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Central-Verein-Zeitung · 1934-07-26 · 30 (26.7.1934) · page 9

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
13 (1934)
Issue
30 (26.7.1934)
Date
1934-07-26
Page
– (sequence 9)
Language
German
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der C.-V.- "^ujpirrn, lüunc i» r/f% it Von Dr. Rosy Bcdenheimer *) Soziale Stellung Als der Meister der Straßburger Münster- Plastiken um die Mitte des 13. Jahrhunderts an -je Darstellung der Synagoge ging, schuf er eine Wdchengestalt edelster Haltung, ein Sinnbild des von der Kirche besiegten, schmerzlich gebeugten, ober noch im Unglück großen Judentums. Etiva ' 'r i Y» -; / .? \'/i / F/ i A-1 iß 3.1 Die „Synagoge“ am Strassburger Münster 2:50 Jahre später bringen die Bürger von Frank- Hirt a. Ä. an ihrem Brückenturm ein haßersülltc» Lpvttbild an. Juden, durch den Ring an Wuse und Atantel gekennzeichnet, drängen sich IM ein Schwein, reiten aus seinem Rücken, saugen -m seinen Zitzen, verleiben sich in ekelerregender Bcise seine Exkremente ein. Die beiden Bildwerke sind, so unvergleichbar sie auch in küustlerischcr Hinsicht sein mögen, grell kennzeichnend siir das soziale Abgleiten der deutschen Judcnheit in dem Zeitraum vom 13. bis 15. Jahrhundert. Tnrch eine Entwicklung, die hier nicht im ein- .ichicn ausgezeigt werden kann, nuirden die Juden in den finstersten Winkel des deutschen Wirtschaftslebens gedrängt. Alle Berufe find ihnen versperrt, das Geldgeschäft allein oder, wie es die Zeitgenossen in jedem Falle nannten, der Wucher iit ihr unseliges Privileg. Dabei sind ihnen die großzügigen Staatsanleihen, die Geschäfte mit weitem Aspekt längst entglitten. Tie großen Finanzoperationen werden von den mächtigen el'erdcutschen Handelshäusern der Fugger und Beller besorgt, den Juden bleibt fast nur der unerquicklichste Teil des Geldgeschäftes, das Darlehen aus Pfand an den kleinen lUfcum, der selten Kredit zu produktiven Zwecken in Anspruch nahni, der sich vielmehr mit seinem Darlehen, die Mittel für den persönlichen Gebrauch beschassen loill. Warum es diesem kleinen Mann, dem Handwerker in der Stadt, dem Bauer auf dem flachen Lande schlecht ging, erfahren wir aus einem interessanten Gutachten, das die versammelten Stände auf dem Reichstag zu Mainz im Jehre 1517 den kaiserlichen .Kommissaren vor- %.'!!: die Unsicherheit der Straßen habe jeden Hendel vernichtet, der Ackersmann, der alle Stände nähre, gehe zugrunde, der Reichtum ziehe in fremde Lande, vor allen: nach Rom, wo man Äglich neue Lasten erfinde. Dazu käme ein überschwänglicher Aufwand in Kleidung und Zehrung. Was aber wußte der gedrückte Kleinbürger, dcr halb versklavte Bauer, den die Not zum ouden trieb, von diesen volkswirtschaftlichen Zusammenhängen? Er fragte nicht, wieso cs überdmipt so weit gekonuuen war, daß er borgen chuzte: er sah auch nicht, daß den Juden ihr l'wld von Kaiser und Fürsten allemal wieder ab- Ospreßt wurde, er wußte nur, daß es ihm schlecht M'-g. und der Jude war das letzte Glied in der Lette seiner Verarmung. Auch klagen die Zünfte über die jüdische Konkurrenz, „der Haudwerks- 'uann könnt' nichts verkaufen, es muß was alles 3lnu Juden laufen". , 20 richten sich, bestärkt durch die religiöse Garung, die Leidenschaften der Deklassierten Wcrn'ärts gegen die Juden. Unsere Periode eine qualvolle Zeit für die deutsche Judcnheit. Ucberall in Deutschland sind die jüdischen Massen Fzsstuß. -Hatten sich die deutschen Juden im frühen -'"ittelalter in wenigen alten Bischofsstädten konfriert, wo sie stellenweise seit der Rörnerzeit aniässig waren, so verteilen sie sich nun, in winzige ^'mcmdepartilel zersetzt, in fast alle Gegenden 'ßchtichlands. Im großen gesehen, vollziehen sich O'-se Wanderungen in der Richtung von Westen "--ch Osten, von den höher zivilisierten Wirtschafts' ') '-Uctflt. C.-V.-Zeituug Nr. 20, 21, 26, 28. gebieten in die primitiveren, wo man noch gern bie Dienste der Juden entgegennahm. Auch ihre Ansiedlung auf dem flachen Lande wird durch die Bertreibungen gefördert. So kommt cs, daß sich auch die großen Bauernunrnhen teilweise gegen die Juden kehren. Und wenn die zweifellos verschuldeten elsässifchen und fundgauischcn Ritter im Jahre 1525 auch alle anderen Forderungen der aufrührerischen Bauern hohnlachcnd zurückwiesen, schrieben sie doch mit offensichtlicher Befriedigung rieben den Artikel, der die Vertreibung der Juden forderte, „möchten den sonst für unsere Personen wol lyden"".. »reuchlin und Luther. Es ist eine Gärungszeit in Deutschland, in ganz Europa, lieber die Menschen, die lange Zeit geborgen und befriedet in ihrer Kirche, in ihren alten Ordnungen geruht hatten, ist eine eigentümliche Erregung gekommen. Atan spürt die Zeitenwende. Tie neu erfundene Buchdruckcrkunst ermöglicht es, in vorher ungeahntem Maße breite Schichten des Volkes, die zuvor von keiner geistigen Bewegung ergriffen wurden, mitznreißcn. Eine Streitfrage, die ehemals den Privatzank .volksfremder Gelehrten ausmachte, kann nun weite Kreise der Ration erregen. Eine fotdjc Frage war der Streit des. Humanisten Reuchlin mit den Dominikanern von Köln. Ihr Gegenstand war das Schrifttum der Juden. Tie Kölner Dominikaner übten in Deutschland die Kctzergerichtsbarkeit aus. Sie hatten darüber zu wachen, daß' der rechte Glauben rnakellos gewahrt werde. Sie sahen es mit wachsender Unruhe, wie bei den besten Köpfen der Ration eine schwärmerische Begeisterung für das alte Kulturgut der Juden erwacht war, wie ernste Männer sich zu den Inden gesellten, um von ihnen die Sprache der Bibel zu erlcrwn. Als Vorspann ihres Kampfes gegen Humanismus und Judentum benutzten sie den getauften Inden Johann Pfefferkorn, einen Menschen niederer Herkunft, der mit der Sturheit und dem Ueberhaß des Renegaten die Gemeinschaft begeiferte, der er entstammte. Dem Talmud vor allem galt der Kamps, dessen Urheber bei seinem Beginn gewiß nicht ahnten, daß er eine Wendung in der Geistesgeschichte des Alvndlcmdes einlcitetc. Tenn cs kämpfte in seinem Verlause nicht mehr der kleine Täufling Pfefferkorn mit der entrüsteten Judengemeinde von Frankfurt, cs kämpfte Reuchlin gegen die „Dunkelmänner", die Humanisten gegen die Obskuranten, das, freie Denken gegen das gebundene. Mönche, Gelehrte, Stadträte Bischöfe und Fürsten, der Erzbischof von Mainz, der König von Frankreich, der deutsche Kaiser und der Papst, die Universität Paris und das Latcrankonzil wurden Johannes Pfefferkorn nach einem zeit« genössischen Stich in den immer weitere Kreise ziehenden Streit der Geister einbezogcn. Aber auch Reuchlin, der als Vorkämpfer einer neuen Zeit so unerhört mutig für die Schriften der Juden kämpfte, beteuert feierlich, daß er die Juden nicht begünstigen wolle, lieber die Abneigring gegen die jüdische Religion, gegen den verblendeten Unglauben, der seine Anhänger so Offensichtlich in Elend und Schande gebracht hat, ist kein Christ des 16. 'Jahrhunderts hinweggekommen. Mit einer einzigen Ausnahme, die . aber auch nur eine scheinbare Ausnahme ist. Im Jahre 1523 veröffentlicht der junge Martin Luther seine Schrift „Daß Jesus Christus ein geborener Jude sei". Ein Ton klingt hier au. den man tu Deutschland bis dahin noch nicht gehört hatte. „Blutsfrcunde, Vettern und Brüder des Heilands" werden die Juden genannt, „kein Volk hat Gott gleich ihnen ausgezeichnet, ihrer Hand die Heilige Schrift anvertrant". „Aber wie Hunde hat man die Juden behandelt, sie gescholten und um ihre Güter gebracht, man hat ihnen verboten, unter uns zu arbeiten, hantieren und andere menschliche Gemeinschaft zu haben, damit man sie zu Wuchern treibt". Man hat die albernsten Märchen über sie verbreitet, „sie müßten Christenblnt haben, daß sie nicht stinken, und weiß nicht, was des Narreuswerks -mehr ist". Man sei mit den Juden verfahren, „also daß, wer ein guter Christ gewesen, lieber ein Jude geworden wäre". Aber es ist nicht Achtung vor dem Judentum, die dem jungen Luther diese menschlichen Worte diktiert. Nicht anders als fast alle katholischen Theologen vor ihm kennt er im -Hinblick ans die Judcnheit nur ein erstrebenswertes Ziel: ihre Bekehrung zum Christentum,, ihre Rettung vor der Verdammnis durch die Taufe, lind durste Luther nicht mit guten: Rechte annehmeu, daß cs dem - Volle der Bibel leicht fallen werde, den Ucbertritt zu seiner auf die Heilige Schrift allein begründeten Lehre zu vollziehen? Er muhte um so mehr zu solchen Ueberlegungen kommen, als die Juden selbst ihm offensichtlich entgegengekommen waren. (Neinhold Lewin, Luthers Stellung zu den Juden. Berlin 1911.) Als Luther 1521 zu dem berühmten Reichstag in Worms weilte, erschienen neben vielen anderen Besuchern bei ihm zwei Inden, die begehrten, sich von dem trefflichsten Manne, der jetzt lebe, unterweisen zu lassen. Es handelte sich offenbar um Vertreter der Woriuser Gemeinde, zu der phantastische Gerüchte gelangt waren, von dem Manne, der aufgestandeu war, wider Rom zu streiten. In der Vorstelluugswelt der deutschen Inden lebte aber in jenen bitteren Tagen ihrer Geschichte eine leidenschaftliche Sehnsucht nach dem erlösenden Messias, dessen Ankunft man aus vielen Anzeichen glaubte erwarten zu dürfen. Irgendwie verbanden sich diese Hoffnungen auf den Messias mit der Person Luthers, und daher kamen sie zu diesem sagenhaften Manne mit der Bitte um Unterweisung. In Luther mußte dies alles die Zuversicht bestärken, daß gütige Belehrung bei dein hartnäckigen Volke der Inden mehr vermochte als Verfolgung und Gewalt. Jahrelang hat dieser Glaube in Luther gelebt. Rur langsam und erst , nach vielen Erfahrungen hat Luther sich von seinem BekehrungStraum getrennt. Die Enttäuschung war schmerzlich und löste in dem leidenschaftlichen Manne einen tiefen Haß aus, der sich in seinen 1543 erschienenen Schriften „Bon den Inden und ihren Lügen" und vom „Schern Hamphoras" äußerte. Wir sahen, wie Luther zu der irrigen Meinung kommen mußte, es sei leicht, die Juden zum Christentum zu bekehren. Ein Volkslied der Zeit wußte cs besser. Eine schöne Jüdin liebt da einen christlichen Schreiber. Er will sie heiraten, wenn sie Christin geworden. Sie aber cutgegucte: Eh' ich mich lasse taufen. Lieber will ich mich verlausen JnS tiefe, tiefe Meer. Gut' Rächt, mein Vater und Mutter, Wie auch mein stolzer Bruder, Ihr seht mich nimmermehr. Tie Twnne ist untcrgegangen Im tiefen, tiefen Meer. Auf den Richtstätteu von Mecklenburg rmd Brandenburg hat diese Generation bewiesen, daß sie bereit war, für ihr Judentum zu sterben. Josclruann von Roshcrrrr. Und dennoch zeigt sich, bicllcicht zum ersten Male, in der Geschichte der deutscher: Juden, gerade in jenen Tagen, eine neue Stimmurrg.. Etrvas von der Ticsseitsbejahung der Renaissance, von dcrn rrenen Lebensgesühl des Abeudlairdcs rnng mich bis zu den „Gefangenen aller Rationen" in ihre Judengneirtiere gedrungen sein. Man läßt nicht rnchr in fatalistischer Verzweiflung ' den: Verhängnis freien Lnrrs, inan flüchtet auch nickst mehr arrsschließlich in eine tröstende Traumwelr vorn baldigen Erscheinen de-Z erlösenden Messias. Das Zeitalter der großen italienischen Staatskünstler hat auch in der deutscher: Judcnheit einen Alaun erstehen lassen, der cs sich zur Lebensaufgabe gemacht hatte, seinem geplagten Volte mir der: nüchternen Mitteln des Diesseits al-s „Fürsprech" seiner Rot zu helfen. Es -rvar dies ein kleiner elsässischer Jude: Joselmarru von Rosheirn. Alle Bitternisse seines Zeitalters hatte feine Familie erfahren müssen. Drei Oheime. Brüder seines Vaters, hatte man 1470 in Endingen verbrannt. Der Vater, der sein Leben retten konnte, läßt sich in Oberehr',heim im Elsaß nieder, 1477 aber müssen seine Eltern abermals fliehen, als die Schweizer Eidgenossen durch das Elsaß Karl dem Kühnen entgcgenzogen. Um diese Zeit wurde Josel geboren. Es ist nicht zrr verwundern, daß ein Knabe, der in einer solchen Fainilie herauwuchs, durch dessen Kindheit die Erzählungen von den Schrcckenserlcbnissen seiner Angehörigen spukten, in seiner Phantasie den Vorsatz nährte, einmal, rvenn er heran» gewachsen sei, ein Retter der Bedrängten zu werden. Ein persönliches Erlebnis al>5 Mann — man warf ihn wegen angeblicher Hostienschändung vierzehn Wochen ins Gefängnis — mag ihn in der Ueberzerrgnng bestärkt haben, daß für die verfolgten Inden etrvas geschehen müsse. Er begann seine Tätigkeit etrva 1516 mit der Funktion eines „Parnaß nrrd Mauhig" der Judeuschaft des Unterelsaß: bald aber rverrden sich Bedrängte von überall her an ihn. Er hat seine Tätigkeit fein ganzes Leben laug vhrre Besoldung geübt, er hat darüber hinaus sein eigenes Geld rricht geschont. Im Jahre 1523 tituliert ihr: der Landvogt de? Unterelsaß bereits „Oberster über alle jnden tentscher Nation". Er nennt sich 1535 „regicrer gerneiner jndischait im reich". (Ter Titel „Regierer" trägt ihn: allerdings einen Reichskammergeriehtsprozeß ein, da mir der Kaiser Regierer der deutschen Juden sei.) Ob Joselmann seine Funktion kraft kaiserlicher Ernennung übte, ist zweifelhaft; es scheint eher, daß er in seinen großen Ausgabeukreis langsam . hineingewachsen ist. Ein deutsches Spottgedicht seiner Zeit nennt ihn den „Gossel uuverzayt", den „Josel unverzagt", und es hätte ihn in der Tat nicht besser charakterisieren können. Denn unverzagt, unermüdlich ist Joselmann für seine Brüder tätig. Er erscheint 1520 bei der Krönung Karls V. in Aacherr, um sich die alten Rechte der deutschen Juden bestätigen zu lassen. Er verhandelt auf dem welthistorischen Reichstag von Augsburg, weil dort von seiten der versammelten Fürsten Maßnahmen gegen die Juden ergriffen werden sollten. Er kämpft dort gleichzeitig gegen die gefährlichen Verleumdungen des getnrrsterr Inden Antonius Margarita, er disputiert 1539 mit den protestantischen Fürsten in Frankfurt a. At.. mit dem Erfolg, daß Brandenburg und Hessen von Judenvertreibungen absehen. Er ist vor allem rvohlgelitteu bei Karl V., der ihm 1546, am Vorabend des Schmalkaldischen Krieges, noch einmal neue Schutzbriefe für die deutschen Juden auShändigte. Tie große politische Einsicht Joscls äußerte sich aber weniger in seiner erfolgreichen Außenpolitik als tn seinen innerjüdischen Reformen. Er hatte erkannt, daß der Haß. dem die Jnden allenthalben begegneten, großenteils von den Reibungen herrührten, die zwischen jüdischeu Gläubigern und Schuldnern immer wieder eutstaudcu. Um diese Verhältnisse zu regeln, beruft er 1530. während in Augsburg der Reichstag berät, gleichzeitig eine Tagung der jüdischen Gemeinden ein. Tort wurden Regeln für den Handelsverkehr festgesetzt, deren Richrbesolgung mit dein großen Bann bestraft werden sollte, lieber strengste Lauterkeit im Verkehr mit der christlichen Umwelt sollen die Rabbiner rmd Gemeindevertreter wachen. Josels Politik war ganz aus Tatsachen, war ganz auf die deutsche Wirklichkeit abgcstcllt. So -c- /kJ-. FÄML M jr McktzH 3 0% •—>_F-"- -.'P- .(LT V-: - -Zr-JPo.W H , ~ feggtelMai: Frankfurter Spottbild aus dem siebzehnten Jahrhundert lehnte er es als phantastisch und gefährlich ab. als 1532 der in Südeuropa als Messias verehrte Abeuterrrer Räubern mit seinem Jünger Mvlcho bei Karl V. in Regensburg erscheint mit dem Vorschlag, die deutsche Judcnheit zu einem Kriege gegen die Türken auszubietcn. Er rveiß, daß ciri solcher Plan mir der: Unwillen und das Mißtrauen Karls V. eriveeken kann. Er verwirft solche unreifen Hirngespinste und erreicht durch zähe Kleinarbeit beim Kaiser, was überhaupt unter der: damaligen Verhältnissen zu errcirheu war. Die Schutzbriefe von 1546 sind die Krönung seiner schweren Lebensarbeit. Und rvie dankbar rvareu die Juden selbst für diese bescheidenen Rechte. Während in der Schlacht bei Mühlberg die Kauoueii dvurreru, wird irr der Synagoge von Frankfurt a. M. für den Sieg des Kaisers „Owiuu Malierin" gebetet. Kulturelles Leben Es braucht rricht zu verwundern, daß ein Zeitalter, das die Juden unter eiueu ständigen existenziellen und seelischen Truck setzte, kein Klima abgab, in dem Blüten jüdischer Kultur hätten gedeihen können. Während gleichzeitig in Italien die jüdische Geschichtsschreibung mit den Marannen Samuel Usgue und Joseph Hakoheu eiueu Aufschrvärrg nahm nrrd in Polen ein rreries jüdisches Kulturzeutrurn im Entstehen war, fehlte den entvötlerteu deutschen Gcmcirrdeu jede kühne Freudigkeit und jeder geistige Schwung. Ar:f den wenigen Talmridhochschuleu herrschte die Atcthode des „Pilpul", jener scholastische Betrieb, der aus der wisseuschastticheu Forschung einen geistigen Sport machte, wo es roeuiger auf das Finden der Wahrheit als aus das glanzvolle Fechten mit seharssirurigen Argumenten ankam. Dieses Prinzip des „I’esprit pour l'csprjt“, wie man es analog dein f;irt pour l'art neunen könnte, hat jedoch schon bei den Zeitgenossen eine abfällige Kritik erfahren. Ter „Hohe Rabbi Lörv" von Prag, der sagenumwobene Schöpfer des Golem, wandte sich gegerr diese „krummen Wege" der Geistesschulring. Er gab dem Bolle Belehruug und Erbauung durch Predigten, mornlische Traktate und durch die Auslegung der mehr zum Gemüte sprechenden haggadischeu Teile des Talmud. Etrvas grundsätzlich Rerres sind die in jener Zeit erscheinenden Schriften in der llurgnugsspräche der deutschen Juden, dem südiseh-deritscherr Dialekt. Für die breiten Vollsruasseu. die das Hebräische nicht beherrschen, vor allem für die Frauen, bestand das Bedürfnis nach Belehrung und Unterhaltung. So übersetzte mau die Heil!- gen Schriften in das sog. Weiberdentsch, „lieblich zu leienen, Manen und Frauen und die.frurnmeu Atüdlech". Aber auch rein deutsche Dichtrmgensickern im Gewände hebräischer Buchstaben bereits ins jüdische Haus. Es ist uns eine Sammlung schönster deutscher Volkslieder erhalten geblieben, die im 16. Jahrhundert in hebärischen Lettern ausgezeichnet wurde. Und es zeugt für die unausrottbare menschliche Sehnsucht nach Liebe und Ratur. wenn Frauen, denen in dern strengen Bezirke jüdischer Sittlichkeit romantische Liebeleien lebenslänglich versagt blieben, sich berauschen an dem Lied vom Knaben, der nachts zur Liebsten über den Rhein schifft, oder wenn Alcnschen. die oft monatelang keinen Baum zri sehen bekamen, davon träumen, wie schön urrs der Aiai blühe«

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