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Central-Verein-Zeitung · 1934-07-19 · 29 (19.7.1934) · page 1

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
13 (1934)
Issue
29 (19.7.1934)
Date
1934-07-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
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§,di- "ui sr.it ttlidfrit . in!Ä d., ^nocvc!v es ta « '1!':’.t' Vo;t ^rtrfiorr ' Vlrbvit - fk. 'ec v.G2 Pf. .in Bcrl IcSS- \ijnz n Münt Ui iRSO »n-Hotel ern ifj entral- - Berlin, 19. Juli 1S34 / XIII. Jahrgang / Nr. 29./ ' Press 2© Pfennig o.wo jSrem * ün Kitz UN fflw F§lZH§i!| i})l V, ^0)|U Ul IN! |ip | r\/y - \\y vvWW <jU/ Unter den Berufsgruppen des deutschen Judentums, die durch den Wandel der Lebensbcdmguugen eine einschneidende Strukturänderung erfahren haben, bedarf die der jüdischen Journalisten einer besonderen Betrachtung. Tie Gesetzgebung hat zur Folge gehabt, daß ihnen der große Wirkungskreis im Rahmen der allgemeinen deutschen Presse säst ausnahmslos verloren gegangen ist. Die Umstellung auf eine neue Existenzbasis ist besonders schmierig. Und schließlich liegt bei denen, die in gleicher Berufstätigkeit den Weg zur jüdischen Zeitung suchen, ein öffentliches Interesse des deutschen Judentums vor. Der Veruf des Journalisten bringt es mit sich, daß seine Arbeit als repräsentativ für die, in deren Namen er spricht, gewertet wird, daß von seinem wertvollen oder schädlichen Wirken nicht zuletzt das Urteil der Außenwelt über die Gesamtheit, die er vertritt, abhängt. Schon zahlenmäßig ist es kein kleines Problem, um das es sich hier handelt, Kaum ein Tag verging in den letzten Monaten, an dem nicht in der Pressestelle der Neichsvertretung der deutschen Inden von einem jüdischen Journalisten Rat für den Neuaufbau seiner Existenz erbeten wurde, und die Cchriftleitungen der großen 'jüdischen Blätter. sowie die juristisch-wirtschaftliche Beratungsstelle des E. B. werden ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Zunächst gilt es die Frage zu beantworten: Im Beruf bleiben oder nicht? Hier sollte 'eine strenge Sonderung vorgenommen werden. Wer mit durchschnittlicher Begabung oder nur nebenamtlich, mehr oder weniger regelmäßig, Artikel schrieb, sollte einsehen, daß Journalismus weniger denn je wirtschaftliche Sicherheit zu geben vermag. Mögen die jüdischen Zeitungen auchim Laufe des vergangenen Jahres schon dem Umfang nach zugenommen haben, der Topf ist viel zu klein, um alle zu ernähren, die aus ihm essen wollen. Lieber einem kleinen Kreis wirklicher Begabungen eine Weitersührung ihrer Arbeit sichern, als' die vorhandenen Mittel an zu viele verzetteln. Im Beruf bleiben sollte nur der w i r k-! i ch e I v u r n a l i st, das heißt derjenige, dem Echreiben-Müssen eine innere Notwendigkeit bedeutet, dem Schreiben-Türsen ein Gewinn ist, der ihn auch über wirtschaftliche Schwierigkeiten hinwegträgt. Die oft an unsere jüdischen Blätter erhobene Forderung, nur noch F a ch jomnalisten zu beschäftigen, läßt sich zwar bei dem Charakter der jüdischen Presse, die auch ehrenamtlichen Führern und Mitgliedern der Organisationen das Wort geben muß. nicht durchführen. Immerhin sollten aber zu neuer Mitarbeit im wesentlichen nur Menschen herangezogen werden, bei denen die Voraussetzungen fachlicher Eignung vorhanden sind, wobei im Interesse der Heranbildung eines journalistischen Nachwuchses Ausnahmen bei jungen Menschen gemacht werden könnten. Alle, die sorgfältiger Prüfung nicht ftandhalten, müssen, genau wie die aus anderen Berufen Kommenden, vor die Frage der Berufsumschichtung gestellt werden. Das ist ein allgemeines Problem, das aus dem Kreise der Betrachtung herausgelassen werden kann. Wer noch jung genug ist, wird den Weg zum handarbeitenden Beruf gehen müssen, die mittleren Jahrgänge werden, gestützt von den züs'Läu- ^Qen jüdischen Institutionen, Möglichkeiten neuen Erwerbes suchen, und die alten Menschen werden leider in vielen Fällen, die Äse der Wohlfahrtspflege in Anspruch' nehmen müssen. Was wird nun mit denen, die den Weg M jüdischen Zeitung gehen können? Sie befinden sich meist in einer sehr schwierigen Situation. Sie sind irr. der Lage eines. Zand- Werkers, der mit gewohnter Technik einen ihm unbekannten Werkstoff bearbeiten soll oder der noch nicht einmal dieses Rohmaterial in Händen hat. Sie. stehen vor einer fremden Welt, in der sie sich nur mit Mühe znrechtfinden. Die Vielgestaltigkeit organisatorischen nnd weltanschaulichen Lebens im deutschen Judentum verwirrt sie. Sie gehen, vom Zufall geführt, in Versammlungen nnd Borträge, sie sprechen mit führenden Menschen¬ oder mit solchen, die sich selbst dafür ansgeben. Es fehlt ihnen der Maßstab. Was fic sehen, ist ihnen nicht immer verständlich, stößt sie oft ab. Dordergrnndintriguen nehmen ihnen den Blick, für dahinter sich abspielende Geschehnisse nnd Entwicklungen von Bedeutung. Schon der Weg zur Mitarbeit an. dieser oder jener Zeitung ist oft nur durch den Zufall der Beziehung gegeben. Ich glaube, mau sollte sich der Schulung und Einordnung dieser wertvollen Menschen mehr annehmen, als es mitunter bisher geschehen ist. Der Rat, in Veranstaltungen und Vorträge zu gehen, genügt nicht. 'Durch die' Beobachtung, der Sterne ohne '.Anleitung wird man im allgemeinen kein Astronom. Wir müssen den' neuen Kollegen dazu verhelfen, durch Betrachtung jüdischer Dinge den Weg zum jüdischen Journalismus zu finden. Die besondere Aufgabe des Journalisten, genau zu beobachten und dann das Gesehene in kritischer und wertender Formung zu gestalten, setzt Vertrautheit undUebersicht über den Stoff voraus. Es wäre eine lohnende Aufgabe für den kommenden Winter — und diese Anregung soll hier einmal zur Diskussion gestellt werden — die neuen Mitarbeiter der jüdischen Zeitungen zu einem Schulungskurs zusammenzufassen. Sie müßten einen Ueberülick über Aufbau der Arbeit der jüdischen Organisationen und Institutionen bekommen. Die weltanschauliche Gruppierung unserer Gemeinschaft müßte ihnen durch Vorträge und Aussprachen mit führenden Menschen klargelegt werden. Schließlich müßten sie mit dem grundlegenden Umbau und Neuaufbau der materiellen und geistigen Struktur des deutschen Judentums vertraut gemacht werden. Dabei wäre ein besonders großer Raum der Einführung in die Welt der j ü d i s ch e n I u gend einzuräumen. Denn zu allen übrigen Schwierigkeiten des. jüdischen Journalisten kommt noch der mahnende Hinweis hinzu, das; allmählich die Leserschicht der jüdischen Blätter durch eine neue Generation gebildet wird, die ein ganz anders aufgebautes Leben führt, andere Ansehauungen und einen anderen Lebensstil hat als der Kreis, für den man zu schreiben ge-- wohnt war. Eine Veränderung nebenbei, dis auch manchem der „alten" jüdischen Journalisten noch sehr zu fefjaffen machen wird. Wer so in gründlicher Schulung und Informierung ein deutliches Bild vom deut- ÄÜy&sJ) A. H. Ter große Gedenktag trauervoller Ereignisse unserer jüdischen Geschichte ist der nennte Tag im Monat Aw. Es scheint fast, als ob er die Kraft besäße, Entwicklungen, Geschehnisse gerade in sich zum vernich.enden Ende zusammen zu zwingen. Die erste Zerstörung des Tempels am neunten Aw: ein Tag mußte, da das Schicksal verhängt war, der Schicksalstag werden. Daß die zweite Zerstörung von Tempel und Staat Jahrhunderte später am gleichen Datum geschah, ist Zumindest merkwürdig. Aber daß auch Bar Kvchbas leßte Feste Bethar am Tisch' vH beaw siel, daß 'das Exil der 200 000 spanischen Juden an diesem Tage begann, rührt an letzte Geschehnisse des göttlichen Waltens wie der menschlichen, der jüdischen Seele. Jeder Mensch, der bewußt sein Leben führt, kennt seine „schlechten Tage" und achtet daraus,, sie für sich und die anderen möglichst wirkungslos zu machen. „Der schlechte Tag" unserer jüdischen Gemeinschaft, der 0. Aw. ist verbindliche Satzung, und soll jedes Jahr, solange Inden bestehen und sich in die Kette jüdischer Geschlechter eingeglüht fühlen, bewußt gelebt und nacherlitten werden. Seltsame Anordnung, Trauertage der volklicheu Geschichte immer wieder hervorzuholen, statt sie in den Schacht der Geschichte tiefer und tiefer hinabsinken zu lassen, Augenblicke schwerster volklicher Demütigung'immer von neuem in unsere Seele zu brennen! Die moderne Seelenheilknnde kennt die heißende Wirkung der Anamnese, das Ueberwinden quälender und störender in das Unterbewußtsein verdrängter Erlebnisvoraäuae gerade durch ihr Heraufholen ins helle Bewußtsein. Aber gibt. es eine Anamnese unserer jüdischen Seele, kann sie,: soll-.sie, darfsie voraenommen werden, um Nachwirkungen geschichtlicher Ereignisse durch verstaudesjcharfes Begreifen anszuheben? Das innere Bild jeder Gemeinschaft wird mit den Hellen Farben seiner frohen Erinnerungstage —. Siege, Volksfeste — und den düsteren Tinten zemer Trauerdaten gemalt. Welche Farbtone länger haften und dam't im Gesamtbilde immer beherrschender ^-rd'rn, hängt pom .Seelenuntergrunde ab. Die Geschichte schildert das jüdische Volk als festtagsfroh und feierfröhlich. Viel Klang und bunter Glanz schwingt um das Volksleben im jüdischen Staate, um den Tempel. Der Geschichtsverlauf hat aus uns das klassische Volk des Leidens geformt, in dem nun die dunklen Farben, die getragen-schmerzlichen Klänge überwiegen. Wir sind aber kein wehleidiges Volk geworden, das den Nacken von Gott gebeugt weiß und nun trauernd sitzt und wartet, daß'er wieder ausgerichtet wird. 'Das hieße, uns nur dem Vergangenen verpflichtet fühlen, tatfrohe Gegenwart nicht kennen, Gestaltung der Zukunft dem Zufall überlassen und nicht der Vorsehung. die mit vertrauend - schassenden Menschen rechnet. Jüdisches Geschickitsbewnßtfein trägt erst bann die Hellen und harten Züge von Wirklichkeitswert, wenn es die Vergangenheit durch die Gegenwart in die Zukunft führen will. Jüdische Kontinuität nur nach rückwärts gerichtet, bedeutet das Gegenteil von Fortsetzung: Abbruch. Wer so denkt, endet in sich die jüdische Geschichte, sitzt neben ihr und steht nicht mitten in ihrem Ablauf. Jedes auch noch so tiefe Bedenken von Geschichte an sich, jedes noch so frohe Wirken im Tag ist bedeutungslos für die Gestaltung unserer Gemeinschaft, wenn nicht zwischen Geschichte als Tenkmaterial und Geschehen als Tatmaterial Zusammenhang. Verantwortung, Ausgleichung geschieht. Solche Anamnese verlangt von uns der Trauertag, der 9. Aw. Nicht Aushebung durch Bewußtheit, sondern Einordnung ins Bewußtsein, Erkenntnis des Hintergrundes unserer Geschichte und schärfere Sicht der Gestalten, die sich von ihm abheben;' kein Verlieren in schmerzvolle Erinnerungen, sondern gestaltendes Vergleichen der Epochen und der Gewichte ihres Leidinhalts, aber auch ihres Fortganges; 'Bekenntnis zur formenden Kraft des Leiderlebnisses, wie es dieser-Tag in sich birgt, aber Befreiung von seiner belastenden Bannung der Tatgestaltnng. Dann kann unser Gebet am 9. Aw der Dank sein, daß der Gott unserer Väter auch uns den 9. Aw erleben ließ, imd die Bitte, unserer Kinder Gott zu bleiben und immer Inden den 9. .Aw erleben zu .lasten. i;:U;.u4u I ' , \*U;\ -! | : 4 - ■ •/ffu! . . ' x '. N! u i Max Liebermann: Selbstbildnis114 (Zu dem Artikel im ersten Beiblatt dieser Nummer) . Mit Erlaubnis des Verlages Brun» Cassirrr (Berlin) ßnccnnnnanzunnnannncncnnnnnnnna schen Judentum bekommen hat, wird dann auch in seinem neuen Wirkungskreis die größte Kunst des Journalisten ausüben können, die Sonderung des Bedeutungsvollen vom Gleichgültigen, die Scheidung zwischen Wissenswichtigen und Ueberflüssigen. Es wird in manchen Blättern nicht immer sorgfältig genug geprüft, ob sich bei Beröfsentlichnng einer Nachricht oder einer Betrachtung das journalistische Interesse und das der Allgemeinheit auch decken. Ein wirtschaftliches Problem sei nur im Vvrübergehen gestreift. Bei fast allen neuen Mitarbeitern jüdischer Zeitungen ist eine Übergangsperiode gegeben, in der sie mehr ausnehmend als schassend sein müssen, in der sie also von ihrer Arbeit nicht leben können. Die Gesamtheit hätte ein Interesse -daran, wirklich wertvollen Begabungen durch zeitweilige Unterstützung, durch Vermittlung von Nebenverdienst, die Einordnung zu erleichtern. . Was muß nun, so fragen wir schließlich, der neue jüdische Journalist an inneren Voraussetzungen mitbringen? Um es zunächst negativ zu sagen: keine „Gesinnungstüchtigkcit". Uns imponiert weder der Nachweis langer Grnppengebundeirheit, noch . schreckt uns die Unentschiedenheit der Grnvpeneinordnung. Nach jüdischen Parteidogmatikern haben wir kaum Nachfrage, unser Vorrat reicht noch für einige Zeit. Es kann auf die Dauer nicht gut tun, wenn manche unserer Blätter sich nur ans den Kreis bewährter Gesinnungsfreunde beschränken, so wie es ans der anderen Seite auch falsch und gefährlich ist, jetzt in der jüdischen Presse Form und Inhalt eines wenig erfreulichen Journalismus zu kopieren, dessen Zeit endgültig vorbei ist. Es stört uns nicht im geringsten, wenn man als Neuling und ohne Bindung zu uns kommt. Im Umstellen der Lebensbedingungen müssen alle Begriffe und Formen neu geprüft werden. Wir fühlen uns nicht weniger als Lernende als unsere neuen Kollegen: Alles, was wir ihnen voraus haben, ist etwas mehr praktische Kenntnis. Sie bringen dafür die Unbefangenheit des Blickes mit, von der wir uns viel versprechen. Eines allerdings müssen wir von jedem erwarten, der heute zu uns kommt, das Gefühl für die Bedeutung der Aufgabe. Noch nie war es so verantwortungsvoll wie heute, jüdischer Journalist zu sein. Um es einmal jenseits aller Ideologien zu sagen: das deutsche Judentum wird sich in diesen Jahren seinen eigenen Lebensstil schaffen oder es wird nicht weiterbestehen. Im Ausgleich zwifchen der Erhaltung europäischen und deutschen Kulturgutes und dem Neuaufbau lebendigen Judentums muß es sich einen Weg suchen. Nur so wird es fähig sein, dem Druck schlechter und der Verlockung guter Zeiten gleichmäßig zu Bzo VG7li3£c~cle IS&xzzzcr enthält u. a.: Hauptblctt: Die Entwickelung des Rechts in Palästina, von Rechtsanwalt Dr. Kalisck (Berlin) — Berufswechsel oder Umschichtung?, von Heinrich Kuhn!• Beiblatt: Max Licbcrmanns Bekenntnis zum Judentum — Ezechiel, der Künder der Umkehr — V/irischafi der l/ochc 2. Beiblatt: Das neue Buch — Ungarische Rhapsodie — Zwei Ceburlstcgsgrüsse S. Üciblct:: Seite der Jugend

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