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Central-Verein-Zeitung · 1934-09-06 · 36 (6.9.1934) · page 19

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
13 (1934)
Issue
36 (6.9.1934)
Date
1934-09-06
Page
– (sequence 19)
Language
German
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'JÜDIN 4, Beiblatt der C.-V.-Zeitung 6. September 1934 Eckwünsche und Seg-nssprüche sind der Post anvertrausi die sie über d-s wett- OTc(:r,"!jbringt. Eine jüdische Familie, vor Jahresfrist noch v-remt .st über d,e Del zerstreut. Des Vaters Hände tonnen sich zu Äeginn dieses Iahres mcht auf den Kopf der Kinder legen. Aber reichen Vaters Arme weite Meere, über hohe Berge hinüber? Können Kilometer eine Msche saniilie auflofen. haben sie die Kraff, Eeelenbande zu zerreißen? Litte lesen Sie diese Lriefe. Sie sollen Ihnen darauf antworten. Berlin, Freitag! Mein lieber Eduard! Ich lag gestern abend lange wach und überlegte die Wünsche, die ich für Dich im reuen Jahre innig gern erfüllt sähe. Es war merkwürdig für mich, als ich immer wieder fühlte. ivie schwer es ist, die Voraussetzung für ein glückliches Leben, für Tein glückliches Leben m findein früher hätte ich nicht von Deinem, sondern von nnserm Leben gesprochen nnd hätte mir Tich und mich gemeint. Unser beider Konturen hätten sich von einein sanften, elatlen Himmel abgehoben, nnd unfern Gott dahinter hätte ich gebeten, für unser Privates, kleines Glück zu sorgen. Ich hätte c? nicht detaillieren müssen — dieses Glück war so selbstverständlich und so einfach zu begreifen, es letzte sich ans Gefniidheit, -Umft und Arteil. Heiterkeit nnd Verständnis füreinander zusammen. Für die Liebe hätten wir selbst eeiergt. Ja. es ist leicht, die Bestandsaufnahme des Glücks der Sicherheit, des Ansgcrnbb'eins. des stillen Hasen? zit machen. Aber ck ist fchivcr, das Glück der Unsicherheit, der Unruhe. der ewigen Spannung zu erklären, wenn da?' private Ziel in irnendliche Ferne iimicft ist. nnd wenn da? eigene, eitle nnd Mtsüchtige Ich einsehen must, daß es zu untüchtig geworden ist. al? daß man alle? daran sckcn müßte, ihm ein behagliche? An?geding ^schaffen. Ich glaube nun, daß diese Eintckl schon der Boden de? neuen Glücke? ist, lrc.M nicht da? Glück selbst. _ Soll ich Dir nun, mein Guter, die Freiheit Dir selbst und mir gegenüber wünschen? 7a? ^schmerzt etwas. Vergiß nicht, daß Du 7ir selbst, aber nicht mir unwichtig werden kannst. Ich merke, daß Tu schon weiter bist ei? ich, daß Du da? für nn? so gewandelte Aden mit Genuß trinkst, wo ich noch Bitterkeit verspüre. Sollte ich wirklich noch an Rolen-Aüsch-Jdealen hängen? Ich schämte mich dafür zn Tode. Und so will ich meinen Nenjahrswnnsch dahin znsammcnsassen. daß ich mit Dir schritt halten könne auf den neuen Wegen, das; unser gemeinsamer Mut täglich wachse lind unsere Äugen immer Heller in das unbekannte Jahr sehen möchten. Deine Hanna. Berlin, den 5. September 193t Michaelbruder, ist e? wirklich wahr, daß Tu so weit weg bist :md daß ich schriftlich und feierlich Dir meine Üenjahrswünschc schicken muß? Paß nur aus, selbst die Erinnerung au Deine nicht immer scharmanten Rippenstöße wird nicht verändern können, daß ich gleich ein wenig vor Sehnsucht und Wehmut sterben werde. Vorher aber, Michaelbrnder, schau mir fest iu die Augen. Ich wünsche Dir, daß Tu während de? ganzen, langen Jahre? nicht einmal sagen willst oder denken mußt, da? 'Veben sei sinnlo?. Deine Arbeit' und da? Lernen feien zwecklos nnd ohne jede? Ziel, weil e? schon genug Acrzte auf der Welt gebe. Ich wünsche Dir, daß Du den Sinn de? Leben? schon im Leben allein findest, den Zweck der Arbeit'im Arbeiten selbst. Sicherlich wäre e? der fertige Unsinn, wenn ich da? al? Rezept allen Menschen verschriebe, aber für Dich ist es bestimmt richtig. Ich weiß, daß Du in allen anderen Bernsen, schon wegen de? unendlichen Schmerze?, nicht Arzt sein zn dürfen, ewig ein Dilettant bliebest und daß für Dich eben die Umschichtungsweisheit nicht gilt. Wenn Du nicht mein Bruder wärst, sagte ich jetzt, daß e? auch für Deine medizinische Begabung zu schade wäre, sie brachliegen zn lassen. Du wirst Dich schon als alter Onkel Hottentottendoktvr irgendwo im Dschungel wohl fühlen, nnd ich komme Tich dann besuchen. . Dann soll Dir da? Englische bald vertranter klingen nnd dann sollst Du Dich mit den Bäumen im Hydepark befreunden. Da? ist wichtig! Bitte, lache mich nicht an?, manchmal glaube ich, daß mich die kargen alten Fichten im Grnnewald an Berlin sesthalten. Bon den Eltern erhielt ich gestern einen langen Brief. Vater schreibt, daß Mutter noch immer jeder Kamelkarawane lange und fassung?lo? Nachsicht. E? ist herrlich, daß unsere alten Herrschaften so tapfer sind. Sie sind in Palästina beinahe wieder jung geworden. Merkwürdig, daß ich al? letzter Rest von nn? hier in Berlin geblieben bin. Aber mich halten die Fichten, die Arbeit nnd Eduard zurück. Ich lebe, jetzt sehr still, e? ist alle? ander? geworden seit letztem Neujahr, wo Ihr noch da wäret. Eduard sagt: ander?, aber nicht schlechter, und macht strenge Augen, wenn ich manchmal unsicher oder resigniert bin. Michaclbrudcr, sieh' zu, daß Du da? mit Deinem niedlichen und winzigen, dafür aber zierlichen Verständlcin kapierst. Apropos, wenn Du in London über die Straße gehst, schauen Dir nicht manchmal die Damen so fassungslos nach wie Mutter den Kamelkarawanen in Jerusalem? Oder bist Du nicht gleich eine ganze Karawane? Bleib' gesund, vergiß mich nicht nnd mach' e? gut im neuen Jahr, mein Michaelbruder! Deine Hanna. London den 9. September. Liebe Hanna, e? ist so gut, daß Dein Brief zu früh kam, ich wäre sonst am Ende noch unpünktlich geworden. (Nicht, daß ich'? vergessen hätte. Dir zu schreiben. Tu mißtrauisches Geschöpf!) Also ich danke Dir von Herzen, und sei unbesorgt. Nichts kommt mir sinnlos vor, nur manche? etwa? langweilig, und dann muß ich noch lernen, einige Kilo Vorurteile, abzubauen. Ich meine die Einbildung, manche? besser zu wissen als meine neuen Professoren hier, die eben —ander? sind. Für die Medizin bin ich vielleicht nicht so begabt, wie Tn schreibst, noch so begeistert, wie Du denkst, aber fest entschlossen. Ich habe mich mit mir — ans Engliich, denn mit mir selber spreche ich nur noch englisch, nur mit den anderen fällt c? mir schwer — dahin geeinigt, daß ich dabei bin und dabei bleibe, nnd damit basta! Aber nun ernsthaft, wa? ist mit Dir? Offen gestanden, ich weiß nicht, wa? ich Dir wünschen soll. Ich möchte beinah neidisch vor Bewunderung werden, daß ich Dich so inr Einklang mit Dir selbst (nnd mit Eduard, grüß ihn!) sinde, nnd kann Dir nur wünschen, daß e? wirklich nnd immer so sein möge. Hier sind so viele Menschen, daß ich oft außer mir selbst mit niemand mich mehr zanken kann nnd lach' mich nicht an?, gern alle Rippenstöße mit Zins und Zinseszins von Dir zurnckbekäme, wenn ich damit manchmal Deine Anwesenheit erkaufen könnte. Ich komme mir immer weniger erwachsen vor; aber verrate da? niemand, besonder? nicht den alten Herrschaften nnd dem alten Edu, und denke gelegentlich an Deinen kleineren Bruder Michael. . Jerusalem, den 26. August. Mein liebe? Kind, in diesem Jahr sind wir zum erstenmal an den hohen Feiertagen ohne Dich, nnd obwohl bi? dahin ja noch Zeit gcn.ng ist, denn ich muß den Brief ja doch rechtzeitig zur Post geben, nnd obwohl Du ja gar nicht mehr so klein bist, wird mir doch schon bei dem Gedanken nn Tich da? Herz schwer. Ich will Dir da? Deine aber nicht durch Klagen schwer machen, sondern'Dir vor allem sagen, daß es der Mutter nnd mir gut. geht, so gut, wie es einem in einem fremden Land unter einer fremden, sehr heißen Sonne gehen kann. Ich habe Aufträge genug, nnd die Mutter kann um Nahrungssorgen unbekümmert ihren Kleinkrieg.gegen da? Ungeziefer und ihren Großkampf gegen den Petroleumkocher führen. Sie scheint zn siegen; denn die Fliegen, Moskitos, Skorpione nsw. haben nn? noch immer nicht ausrotten können, und da? Mittagessen ist immer noch mit der auch Dir so wohl oder übel bekannten Pünktlichkeit fertig nnd vertilgt worden. Nun aber zu Dir: Wie geht'? Dir, wa? treibt Dein Eduard? Ich.srcne mich für Dich, daß Dein Vertrag verlängert worden ist nnd daß Tein alter Ehcf Dich behalten kann. Tn bleibst in Deinen Gewohnheiten nnd behältst Dein bißchen Eomsort, den nur hier entbehren. Ich wünsche Dir, daß Tu e? im neuen Jahr nicht schwerer hast al? bisher, mein Kind, und daß Tein Gefühl für Edu (und sein? für Dich) Euch zufrieden nnd heiter die? alle? ertragen lassen. Wenn wir unter besseren Umständen an?- gewandert wären nnd Dich unter besseren Umständen hätten znrücklasscu können, denn Tu wolltest und mußtest wohl bleiben, so wäre unser Verlangen, Dich schnell einmal zu sehen und zu sprechen, vielleicht nicht so groß. Aber selbst wenn die Reise so weit gewesen wäre, wie sie ist, wäre ich doch gern selbst gekommen, um Tich zum Rösch haschana zn benschen. Um wieviel lieber jetzt. Tn wirst meine Hände auf An der Wende Von Leo Hirsch Die Nächte sind schon kühle. Und Nebel auf den Wiesen braut, Bis durch da? Dunstgcwnhle Tie rote Sonne schaut. Nachsommersäden schwingen. Tie Luft ist nun au-? lauter Licht — Tie letzten Lerchen singen Don Abschied nnd Verzicht. Dann beten wir vor Reue Und schlagen schluchzend an die Brust Und werden uns ans? neue Der alten Not besvnßt. M!II!!IIII!III!!!I!I!!II!II!IIIII!IIIII!IIIII!s!lI!I,I!sIIIIIIII!!!k!I!IIIIl!IIIII!II? einem Kops fühlen und den Segen hören, den ich über dich ausspreche, so wie ich an diesem Abend immer mich erinnern muß, svie mein seliger Vater mir die Hände ans den Kops legte, um mich zu benschen. Bete Dir alle? Gute von Gott an.?, mein Kind nnd sei gegrüßt nnd geküßt von Deinem Vater. Jerusalem, den 26. August. Mein Junge, wir haben uns dahin geeinigt, daß Vater zuerst an Hanna nnd ich zuerst an Dich schreibe. E? geht un? so gut. d. h. so einfach nnd natürlich, daß ich gar keine Neuigkeiten zn berichten habe, nnd nach den vielen Ereignissen früherer Zeiten danke icls Geck dafür. Gestern haben voir hier einen Prinzen gesehen, der aus der Durchreise nach London ist. Am liebsten hätte ich ihn angeiproclsen und ihm Grüße für Dich ausgetragen nnd ihn gebeten, einmal nach Dir zu sehen. Denn manchmal sorge ich mich beinahe um Dicb. Vater sagt, c? ist Unsinn, aber sieh mal. bei Hanna weiß ich. wo sie wohnt, wo sie arbeitet, ich Fenne die Häuser, die Straßen, die Menschen um sie herum, c? ist sa schließlich unsere Heimat. Bon London weiß ich nicht?. Weder wo, noch wie Du wohnst, noch wa? Du zu csien bekommst, noch, mit wem Du umgehst. Und darum erschrecke ich manchmal direkt, wenn c? mir bewußt wird. Bor allem, mein lieber Junge, bleib mir gesund! Und dann Null ich beten, daß Tu e? nicht zn schwer haben mögest. Dir auch in der neuen Umgebung Liebe. Freundschaft, Achtung zu erwerben, anderen Menschen zn helfen und selber vorwärtsznkommcn. Plein Segen begleitet Dich auf allen Deinen Wegen. Von Herzen küßt Dich Deine Mutter. Berlin, den 14. September 1934. Meine lieben, guten Eltern, ich habe mir alle? Gute von Gott ansgebeten, da? Beste war Eure Gesundheit nnd ein lange?, reichgesüllte? Leben für Euch. Ich weiß nicht. Vater, ob ich am Rosch haschana. alle? richtig gemacht habe, ich war zum erstenmal in meinem Leben „selbständig" fromm, aber weil e? auch da? erste Mal war. daß c? mir ein ganz große?, festes Bedürfnis war, wird mich der liebe Gott schon richtig verstanden haben. Ich bin sehr glücklich, daß e? Euch gut geht und daß Ihr Euch schon etwa? unter der neuen Sonne cingelebt habt. Neulich träumte ich. daß Mutter eine Erziehungsanstalt für Fliegen nnd Moskito? eingerichtet habe, in der e? sehr bunt durcheinander zuging. Mutter war n o, ~r\r‘ |,o,‘?! Lj Postsche«kkon»o 1980 Nürnberg IMF n® IJuvi? ,90 juLiü? E n n an cs .uLUüLJ\Du LsLuuLjVii? w ESsigO Ei!^ÜUi Diese Anstalt, ein Werk edelster Menschenliebe, hat unter den grössten Opfern auch in diesem Jahre 460 armen kranken Kindern aus allen Landesteilen — den meisten völlig unentgeltlich — Aufnahme gewährt. Die Anstalt ist so zu einer Quelle des Heils und Segens für die weitesten Kreise geworden. Durch unsere stets geübte Grosszügigkeit sind die Mittel erschöpft. Und wenn uns nicht jetzt rasche und reiche Hilfe zu teil wird, sind wir zu unserem Bedauern genötigt, die Pforten der Anstalt zu schliessen. Wer will diese Verantwortung auf sich laden? Helfet darum und unterstützt die Anstalt durch reiche Spenden, dass sie weiter zum Segen armer und kranker Kinder bestehe! Gottes Segen sei Euer Lohn! ECossiongeii e.v. Postscheckkonto 19SO Nürnberg SsB^QSo&Ssdfl© R « f* ( 3/^1 L u, hu Qmu u U I i I i! | J i

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