Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 13 (1934)
- Issue
- 37 (14.9.1934)
- Date
- 1934-09-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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GchWWhMg Mö SM Sen Semrich Jtuhn*) Man hat sehr oft die Beobachtung gemacht, daß Schüler in Sprachen und Geschichte etwas leisten, während sie in Mathematik und Natur. Wissenschaften versagen (oder umgekehrt). So schloß man auf zwei grundsätzliche Begabungen für Geistes- und Naturwissenschaften. So oberflächlich diese Einteilung ist. so wird cs jedenfalls gut sein, wenn der Berufsauwärter sich eine Zensurenstattstik macht, und zwar getrennt nach - Fächern und Schulstufen (Unterstufe 5. ' bis 8. Schuljahr. Mittelstufe 8. bis 10., Oberstufe 10. bis 12.) Diese Stufeneintcilung ist nämlich für unsere Fragen wegen ihrer pädagogisctMi Gründe von Bedeutung. Sie beruht aus psychologischen -Ent» wicklungsabsolgen. Tic Unterstufe ist im allgemeinen vorbereitend. Sie gibt die Elemente des betreffenden Faches, ist anschaulich, beschreibend und cinprägend. Z. B. werden im Sprachunterricht die einfachsten Elemente der Grammatik < Deklinieren, Konjugieren) in der Pflanzenbiologie die Teile der Pflanze- (Blatt. Kelch. Blüte usw.), in der Geschichte einzelne bedeutende Personen und Ereignisse gelehrt. In der Mittelstufe werden diese Elemente vermehrt und benutzt, Einheiten aufzubauen und zu begreifen: z. B. in den Sprachen die Konstruktion des Satzes, in der - Geschichte die fortlaufende Entwicklung, in den Naturwissenschaften den Zusammenhang von Ur- Vsache und Wirkung. In der Lberstuse erfolgt ' dann Aerstehen und Siundurchdringen von komi. plcxcren Gebilden: z. B. im Sprachunterricht die '.Beziehung zwischen Stil, Zeitgeist und Inhalt .eines Literatirrwerkes, in den Naturwissenschaften Analyse und Berechnung der Gesetzmäßigkeiten usio. Dementsprechend betätigen sich auch die ein- ..zclnen geistigen Funktionen der Schüler, und man kann aus der Durchschnittsleistung jeder Stufe . Anhaltspunkte für die Entwicklung der konkretanschaulichen, der konstruktiv-produktiven und der abstrahierend-verstehcnden Anlage gewinnen, denen wiederum entsprechende Bcrnfsgruppen zuzuordnen sind. Natürlich muß hierzu der Fachmann zu Hilfe genommen werden. Während hier nun in fortschreitender Ent- Wicklung die Anlagen bald mehr, bald minder hervortretcn. bleiben sic in einer anderen Beziehung konstant; nämlich in ihrer Hinneigung zu ' bestimmten Unterrichtsfächern, je nach dcnr diese ein mehr anschauliches Denken (Geschichte. Geographie. Aufsatz), ein mehr auf praktische Er> fahrung gerichtetes Denken lPhysik, Ehcmie) oder ein mehr unanschauliches Denken «Mathematik. Grammatik) erfordern. Dabei überfchneiden sich diese geistigen Funktionen jo noch den Aufgaben: für eine komplizierte Analyse in der organischen Ebemie wird natürlich mehr unanschauliches 'Denken, für eine einfache Synthese zweier Elemente mehr empirisches Denken erforderlich fein. Wenn wir uns wit diesen theoretische:: Betrachtungen etwas länger ausgehalten haben, so war es 'wegen der praktischen Folgerungen. Ein Beispiel aus der Praxis wirb dies wieder an: besten er- - läutern: Tie Eltern einer Primaners wünschen durch Eignungsprüfung bestätigt zu haben, daß ihr Sohn zum Studium geeignet sei. Er sei „ein logischer Denker und Theoretiker", in den Geisteswiisenschasteu habe er alles „gut". Einige deutsche und fremdsprachliche Aufsätze bestechen in der Tat ' *) Vgl. „C.-V.-Zeitung" Ar. 27. 2?. 20, 31, 33, 34 Su seinem 60. Geburtstag am 13. September „Und hast du jemals bedacht, daß das Wesen der Musil nicht in den Tonen liegt?" . Gabriele d'Annunsto („Feuer"). Ein Ehepaar kehrt von einer Balluacht heim. In beiden Gatten klingen Erinnerungen an das Erlebte nach. :v?ckeir ein wenig Eifersucht, bis d:e Zivei wirklich wieder bei sich zu Haufe und glücklich sind. Da kornmen ihre beiden Partner vom Ball herbei, die mondäne Frau und der Tenor. Sie haben keine Macht inehr. Ihr seid verblaßte Theaterfigurcn, ruft das Ehepaar ihnen zu. und dessen Kind fragt: „Mama, :vas sind das, moderne Menschen?" Borhang. Das ist der Inhalt der einaktigen Oper Arnold Schöubergs. die vor vicrci:,l)alb Jahren in Frankfurt a. M. zur Uraufführung kan:. Sie trug den .Titel „Bon heute auf morgen" — und aus dem Heute von Damals ist inzwischen ein Gestern geworden. Tie Störenfriede, wie sie in jener Lper austauchen. besitzen nach der Morgendämmerung unserer Tage erst recht keine Bedeutung mehr, aber .auch keinem Kii:de wird cs einfallen, zrr fragen, . was moderne Menschen sind. Nichts ist so gestrig .wie das „Moderne", und Kinder kümmern sich nicht um Gestriges. Don heute aus morgen ist alles anders gewor. den. Eine der letzten Acußerungen die von Schön- .berg bekannt wurden, war das Bekenntnis seiner Berzichtlcistnng. die einer Abdankung gleichsam. Vom Werk hörte man nur noch, daß er an dem Buch zu einer Oper „Moses und Aron" arbeite, worüber eine in diesen Tagen erscheinende Veröffentlichung nähere Angaben enthalten soll. * Schönbcrg hat ungleich mehr geschrieben als er .veröffentlicht, viel mehr geplant, als er geschrieben l)at. Jedes seiner Werke stellt eine neue Stufe dar. leins steht neben einem andern. Diese Schich. tung ist dos äußere Zeichen eines inneren Ringens. Kunst kommt nicht von Können, sondern von Müssen. ist Schönbergs Wort. Die sachliche Fassung dieses Grundsatzes enthält seine „Harmonielehre"/ durch den eleganlett <im?r klaren Stif;: Mer eüt Blick auf bic Satzkonstruktion und auf die grammatisch-logischen Beziehungen beweist -sofort,- daß nicht die logische, sondern die ästhetische Komponente für die hochwertige Leistung ausschlaggebend war. Hier konnte rechtzeitig vor einem verfehlten Studium. gewarnt werden. Derartige Urteile wird natürlich nur der erfahrene Fachmann abgeben können; aberlEltern, die ihre Kinder während der ganzen Schulzeit nach diesen Gesichtspunkten gut beobachten und sich entsprechende Notizen machen, können die Berufswahl rechtzeitig vorbereiten und verhindern, daß die Kinder sich falsche Bcriissziele - setzen, die ihrem Können keineswegs entsprechen. Hier ist ein weites Gebiet der jüdischen Erwachsenenbildung. Wir haben in diesen Tagen deutlich an unseren Kindern erfahren, daß auch die Wahl des Schulsystems (Gymnasium, Oberreal- oder Mittelschule) eine nicht unbedeutende Rolle spielt, wenn die Erziehungsziele plötzlich wechseln und ein junger Mensch aus theoretisch-humanistischcm Bildnngsmilieu und abstraktem Geisteskreis in das praktische und rein konkret gestaltende Leben treten muß. Diese Erschütterung ist für junge Menschen derartig tief, daß nur ein auf guter Beobachtung und Kenntnis der jugendlichen Psyche basierender elterlicher Einfluß ausgleichend wirken kann. Ganz besonders wichtig ist die Beobachtung dev Leistungen in Handfertigkeit und Zeichnen. Tie Erzeugnisse dieses Unterrichts, wenigstens der Abgangsklasse, bewahre inan sorgfältig aus; denn der geschulte Berufsberater wird aus Zeichnungen rnancherlci herausscheu: ob kurzer oder langer Strich, ob skizzenhafte oder durchgcarbeitcte Ausführung usw. Also auf alle Fälle Zeichnungen zur Beratung mitbringen! Zwischen der Fähigkeit, clwas zeichnerisch darzustellen, und zahlreichen handwerklichen Arbeiten bestehen enge Beziehungen; es handelt sich hier um die Unterordnung von Hand-, Ellbogen- und Schultergelenkbcwegungen unter den von äußerer oder innerer Anschauung geleiteten Willen. Und ein Letztes sei hier noch erwähnt: der musische Unterricht (Musik, Dichtung, Rhythmus). Zwischen diesen Gebieten und vielen Arbeitsprozessen besteht eine Gleichheit der Funktionen. Wem das rhythmische Erleben fremd ist und weifen innere Spannung zum Ta-kt der Arbeit in Widerspruch steht, wird von seiner Tätigkeit nur allzlr früh zermürbt. Daher wird auf Ehor^esang. Chordcklaiuation. Lernen im Ehor usw. großer Wert zu legen sein: denn sie sind Hilfsmittel zur Änerziehu>:g rhythmischer Empfindungen, von denen alle Arbeit abhängt. Eltern und Erzieher mögen stets daran denken, daß die Form der schulischen Leistungen oder Fehlleistungen bereits die Urform auch aller späteren Arbeitsfunktionen enthält! (Fortsetzung folgt.) Ein Mr ä und Aufbau ArbottKerW und Zukunslsnujgnben fte£ 3entra!nu£f(Me$ Durch die Initiative der großen jüdischen Bercinigungen und Einrichtungen, zu denen in erster Reihe der Eentralverein zählt. >var nu Frühjahr 1033 der Zentralausschuß für Hilfe und Ausbau ins Leben gerufen worden. Seit Gründung der Reichs- Vertretung der deutschen Juden im vorigen Herbst führte er seine Arbeiten in engster Fühlungnahme mit dieser ihm auch personell eng verbundenen Spitzcnkörpcrscl>:ft durch. Ein Blick auf das wirksame und klare Aufbau-Schaubild, das in der neuen vortrefflich zusammcngestelltcn und geschmackvoll üusgestatteten Propagänd'abroschüre de? Zentral« ausschusses'- „Ein Jahr Hilfe und Aufbau" veröffentlicht ist. läßt die vier Hauptausgabengebiete des Zeutralautzschusses, Wirtschaftshilfe, Wohlfahrtspflege, Wanderung und Kulturarbeit, und die Organisierung der Durchführung der praktischen Arbeit deutlicher erkennen als manche noch so gründliche Darstellung. Ter umrißartige Tatsachen- und Tatigteitsbericht ist dennoch außerordentlich aufschlußreich. Allein das Zahlenmaterial beweist, daß hier in kurzer Zeit Gewaltiges im Interesse des gesamten deinscheu Judentums geleistet rvordeu ist. Tie ..E.-B.» Zeitung" hat seit 'Bestehen des Zentralausschusses laufend die bedeutsamsten Einzelheiten aus dem Fragen- und Arbeitsgebiet „Hilfe und Aufbau" mitgeteilt. ob es steh um Darlehusknsseu oder um das Schnlwerk handelt, um Bernfsumschichtung oder Ausivandernngsprobleme und vieles andere mehr. Die vom Zentralansfchnß zn leistende Arbeit wird immer einen entscheidenden ^Faktor nu gesamten Hilfsprvgramm der deutschen Inden darstellen. Im Vordergrund sieht die Notwendigkeit sorgfältiger Beratung und geeigneter Berufsausbildung ' der jüdischen Jugend, mag sie ihren Lebensweg weiter in Deutschland gehen oder sich auf die Uebersicdlung nach Palästina vorbereiten. So wichtig die Aufgaben hinsichtlich einer erfvlg- - reichen Auswanderung auch sein mögen: der Zentralausschuß stellt fest, daß der größte Teil der deutschen Juden in Deutschland bleiben muß und hier sein Schicksal erfüllen wird. E. Cü.L. Ein jüdisches Aus in Königsberg Ein seltenes Fest durfte am Sonntag, dem 2. September, die Synagogengemeinde Königsberg i. Pr. begehen: Das Haus der «:us wirtschaftlichen Gründen schon im Jahre 1932 geschlossenen Synagoge Ad aß Iisrvel konnte nen cingeweiht »vcrdcn. Zwar nicht wieder als Gotteshaus, aber doch als ein allgemein-meuschlichcn, sozialen und jüdischen Zwecken geweihtes Haus. Die kleine umgebaute Synagoge in der östlichen Straße der östlichsten deutschen Stadt birgt heute in ihrem Erdgeschoß einen schönen, großen Gemeindesaal, in dem nicht nur Vorträge gehalten werden sollen, sondern der auch am Sonnabend vormittag die vom Schulbesuch befreiten Köuigsberger jüdisch-deutschen Kinder zum Gottesdienst aufnehrnen wird. Das einzige obere Geschoß aber beherbergt die jüdische Volksküche. die dringend notwendig war und zu mäßige:: Preisen jüdischen, ariucu Meyscheu nicht nur gutes, nahrhaftes Essen, sondern auch behagliche und gepflegte Räume schenken roird. Beim Einweihungsakt sprachen außer den beiden Rabbinern Dr. Lew in und Tr. Ochs vor allem der Borsitzende dieses Baukomitecs. F a b i n n, und der Vorsitzende der Königsberger S y n a g o g c n g e m c i n b e, Gehet m r n t P rofefs o r F a l k e u h c i m. Kantor Mollheim gab einen Rückblick auf die Geschichte des Baues. Die kurze, aber eindrucksvolle Einweihung wurde von jüdischen Gesängen umrahmt. — Abends fand dann ein Essen statt, bei dem nach alter, jüdischer Sitte die Ehre, das Tischgebet sprechen zu dürfen, zn wohltätigen Zwecken versteigert wurde. Eise Eowinneck S!WWW<EiWethM8 in Mein Kürzlich wurde in Küstrin eine neue Synagoge eingeweiht. Dieses in der heutigen Zeit recht bedeutsame Ereignis zeigt, was Opfersinn. Bereitschaft für das Indentinu und der Wille, seine Güter trotz der Ungunst der,Zeit zu wahren, zu leisten vermögen. Tie in den letzten Jahrzehnten kleiner gewordene Gemeinde Küstrin besaß seit dem Jahre 1884 ein geräumiges großes Gotteshaus an der Festungsl&äl Zuckmantel. Schlesien, CSR. Xaclisalsonarrangexnent i Inkl. aller Kurmittc!, Trinkgelder etc. 3 Wochen Kd 2000., « Hydrotherapie, „ „ 3 ” " 1700^ _4 - - 2200.'- mauer der alten Stadt, in der Nähe des „Hohen Ecwaliers", einem Festungswerk Friedrichs des Großen, das vor einiger Zeit gesprengt wurde. Dadurch wurde das Fundament der alten Synagoge so erschüttert, daß sich bald Mauerrisse bcmcrkänr machten. Hierdurch wurde die Frage eines Ne», bans der Synagoge in: neuen Teil der Stadt wieder erwogen. Sammlungen und Spenden, die zu diefein Zweck schon früher eingclcitet wurden, hatten be. rcits zu einem Grundstnctserwerb in der Aeustaot geführt. Jedoch reichten diese nicht aus, um den projektierten Bau anszuführeu. Vor dreiviertel Jahren wurde um: auf Betreiben des Gemeindevorstandes der Plan gefaßt, das Gotteshaus unter Verwendung der Steine des alten Tempels zu errichten. So konnte also am 2. September 1934 in Gegen, wart der Gemeinde und von Abordnungen der Gemeinden Berlin. Frankfurt a. Q. Landsberg. Müncheberg die feierliche Einweihung vorgeiwim men werden. Tie Genwinde Frankfurt a. Q stellle Ehor und Kantor zur Verfügung. Ans Berlin .waren anwesend die Rabbiner Dr. S a l 0 m 0 1: s l i, der auch den E. B. vertrat, und Tr. Wiener, aus Frankfurt a. O. Tr. Maybaum. Rach der Schlüsselübergabe durch den Baumeister wurden vor versammelter Gerneinde die Thorarollen eingeführt. Das Ewige Licht entzündete Rabbiner Dr. Salomonski, die Weihepredigt hielt Kantor Lvewy (Küstrin). Bei Umzügen und bei Reisen ist für die Nachsendung der „C.-V.-Zeitung“ ein besonderer Antrag bei dem zuständigen Postamt zu stellen, da die Post Zeitungen nur auf Antrag nachsendet. Der Nachsendungsantrag für gewöhnliche Postsendungen genügt nicht. Die Post erhebt, soweit der Umzug nicht innerhalb desselben Postbezirks erfolgt, für derartige Anträge eine Gebühr von 50 Pfennig (Ausland 40 Pfennig). Vom Verlag der „C.-V.-Zeilung“ können die Nachsendungen in diesen Fällen nicht beantragt werden. Wir bitten unsere Mitglieder aber, auch den Verlag der ,.C.-V.-Zeitung“, Rerlin W lö, Emser Strasse 42, bei Adressenänderungen zu verständigen, damit wir unsere Mitgliederverzeichnisse in- Ordnung halten und unseren Mitgliedern unsere Mitteilungen prompt zustellen können. Wann und wo finden Sie Rat? Nachtrag IthcinJand« Dri'ilindrnstr. 24. TH.: 31212. VTesxt falcn Mond" bi.s Primae 11—13 l’hr, sonst nach vorheriger Verein* Düsseldorf Oenieindoheim Grafenb-rerr Allen 78. Tel.: 64653. Montag bis Donnerstag 16—18 L’hr!LinU«rIiein Köln Breit» Str. P2—B8 CAgrippma- Haus), Z. 76—78. Tel.: 227363. Montag bis Freitag 16—13 Uhr« Koblenz Kaiser - Wilhelm - Ring 37, I« Jeden zweiten Dienstag im Mo* mit 16—IN Uhr. Naehste Sprerh* stunde: 25. September ab 8. Oktober jeden zweiten Montag im Monat 16—18 Uhr. Wilhelmstr. 25 (Rechtsanwalt Karl Löwenstein). mit der er 1911 die musikalische Oesfeutlichkeit überraschle; darin legt er dar. daß beim Komponieren nur eins entscheide, das Gefühl. worunter er das Formgefüyl versteht. Jeder hingeiehte Akkord entspricht dem Zwang einer unerbittlichen, aber unbewußten Logik im harmonischen Aufbau. Dessen Berbesscriiugeu, zu denen das wache Bewußtsein nur zu oft geneigt sei. verderben nach Schöubergs Meinung nur den Einsall. Man erkennt daran, daß zumindest Schönberg selbst von dem umsikalischeu „Einfall" ansgeht. der gerade ihm als dem bloßen Berstandesmusiter und Konstrukteur bestritten wird. Im Jahre 19l2 erschien das Werk Schönbergs, das bis jetzt als sein bezeichnendstes gelten kann, das geisterhafte, fiebernde Nokturuo vom „Pierrot lunaire". In: gleichen Jahr gelangte das klassische Werk der neuen -Opernbühne zur Uraufführung, die „Ariadne" von Richard Strauß. Hier ein Werk, das ein doppeltes Publikum vvraussetzt. eins auf der Bühne und eins im Zuschauerraum; dort, bei Schönbcrg. eine vorgetra-gene Gedichtfolge, umzittert von den Brechungen abwegiger Klanggebilde und eine Phantasiebühne auf dem Karnmermusik- Podium hin^istcrnd, die nur ganz wenigen zugänglich ist. Ariadne war das Sinnbild der Einsamkeit als Kunstwerk, umspielt von den höchst diesseitigen Bindungen der Scherzwelt Zerbinettens. Ter 'Nachtwahr Schönbergs kam nicht nur aus abgeschiedenen Welten, er führte auch den, der willens war zu folgen, in die Verwerfung. Ariadne glaubt, daß der Bote des Todes nahe, aber es ist der Gott, der sie zu neuem Leben führt. Schönbergs Mondgestalt lebt gar nicht mehr; als Schemen schwebt sie vorüber. In dieser Vereinsamung liegt das Entscheidende; die Musik hebt die Gemeinsainkeit der Hörer auf. zieht sich auf karge Mittel des Ausdrucks, auf enge Räume der Wiedergabe zurück. Musik ohne alles, was Volk heißt, und deshalb von vornherein bedroht. „Flüchtig" heißt eine häufig wiederkehrende Bortragsbezeichmmg Schönbergs; in seinem Gefolge treffen wir auf die Vorschrift „kaum hörbar". Das sind weniger Vorstöße in neue Bereiche der Musik als vielmehr die letzten Bordämmerungen sterbender Romantik. Das Wesen der Musik liegt in dem Schweigen, das den Tönen vorangeht und ihnen folgt: so hat d'Ammnzio die künstlerische Stiminung umschrieben, die das Ster^ ben Richard Wagners in der Stadt der Träuiuc, Venedig, begleitete. Daß Schönbcrg von Wagner ausging (und von Brahms), konnten selbst die nicht leugnen, die ihn der Unmusik des Nichtkonneus ziehen; die „Verklärte Nacht" weift aus die Tristan- Partitur hin. die „Gurreliedcr" hat man als letzte Folgerung der Wagncrscheu Klanggestaltuug bezeichnet. In ihrem Melodram von der wilden Jagd des Soimuerwiudcs kündet sich der spätere Schönberg an, über den ein kosmisches Gefühl Herr wird, der Drang, das Ich an der Welt zu messen. Was aber ist solche Zwiesprache mit dem Allgeist anderes als Romantik in einer Zeit, die längst an den Gräbern der Romantik stand! * An Schöubergs Schassen ist das Wort und der Schimpf des „Atonalen" gebunden. Ein schlechtes Wort. Besser würde man üdertonal sagen, damit die Verneinung nicht als Ergebnis bleibt. Tie endgültige Entthronung der Tonika, die Verselbständigung der zwölf Töne der Tonreihe, läßt sich nicht allein als bloße Zertrümmerung durchführen, etwa nach den: Dichterwort ..Du Imst sie zerstört, die schöne Welt. . Es muß vielmehr eine neue Ordnung au die Stelle der beseitigten treten, und so ist die „Befreiung" vom Tonalen bei Schernberg zur um so verantwortungsreicheren Bindung an die höchst vielfältigen Bildiuigsgesetze der Zwölftonreihe geworden. Was das als Schicksal bedeuten kann. hat Franz Werfel in der Gestalt des mi skiueiNfiebrigen Schassen verbrennenden Matthias Fischböck (im Verdi-Roman) dargestellt: ..Müssen Ohren sein, damit Musik ist?" Für Ohren können wir ruhig Seelen sagen. Tie Antwort gibt Werfeldurch das sinnbildliche Geschick dessen, der diese Frage ausspricht. 2ie, sogenannte Atonalität, die Komposition mit zwölf Tönen, bedeutet eine:: Unklang für das Ohr des gewöhnlichen Sterblichen, der nicht gewohnt ist. seine musikalischen Bedürfnisse durch das Studium von Partituren zu befriedigen, die noch so. kunstreich nach der Zwölston-Leh're aufgebaut sein mögen. Es ist bezeichnend für diese Art der Musik.^daß sic-auf dein Papier ungleich zugänglicher ist, also gewissermaßen besser „klingt", als in der Wiedergabe. Man hat die Atonalität zum Anlaß von Angriffen auf die jüdische Herkunft Schönbergs genommen. In Schönbergs Lebensgefchichte spielte sein Iudeutum bisher keine Rolle, und die. auch von jüdischer Seite uuteruommüuen Versuche, in Schöubergs Schassen etwas von „jiidischer Vtusik" zu entdecken, scheitern schon daran, daß es diese jüdische Musik so lange nicht gibt, bis ein» lvaudfrei nachgewicsen ist. :vie weit sich natürliche Voraussetzungen in so vielfältig verschräntieu ful- {urcllci: Vilduugeu wie der Musikschule Sclicubergs scstslellen. lassen. Aber weil man uns Scliönbergs Iudeutum vorgeworfcn hat, könnte mm: säst erwarten, daß wir ihn verteidigen; allein, das wäre ja nur eine jener Eittschuldigimgeu. die uacli eiiwm bekauiiteu Sprichwort stets als Selbstaullageu za gelten haben. Wir haben Schönbcrg nicht in Schutz zu nehmen; über Künstlerisches entscheidet letzilich immer die Geschichte. Wir wollen ihn nur erkennen. Als er. ein junger musikalischer Autodidalt, seine Stellung als 'Wiener Bankbeamter ausgeben mußte, sagte er: „Ich bin so glücklich, ist) habe meine Stellung verloren." Als er fünfzig Jahre alt wurde, nannte er es mit leichter Bitternis ein Alterssymptom, daß er nicht mehr so hassen könne wie früher, und. was noch ärger sei, er könne manchmal friioit verstehen, ohne zu verachten. Beide Aeußerungen bezeichnen einen weiten Weg. Damals stand Schönberg auf dem Zenith. stark angcfeiudet. aber auch sehr gefeiert; 'Paul hem Klenan, der Komponist der zeitbürtigen Oper ,/M ichael Kohl Haas", schrieb von ihm: „Die große geistige Spannung, die der Gegensatz zwischen tonaler und atonaler Musik hervorgerufen, ist vvu Schönbcrg mit hinreißender Lebendigkeit und Geumtität erlebt." Ein Jahrzehnt ist inzwischen vergangen. Ein Jahrzehnts Ein Jahrtausend! Aber die Wahrheit, die ewige, göttliche, nimmt weiter ihren Weg. Ter Dramaturg der Berliner Staatsopcr. Dr. Julius Kapp, hat einmal von Echönberg gesagt, er sei der größte Umstürzler und Verneiner, den die Musik bisher hervorgcbracht Hobe; und deshalb sei er auch ihr stärkster Anreger. — müssen wir heute das Wort ..ge'vescn" hiiizufügeu? Aber wer will sich imtersaugen. in solcher Gegenwart Entscheidungen über das Ocloefenc zu treffen, das noch ist! ... k-