Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 13 (1934)
- Issue
- 35 (30.8.1934)
- Date
- 1934-08-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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7 3u$* t >Ul tt i\n« n der »s :,u c lnoreinitmru i:ung. allen J XIII. JahYgang / Nr.35/ Berlin, SO. August 1934 •./ Preis 2-0 PSgmIs jLUTEB tn 1181 vVW y' - vVs/ istl WW Ter Aufbau und die Zusammensetzung der zentralen jüdischen Organisationen und Stellen werden in der jüdischen Presse gegenwärtig mit einem Eifer und einer Eindringlichkeit erörtert, alS ob grundlegende Veränderungen ebenso nahe bevorstehen wie sachlich notwendig seien. Ich stehe gewiß nicht auf dem Standpunkt, daß derartige Betrachtungen. wenn sie sachlich notwendig sind, unterdrücktwerden sollen. Wer lebensvoll sein deutsches Judentum erlebt, wird in heutiger Zeit kein Vertreter des ewig Gestrigen sein können, -reute kann, insbesondere in führender Stelnung, niemand bestehen, wenn er nicht Einfühlung genug besitzt, um sich bei aller Treue Zu den Grundfragen seiner Anschauung der in schnellstem Tempo ändernden Situation anzupassen. Aber die Ausgabe dkr großen jüdischen Einrichtungen und Organisationen, der jüdischen Presse und der führenden Persönlichkeiten im deutschen Judentum ist es, auch darüber zu wachen, daß nicht ohne Grund und in einer Wertvollstes gefährdenden Weise Aufbauarbeit, die eben erst vollendet ist, in Zweifel gestellt wird. Mit bangem Gefühl erinnern wir uns der Zustände, die nach den umwälzenden Ereignissen des vorigen Jahres im Zusammenarbeiten oder im Gcgeneinanderarbeiten der großen jüdischen Einrichtungen und Organisationen herrschten. Es ist eine Großtat des deutschen Judentmns, daß es gelungen ist, im Widerstreit der Meinungen und in einer Weise, die ganz modernen Anschauungen entspricht, die Neichsvertretung zustandezubringen. Tie großen öffentlich-rechtlichen Gemeinschaften, die jüdischen Gemeinden, mußten im Verein mit den großen jüdischen Organisatio- M. ... _ __ A. H. Vom 20. bis 24. August 1034 saßen in Eens ungefähr 100 Juden aus 26 Länhin der Welt zusammen, die 40 Organißtionen vertreten wollten. Unter diesen 4i Organisationen befanden sich weder die ZMische Weltorganisation, noch das Lnerican Jewish Commitee, noch die Alliance Jiraelite Universelle, noch der Jewish Board ojTeputies, die Spitzenorganisation der englischen Juden. Vom American Jewish Commitee liegt, eine Erklärung vor, die gegen die Eewer Konferenz und gleichzeitig gegen die rchasfnng eines jüdischen Weltkongresses in dieser Zeit Stellung nimmt. Tas Commitee beruft sich dabei ans die gleiche Haltung, die bi» zentralen englischen und französischen südischen Körtterschasten eingenommen haben. Ungarn war nicht vertreten; daß die deutschen Juden der Veranstaltung fernblieben, versteht 'ich von selbst. Es war nun bereits zum dritten, oder, wie manche sagen, zum vierten Male, daß eine jüdische W e l t k o n f e r e n z stattsindcn sollte, und daß nur ein vorbereitender Ausschuß zustande kam, an dem maßgebende Organisationen des Judentums, mit geringen Ausnahmen, unbeteiligt blieben. Zu diesen Aufnahmen zählen die staatlich anerkannten jüdischen Gemeindenkörperschasten von Italien und Jugoslawien. Es besteht kein Zweifel darüber, daß die gegenwärtige Weltlage eine Reihe von fragen auswirst, die in sachlichen! Zusammenwirken aller Inden zum Wohle aller Juden behandelt werden könnten. Und ohne Frage werden die Juden außerhalb Tentschlands durch die Tatsache beunruhigt, daß sich in allen Teilen der Velt Vorstöße judenfcindlicher Gesinnung erkennen lassen, und daß in der deutschen Presse Meldungen über internationale Zusammenschlüsse von Antisemiten aller Länder zu einem Antisemiten- und panarischen Weltkongreß zu chrdeu sind. Hieraus errvächst eine Stimmung, der internationalen Organisation ^'der Judenfeinde eine internationale Bekämpfung Jcr Jndcnseindschast entgegensetzen will. Tie ll'robleme erhalten aber für uns deutsche W-'den ihre Verschärfung dadurch, daß sich nach ^'age der Tinge die Erörterungen^über die chn-Linandcrsctzung mit der Judenseindschast m der Welt hauptsächlich um deutsche Er- Zljnisie gruppieren. Alan hat.,zwar deutlich w Beginn der Tagung seitens ihrer Leitung Zllärt, daß sich die Beschlüsse nicht _ gegen ^vutschland. auch nicht gegen das Regime in ^vutschland und die gegenwärtige Regierung Achten sollten, sondern nur gegen die deutsche g.udcnpolitik; aber das sind Formulierungen. Zw mehr für theoretische Untcrschcidungsweudigkeit als für realpolitische Einsicht sprechen. Ter Gesamteindruck der Genfer Konferenzwvckt die Erinnerung an die Acußerung eines Zueriürnischen führenden Zionisten, der un üwruar d.- I. seine A b l e h n n n g des Welt-- wtzgreßgedankens damit begründete,. daß man so zusammengesetzten Gremien mehr "Vramntische Effekte" als konstruktive Tätigkeit euzutresscn .pflege.. Tiefe, negative.Feststellung. MM MWWSU ist heute noch und besonders von uns aus zutreffend. Man hat es in Genf mehr auf -dramatische Effekte als auf konstruktive Arbeit abgesehen und hat in sicherer Entfernung von -den Ereignissen, über die man sprach, Reden gehalten, deren lautes Getöne den schrillen Klang des zerbrochenen Porzellans nicht überdeckte. Man tut sicherlich den Juden, die in -Gens zufammeiikamen, Unrecht, ivenn man -diesen Erfolg -als beabsichtigt anfieht. Aber 'cs geht nicht an, sich über die Wirklichkeit in einer Weise hinwegzusetzen, wie es in Genf geschah. Alan weiß ans eingehenden wissenschaftlichen - Untersuchungen, wie - belanglos, relativ und absolut, gegenüber den großen weltwirtschaftlichen Umwälzungen jüdische Bopkvttparolen gewesen sind. Wenn man'sie trotzdem wiederholt, so zeigt man, daß man auf Temvnstrativn mehr als auf Konstruktion Wert legt. Es ist auch bedauerlich, daß ein so bekannter und augesehener Wissenschaftler wie Tr. Ignatz Zollschein (Karlsbad) gerade diese politische Tagung ersuchte, auch ihrerseits eine bedeutungsvolle Resolution anzunehmen, die kürzlich in London ans dem Internationalen Antropolvgenkongrcß zur Rasscnfrage gefaßt wurde, wonach unter Führung des Instituts für geistige Zusammeuarbeit in Paris eigene Untersuchungen zur Erforschung der Rasscutheorie vvrgenommen werden sollen. Ein wissenschaftliches Problem wird dadurch einseitig politisch aufgezäumt, was nicht vorteilhaft sein kann. Nicht ohne Befriedigung findet man inmitten der Berichte über rein demonstrative Anträge und Resolutionen Äußerungen des Oberrabbiners Tr. Sacerdoti, des Führers des Verbandes der jüdischen Gemeinden Italiens, der ii. a. aus führte: „Tie Bedenken derjenigen, die dem Gedenken des Weltkongresses feindlich gcgenübcrstehcn, sind mir wohl bekannt: Wie könnt ihr es wagen, sagen diese, die unter unseren Gegnern verbrciretcn Legenden vvn einer angeblichen jüdischen Internationale und ihren dunklen und mysteriösen Gefahren zu bestätigen? Wie könnt ihr ihnen recht geben, indem ihr ein internationales Zentrum schasst? Ans diese Frage antworte ich: - Gerade darum ist der Indische Weltkongreß notwendig! ' Gerade darum,. weil diese Legende geglaubt wird und man cs, was immer wir sagen und tun könnten, für feststehend hält, daß die Inden von einem internationalen zentralen -Organ geführt werden, ist die einzige uns übrigbleibende Möglichkeit, dieses Organ in öffentlicher - und offener Form zu verwirklichen, statt glauben »zu lassen.'.daß cs.in geheimer-und verdächtiger ' Weise besteht. ' ' Wenn der Jüdische Weltkongreß Wirklichkeit sein und der Welt seine genau bestimmten Ziele - belanntgeben wird, dann wird man genötigt sein,-' '' die -Reinheit und Aufrichtigkeit unserer Absichten ' anznerkcnncn. Welche sind nun diese von dem - .llongreß angestrebten Ziele? Tic Würde und das Leben derjenigen. von uns zu verteidigen, die ' gefährdet sind, und vor allem tiefgehend dahin zu arbeiten, daß in unserem Volke wahrer jüdischer Geist - geweckt und sein geistiges Leben erneuert werde. Ich bin der tiefen und uner- ■ schütterlichen lieber,zeugnng. daß die uns von Gott nusgegebene ewige Million darin besteht. . ein Voll vvn Priestern zu sein. Tiefe heilige - Mission materiellen Inicressen zu opfern, würde unseren Untergang bedeuten. Zn der geistigen Krise, die die heutige Welt ersaßt hat, ist es notwendig, daß das Volk Gottes den .GlanbcN'- und die Wahrheit zu lehren wisse, um diejenigen; - zu entwaffnen, die schlechten Willens sind." „Ter Jüdische Weltkongreß", erklärte Tr. - Sacerdoti zum Schluß, ..wird sich unter keinem Borwand in die innere Politik der einzelnen Länder einmischcn und wird in keiner Weise Sondcrintcressen stützen." . In den Resolutionen und Tiskussionen von Genf freilich war von dem. Geist, der aus diesen Ausführungen spricht, wenig . anzutresscn. Tie deutschen Inden, die Genf weder gcrvvllt Huben noch verhindern konnten noch auf den Gang der Verhandlungen Einfluß zu nehmen vermochten, sondern die von der „Genfer Weltkonfercnz" zunächst nur durch sensationelle Schlagzeilen der allgemeinen Presse Kenntnis erhielten, werden finden, daß Bedeutung und Ergebnis der Tagung weder die Schlagzeilen der Presse noch ihren anspruchsvollen Titel rechtfertigen. Sic werden auch ein Telegramm an den Führer und Reichskanzler zu beurteilen wissen, mit dein eine Splittergruppe des deutschen Judentums von den Konferenzteilnehmern abrückte, zu denen keine ernsthafte deutsche Stelle die deutschen Inden zngezählt hat, und die bei dieser Gelegenheit nichts Besseres zu tun wnßte, als gegnerische jüdische Gruppen innerhalb Tentschlands zu denunzieren. Weder durch Weltkonserenzcn und Bohkottparolen, noch durch Würdelosigkeit und Anbiederung ist die deutsche.Judenfrage zu klären oder zu beheben. Grundlage aller Erwägung muß Einsicht in die Wirklichkeit und . jüdische Würde sein. Professor Tr. D. Go Herr, Sekretär des EorrnLö voor Bp,»andere Joovfchc Belangen, 'Amsterdam, läßt uns eine Erklärung zugchcn, in der cs tu a. heißt: „Tie Berichte der Jüdischen Wcltkonfcrenz. welche in Genf abgehalten ist. erwecken den Eindruck, als ob diese .llonserenz oder der — fort» während in Aussicht gestellte — Jüdische Weltkongrcß, vvn allen Juden der Welt oder wenigstens von den wichtigsten jüdischen Organisationen ausgeht. Tiefe Anssassung ist aber uurlchtig. . Die repräsentativen Landcsvrganisätioncn . in West-Europa, wie das englische lloint Boreign Committee, das französische Comite National de Secours aux refugies S allemands, das belgische Comite d’Aide et d’Assistance aux victimes de l’antisemitisme en Allemagne, der Schweizerische Israelitische Gciueindebund, und das holländische Comite ■ voor Byzondere' Joodsche' Belangen, haben keinen Anteil an dieser Konferenz genommen, ebensowenig wie das wichtige und einflußreiche Ameriean -Jewish Committee. Tie Jüdische Wellkonfercnz ist weder _ m der Lage den Willen der Juden der Welt anszusprechen, noch übernehmen die genannten jüdischen Organisationen für die von dieser tzonsercnz gefaßten Beschlüsse die Verantwortlichkeit."- Professor Ismar Elhogen Zum 60. Geburtstag am 1. September Kol.: llrrbvrt Suiinnifcld aBDnaBnnnönnnnassnssnacnnnnEsnncss neu die Neichsvertretung tragen. Es trat eine Zahl von Männern zusammen, die sich als die Repräsentanz des ganzen deutschen Judentums betrachten und deshalb die Legitimation daraus entnehmen durften, die Ncichsvcrtre» tuug zu schaffen. Ein anderer Weg war gar nicht gegeben, eine Schaffung der Ncichsvertretuug im Wege einer allgemeinen Wahl war nicht möglich. Tie Neichsvertretung entstand, weil alle Nt acht- und Prestigefragen beiseite gestellt wurden. Ich glaube, für mich als den Führer des Eentral-Bereins in Anspruch ■ nehmen zu dürfen, daß ich bei der Gründung ,der Neichsvertretung diesen Standpunkt vertreten habe. Jeder, der die Verhältnisse im deutschen Judentum kennt, weiß, was dies wie für jede andere Organisation so auch für den Eentral-Verein bedeutete. Nlan mußte Nlut haben, um diese Linie zu verfolgen. War die Neichsvertretung einmal gc» schassen, so war sie nicht mehr Organ irgendwelcher bestehenden jüdischen Einrichtungen öder Organisationen, sondern sie mußte ihre Eigeneristenz führen, und durch ihre Gcschästssühr^mg beweisen, daß sic wirklich gclvillt und befähigt ist, eine führende Stellung im deutschen Judeutuin einznnehmen. Tie Neichsvertretung hat mit Recht hierbei große Zurückhaltung geübt, aber wo sie in der Oessentlichkeit hervortrat, hatte das gesamte deutsche Judentum das berechtigte Gefühl, daß es jetzt eine Gesamtführnng besitzt. . Tie Zusammensetzung der Neichsvertretuna war ein nicht leichtes Komprviniß. Aber ich kann nur wiederholen, ivas ich zmn Schluß der Grüudmigsverhaudluugcu erklärte, wir mußten eine Lösung finden, auch wenn es keine Ideallösung U'äre. Und als Nur schließlich vor den Ergebnissen standen, mußten tvir erklären, ..daß wir doch ganz verflucht gescheit gewesen sind." Und wir haben auch keinen Anlaß, diese Erklärung im Augenblick zu revidieren. Tie schrvere Anlgabc der Neichsvertretung liegt darin.-daß sie überall einen zentralen Ausgleich -schassen muß. Sie muß auch manches Mal sich hierbei gegen diejenigen - numdcii, denen die Neichsvertretung. historisch und politisch, gesehen-. den Tank dafür schuldet, daß sie über- Haupt eristiert. Aber anders kann zentrale ■ Arbeitnicht verrichtet werden. Selbst wennhierbei nach Ansicht einer großen Institution oder einer jüdischen Organisation dm Neichsvertretungeinmal sehlgreift, so muß dieses in dem Gedanken hingcnommcn werden, daß riinncr noch eine bestehende Zen-, tralteitnng. selbst wenn sie einmal schlgrcist. Orese Nummer umfasst 16 Seiten Sie enthält u. a.: Hauptblatt: Verallgemeinerung des Minderheitenschutzes? von Df. Werner Rosenberg — Statistik und Leben, von Dr. Herbert Kahn 1. Beiblatt: Bildnis eines Seelsorgers, von Hans Rcichmann 2. Beiblatt: Geschichte der deutschen Juden im Zeitalter der Emanzipation, von Dr. Fritz Fricdländer — Besuch bei Goethe — V/irtschaft der V/oche 3. Beiblatt: Vom Dichter und vom Dichten, von George A. Gcldschlag — Das neue Buch — Erziehung, Ellern, Schule