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Kinderblatt · 1934-09-06 · 8 (6.9.1934) · page 2

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Journal
Kinderblatt
Volume
1934
Issue
8 (6.9.1934)
Date
1934-09-06
Page
– (sequence 2)
Language
German
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f 'SJ tS> c i Wrttfct-, rms nrs ftc crmimr sauge Jett krank Ivar. VMkoß er, hücSa was in feinen Jireiften ftnnö für |ie zu tun. Jücr Uuiy konnte ein kleiner achtjähriger Junge denn Groyes uickernehmen? Es blieb bei den kleinen Hilfeleistungen wie bisher. „Aber wenn ich groß bin Mutter", sagte er aufgeregt, „darin darfst du nichts mehr tun, daun muht du immer ganz still sitzen oder spazieren gehen und wir wohnen in eiirem Haus, das viel größer und heller ist alS dies hier." Die Mutter antwortete nicht, sie streichelte nur leise sein Haar und Michael suhlte, daß sie nur für kindliche Träume hielt, was ihm doch voller Ernst war. Da sagte er nichts mehr, sondern lieh diesen Wunsch langsam in sich -wachsen und reisen und bic Jahre gingen in gewohntem Gleichmaß dahin. Zwei Tage vor Nosch haschana wurde Michael vierzehn Jahre alt: Er war nun ein schöner großer Bursche mit glänzenden Augen und einem weit über fein Alter hinausgeheudeu Wissen. Wie in jedem Jahr, saß er am Abend dieses Tages besonders festlich gestimmt mit seiner Mutter zusammen, und als sie schlafen gingen, küßte er sie mit großer Innigkeit. Am nächsten Morgen aber war Michael verschwunden. Die Mutter fand einen Brief auf dem Tisch, einen Brief, den sie seit jener -Zeit immer bei sich trug und dessen Inhalt sie auswendig kannte: „Meine liebe Mutier! Du weißt, daß ich schon als kleiner Junge nur den i einen Wunsch hatte. Dir alle Mühe und Arbeit abzu- " nehmen.' Viele Jahre mußte ich warten, aber jetzt suhle ' ich mich groß und stark genug, um es selbst mit dem " . Leben aufzunehmen. Mache Dir keine Sorgen um mich, ’ sobald ich etwas geworden bin, komme ich 311 Dir zurück 1111b daun trennen wir uns nie mehr von einander. Sei mir nicht böse, daß ich heimlich svrtgegangen bin, ich wollte uns den Abschied nicht noch schwerer machen. In Gedanken bleibe ich immer bei Dir. Dein Michael." Das war das traurigste Neujahrsfest, das Mutter Hannah jemals erlebt hatte. Sie konnte es nicht fassen, daß ihr Michael sic verlassen hatte. Sie weinte Tag und Nacht, bei jedem Klingclzug schreckte sie aus in der Hoffnung, er würde es sein, aber als Monat nach Monat verging, ohne daß er zurückkehrte und ohne daß sie eine Zeile von ihm erhielt, da zog sie sich immer mehr in sich selbst zurück und ihre Augen bekamen den suchenden Ausdruck, den die Kinder an ihr kannten. Und wieder nahte sich Nosch haschana. Sechs Jahre waren seit Michaels Abschiedsbrief vergangen. Sechs Jahre des Wartens und der inneren Hoffnung und geduldig mid ruhig betrat Mutter Hannah an diesem Neujahrsabend die Synagoge, um, wie so oft schon in diesen Jahren, ihren Sohn dem Schutz Gottes anzuvertrauen. Langsam und in Gedanken versunken ging sie wieder nach Jpmtfe. Und da . . . Mutter Hannah erschrak ganz tief vor einer seltsamen inneren Freude, da sah sie, als sie atemlos die Tür öffnete,----- Wer findet den Schluu? Das Judentum ist besonders reich an bestimmten Formen und Bräuchen, die dazu dienen, das Leben heiliger zu gestalten und Dinge des Alltags in den Dienst Gottes zu stellen. Einige besonders wichtige Bräuche begegnen uns oft und Ihr habt Euch vielleicht schon manchmal nach ihrer Bedeutung gefragt. So sehen wir z. B. oft au den Türen von frommen Juden eine Kapsel, die sogenannte „Mesusah". dij: ein Pergameniröllchen mit den heiligen Bekenniniswortcn, dem „Sch'ma" enthält. Tie Vorschrift für diesen Brauch lautet: Diese Kapseb ist mif der rechten Seite einer jeden Tür des jüdischen Hauses zu befestigen. Durch diesen Brauch soll das Hans und die Wohnung des Israeliten in Gottes Schutz gestellt werden, aber die kleine Kapsel soll auch die Menschen jeden Tag beim Ein- und Ausgehen mahnen, immer bc- -nüht zu sein, ein Gott lvvhlgesälliges Leben zu führen. Ein'anderer Alltagsbrauch ist das „Tefillinlegen". Die Vorschrift für diese Sitte bestimmt, daß jeder erwachsene, über 13 Jahre alter Mann an jedem Werktag, die Sabbat- und Feiertage sind ausgenommen, an Kopf und Oberarm gegenüber dem Herzen einen Gebetriemen anlegen soll, um anzudenien, daß der jüdische Mensch sich mit seinem Verstand und seiner Verminst, N>ie mit allen Regungen seines Herzens, seinem Wollen und seinem Gefühl Gott unterstellt. Die Worte des Tesillirigekvtes lauten: Das Lelvn heiligen, die Reinheit des Herzens immer wieder von neuem gewinnen. Außer den Alltagsgebräuchen begegnen uns die Speisegesetze am hänsigsicn. Die Thora bezeichnet bestimmte Tiere zum Genuß als erlaubt- und zwar solche, die früher als Opferticre galten. Diese, Rind. Kuh, Kalb, Ziege und Lamm gelten als rem. —- Da aber Speisen ans Milch und Milchprodukten nicht zusammen mit Fleischgerichten genossen werden dürfen, hat jede koschere, rituelle Küche Zweierlei Geschirr. .. •if'ftfl' mmS' /ff«' Natürlich haben die verschiedenen Feste ihre verschiedenen Bräuche. Das Pessachsest hat den Scderabend, zu Rosch Haschana wird Schosar geblasen, das Laubhnttensest hat den Feststranß und die Laubhütte, Ehannlkah die Festlichter. Außer den Festen gibt es al»er noch lvsondere Gelegenheiten, die an bestimmte Branche geknüpft sind. z. V. die Auflösung des erstgeborenen. Wenn die Eltern nicht von einem Kohen (Priester) oder Levi abstammen, ist es Pflicht des Vaters den erstgeborenen Sohn auszulöscn, sobald er 31 Tage alt ist. Die Auslösung geschieht in der Weise, daß der Vater dem Priester, der als einziger anslösen darf, 5 Selaim. das sind in unserem Geld et,va 1-1 Mark Lvsegeld anbietct. Es sind dabei bestimmte Gebete zu sprechen. Die Bedeutung dieser Sitte hat ihren Ursprung in der letzten Plage, die den Pharao in Aegypten vor dem Auszug der Kinder Israel traf, nämlich die Tötung der ägyptischen Erstgeburt. An dasselbe Geschehnis erinnert der Brauch des Fastens der ältesten Sohne am Vortage von Pcssach, der auch ans Dankbarkeit darüber gehalten wird, daß die Erstgeborenen der Inden, nicht K'ic die der Aegyptcr getötet worden sind. Tie Sitte, beim Gebet den Kops mit einem Hut oder einem Käppchen zu bedecken, hat ihren Ursprung in der Herkunft der Inden ans dem Orient. Denn im Orient ist es eine Pflicht der Höflichkeit, die Kopfbedeckung bei der Begrüßung aufzubchalten. so wie es be« uns umgekehrt Sitte ist, aus Höflichkeit den Hut abznnchmen. So behält der fromme Jude ans Demut und Ehrfurcht vor Gott beim Gebet sein Käppchen oder seinen Hut auf. ' Es gibt noch unzählige andere schöne Sitten, die bei den vcrschiedenen Anlässen geübt werden. Sie alle aber wurzeln in einer tiefen Tradition und stellen somit die lebendige Kette zn'ischeN Bkrgangcnhcit und Gegenwart her. II« K. Z» I /c> zi Wciä 3 e § 400W TsvWw 1 Alle andern Geburtstage in der Familie wurden nach dem 'bürgerlichen Kalenderjahr gefeiert. Nur der van Tante Klara nach dem jüdischen. Und da er auf den zweiten Tag Nasch haschana fiel, bedeutete für die Kinder, besonders, als sie noch kleiner waren, eben Nosch haschana dasselbe wie Taute Klaras Geburtstag. Mehr als die andern hing Erni an der Tante. Als sie groß genug war, um sie nlfctn besuchen zu können, ging sie öfter, ihre Puppe aus dem Arm, dorthin. Schon der Weg, am Kanal entlang, ans dem lange Lastkähne von einem Schleppdampfer gezogen wurden, war ihr interessant. Und dann erst die Wohnung der Tante. Sobald Erni kam, zeigte ihr die Tante erst einmal ihre Blumen. So gut wie dort gediehen sie nirgends. „Ich glaube, die Blumen wachsen so schon bei dir, weil du sie so lieb hast", meinte Erni. Und da hatte Tante Klara ihre kleine Nichte gestreichelt und erwidert: „Ja. damit hast du wohl das Richtige getroffen." Und immer kochte die Tante etwas Gutes, ein'Gericht, das Erni besonders gern mochte. An den Geburtstagen hatte Erni eigentlich am wenigsten von der Tante. Da waren soviel Menschen da, die Onkels in ihren schwarzen Feiertagsanzügen und die Tanten in ihren neuen Kleidern. Auch die Kinder waren fein angezogen und saßen ein bißchen eng zusammengepfercht am unteren Ende der Tafel. Dafür konnten sie hier unten sehr viel Kuchen essen; denn die Erwachsenen sprachen erst von der Predigt und dann von den verschiedenen Familienereignissen des vorigen Jahres. Aber einmal war die Tante Nosch haschana nicht zu Hause. Sie war verreist, in das kleine oberschlesische Städtchen, in dem sie geboren war, um eine kranke Vertvandte 31t pflegen. Ernis Eltern hatten ihr einen Brief geschrieben mit vielen guten -Wünschen für den Geburtstag und das neue Jahr. Erni hatte ebenfalls ihre Glückwünsche beigesügt. Und dann war sie svrtgeschickt worden, um den Brief in den Kasten zu stecken. Erni beschloß, ihn in jenen Kasten zu werfen, der sich auf dem Wege zur Tante befand. Bei der Gelegenheit konnte sie einmal wieder die Schiffe auf dem Kanal betrachten. Da es anfing zu regnen, zog sie ihren Regenmantel an und tat den Brief in die Tasche, damit er nicht naß würde. Als Erni bei der Brücke angelangt ivar, die über den Kanal führte, standen dort eine Nt enge Leute. Irgend etwas mußte geschehen sein. Keiner wußte genau, was. „Wahrscheinlich ist jemand ins Wasser gefallen." „Ja, ja. da schwimmt ein Hut!" Erni blieb wie gebannt stehen. Eigentlich wäre sie gern fortgelaufen, aber sie mußte doch erfahren, was los war. Und wenn einer reingefallen war, ob er gerettet wurde. In einem Kahn fischten zwei Männer mit einer langen Stange. Schließlich spießten sie den Hirt auf und reichten ihn einem Herrn. Die Leute lachten ltnd machten Witze. Aber eine Frau mit großen Augen erzählte: „Ich habe wirklich schon einmal gesehen. wie einer reingefallen ist." Und dann begann sie eine fürchterliche Geschichte. Erni, die schon aufgeatmet hatte, daß es bloß ein Hut war, der herausgefischt nmrde, regte die Erzählung der Frau wieder auf. Schließlich nahm sie einen 'Anlauf und rannte' nach Hause. Sie war so durchnäßt und erregt, daß ihre Mutter sie gleich ins Bett steckte, weil sie Sorge hatte, Erni könne krank werden. Am nächsten Morgen war heller Sonnenschein und Erni war wieder lustig und vergaß die aufregende Brückengeschichte und alles, was damit zusammenhing. Der Vorabend des Neujahrsfestes kam. Nach dem Kiddusch-Gebet reichte der Vatex jedem ein Stück Apfel mit Honig und sprach: „Möge das kommende Jahr ein Jahr des Guten und Süßen für unÄ werden!" Ter erste Feiertag verging wie üblich, am zweiten Tag hatten die Eltern diesmal selber Besuch. Keinen Augenblick dachte Erni daran, daß heute Tante Klaras Geburtstag war. Ein paar Tage daraus erwähnte der Vater, daß jetzt zwischen Nosch haschana und Jom Kippur die zehn Bußtage seien. Und wie jeder Jude darüber Nachdenken sollte, was er Unrechtes begangen, damit am Jom Kippur, dem Tag des Gerichtes. alle Sünden vergeben werden könnten. Und dann erzählte er, wie er in seiner Jugendzeit in seiner Heimat, deizr kleinen oberschlesischen Städtchen, wo Tante Klara jetzt wäre, jeden Morgen vor Tagesanbruch in den Tempel gegangen war und Bußgebete gesprochen habe. Erni hörte aufmerksam zu. Plötzlich, bei dem Wort „Tante Klara" siel ihr der Brief ein. Sie hatte ja ganz vergessen, ihn in den Briefkasten zu stecken — damals, als auf dem Wege die aufregende Geschichte auf der Brücke passierte. Erni lief hinaus und untersuchte, ob der Brief noch in der Manteltasche steckte. Jawohl, er war noch darin. Erni war sehr unglücklich. Sie kam sich sehr sündig vor. Einen Augenblick kam ihr der Gedanke, den Brief einfach noch in den Kasten zu stecken. Tann verwarf sie den Gedanken. Der Nosch haschana-Gcburtstag war ja längst vorbei. An diesem Abend lag Erni lange schlaflos. Sie glaubte, ein großes llnrecht begangen zu haben; dann wieder suchte sie ihr Gewissen damit 311 beruhigen, daß sie sich sagte, wie lieb sie die Tante habe, und daß sie nichts Böses gewollt halte. Schließlich schlief Erni ein. Am andern Morgen war sic in aller Frühe wach. Und da fiel ihr ein, wie ihr Vater noch vor Sonnenaufgang zu den Bußgebeten gegangen war. Schnell stand Erni ans, riß eine Seite ans einem Heft und schrieb der Tante alles, was sich Angetragen. Nach dem Frühstück hatte es Erni sehr eilig, von Hause sortzukommeu. Demi noch ehe sie in die Schule ging, kaufte sie von ihrem Taschengeld einen Briefumschlag. Tann ging sie auf die Post, schrieb die Adesse, tat den alten und den neuen Brief in den Briefkasten und lief erleichterten Herzen»» in die Schule. Am Jom Kippur betete Erni mit großer Inbrunst um Vergebung ihrer Sünden. Und abends, als der Schofarton erklang. wußte sie bestimmt, daß die Taute rncht mit ihr böse war, sondern sie genau so lieb hatte wie sonst.

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