Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 13 (1934)
- Issue
- 37 (14.9.1934)
- Date
- 1934-09-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2277379-2278044-2278081--08821-2289879- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
XIII. Jahrgang 7 Nr. 3; Berlin, 14. September 1934 , Preis 20 Pfennigemral- II Mi MW» HMW «i uiui-ys ZNM VSTsDhNNNgsfsst / Vo» RabSlner De. SschÄSacher-DüKeldorf I. Lebten wir im Paradiese, dann brauchten wir keinen Jom Hakkipurim. Wäre unser Dasein ein Idyll voll ungestörten Friedens, ohne Vünde. dann bedürfte es keiner Versöhnung. Wir sind aber aus Eden vertrieben und stehen in schwerem, nie aufhörendem Daseinskampf. Tarnm ist für uns der hohe Tag eine Not-' wendigkcit, ein Geschenk und eine Gnade Gottes. Er hat eine dreifache Sendung. Er soll uns mit uns selber versöhnen. So ist er der Feiertag der einsamen Seele, die mit sich kämpft und sich nach Frieden sehnt. Er soll uns mit unseren Mitmenschen versöhnen. So nimmt er die Last von dem Herzen des einzelnen. der mit Nahen und mit Fernen in Konslikt kommt und keine Brücke mehr zu ihnen findet. Ueber allem aber steht das erhabene Ziel der Versöhnung mit Gott. Friede mit’ Hott ist Einklang mit dem Laufe der Welt, in dem Laufe der Welt, in den wir eingebettet sind. Er bedeutet Anerkennung des Schicksals, das uns Gott ohne unser Wollen und ohne unser Zutun sendet. So wird Jom Hakkipurim zum Friedenssest des Judentums in seinem. welthistorischen Ringen. Er krönt das Jahr des Juden, - auf dessen Schultern die Weltgeschichte 'mit schwerem Druck lastet. Denn der. Daseinskampf, den der. Jude immer zu führen hatte, ist in unseren Tagen noch erbitterter geworden. So schwere Zeiten hat das deutsche Judentum seit Jahrhunderten ■ nicht mehr gesehen. Wir stehen vor dem deutschen Volke da wie Verurteilte. Wir haben uns zu reinigen vor Gott, vor uns selber und vor der Welt. In die Tiefen der Seele müssen wir hineinfteigen und Geschichte und Gegenwart befragen, wie alles kam. Der erhabene Tag der Vcranklvortung weist uns den Weg. In seinem Mittelpunkt steht, oft wiederholt, das Sündenbckenntnis. Unser Gottesdienst schafft in ihm ein gebietendes Symbol. Es ist jüdische Art, im Angesichte des Unglücks die Schuld zuerst bei sich selber zu suchen. Diese Pflicht zur Einkehr und zur Buße stellt uns aber eine doppelte Aufgabe. Schuld, die wir auf uns geladen haben, <3imei di® J 17 7, iil Zum Werk für Hilfe und Aufbau geeint, ruft die jüdische Gemeinschaft, rufen die jüdischen Organisationen und -Institutionen aller Richtungen die.deutschen Juden zur umfassenden Opfergemeinschaft auf. O eff net die Herzen! Oeffnet die Hände! Es zeugt von menschlicher Größe und jüdischem Bewußtsein, sich dem schweren Schicksal seiner Gemeinschaft zu stellen, auch wenn es den einzelnen selbst noch'nicht erreicht hat. Gerade wer die Not noch nicht verspürt, opfere für die schwerer ringenden Brüder. Es darf nicht sein, daß das deutsche Judentum eine -Gemeinschaft ohne Jugend, eine- Gemeinschaft ohne Zukunft werde. Dein Opfer führt die Jugend zu produktiver Einordnung in neuen Lebens- - raum, damit sie fähig wird, die Sorge für die erwerbslosen Alten auf ihre eigenen starken Schultern zu nehmen. Es darf nickt sein, daß Wissen und Bildung nur dem Besitzenden zugänglich' gemacht wird. Dein Opfer baut am jüdischen Schul- und Kulturwerk.. Es darf nicht sein, daß Alte und Kranke unversorgt bleiben. Dein Opfer sichert die Aufrechterhaltung von Wohlfahrt, Krankenhäusern und Altersheimen. Nach gemeinsamer Planung soll ein edler Wettstreit herrschen in deitz Erfüllung der' beiden Aufgaben: Sicherung des Schicksals der deutschen Juden in Deutschland und konstruktiver Aufbau der jüdischen Heimstätte in Palästina. Die Sammlung für den Keren Hajessod geht deshalb selbständig als in sich geschlossener Bestandteil des gesamten jüdischen Hilfswerks neben der Sammlung des Zentralausschusses. der deutschen Juden für Hilfe und Aufbau einher. ' Jeder gebe nach seiner Einsicht und seinem Herzen, aber er gebe bis an die Grenzen .seiner. Kraft» ■■ und Reichsvertretung der deutschen Juden Dr. Äaeck Or. Hirsch Allgemeiner Rabbiner-Verband in Deutschland jüdischen Glaubens. Dr. Horovitz Dr. Oienemann Justizrat Dr. Ärodnrtz jüdischer Frauenbund E. D. * Reichsausschuß •. - - Ottilie Schoenewald der jüdischen Jugendverbände Coro Berliner Dr. Brodnih . Or. Sommerfeld . Zenlralwohlfahrtssieüe .. der deutschen Juden E. Seligmann Eskeles Zentralausschuß der deutschen Juden für Hilfe und. Aufbau Bsrchardt Or. Kreuhberger Lentral-Derein deutscher Staatsbürger, Hilfsverein' . der deutschen Juden Eugen Landau . Reichsbund, jüdischer Frontsoldaten Zentralstelle für jüdische Wirtschaftshilfe Doyda Or. Rau Or. Loewenstein Zionistische Vereinigung . für Deutschland. Or. Moses müssen wir bekennen. Diese Pflicht zur innersten ^Wahrhaftigkeit und zur Umkehr -schürft das Gebet immer wieder unserem Gewissen ein. Aber auch' nur wirkliche Schuld dürfen wir bekennen. Sind wir nicht schuldig, so dürfen wir uns auch nicht anklagen. Grund- ° lose Celbstbezichtignng ist selber Schuld. Der , grundlos Angeschuldigte wird leicht an sich irre. Die bloße Tatsache der Anklage kann sein« gutes Gewissen erschüttern. Unter der Snggcstivn einer übermächtigen öffentlichen Meinung hat sich schon mancher Unschuldige selber aus- - gegeben. Auch Völker können dann den Glauben an sich verlieren, sich verleugnen und verdammen. „Jener finstere Argwohn, welchen alle Höfe des In- und Auslandes gegen Preußens Heer und Volk hegten, wirkte unausbleiblich auf Preußen selbst zurück", berichtet T r c i t s ch l e von der Zeit nach den Befreiungskriegen und von den führenden Preußen jener Tage. Darum gehört zum Bekenntnis der Schuld untrennbar die Behauptung des Rechts. Kampf ums Recht bis zum Martyrium ist ebenso Pflicht, wie Reue und Buße. In der Nacht zum Jom Hakkipurim lesen wir das Buch Hiob. Hiob war nicht nur der. große Dulder. Unter dem vernichtenden Truck der niederschmetternden 'Anklagen, mit denen ihn seine Freunde überhäuften, blieb er dennoch unerschüttcrt im Glauben an sein Recht. Den Jahrtausenden ruft dieser Knecht Gottes den Protest des Unschuldigen ins Gesicht: „So. wahr Gott' lebt, der mir mein Recht genommen, und der Allmächtige, der meine Seele' verbittert hat!... A n meiner Gerechtigkeit halte ich fest, und ich lasse sie nicht. Nicht verwirft mein Herz irgend einen meiner Tage." (Kap. 27, V. 2 ff.) Der Versöhnungstag lehrt uns nicht nur das Sündern bekeuutuis des Schuldigen, sondern arrch den Kamps des Schrildlosen gegen rmgercchte Vcrurteilrrng. IT. Wir haben uns nicht selber gemacht. In rmserer Gegenwart wirkt eine lauge Vergangenheit nach. Sie hat uns, noch ehe wir geboren waren, den Weg vorgezeichnet und, gebahnt, den wir heute zu gehen haben. Wir sind eins mit unseren Vätern und nehmen deshalb die Mitverantwortung für diesen Weg auf uns. Aber, wer gerecht sein will, muß auch das folgende bedenken: Mit gutem Grund hält man uns die ab-' norme Berufsgliederung vor, die in der Zu-, sammendrängung der deutschen Juden in be-. stimmten Berufen auffallend sich äußerte. In. der Tat enthüllt sich bei einer gewissenhaften. Prüfung unserer Geschichte in Deutschland.ein Glaube, an dem unser Herz hängt, bis zu einem', gewissen Grade als irrig.- Es ist richtige daß seit mindestens scchzehnhundert Jahren Juden in Deutschland leben. Es bleibt wahr, daß wir hier schon früh unsere Heimat gesunden haben. Es trifft aber ebenfalls zu. daß wir auf-wichtigen Lebensgebieten fremd blieben. Weite Räume des Berufslebens blieben uns verschlossen, oder wir hielten uns freiwillig von ihnen fern. Wir haben uns auf wenige Berufe beschränkt. Eigener Wille, Tradition, Gewöhnung an den Beruf des Vaters wirkten dabei mit. Aber ebensosehr bestimmte der feste Wille des deutschen Volkes, der sich die -Jahrhunderte hindurch bis zum Beginn des 19. .Jahrhunderts mit gleichbleiberrder-Entschiedenheit .und unveränderter Energie in seinen Gesetzen äußerte, unsere Berufswahl. Wie gewaltig und übermächtig dieser Wille dem einzelnen Juden feine Bahn v'orfchreibt, hat uns das jüngste Jahr gezeigt. Unerbittlich waltete über uns wie ein ehernes Gesetz jene Naturtatsache des gesellschaftlichen Lebens, die Georg Simmel so formuliert hat: „Zersprengte Leute, in mehr oder'weniger „Ausbildung im Handwerk“ ist da* Motto, unter dem die Blaue Beitragskarte für Hilfe und Aufbau im September zugunsten der Einrichtung handwerklicher Lehrwerkstätten usw. wirbt rin,l. Ucrbrrl tioitnenfeld esnnsQannaasnESBacanBncaGnEnsa geschlossene Knlturkrcise hincindringend, können schwer Wurzel schlagen und sind deshalb zunächst auf den Zwischenhandel angewiesen, der . . . von Außen kommende, nicht von der Wurzel her in die Gruppe hineingewachsene Elemente am ehesten aufnehmen kann." Das „zunächst" hat bei uns länger gedauert, als nötig gewesen wäre. Aber nicht nur durch unsere Schuld. Jenes Gesetz der sozialen Ent- Wicklung Hütte durchbrochen werden können, wenn uns das deutsche Volk von Anfang ait durch planmäßige Siedelung und Bc.rufsumschichtung geholfen hätte. Im Laufe der Zeit hätten wir dann in allen Berufen unsere Arbeitgefunden. Aber die deutsche Umwelt hat uns eben nicht geholfen, nicht im Mittelalter und nicht in der Neuzeit. Bis ins nenn-- zehnte Jahrhundert hinein waren Landwirtschaft und Innungen für uns gesperrt. Im Laufe des vergangenen Jahrhunderts fielen dann die Gesetze, die uns die freie Berufswahl verboten.,-Aber schwere, für viele nnnberwindbare Hemmungen blieben dennoch. Eine Reihe junger.Juden hat .in den jüngsten Jahrzehnten die Landwirtschaft erlernt, ans tiefster Ueberzengnng von der Notivendigkcit eines Wandels und mit größter Hingabe. Trotz heroischer Anstrengungen konnten sie als Bauern in Deutschland nicht Fuß fassen. Indische Flugzcngingcnienre bekamen schon vor Jahren von den größten Werken zu hören, in Flugzeugbau und.Leitung habe der Jude nichts zu suchen. So dürfen wir wohl den Borwurf zurückweisen, an unserer ungesunden Berufs- Verteilung feicit wir allein fchnl-d. Und ob uns eine andere vor unserem Schicksal bewahrt hätte, ist zweifelhaft. m. Die Ablehnung richtet sich nicht nur gegen die Person des Juden, sondern auch den „jüdischen Geist". Unsere Heilige Schrift, das „Alte Testament", wird als seine Verkörperung bekämpft. Die erbitterte Heftigkeit'des Kampfes lim unsere Bibel stammt.ans der Abneigung gegen den lebendigen Inden von heute. ' Weit mehr, als die meisten heute anerkennen wollen, war unsere Bibel forinbildend im deutschen Volke. Nacht nur auf dem im engeren Sinne religiösen Gebiet. .Auch', das eigentlich preußische Element des. deutschen Geistes, die kriegerische' Tapferkeit, hat sich an'der jüdischen Heiligen Schrift gebildet und ausgerichtet. Leopold von Ranke, der Historiker des Preußentums,' schildert in seinen Zwölf Büchern Diese Nummer umfasst 16 Seiten Sie enthält u. a.: Hauptblatt: Oscar Wassermann — Die Juden in Tunis, Reiseeindrücke von Dr. E. F. — Was heisst „Stammesglcichhcit“2 2. Beiblatt: Des .Erlebnis de«, P’ersöhnungstages, ein Interview mit Oberkcnior Lcwandowslfi — Wir■ bauen eine Laubhütte — Arnold Schönberg 60 Jahre alt — Sport der Woche 2. Beiblatt: Der Einfluss der Bibel auf die bildende Kunst, von Professor Dr. Franz Landsberger — Jan und Ruth von Max- Spanier — Karl Wolfskchl — Kol nidre. von Leo Hirsch — Die Klagemauer, von Arthur Silberglcit 3. Beiblatt: Seite der Jugend — Wirtschaft der Woche