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Central-Verein-Zeitung · 1934-08-30 · 35 (30.8.1934) · page 8

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
13 (1934)
Issue
35 (30.8.1934)
Date
1934-08-30
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Stttmis eine& Seelsorgers * Zum zehnten Todestag von oberrabbiner Max Kopfstein f.A. (LI. s. 1924) Von Hans Reichmann Ter Monn, dessen zehnter Todestag uns Anlaß «st. sein Bild wiederum in diesen Blättern zu zcnchnen. war ein Leben lang Rabbiner einer Mittelgemcindc. lieber den 'Rahmen Benthe n s und Ob e r s ch l e s i en s hinaus wirkte er selten. Ein literarisches Werk hat er nicht hinterlassen. llnd doch ist Anlaß genug, vor einem weiteren .Kreis dieses ausgezeichneten Mannes zu gedenken. Wenn mau von seinem bedeutenden Rcdncrtalent. seiner vorbildlichen scelsvrgcrischen Treue, seiner Einsatzbcrcitschast für jedes Gemeindcmitglied spräche. wenn man seine Pflichttreue rühmte und seine Würde, und ihm für seine Güte dankte, so wären alle diese Urteile über Gharakter und Leistung richtig . . . aber das persönlichste seines eigenartigen Wesens wäre noch nicht ausgesprochen. Will man dieses Leben in seiner Weite und seiner Bitalität erfassen, so muß mau die Bielzahl der Mosailsteine sanuneln, durch deren Buntheit sein Bild sich leuchtend zusammensctzt. Wenn er Morgen für Morgen und Abend für Abend ins Gotteshaus schritt, grüßte ihn jedermann; nicht nur die Gemeindekinder, Jeder Belltücncr Bürger kannte die einprägsame, würdevolle Erscheinung. Ter Polizist salutierte und der erste Staatsanwalt begleitete ihn ein paar Schritte, um das Gespräch aus der letzten Sitzung des Gefangenen-Ausschusses fortzuführcn. Herr X. neigte sich ganz besonders ehrerbietig, wie jemand, der gern angcsprvchen sein möchte. Er hatte richtig berechnet, und die Badekur, sür die er die Mittel brauchte, sollte er haben. Unmöglich, den Umfang und die Eigenart der besonderen charitativen Fürsorge zu schildern: er war da, wenn jemand zu fallieren drohte und zu ungewöhnlichen Hilfsgängen bereit. Er sorgte für Ltudienhilfe'und Ausbildung bedürftiger Begabter, still und vornahm. Er kittete zerbrechende Ehen, und er war den Hinterbliebenen mehr als nur konventioneller Berater. 3" den Bcrsetznngskonserenzeu des Ghmnasimns kämpfte ec für „Todeskandidaten", die feiner Unterstützung würdig waren. Wie ihm überhaupt die intensivste Bemühung um junge Menschen als eine Aufgabe schien, die einen erheblichen Teil seiner Jcit beanspruchen durste. Er wollte seine Schüler zu Repräsentanten des Judentums erziehen. Er wollte ihnen etwas von der sclbstverständtichen Sicherheit und Würde vermitteln, die er ansstrahlte. Und er wollte gute und käinpscrische Juden aus ihnen machen, wie er selbst, Borsitzeudcr dc-s Bcuthener E.-B., ein Kämpfer fürs Judentum war. Sein Religionsunterricht vermittelte — wie uatürliclr — Wissen vom Judentum. Auch daß er jeden seiner Schüler väterlich hörte, daß mau ihn in den „LebeuS- und Glanbenskonstikten" der Primanerzeit besuchen durste, mag nicht eigenartig sein. Aber wie er in jeder Religionsstunde Apologetik trieb, uns mit dein Stolz auf das Judentum auch die Kämpsereigenschaslen für unsere Gemeinschaft zu vermitteln suchte, wie er unfern Stil formte, uns zum freien Sprechen zu erziehen suchte, das war allein durch den Wunsch begründet: Ein Geschlecht selbstbewußter Menschen zu bilden, die durch ihr Sein der Lcsscntlichkeit ein anderes Bild vom deutschen Juden geben sollten als die Ghetto-Karrikatnrcn. Er selbst lebte uns vor. wie man dem Indentum und der jüdischen Gemeinschaft Ansehen und Autorität versciMtc, wie inan sich als Jude für das Judentum den Anspruch aus gleiche Achtung durchsetzte. Er kam zrl den Behörden, nicht devot und als Bittsteller, sondern er verhandelte mit ihnen als gleichberechtigter Partner, den man wegen seiner Klugheiten, seines Einflusses und seiner vaterländischen Einsatzbereitschaft zu schützen wußte. Bor dem Krieg trat er einem russischen Landrat gegenüber, von dem er die Freilassung eines in ein russisches Kloster entführten jüdischen Kindes forderte. Ter Russe glaubte, mit dem Juden so umgehen zu können wie das die Art zaristischer Beamter war. Kopfstein hat ihm geantwortet, als ob ob er in dieser Stunde Abrechnung für alles halten sollte. was das alte Rußland unserer Gemeinschaft angetan hat. Trr Russe soll über den Ton und die Anklage sehr betroffen gewesen sein. Im Krieg stand er als Grenzrabbincr dem Generalkommando Ober-Ost zur Verfügung, m der Abstlmmungszeit wirkte er eindrucksvoll für die deutsche Sache. Ilm so tiefer war der Patriot enttäuscht, als sich nach dem Abztlg der Besatzungstrupveu auch in Oberschlesien zum erstenmal eilte antisemitische Bewegung organisierte, die nichts von der in Kampftagen erprobten Getneinschaft und Einigkeit wisset: wollte. Er glaubte dttrch sein Wirken die jüdische Gemeinschaft gegen solche Angriffe gefeit zu haben. Er hat nur zum Teil recht behalten, aber doch zu einem nicht unerheblichen. Sein Wirken war nicht vergeblich. Als er vor zehn Jahren starb, trauerte die ganze Bevölkerung der Stadt Beuthcn tun ihn, und der Trauerzug ivurde von erleuchteten und umflorten Laternen ehrfurchtsvoll gegrüßt. Als Schüler suchten nur das lebeitde Borbild, die Persönlichkeit im Gvetheschcn Siittte. Wir prüften unfern Umkreis und unsere Lehrer. Aber wir fanden mir einen, deut tvir mit richtigeut Jnslinkt dcit Ehrentitel der Persönlichkeit gabelt: unserem Rabbiner Tr. Max Kopfstein! Zum Ahr Mor Zmobsons Aut 2:;. August starb im Alter von 65 Jahren in Bern Tr. Biktor Jacobson, Mitglied der Exekutive der Zionistischen Organisation und der Jewish Agency ttnd akkreditierter Vertreter der Jewish Agency beim Völkerbund. Jacobson, der seit Jahrzehnten in der zionistischen Arbeit starrd, hat besonders dttrch seine diplomatisclien Fähigkeiten, feine umfassende Geistesbildung und fein starkes Einfühlungsvermögen Hervorragendes für das 'Palästinawcrk geleistet. In Südrnßland gebordn, gewann er in Deutschland tmb Frankreich eine tiefe innere Beziehung ztt deit Gütern der westeuropäischen Kultur. Seine Tätigkeit als Leiter der Betonter . Filiale der Anglck Palestine Co (1906) und als politischer Bertreter der Zionistischen Organisation in Konstantinopel (J‘JUS) verschiffte ihm bereits frühzeitig einen Blick sür die besonderen Fragen des Vorderen Orients und für das jüdisch-arabischc Problem. Seit 1925 war er Vertreter der Jewish Agency beim Völkerbund. An seiner Beisetzung in Eens nahmen zahlreiche führende jüdische Pcrsönlichleitcn, sowie ofsizielle Vertreter des Völkerbundes ttnd des Jntcrnattonalen Arbcitsanites teil. Professor Wcizmann hielt aut offenen Grabe eine Ansprache, in der er die großen' Leistungen des Verstorbenen in Erfüllung der ihm übertragenen schwierigen und verantwortungsvollen diplomatischen Ausgaben hervvrhob. ^rS8ZLLLL^8ALLGZL^LeZLLVrL Rach dem Ableben des Vorsitzenden des amcrika- Nischen Repräseiltantenhauscs, Henry Raiuey. wird zunächst der 68jährige Abgeorducle Adolf Sabbath. ein Jude, als ältester Abgeordneter dert Vorsitz im Repräsentantenhaus führen. Sabbath gehört der Teutokratischeu Partei au und ist seit 26 Jahren Abgeordneter in Illinois. Ter jugoslatvische Minister des Innern ernannte den neuen, aus 50 Pccsoueu bestehenden Gemeiuderat für Grvß-Belgrad. Fünf Juden wurden in den Gemeiuderat entsandt. Unter ihnen befindet sich der Präsident der askenasischeu jüdischen Genteinde M'd Vizepräsident des zionistischen Landesverbandes Tr. Friedrich Pops. Zum Rachfolger des vor kttrzent verstorbenen Leiters des Wisseuschaftlich-krimiuviogischen Instituts in Rom, Professors Ottvleughi, der Jude war, ist wieder ein jüdischer Gelehrter, Professor Falco von der Universität Reapel, bestimmt tvordeu. Entgegen früherett Rachrichteu tvird aus Algerien gemeldet, daß.die anläßlich der Unruhen in Eonstantiue entstandene Spannung zwischen Arabern und Juden nicht nur nicht geschtvnndcn ist, sondern daß sie sich noch ans andere algerische Städte übcrtragett hat. Es wird daher mit der Möglichkeit neuer Unruhen gerechnet. Bon dert Behörden sind Vorkehrungen getroffen worden, nm die Wieder- Hölting von Zusammenstößen zu verhüten. Ter Borsitzende der mohaimnedanischen Religionsgemeinde in Bvne hat jedoch den Meldungen. die von einer Spannung ztvischen Jndett und Arabern wissen wollen, öffentlich widersprochen. Tie Untersuchiing über die Ansschreitungen in Eonstantine hat bisher ttoch nicht zu abschließenden Ergebnissen geführt. TaS Eonstantiner Polizeigcricht hat etwa .150 'Araber mit Gefängnisstrafen bis zu fünf Jahren belegt und mehrfach Aufenthaltsverbolc niisgesprochen. In einent nach Paris gesandten Bericht des jüdischen Konsistorinms ans Eonstantine tvird ansdrücklicli sesigestcllt. daß die Unruhen keineswegs ans eine von jüdischer Seite erfolgte Provokation zurückznführen seien, sondern daß 'es siel) um einen wohlvorbereiteten kriin.inellen Plan zur Plünderung des jüdischen Viertels gehandelt liabe. In diesem Zusammenhänge werden auch schwere Vorwürfe gegen die Behörden erhoben. Angesichts der in letzter fleit verstärkten nnti» semitischen Propaganda wurden in zahlreichen Städten in Tunis besondere polizeiliche 'und mititärische Vorkehrungen zur Berhütttng etwaiger Attsschreituugeu getroffen. Tie jüdische Bevölkerung ist in vielen Ortschaften von einer Pani! ersaßt, da man mit der Möglichkeit ähnlicher Exzesse rechnet, wie sie sich vor kurzem in Algerien ereignet haben. In litanischeu Provinzstädten ist cs in der letzten Woche vcrschiedcittlich zu judeuseindlichen Exzessen gekommen. So sind tn Schaulem jüdische Warft, handlec mißhandelt worden. Ihre Marktbude» wurden deutoltert. Dte Ansschreitungen griffen vom Markt auf dte Stadt über. Aehnliche Mel. düngen kommen aus Pouiewezh und Rassein Vox*- sollen zehn Juden ihren Verletzungen erlegen "sein' Obwohl die litauische Regternng die Berichte als aufgebauscht bezeichnete. ift es auch in Kurichmw zwei Tage später zu Judenverfolgungen gekommen Doch ist die Ordnung wtcderhergesteltt tvvrden. Tic Zeutralregicruug in Kaunas hat einer jüdischen Tclegation versprochen^ strenge Maßnahmen im ganzen Laude zti ergreifen. Seitens des Konnnanbauten von Schaulcu ist die Schließung aller dort de. findlichen Büros von zionistischen Jngendvereinen verfügt worden. Das Zentralkomitee des Hechah,- in Kaunas hat die Behauptung, die Unruhen seien auf jüdische Provokationen zurückzuführen, in einer Erklärung zurückgewiesen. M Lage der Men kn Werreich Ter Bertreter der Jüdischen Telegraphen. Agentur hatte Gelegenheit, mit einer führenden Persönlichkeit des Wiener Judentums über die augenblicklich!: Lage der jüdischen Bevölkerung in Oesterreich zu sprechen. Tem Bericht ttoch sind die Wirtschaftsposttionen der Inden schwer bedroht. Tie Berartttnng nimmt in erschreckendem zu. Alle Bemühtingen der jüdischen Repräsentanten. den von der neuen Verwaltung der Gemeinde Wien eingeleiteten Abbati der jüdischen Angestellten, vor allem der Jngenicnre ttnd Aerzte. aniziihalten bzw. rückgängig zu ntachen. haben bis jetzt nur in ganz vereinzelten krassen Fällen zu einem gewissen Erfolg geführt. Das Gros der jüdische,t Äerztc ist weiterhin vom Abbau bedroht, der planmäßig tu deut R.'aße erfolgt, als sieh ein Ersatz an christlichen Aerzteu findet. Aehulich ist die Sitnativu iit den staatlichen Heilanstalten ttnd in allen Institutionen. an denen jüdisches medizinisches Person'al beschäftigt ist. Tie Gctneinde Wiett baut sogar jüdische Kindergärtnerinnen ab. Tie Situation der jüdischen Aerzteschast in Wien ist kritisch. Tie Lage der jüdischen Bank., Industrie, und Handelsangestellten ist schon als hoffnungslos ztt bezeichnen. Tie jüdischen Bankbeamten werden im Zuge der Bai.kensaniernng bis atts ein Minittttim ans dem Appraat der einzigen noch bestehenden Großbank entfernt. Bei dein im Vormonat dnrchgeführtcn Abbott im Bankverein wurden zirka 50 Prozent der ttoch aktiv gewesenen jüdischen Bcamten entlassen, während bei den nichtjüdischcn Beantten der Abbau bloß 12 Prozent betrug. Ta die verstaatlichten Großbanken die gesamte Industrie beherrschen. sind auch die Judustrieaitgcstelttetl dieser Pcrsoualpolitik uutertvorfeu. Aue!) die Angestellten des Großhandels und der großen Waren. Häuser sittd vom Abbau bedroht. Tie traurigen Wirtschaftsverhältnisse. verschärst dttrch die besonders scliwere Lage der jiibischon Konsumenten. haben tu Kreisen der jüdischen Geschäftsleute einen sttauperisierungsprozeß ans. gelöst, der ivahrhaft erschreckend ist. Tadurch ist die finanzielle Leistungsfähigkeit der jüdischen E» mcinde cinpfittdlich gcschtvächt. In einem norddeutschen Bezirk waren iml Nahmen der Renorganisation der Atilchwirtschast Schwierigkeiten bei der Attslieferung von Koschermilch entstanden. Tie Auslieferung umrbe voti dein zuständigen Bezirksverband schließlich gänzlich untersagt. Das von den dortigen gesetzestreueu Inden mit Hilfe des (5.-B. angegangene Reichslvnnnissnriat für die Milchwirtschaft 'hat setzt so entschieden, daß die Verteilung von Koschermilch wieder möglich ist. 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