruppe. „Ja, lieber Ilerzfeld, leider sind die deutschen Juden in viele Teile gespalten und sehr uneinig untereinander. In unserer Schule sind nicht weniger als 20 Bünde vertreten.“ Die übrigen Jungen trotteten nun allmählich ab und Hessen die beiden Knaben allein. „Bist du denn auch Zionist?“ fragte Günther den anderen, der sich als Michael Runkel vorgestellt hatte. „Nein, Günther, ich bin deutscher .Jude. Ich kann nur dies sein, denn ich fühle mich als Deutscher und liebe mein Vaterland.“ — „Sind auch die Deutschgesinnten organisiert?“ — „Jawohl. Im Bund Deutsch-Jüdischer Jugend, kurz „Bund“ genannt. Ich bin ein Mitglied des „Bundes“.“ In der nächsten Pause konnte Günther Michael nicht sehen. Aber ein Junge namens Erich redete ihn an. „Sag mal,“ sprach er, „du bist doch in der anderen Schule sicher Zionist geworden!“ — „??. . .“ — „Na, sie waren dir doch gewiss aufsässig.“ — „Nein, im Gegenteil! Es herrschte unter allen Jungens eine fabelhafte Kameradschaft und Einigkeit. Auch wir Juden haben sehr nötig, einig zu sein. Millionen stehen uns geschlossen gegenüber — und wir, ein Häufchen von 500 000 Menscher., sind nach allen Richtungen gespalten. Wir sind führerlos, unfähig, etwas zu tun. Es fehlt uns, fürchte ich, der "Gemeinschaftssinn, die Unterordnung und — der — grosse Erzieher. Aber ich weiss mir nicht zu helfen, ich bin neutral.“ — „Ist auch keine Sache. Ich glaube, dass man einen klaren Weg gehen muss. Du wusstest doch überhaupt von nichts“, -wandte der andere ein, „aber sag mal, was bist du eigentlich?“ „Deutscher, natürlich!“ Mit einem „Hin“ trollte sich Erich. Günther hatte einen schweren inneren Kampf zu bestehen. Es war das erste Mal, dass er vom innerjüdischen Leben erfuhr. Früher dachte er gar nicht nach über Deutschland und Deut.-chsoin. Es war alles viel zu selbstverständlich. Jetzt aber wurde er zum Nachdenken gezwungen. W'as war er eigentlich? Zweifel erwachten in seinem Herzen, trotzdem er zu Erich mit sichtlichem Stolz die Worte „Deutscher, natürlich!“ gesagt hatte. Er hatte so viele, fast unfassbar viele frische Eindrücke, dass er sie vorerst gar nicht gliedern konnte. Alle, die er gesprochen hatte, hatten sehr überzeugt von ihrer Sache geredet. Aber meist lag eine gewisse Ueberlegenbeit in ihren Worten, die ihm nicht gefiel. * Wir hoffen, dass ihr alle die „Seite der Jugend’1 sammelt und aufhebt. Diesmal müsst ihr es sogar, denn die Fortsetzung und den Schluss unserer Geschichte werdet ihr erst in vier Wochen, in der nächsten „Seite der Jugend“ erfahren. Das Büro des Bundes Deutsch-Jüdischer Jugend, Berlin C. 2, Burgstrasse 30, Zimmer 76/78, ist künftighin am Sonnabend geschlossen. An unsere. unbekannten Mitarbeiter Die „Seite der Jugend“ lebt. Sie ist wirkliches Organ, des Bundes geworden. Die „unbekannten _ Mitarbeiter“, nach denen wir suchten, haben eich so zahlreich eingefunden, dass wir aus der Fülle ihrer Arbeiten nur Weniges Abdrucken konnten. Aber mit ihnen allen haben wir uns in Verbindung gesetzt, um sie der „Seite der Jugend“ zu erhalten. In der nächsten Nummer werden wir einige der uns eingesandten Fabrtenlieder veröffentlichen. Darüber hinaus aber stellen wir allen, denen die „Seite der Jugend“ etwas bedeutet, ein neues Thema zur Bearbeitung: »Die soziale Aufgabe des Bundes“. Unter dieser Uebersehrirt soll all das niedergesebrieben werden, was die Menschen des Bundes und darüber hinaus der gesamten deutschjiidischen Generation zu den wirtschaftlichen und beruflichen- Pro- Wernen, die ihnen die Gegenwart stellt, zu sagen haben. Der Bund wird nur bestehen, wenn er diese Frage löst und den Ausblick auf eine Zukunft in Deutschland eröffnet. Was ihr fordert, und wie ihr selbst über eine sinnvolle Gestaltung eures beruflichen Lebens denkt, das sollt ihr der „Seite der Jugend“ schreiben. Wie bisher müssen alle Manuskripte, die ihr einschickt: a) einseitig und deutlich beschrieben und mit einem breiten unbeschriebenen Rande versehen sein, d) die Adresse der Schriftleitung der „C.-V.-Zeitung (Seite der Jugend)“, Berlin W. 15, Emser Str. 42, tragen, c) sich spätestens am 4. Oktober 1931 in den Händen der Schriftleitung befinden, d) die Angabe enthalten, ob der Einsender dem Bunds Deutsch-Jüdischer Jugend angehört, und in welchem Lebensalter er steht und e) nicht länger als 60 Zeilen sein. Wie bisher wird die Schriftleitung den sondern wertvoller Arbeiten neben der Honorierung durch Uebersendung eines Buches eine Freude machen. Schriftleitung und Jugendsekretariat.