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Central-Verein-Zeitung · 1934-07-26 · 30 (26.7.1934) · page 1

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
13 (1934)
Issue
30 (26.7.1934)
Date
1934-07-26
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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XIII. Jahrgang / Nr. 30 Press 20 Pfennig Aus dem Inhalt: Hauplblatt: Anderscrtigkeit hebst nicht Minderwertigkeit. — Lazard Spcycr-EUisscn in Frankfurt a. M., von M. P. 1. Beiblatt: Ein Vormittag im Jüdischen Museum, von L. W—n. — Eine Mutter, von Georg Hirschfeld. — Karl Joel. 2. Beiblatt: Geschichte der Juden in Deutschland. V. Im Zeitalter Luthers, von Dr. Rosi; Bodenheimer. — Wirtschaft der Woche: Die Ordnung der Getreidewirtschaft, von Rcgieruhgsdireklor i. R. Kurt Friedländcr. — Das Blatt der Deutschen Jüdin. j VW Emer schreib? für viele: Man kann uns „neue Jude n", man kann uns auch mit dem ironischen, dem politischen Leben der Zeit entnommenen Ausdruck „Märzgefallene" nennen. Und man kann uns mit gutem Recht vorwersen, daß wir uns in keiner Weise um jüdische Dinge bemüht haben, bis uns das Geschehen von 1933 darauf hinlenkte, und nun schon wieder bemüht sind, führend am neuen Aufbau des deutschen Judentums mitzuarbciten. Und da an solcher Mitarbeit eigentlich jeder tätig sein soll, der Mitten Willens ist, so ist der Vorwurf, der sich gegen die „neuen Juden" richtet, eigentlich der. daß sie jetzt noch kein Recht hätten, ihre Mei- NUNI in einer jüdischen Gesamtheit durchzujchcn, von der sie früher nichts wußten. Das alles wäre nicht wichtig und interessant, wenn es dabei nur um einzelne sich handelte. Aber man braucht es ja niemandem mehr zu erklären, daß von den über sürishiiiidcrttauscnd deutschen Juden wahrscheinlich die Hälfte ein Leben führte, das zum Jüdischen mir sehr geringe äußere und noch geringere innerliche Beziehungen hatte. Und daß von diesen neugewonnenen Hunderttausenden viele sich nicht nur als Lernende, sondern mit dem Wunsch aktivster Mitarbeit heute dem Judentum zuwenden. Haben sie ein Recht dazu? Nicht nach der Schuld, sondern nur nach der Ursache und der inneren Begründung dieses Tatbestandes soll man heute fragen; es hat nun keinen Sinn, moralisch zu werten, was war, da alle ilraft zur Gestaltung der Zukunft gebraucht wird. Und auch dem jetzt zum Judentum Zurückkehrenden gegenüber ist dies die einzig sinnvolle Handlungsweise. Allerdings: nur wenn man weiß, welches ihr Leben bisher war, kann man sagen, ob sie nun Probe¬ oder Lehrzeit auf sich nehmen müssen, bevor sie an der Führung jüdischen Geschicks Mitarbeiten dürfen. Hatte es sich wirklich von den Duellen des menschlichen Daseins entfernt, weil in ihm das Religöse (vom betont Volklich- Jüdischen darf hier abgesehen werden, nicht weil es unwichtig wäre, sondern weil das Fehlen des Religiösen doch bei den meisten Betroffenen das entscheidende Merkmal war) keine wichtige Rolle spielte? Das Wissen gereifter Männer aus der Fülle der Erfahrung ihres Lebens müßte diese Frage beantworten. Als ganz bescheidener Beitrag aber soll hier in aller Kürze die Entwicklung eines jungen deutschen Juden berichtet werden, die wahrscheinlich in keiner Form aus dem Normalen hcrausragt und eben darum als maßgeblich für die vielen gewertet werden darf, die heute als „Märzgefallene" zur jüdischen Gemeinschaft stoßen. Eine gewisse Berechtigung allerdings liegt dafür vor, solche Jugend besonders ernst?>u nehmen, weil die wesentlichen Grundlagen des Lebens ja in dieser Zeit bis zum zweiund- Zwanzigsten Lebensjahr gelegt werden. Das Elternhaus, die Schule, die c r st c ii Erschei n unge n des wirklichen Lebens — dies sind die drei Elemente, die auf dw Entwicklung eines jungen Menschen entscheidenden Einfluß haben. Was herrschte darin so vor, daß das Jüdische derart zu kurz kam? Das Elternhaus unterschied sich in nichts vom deutschen Bürgerhaus; wohl hing die Mesusah an der Tür des Schlafzimmers, wohl wurden Rösch haschanah und Jom kippur festlich begangen und an den Abenden des Ehanukkahfestcs unter gemeinsamem Gesang der Leuchter entzündet, aber das alles war nicht mehr als die selbstverständliche Tradition, an die man sich hier wie dort hielt. Tas Deutsche war das einzige, woran sich die Erziehung grundsätzlich orientierte; das war Ehrensache und schien unzweifelhaft für ein L)aus, in dem schon der Großvater lange vor lOOO Siadtrat und Stadtältester einer der für bas Deutschtum repräsentativsten deutschen Städte war (zugleich allerdings Vorsitzender der dortigen Jüdischen Gemeinde), in dem die Brüder des Vaters aus und ein gingen, Stadtältester von Berlin, der eine und jeder Beziehung zu Jüdischem ledig, einer der besten Kenner und Fachleute der deutschen Volkskunde der andere. Demgegenüber trat der etivas stärker ausgebildete Zug zum Jüdischen von mütterlicher Seite zurück, obwohl sic Tochter eines Rabbiners war; auch von ihrer Verwandtschaft kamen dann Männer in das Haus, die im Deutschen und nicht im Jüdischen ihre Aufgabe sahen, wohl stark jüdischen Dingen verbunden waren, aber wie einer, der als Schöpfer eines gotischen Wörterbuchs Ansehen in der ganzen wissenschaftlichen Welt genoß, Fragen deutscher Kultur und deutscher Vergangenheit ihr Leben widmeten. Ilnd die äußeren Röte dieser Zeit, im Elternhaus miterlcbt, hießen: Krieg, Revolution, Inflation, setzten das eigene Schicksal in engste Beziehung mit dem des gesamten Volkes, gaben keine besonderen jüdischen Probleme zu lösen. Eigentlich war nicht einmal Zeit, sich darum zu kümmern: Mitgliedschast in jüdischen Organisationen sozialer und weltanschaulicher Art war selbstverständlich und außerhalb der Diskussion, nicht anders als die ehrenamtliche Arbeit des Vaters für eine oder auch für zwei jüdische Wvhlfahrtsinstitutionen. Auch die Schule gab keine jüdischen Bindungen: Religionsunterricht war, so gut gemeint er auch meist war, in der unteren Klasse einem nicht mehr als jede andere Schulstunde. Nachher wurde es zum Teil anders, wenn ein verständnisvoller Rabbiner damit betraut war. Aber es wurde keineswegs als erheblicher Mangel empfunden, als ich auf eine Schule kam, die — ohne religionsscindlich zu sein — keinen Religionsunterricht kannte und eine weltanschauliche Bildung an seine Stelle setzte, die auch die beiden einzigen jüdischen Schüler erfaßte. Es war eine Landschule, und das ganze Leben vollzog sich im engsten Kreise der Gemeinschaft, die es einen kaum fühlen ließ.'daß man irgendwie anders war. Genuß gab cs mitunter Auseinandersetzungen auch über die Judenfrage, aber sie waren mehr oder weniger theoretisch und bewegten sich meist auf der Basis der Notwendigkeit, die Juden zu verschiedenen Dingen zu erziehen, um sie mehr ciuznglicdern, als es der Fall war. Es gab Schulen, die den jüdischen Schülern andere Erfahrungen gaben — so wie cs auch nicht in allen Familien so wie in unserer Familie war. Und doch war es eben so als Richtlinie einer Entnücklung symptomatisch. Dann wurde das Leben selbst dritter Faktor einer Entioicklung. Wohl wurden an der Hochschule jüdische Beziehungen stärker, aber allgemeine politische, soziale, weltanschauliche Probleme traten in den Nüttel- Punkt des Denkens; in einer Zeit der Umwälzung der Welt schienen jüdische Fragen bei weitem nicht groß und nächtig genug, um neben die anderen treten zu können, darum zumal, iveil der dem einzelnen als Juden oftmals aufgezwungene Kampf um mehr als um das Judentum zu gehen schien und darum nicht geeignet ivar, stark jüdisch empfinden zu lassen. Außerhalb des Studiums begann dann ein znn'ites Leben, das noch weniger von Jüdischem beeinflußt war. Geldverdienen auf der einen Seite, auf die verschiedenartigste Weise, so wie cs die Mehrzahl der Studenten tat, als Journalist, wenn der Fall glücklicher lag, und dann um so mehr mit' dem Blick auf das Ganze des Volts — soziale oder geistige ehrenamtliche Arbeit au» der anderen, kaum diskutierbar in ihrer Notwendigkeit, da die sozialen Bindungen des einzelnen immer deutlicher wurden. In dieser Situation kam das Gramen, die Anstellung zur Ausbildung — und dann der 1. April 1933. Die wenigsten nur unter den unzählig'u deutschen Juden, die in dieser Zeit den Zusammenbruch der Welt erlebten, die ihr Leben zu sein schien, sind in Untätigkeit und Beugüation verharrt, die Mehrzahl fand über . f. üteiet HÜösslMMST Am 26. April d. I. dursten wir den 70. Geburtstag unseres treuen, jederzeit bewährten Freundes feiern. Am 24. Juli standen wir mit den unzähligen Freunden von Meier Hildesheimer an seiner Bahre. Mit pietätvollen Worten verkündete Tr. Esra Munk die letztwillige Anordnung des Heimgegangenen, daß an seiner Bahre keinerlei Ansprachen gehalten werden sollten. Esra Munk verkündete daß. wenn uns auch das Wort versagt sei, wir uns zusammensindeu müssen in andachtsvollem und gelöbmsfchwerem Schweigen. Ein heiliges Schweigen -ging durch die Reihen der vielen, vielen Mensä-en, die dem Sarge folgten und still und geduldig warteten, bis au sie die Reihe kam, die Schaufel zu ergreifen und mitzuhelscn der Erde anzuvertrauen, was an Meier Hildesheimer sterblich war. Meier Hildesheimer Wenn ein Mann von der Wahrheitsliebe und Einfachheit, die nur den Mensck)en auSzeichuet, der in sich geklärt den Dingen der Welt gegenübersteht, den Zurückgebliebenen Schweigen gebot, so ziemt es auch uuS in dieser Stunde das Schweigen nicht zu brechen. Wir im C.-B., die wir in gemeinsamer Arbeit unseren Freund Meier Hildesheimer, den Rachfolger unseres unvergeßlichen Hirsch Hildesheimer, als jederzeit hilfsbereiten Arbeitsgefährten liebten und verehrten, ivissen, daß unser Schweigen an der Bahre von Meier Hildesheimer ein Dankgebet andie Vorsehung, die ihn uns gegeben, und ein Gelöbnis bedeutet. Auch für uns ist Nteier Hildesheimer nicht tot. Er lebt in unseren Reihen, Leben erzeugend. Julius Brodnitz GÄWSCö BKTWE Der Tod, der unseren Freund Eduard Bär- Wald von einem laugen Leiden erlöste, erschüttert alle, die ihn lannten, aufs tiefste. Bis vor kurzem durfte mau von diesem lebenskräftigen, in feiner beruflichen und ehrenamtlichen Arbeit ganz ansgehenden Manne hoffen, daß er einer der stärksten Führer des deutschen Judentums sein werde, auf die wir uns. an Männern jetzt gewiß nicht reich noch lairge stützen könnten. Seine vielfältig erprobte Arlritskrast war durchleuchtet von jener sonnigen Güte und Heiterkeit, die gerade am Rhein und Main daheim ist. Und doch war Bärwald im Grunde eine tiefangelcgie. in die Tiefe gehende Natur. Er stammte aus einer Familie, deren Namen im dcutscheu Osten allerbesten Klang hat. . Ter Bruder seines Vaters, Lesser Bärwald, gehörte ein halbes Jahrhundert zu den führenden jüdischen Persönlichkeiten der deutschen Provinz Posen, sein Vater, Justizrat Moritz Bärivald in Bromberg, ein treuer Mitarbeiter des C.-V., war langjähriger preußischer Abgeordneter des alten Abgeordnetenhauses; sein Vater endlich, Dr.. Hermann Bärivald, verpflanzte die alte Tradition der Pofener Juden an das Frankfurter Phikanthropin. dessen langjähriger verdienstvoller Leiter er war. Jüdisches Wissen und jüdische Tradition waren ihm also von den Ahnen her überkommen; er selbst aber hat aus seinem Eigenen das Beste hinzugetan. Eine tief religiöse Natur, war er anfs lebhafteste an allen religiösen, insbesondere an gottesdienstlichen Fragen interessiert. In seiner Heimatstadt Frankfurt a. Dt. gehörte er lange, zuletzt als Stellvertreter des Vorsitzenden, dem Gemeindevorstand an. Das Vertrauen der deutschen Juden berief ihn neben seinem Freund und Kollegen Justizrat Blau in den Vorstand der 1CA, wo er gerade in der jetzigen Zeit für das deutsch Judentum viel hätte leisten können. Im Preußischen Landest>erband jndischr Gemeinden hat er als Vorsitzender der liberalen Fraktion während der leiden ersten Wahlperioden erfolgreich und kraftvoll mitgearbeitet. Bärwald, obgleich selbst entschieden und ausgesprochen religiös-liberal, war dennoch ein Mann. dem das Judentum über die Partei ging, der etwas von der Gemeinbürgschast des echten Inden in sich empfand und der deshalb auch das Vertrauen und die Lietv der Andersdenkender. genoß. Heiterkeit und Güte auf der einen. Arbeiiskraft und energisches Zufasfen auf der anderen Seite, befähigten ihn wie selten einen Menschen zum Führer. Aus reichem Schassen heraus hat ihn uns ein grausames Schicksal entrissen; mit den Seinen, mit der Gemeinde Frankfurt a. Al. trauert das ganze deutsche Judentum um einen seiner besten Söhne. Heinrich Stern. Eduard Bärwald

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