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Central-Verein-Zeitung · 1934-09-14 · 37 (14.9.1934) · page 5

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
13 (1934)
Issue
37 (14.9.1934)
Date
1934-09-14
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Irnpp^r^ Np*S! V^OuSiL/vJuLj'^ULi^j ^BcäbS 37 BcSfelcafrS ®ime Text und Aufnahmen von A. KtkoSer . m MMUWOtMs LInZnlnvlew mit Sdrrkanior SewMdswfki Tie Tätigkeit des Kantors? Ganz einfach: der steht dort oben und singt und betet 'vor. Tas ist nicht schwer. Weit schwieriger ist schon des Rabbiners Aufgabe, durch das Wort der predigt aus die Gemeinde zu wirken. ' .3,1 ungefähr sicht die große Masse die Tätigkeit der beiden jüdischen Kultusbeamten I. und verkennt dabei doch völlig die Bedeutung und die Schwierigkeit der kantonalen Pistung. Gewiß. Ausgabe des Kantors ist porz'ubctcn. Aber erst wenn man einmal deesuetst. dieses Wort in seiner ursprünglichsten Aedentnng zu erfassen, wird man verstehen, was es heißt, die Worte des Gebetes dcr Gemeinde vorzusprechen und alle Güm'.nnngen und Gefühle ans die Gemeinde £it übertragen. Betrachtet man so die Tätigkeit des Porbcters. dann kommt man schon zu einer weit richtigeren Beurteilung seiner Leistungen. Wie groß und gewaltig aber müssen diese Leistungen des Vorbeters erst an ciuem so bedeutungsvollen Tage wie dem Jom Kippur sein, wo es darauf ankommt, die ganze Erhabenheit dieses Tages der Gemeinde deutlich zu machen. Um einmal einen Einblick in die Erlebnisse des Kantors an diesem Tage Zii erhalten, haben wir den Berliner Oberkantor Manfred Lewaudowski darüber befragt. „Schon monatelang vorher", so erzählt der Tberlautor, „mitten im Sommer schon beginnt die seelische Vorbereitung ans die Jomim nauroim. Ich persönlich finde die beste Vorbereitung für die hohen Feiertage im Gebirge. Wenn inan dort in den Bergen, in der wunderbaren Natur, ain frühen Morgen oder beim llutergang der Sonne ganz allcirr umherwaudert, wenn man von ferne nrir die Hirten mit ihren Herden wahrnimmt — dann ist man ganz erfüllt von jenem Gefühl der Allmacht Gattes. Unwillkürlich kommen einem da angesichts dieser prächtigen Stimmung rmd Umgebung die Worte des Psalmisten ans die Rippen: Ich hebe meine Augen empor zu dir! — Tiefe gleiche Stimmung, diese Erkenntnis der gewaltigen Größe und Macht Gottes, ist c-h die den Kantor am Bcrsöhnnngstag, da das Schicksal des Menschen besiegelt wird, er- Pt' „Diese Gefühle und diese Stimnnrng ans fre Gemeinde zu übertragen, betrachten Sie also als Ihre Ausgabe?" „Ganz recht. Aber das ist natürlich nicht so einfach, und ich möchte zunächst ein paar allgemeine Worte über die Art des Gottesdienstes vorausschicken. G» ist nämlich dabei ein wesentlicher Unterschied zwischen dein alten und dem neuen Ritus zu machen. Ter Jude, der in der Gebetssprache bewandert ist. vermag natürlich sein Gebet in ganz anderer Weise znm Ansdruck zu bringen wie der, der die Gebete nicht im Urtext verfolgen kann und darum zu ihnen auch eine völlig andere Einstellung hat. Hier spielt nun gerade die Ausgestaltung der Musik durch Chor und Orgel eine bedeutende Rolle. Ter Orgel kommt im neuen Ritus eine unerhörte Bedeutung zu. Ich möchte hierbei ausdrücklich bemerken, daß nach meiner Ansicht die Orgel in der Synagoge keineswegs fremdartig wirkt. Tas kann nur dann der Fall sein, wenn der Organist nicht in der Lage ist, die jüdische Stimmung zu erfassen und in eine musikalische Form zu kleiden. V SrsÖÜMN§LtL§ Von Rolf Radlauer So arm sind uns’re Lieder, Die wir zu Dir getragen, Doch Du blickst lächelnd nieder Auf unser Klagen. So leer sind uns’re Hände, So schwer das Herz von Sünden, Doch Du wirst ohne Ende Vergebung künden. seitdem man aber — erst in neuerer Zeit — t>Qa Amt des Organisten Juden übertragen hat. lst diese Gefahr ausgeschaltet, und die Orgel kann ihre große Ausgabe erfüllen, durch Dor- und Zwischenspiele die Stimmung des Kantors Zu unterstützen und zu erhöhen." ,,.Die Aufgabe des Chason ist also doch toeit mehr, als nur die Gebete vorzusingen." „Ja, er muß eben nicht nur Chason sein, sondern wirklich — um einen anderen Ausdruck für .Vorbeter' zu gebrauchen — ,Schliach zchbur — Gesandter der Gemeinde'. Denn so. ^ie einst der Hohepriester für die Gemeinde detete, so liegt auch heute noch der höchste Sinn des Vorbeteramtes darin, die Aufgabe so durchzuführen, daß der Vorbeter solch ein Abßcsandter der ©emeinbe ist. Wenn ein Kantor tatsächlich von dieser seiner Berufung erfüllt ‘it, dann steigert sich im Laufe des Gottesdienstes die Stimmung derartig, daß er nicht Gleich nach dem Abend des Jom Kippur beginnen wir unsere Arbeit. Wir nehmen Nadelholz zum Bau unserer Laubhütte. Sie muß mindestens drei Wände haben — die vierte Wand, den Eingang, können wir nur noch mit einem Stück Sackleinwand verhängen. Die Laubhütte darf so groß sein, wie wir sie haben, wollen — aber sie muß mindestens sieben mal sieben T'fochim, das sind sieben mal achtnndsünfzig Zentimeter — 4,06 Meter in der Länge und ebensoviel in der Breite sein, und sie soll nicht höher sein als zwanzig Tst'vchim. Ein festes Dach darf die Laubhütte nicht haben. Denn wir sollen, wenn wir darin sitzen. Zu unseren Hänpten die Sterne sehen können! An StclleeinesTaches befestigen wir eine Reihe von Orrcrbalkcn über den Seitenwänden oder ein korbartigcs Weidengeslecht, ltnö daraus legen wirTanncnzweigc. Aber nicht zu dicht — die Sterne müssen hindurehslimmern können! Soll unsere Laubhütte „koscher" sein, so müssen wir zumindest am ersten Abend darin wohnen — wie es unsere Väter in der Wüste nach ihrem Auszug aus Aegypten getan haben. Das heißt, wir müssen am ersten Abend des Festes unser Mahl darin eiunehmcir. Für den Fall, daß es regnet, ist ums eine einfache Vorrichtung gestattet, die das Mahl und wmm wim MM Legen der Tannen: 2) nach mit Zcltlrimranii V, : :'sr7 W ," s- Mt 3) (Irundrlts II — Hank« ■t) nie Rollen^ iihrr dir if< y.cltlciniccncL läuft uns schützt: ein Stück Zeltleinwand, geschickt über Rollen geführt, das sich bei einsetzendem Regen über unseren Köpfen zu» und später wieder sortziehcn läßt. Die Laubhütte, soll 'geschmückt werden, denn wir feiern ja ein Erntedankfest. Girlanden sollen sich an den Wänden entlang» ziehen, Obst soll uns an die Geschenke des Sommers erinnern: Aepsel und Birnen» Zitronen und Weintrauben. Und bunte Lampions sollen leuchten, wenn unsere Gebete znm Herbsthimmel aufsteigen. nur seelisch, sondern beinahe greifbar die Nähe Gottes spürt. Ta sind Höhepunkte in dem langen Gottesdienst, die ganz solcher Stimmung dienen; etwa beim Öcsfnen der Thora, beim Sch'nm jißroel nach dem Ausheben, beim Oleuu-Gebet, beim Gebet Unssanne taukes und bei der Aboda, dem Bericht von der Dienstverrichtnug des Hoheprieslcrs am Lersöhnungstagc. Es gibt ein Bild, das den Kantor an beit hohen Feiertagen .zeigt: in das Cterbegewand gekleidet, den Tallis über den Kops gehoben, völlig eingehüllt, verhüllt. Das Bild hat das richtige getroffen: so losgelöst ist der Kantor in der Tat. Völlig abgewandt von allem Weltlichen, völlig losgelöst von allem Irdischen — ganz nur hlngegebcn und verbunden allem Heiligen und Religiösen. Tie Musik versetzt den Kantor noch mehr und noch tiefer in jenen Zustand völliger Weltabgeschiedenheit. In solcher Stimmung verkündet der Kantor das zerknirschende Bekenntnis der Nichtigkeit alles Irdischen. Daun aber wechselt Plötzlich das Bild: sieben der Nichtigkeit des Menschen steht die Erhabenheit des Göttlichen. .W'atoh hn melech el chaj wkajom — du, 0 Gott, aber bist König, ewig lebend und immerdar!' Das sind die beiden Grundstimmungen,' die der Kantor zu gestalten hat: Zerknirschung, Sündenbekenntnis, Schulderkenntnis aus der einen — Lobpreisung, Huldigung, Demütigung vor Gott auf der anderen Seite. Sv muß der Kantor ständig wechseln zwischen Seufzen und Jauchzen. Und so führt et die Gemeinde hindurch durch das gewaltige Erlebnis der Jomim. nauroim." Wir aber wissen: Wenn nur ein Hauch von dem, was den Borbeter an diesem Tage beseelt, auf uns übergeht, dann hat er seine schwierige und große Aufgabe erfüllt. Rudolf Mclitz. Wir haben gebetet. Wir deutschen Juden haben gebetet in Groß- und Kleinstädten, in gefüllten Synagogen, in menschensammelndcn Sälen und im stillen Kämmerlein. Wir haben. ein jeder unser Eigenstes in ein Gebet gekehrt' . . . und warten auf Erfüllung. Und doch war an diesem Rvsch Haschana das Beten ganz anders. Es war anders im den großen und in den kleinen Gemeinden. In den kleinen Gemeinden hat man zum erstenmal — mehr als am. vergangenen Jahre — den Einschnitt gespürt, der in unser Leben gekommen ist. Das war dieses Mal mehr als das Jahr mit Jahr gewohnte Abbröckeln von Menschen. Es war ein Einschnitt. Noch am vergangenen Noseh Haschana kamen viele junge Menschen in die kleine Stadt zu Besuch. Im Elternhaus war es zu Roseh Haschana schön, schöner als sonst im ganzen Jahre. Wer nur irgend konnte, kam deshalb. Aber dieses Rial kamen so wenige, so unerhört wenige. Es ist kaum ein Aufhebens davon zu machen. Und noch andere fehlen. Nicht nur die alten Leute, sondern auch jüngere können sich erinnern, was alles zu den hohen Festei^ans den umliegenden Dörfern in die kleine ictnbt strömte. Wie viele Inden da mit Sack und Pack und Kind rmd Kegel kamen, um zu beten, um zu beten. Ta war es für manchen Städter eine Ehre, diesen Menschen Gastfreundschaft zu erweisen. Man ging ihnen schon vor die Stadt entgegen, um sie hereinzuholen. Und wehe dem, der eine traditionelle Einladung ansgeschlagen hätte rmd nicht gekommen oder gar zu einem anderen gegangen wäre. Das hätte unversöhnliche Feindschaften gegeben. Heute gibt es nicht mehr diese schönen Sitten und diese drolligen Figuren. Es gibt rächt mehr Menschen, die ihre dörfliche Urwüchsigkeit und Unbcholsenheit in das Gotteshaus brachten. Die wenigen Torfjuden im Tempel sind zu zählen. An einer Hand kann man sie herzählen. Unser Leben ist leer geworden von diesen Gestalten der Vergangenheit, die noch die Ehre zu schätzen wußten, wenn der Parnes; (Vorsteher) ihnen das Oessnen der Heiligen Lade anvertrante. Unser Leben ist leer geworden. Und dann ist and) das Beten so anders geworden. Zum erstenmal hat in diesem Jahre manche Gemeinde gespürt, daß gespart worden ist. Jetzt gibt es so zahlreiche Vorbeter und Prediger in einer Person. Sie beten ohne viel musikalisches Beiwerk, aber mit jener Herzlichkeit und Bewegtheit, mit jener überströmenden Natürlichkeit, die uns wieder dem Ursprünglichen nahebringt. Es wird nicht viel gesungen. Es wird nicht viel dem Wohlklang nachgejagt. Aber gebetet wird. Es wird gebetet. Ist unser Leben dann leer geworden, wenn so gebetet wird —? Wenn wir so sichtbares und unsichtbares, hörbares und unhörbares Judentum in uns spüren? Wenn Borbeter und Gemeinde so eins sind, daß der Porbeter dev Schliach zippnr, der Gesandte der Gemeinde, im Gebet ist, wirklich voieder ist, weil alle gleiches Leid tragen —? Wir haben gebetet, daß unser Leben nicht leer sei. Auch darum haben wir gebetet.. . Arno Herzberg. MÄMs ZMM hgs M-MW'EM E.s dürfte wohl wenig besonnt sein, daß der Dichter Nikolaus Lenau vom KolMidre-Gebet, das er einmal gehört hatte, die stärtstcn Eindrücke empfing, Lenaus Freund iund Beck hat uns in seiner: „Tagebuchblättern" dieses tiefe Erlebnis Lenaus vermittelt. Er läßt Lenau folgendermaßen berichten: ,Bch habe es vor Fahren iu der Heimat gehört. Der Vorabend des sogenannten Fangen Tages', des Versöhnungstages, war gekommen. Israel glaubt, daß J...H au jenem Abend giltig beschlösse, ob, wo und wie im Lan.se des Lahres der Mensch enden solle. Ich drückte mich in einen Winkel der Synagoge,. 11m den Frommen fein Aergcrnis zu geben. Mächtige Wachskerzen flammten, da-s -Volk stand gesenkten Hauptes, in weiten, schneeweißen Sterbegewünderu. Ta begann der Vorbeter sein tiefernstes, hcrzzerwnhlcndes Entsündigungslied, reich an Schreckens an Gnade. Ich rang mit einer seltenen Aührung. schluchzte lrampshast, lang gekochte Tränen schossen mir aus den Angen — ich stürzte wund, aber geläutert in die Aacht hinaus. In jener unvergeßlichen Stunde ■ haftete kein einziges schwarzes Pünktchen an meiner Sceke. lind wer har diese Weisen geschaffen? Tie Leutchen wissen cs nicht; das Lied ist von den Großahnen ans die Urenkel gekommen. Solche Schmerzensgesänge der Völker gehen, dünkt mich, fertig und gerundet, in Hunderten zugleich auf. — Jahre waren verstrichen, ich hatte kaum einige Takte mehr dieses Liedes im Gedächtnis behalten, strengte mich auch fruchtlos an. mir das Ganze zurückzurufen; aber, als ich die faulende alte Welt verlassen und aus dem stürmischen Ozean stets näher und näher der neuen Welt zuschwamm, als mein bisheriges Leben mir ein schwüles rmd wüstes Traumgcbild schien — da plötzlich ging das .Nok-Aidre vollständig über in mein Herz. Seit damals ruh: es sicher gebettet arif den Saiten meiner Geige und ist mir zu Willen, wenn ich e-5 rufe. Ach. ich wünsche wohl, daß es cinft an meinem Totenbett von Frcundesstimme. mir vvrgesungen würde."

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