Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 13 (1934)
- Issue
- 33 (16.8.1934)
- Date
- 1934-08-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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XIII.Jahrgang / Nr.33- Bcrlia, 16. Augaat 1Ä24, OWÖ Diese Nummer umfasst 16 Seiten Sie enthalt n. a.: Hauptblatt: Nack 100 Jahren, von Dr. Hans Joachim Schoeps 1. Beiblatt: Heute abend Premiere — Def andere Weg m die jüdische Zeitung 2. Beiblatt: Die Cherubim über der Lade des Salomonischen Tempels, Von Professor Dr, Alfred Crotte (Breslau) — Transjordanische Reise, von Lotte Bacrtvald — V/lener Skizze — Gesetz und Recht — Wirtschaft der Woche 3. Beiblatt: Seite der Jugend — Kinderblatt Q o A. H. Ein Tag inmitten junger Menschen. Tiefe 16- bis 22jährigen Jungen und Mädel kommen ans Dillen, Sechszimmerwohnungen, harten- und Hinterhäusern, möblierten Zimmern. Sie sind Schüler, Lehrlinge, Studenten. Erwerbstätige, Arbeitslose; ihre Väter Kinifleute. Akademiker, Handwerker, Enuerbsfofe. Aeltere Brüder hatten oder haben fi'cirfic Berufe. Aclterc Schwestern sind, soweit sie nicht aus eigenen Füßen standen, mit Männern dieser Berufe verheiratet. Ten jungen Menschen, die zusammensitzen, ist die verschiedene Herkunft nicht anzusehen. l.!;iajt nur die einheitliche Kleidung beseitigt die äußeren Merkmale der sozialen Schichtung. Eesichtcr und Haltung zeigen einen allen gemeinsamen Ausdruck. Es ist nicht etwa eine Einheitlichkeit des äußeren Typs nur. Sie - man merkt, es ihnen spätestens, wenn sic sprechen, an — sind aus allen Teilen Tmtschlands hierher gewandert. Mit der Husche der langen Wegstunden, die manche rrn ihnen in wochenlangen Fußmärschen bevälligt haben, bringen sie verschiedenartige ked-mannichaftliche Züge mit. Und trotzda:i diese Aehnlichkeit. Sie liegt in dem gleich!, angespannten Ausdruck ihrer Gesichter und Augen., Sie sind nicht mehr Söhne und Töchter''von vielen Eltern, sondern Sohne und Töchter einer und derselben Familie, junge Generation des deutschen <?A (fi Jß I l/e&. Es mutet jedesmal von neuem wie ein an Farben und Schattierungen, reicher Bilderbogen an, wenn man rückblickend einenArdeiistag in der Hauptgeschäftsstelle des,C.-B. mit ihrer umfangreichen juristisch-wirtschaftlichen Beratungsstelle betrachtet. Sprechstunden. Pvstbearbeitung, Telephonate, Rücksprachen innerhalb und außerhalb des Hauses zeigen nie einen regelmäßigen, sich gleichbleidenden Ablauf. Immer herrscht Bewegung, stets ein Auf und Ab, und Unterbrechungen sind schon nichts Ungewöhnliches mehr. Wie könnte es auch anders fein angesichts der Tatsache, daß kein Tag vergeht, an dem nicht Mitglieder und Freunde ans dem Lande, angemeidet und unangemeldet, das Zentralbüro des E.-B. aufsuchen. Entweder führt sie ein nttueller Anlaß hinaus oder nur der lebhafte Wunsch, „ihren" E.-V. einmal 31t sehen: dazu wird ein kurzer Aufenthalt in Berlin gern benutzt. Tie Stunde spielt dabei keine Nolle, und soll und darf es auch nicht. All die Freunde aus dem Reich, die -schlcster und Ostpreußen, die Westfalen und Badenser. oder wo immer sie Herkommen mögen, sind uns willkommen.. Jederzeit stehen Mitarbeiter zur Verfügung. Ter Gedanken- und Erfahrungsaustausch mit diesen Menschen aus einem anderen Lebenskreis ist uns besonders erwünscht. Wie oft ergeben sich daraus neue bedichlspnnkte und fruchtbare Anregungen Tür unsere Arbeit! Jeder Einzelne hilft ja am gemeinsamen Denken, Schassen und Ausbauen mit. Wir lernen von diesen Besuchern, und ste verlassen uns mit dem Gefühl, daß eine, verantwortungsbewußt leitende Spitze da ist, me den Menschen im ganzen Reich mit Erfahrung und Tat zur Verfügung steht. Rament- "ch iin letzten Jahre hat sich gezeigt, daß solche gelegentlichen Aussprachen den Zusammenhalt zwischen Berlin und der Provinz fördern und inanelze kostspielige Reise unseren Mitarbeitern in kleine Ortsgruppen ersparen und ersetzen. Deshalb sollte jeder, den Geschäftsreye oder Vermandtenbesuch in die Reichs- Hauptstadt führt, in die Emser Straße 42 kommen! Aus der lebendigen Anschauung möge er sich ein Bild von der Tätigkeit des E.-V. Machen und mit seinen Anregungen den -.cotor unserer Arbeit immer wieder ankurtjün. Jeder unserer Freunde merke sich die Parole: Wer einmal in Berlin — der Q u tfj einmal i nt C. - V. Judentums. Ihm gelten Gespräch, Sorge, Erwägung. Es ist nichts Neues, daß ein Kreis junger Menschen sich zu einem Bunde zusammenschließt. Auch die jüngste jüdische Geschichte in Deutschland kennt seit 30 Jahren diese Erscheiuung. Aber es ist etwas Neues, daß und wie und zu welchem Ende es heute von jungen deutschen Inden geschieht. Es ist in den vielen Monaten, seitdem die Umrisse unserer neuen Lage als Juden in Deutschland unübersehbar scharf hervorgetreten sind und seitdem die Veränderungen, die sie anzeigten, von den Rändern unseres Daseins immer stärker auch zu den Mittelpunkten hinstrebten, allenthalben und von allen jüdischen Richtungen Erneuerung gefordert und erhofft worden. Wir haben Tage erlebt, von denen man meinen konnte, daß ihre Prägung allen unauslöschlich ausgedrückt bleiben würde. Diese Tage, die Zusammenhänge und Entwicklungen und Ergebnisse eines Jahrhunderts so in sich zusammenpreßten, daß auch der Lässigste, . Herzensträgste, Ge- .schichtsfcrnste ihre Last und ihre Lehre 'spüren mußten, sind vorübergegangen. Bald schon verlor sich bei zahllosen unserer Menschen ihre Wirkung. Diese Tatsache ist ein natürlicher Vorgang, der sich in der menschlichen Seele oft vollzieht. Man kann ihn beschönigend „Elastizität der Seele", „seelischen Selbsterhaltungswillen", „seelische Schutzwehr" nennen. Alan kann sagen, es sei gut, daß es so ist; denn wer vermöchte Erschütterungen in der Stärke ihres ersten Augenblicks ununterbrochen wach zu halten, ohne daß seine Seele schließlich zerbräche. . Es gibt Menschen, die k ö n n en nicht vergessen. Das reicht nicht aus. Es gibt Menschen, die wollen nicht vergessen. Auch das reicht nicht.aus. Es gibt Menschen, die ans unvergeßbarem Erleben die Grundlagen ihres künftigen Daseins formen wollen. Auf die kommt es an. Diele Millionen, die im Weltkriege gekämpft hatten, leben noch. Wieviele von ihnen haben das Fronterlebnis als eine übermächtige Gewalt verspürt, die sie packte. Augen. Ohren, Herzen ausriß und geöffnet hielt, daß sie seitdem überall, wo sie stehen, gehen, arbeiten, denken, dieses Erlebnis gegenwärtig fühlen und von ihm das Gesetz ihres Han-' delns, ihr inneres Kommando herleiten? Sie reden selten von ihren Erlebnissen, aber sie leben nach ihnen. Wie viele, nein: wie wenige sind es gegenüber den sogenannten „glücklichen Naturen", für die die großen Jahre sich in anekdotische Einzelheiten aufgelöst haben, von denen oft und gern geredet wird und die sich um ihre unverändert gebliebene Seele fremdes Erleben hängen, das ihnen zu eng oder zu weit ist. Das deutsche Judentum hat 1933 ein Erleben verspüren können, das in formender Kraft für feilte Seele jenen gleichzusetzen wäre. Es gibt wohl kaum einen unter uns, der den Nus des vergangenen Jahres nicht gehört hätte. Aber in wie vielen, neinin wie wenigen ist er geblieben, wie viele spricht er an. immer und überall, wo sie ge- Yen stehen, denken, arbeiten, ist es bei allein Tun Untergrund und tragende Melodie,'geaenwärtig, brennend und fordernd? Und für wieviele ist die Zeit in ihre anekdotischen Beftandteile ausgelöst, die man oft mit Genugtuunq hervorholt, um an sie beruhigende Erläuterungen und Hoffnungen zu knüpfen. Wer freute sich 'nicht über unerschütterliche Gelassenheit und Zähigkeit in unseren Reihen! Ohne sie stünden wir nicht, wo wir stehen. Aber nur mit Harthörigen, nur mit „Privatjuden" kommen wir nicht weiter. Tie Zeit und ihrer geistigen Mächte streichen an ihnen vorbei. ' Eine spätere Gegenwart würde kein ihr gemäßes Judentum mehr keimen, sondern allenfalls jüdische Zeitgenossen. Um die Wenigen, in denen der Nus der Zeit haften blieb, stehen die Dielen der jungen Generation, die ihn ausnehmen und bewahren wollen..Denn für sie beginnt das bewußte Dasein als Juden mit .diesem Rlife. Sie wollen wissen, woher er kam. und was er fordert. Sie wissen, daß für Diele von ihnen die Zukunft so gilt ivie auf Nichts gestellt ist, aber sie können und wollen ihren ganzen jungen Menschen geben. Die Ueberlieseuing, die mit glänzender Stellung, Wohnung, Lebensführung rechnete und die für sie abgerissen ist. 'unterbrechen sie beivnßt imd knüpfen an eine vergangene Zeit an, in der die jüdische Gemeinschaft noch'keine Summe von Steuerzahlern, sondern noch eine Gemeinschaft von jüdisch lebenden Menschen war. Sie fürchten keine verlorenen Sicherungen, es sei denn die Zerstöriing ihrer inneren Sicherheit, für die sie arbeiten und ringen. Sie wollen keine Trennung der Lebenssphären — als Berussmensch. Organisationsmitglied, Gemeindejude — sondern sie als geistig-seelische Einheit empfinden Sie kennen wenig aus sie Ueberkommenes. das ohne jede Fragwürdigkeit wäre: den geistigen Humanismus ebensowenig wie die Sinndeiitung dessen, was Judentum ist. Sie gehen voraiissetzungslos mit jugendlich-menschlicher Unbedingtheit an die Fragen .heran: Was i st I u d e n t u m, wie kann cs in dieser Zeit gelebt werden, wie kann cs i n deutschem'Ra um gelebt werden — was ist Deutschtum, das uns geöffnet bleibt, uns als jüdische Menschen bereichert — wo ist der B e r u f s w e g. auf dem mir der Gemeinschaft dienen können und der uns die Möglichkeit läßt. Familien z:c gründen? Palästina sehen sie ohne Parteibrille; — wie .überhaupt der Begriff der jüdischen Partei ihnen eine ferne Vorstellung bedeutet. Die jüdische Schule ist ihnen selbstverständlich. Nur über das Wie wird gesprochen. Inmitten einer schweren Zeit beschweren diese jungen Menschen ihr Leben bewußt mit mehr als nur ihren persönlichen Sorgen. Sie denken I. London im Juli ist ein Alpdruck aus glühenden, staubigen, lärmenden Steinmassen. Dem - einreisenden Fremden wird höslichst (übrigens ist Höflichkeit dort nicht sacrilegium reservatum des Fremdenverkehrs) bedeutet, daß es durchaus verfehlt sei, bei 30 Grad im Schatten auch nur den kleinsten Jackenknops zu öffnen. Gleichzeitig wird ihm — wiederum höslichst — eröffnet, daß der königlich britische Wasservorrat infolge des monatelangen Negenansfalls rationiert sei und der schonende Umgang mit dem täglichen Bedarf dem Gemeinsinn aller dauernden und vorübergehenden Nutznießer der Londoner Schönheiten empfohlen werde. Keine Londoner Hausordnung, in deren ohnehin strenges Reglement dieser Wunsch nicht augenblicks als zwingende Vorschrift ausgenommen wird. Dem Fremden fällt die Gewöhnung schwerer. Aber sonst ist London wieder überwältigend, ein überzeugender Beweis stilvoller Großartigkeit an Leben, Tempo und Wohlstand. ' II. Dies der Rahmen für eine Zusammenkunft, wie sie nach Inhalt und Form gemessen heute vielleicht wirklich nur nach London gehört: thethird Conference of the World Union for Progressive J u d a i s m. Das umfangreiche Programm füllt bei knappen Pausen fünf heiße Sommertage mit einer Problematik, deren Wert und nicht „ ich ", s 0 n d e r u „ w i r". Sie stehen noch meist unbeteiligt neben der Erscheinung des deutschen Judentums, wie cs sich in seinen Gemeinden, Verbänden, Organisationen darstellt. Sie unterschätzen vielleicht noch die Notwendigkeit von Organisation und Verwaltung« Aber sie können nicht begreifen, daß es Organisatoren und Verwalter des Judentums gibt, die kein lebendiges Judentum haben. Es wird der Augenblick kommen, wo die junge Generation sich zu bewähren haben wird, wo sie wird zeigen müssen, ob sie aus der Diskussion ins praktische Leben hinüberfinden wird, ob der Strom der erlebten Werte stark sortdanert oder bald versickert. Das wird auch für die Menschen, die jetzt und bis dahin dem deutschen Judentum die äußere Form gaben und es führen, der Augenblick sein, wo es sich erweisen wird, ob sie um ihrer selbst und einer Vergangenheit willen oder für die ewige Zukunst des Judentums gewirkt haben. Es steht außer Frage, daß die meisten der älteren Generation jetzt und wahrscheinlich für ihre Lebenszeit wirtschaftlich stärker sein werden als die kommende, daß diese, in ihrer Wegbereitung ans die Hilfe der älteren rechnen mich. Aber sie will keine Zuteilung nach dem Maßstab des Bestehenden, in dem sie sich nicht einrichten will und kann, sondern nach ihrem Lebensstil. Ter älteren Generation des deutschen Judentums ist. — ob .mit Recht sei dahingestellt — der Vorwurf gemacht worden, sie habe die Entwicklung der Umwelt nicht gesehen oder nicht genügend gewertet und damit ihr Teil Schuld au der Lage von heute. Dafür gibt es eine Reitze von Entschuldigungsgründen, vor allem den, daß die Beeinflussung und Gestaltung der Außenwelt über die eigene innere Kraft ging. Das versteht auch die junge Generation. Die junge Generation rechnet deshalb nicht mit den Aelteren ab. Aber sie weiß, daß die Entwicklung und Problematik innerhalb der eigenen jüdischen Reihen von der älteren Generation nur wissentlich.verkannt werden kann, und sie. verlangt deshalb von ihr Wissen und Erkennen. Wirklichkeit dem Anschein nach nur in angelsächsischen Ländern noch unbestritten ist. Eine vorbereitende Geschäftssitzung des Governing Body geht voraus. Ein feierlicher Auftakt — der Gottesdienst in der liberal Jewish Synagogue — leitet ein. Wieder überrascht eindrucksvoll jenes seltsame Gemisch aus lcidenschastlichcr Sentimentalität und puritanischer Strenge, schon äußerlich reflektiert in der betonten Nüchternheit des Raums, dessen weiß getünchte Kalkwände in dev reichen Holzarchitektur von Kanzel und Almemor einen unvermutet Prächtigen Abschluß finden. Alles überstrahlt von der glanzvollen Klangfülle der schönsten Orgel, die jene in ihrer gemessenen Tonfolge an anglikanische Kirchenlieder erinnernden Gemeindegesänge präludiert und begleitet, um dann urplötzlich das Adagio ans der „Pathötique" als Ehorgesaug zu intonieren. Feierlich das große Aufgebot an Laien und Rabbinern, die teils in gewöhnlicher Kleidung, teils in der akademischen Tracht der Orsvrder Universität, teils im-Talar sich bei den gottesdienstlichen Funktionen ablösen. III. . Am Nachmittag die formelle Eröffnung der Konferenz mit den Begrüßungsansprachen der Vertreter aus England, Deutschland, Frankreich, Holland. Amerika, Südafrika. Australien, Oesterreich und Schweden. Interessant nicht so sehr die Fülle der Ansprachen wie die