Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 13 (1934)
- Issue
- 28 (12.7.1934)
- Date
- 1934-07-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Und doch ist „die Provinz", die so wenig von sich reden macht, die Stätte, an der die Fragen, die heute das deutsche Judentum bewegen, viel übersichtlicher und greifbarer. viel stärker und vordringlicher zum Ausdruck kommen, als es in Berlin geschieht, wo die Massenhastigkeit des Erlebens so manches verdeckt, was unter der Oberfläche schlummert oder in anderen. Fällen vieles vergröberter und anonymer erscheinen läßt. Schon die jüdischen Menschen der Provinz sind so anders. Sie sind verschieden von den Fudcn in Berlin; sie sind auch ^verschieden in den einzelnen Landesteilen untereinander, bin Gang durch die deutsche Judenheit, gerade in der jüngsten Vergangenheit, zeigte die Angleichung des jüdischen Menschen an laudsmannschaftliche Eigenarten. Nicht nurin geistiger, sondern auch in körperlicher Be-' zichung leben' die deutschen Juden in der Provinz als Glied ihrer Umwelt. Gestalt und körperliche Größe, Temperament und Aufnahmefähigkeit wechseln und sind dem Menscheutyp des jeweiligen Landesbezirks viel angeglichener, als man denkt. Schließlich sind die formenden Kräfte der Umwelt in den Jahrhunderten unserer, wenn auch meist Passiven Geschichte an den jüdischen Geschlechtern nicht spurlos vorüber gegangen. Und doch: mögen diese Menschen auch in ihrer Eindrucks- und Ausdrucksfähigkeit verschieden von einander sein, dem Geschehen der Feit sind sie in gleicher Weise aufgeschlossen. Sie sind zu zeitnahen Menschen geworden, die ihre wirtschaftlichen und seelischen Nöte in der Gewißheit ihres jüdischen Schicksals und m der Ungebrochenheit eines Menschentums tragen, das vielfach von imponierender Größe ist. Ter Ausschluß aus deutschen Lebensbezirken hat gerade die jüdischen Menschen der Provinz viel stärker und erheblicher betroffen, als es in Berlin verspürt und gedacht wird. Das Geschehen der Zeit sieht man deshalb in seinem ganzen Ausmaße in der kleinen Stadt, wo einer den andern kennt und niemand in der Masse der anderen jüdischen Menschen untergeht. Hier hat die Zeit für alle, ohne Unterschied, einen Einschnitt bedeutet, dessen Tiefe stets bewußt und mehr als einmal gelebt wird. Gewiß ist dieses Leben nicht nur durch die wirtschaftliche Lage der deutschen Juden gekennzeichnet. Seine Probleme sind in gleicher Weise dadurch gegeben, daß diese Menschen, die in kleiner Zahl beisammen leben, trotzdem geistig und seelisch nicht zueinander kommen. Es fehlt oft an den Menschen, die diese Juden in der kleinen Stadt zusammenfassen und Zusammenhalten könnten. In der kleinen Stadt erst wird einem deutlich, was Führertum bedeutet und bedeuten kann, was Persönlichkeiten vermögen und — was sie nicht öermögen. Sicherlich spielen oft genug auch persönliche Dinge eine Nolle. So mancyes enthält u. fl..* Hauptblatt: Die Betriebsordnung, von Regierungsdirektor i. R. Kurt Friedländer. 1. Beiblatt: Der Einzige und sein Lied, Tode Bicliks. von Leo Hirsch. — Cultmann — Wirtschaft der V/oche: Die neuen Devisenvorschriften. von Rudolf C räupner. » 2. Beiblatt: Geschichte der Juden m Deutschland,von Dr. Wcra-Rchcl Lev'm — Arnedeo Modigliani, von F—x St—r._ Stta! bilden sich sachliche Gegensätze auf dem Hintergründe persönlicher Sympathien und Antipathien. Solche Vorgänge machen manche Bemühungen zuschanden, verhindern, daß aus den Juden der Provinz die Form entsteht, die wir heute brauchen. In der kleinen Stadt und in der Provinz überhaupt spürt man, was es mit diesem Formproblem der deutschen Inden auf sich hat, daß hier eine entscheidende Frage nuferer Ziikunft liegt, die heute noch ungelöst ist. Zuweilen wird gerade gegenüber^der über-, sichtlichen Geschlossenheit des Lebens einer kleinen jüdischen Menschenzahl der Anschein erweckt, als ob so manches geschähe, das die Lösung dieses Formproblems noch schwieriger gestaltet, als es schon ist. Oft zeigen sich in der Provinz die Früchte eines rcdereichcn Winters, der die Gegensätze bei diesen wenigen Menschen nicht nur in ihrer allen \ \ \ \ Schärfe belassen, sondern noch vertieft hat. Eine wortreiche Propaganda innerlich unver* pflichteter Redner hat die Gefahr heraufbcschworen, daß der Wert sachlicher Arbeit gering geachtet wird imd vor das Wissen um die wirklichen Aufgaben unserer Zeit durch den unbekannten deutschen Juden Vorhänge von Phrasen und Getön gespannt werden. Niemand wird verlangen, daß eine Echvlosigkeit der Richtungen und ihrer Vertreter vorherrsche. Tie Zeit und ihre Ereignisse sprechen jeden, der hören kann, so unüberhörbar an, daß Antworten, ausgerciste und hastige, männliche und kindische-gegeben werden. Aber solange sic nicht von der Grundvoraussetzung ausgehen, daß eine tatsächliche Einigkeit vorhanden ist. kann man Tasten und Irrwege nicht in Zielsicherheit verwandeln. Alan tut aber denen, die unzulänglich antworten, Unrecht, wenn mau nicht auch an die, die ...., Stockholm, Juli 193-1. ' Es gibt Leute, die ernsthaft glauben, in Stockholm scheine die Mitternachtssonne. Arme Wanderer! Einen ganzen Tag und eine ganze Nacht noch müßt ihr Weiterreisen, um in ihren Bereich zu kommen. Schweden ist reich - an Reizen und Besonderheiten, aber manches, was man sich erzählt, ist Legende. Wer hat nicht schon einmal sagen hören, in Schweden dürsten Männlein und Weiblein miteinander baden — ohne das moralische Requisit der Badehose? Stimmt es wirklich? Ich warne Neugierige. Der neugierige Zugucker wird nicht auf seine Kosten kommen und der neugierige Frager wird seinen schwedischen Gastsreu'nd schwer erzürnen. Merkwürdig, wie unausrottbar diese Legende ist, — und wie paßt sie überhaupt zu der weitverbreiteten Ansicht von der kühlen Reserviertheit des Schweden? Auch diese Reserviertheit ist allerdings ein bißchen Legende. Nichts Bewegteres und Gelösteres ist zum Beispiel denkbar als das schwedische „Studeutcxamen", die Krönung des jungen Mulus mit der weißen Mütze. 'dem Abzeichen seiner neuerlangten Hochschulreife. Die weiße Mütze — alle tragen sie, die erfolgreich durch die höhere schule gegangen sind, die Studenten wie die Kaufleute, die Mädchen genau so wie die Juugeus, — noch die ältesten Semester schmücken sich mit ihr. Mögen noch so viele weltanschauliche Gegensätze sie auseinanderreißcn, noch so viele Parteien und Bünde sie an sich ziehen, sie tragen alle die gleiche Couleur, die weiße Mütze, unverlierbar wie die Reife, deren Symbol sie ist. Oeffnen sich in den Wochen des Vorsommers die Tore der Schulen, um zwanzig, dreißig glückliche Musenkinder direkt vom Prüsungstifch her ins Leben zu entlassen, dann hält die ganze Stadt den Atem an. Die Straßenbahn stockt, denn Hunderte von Zuschauern drängen sich zusammen, um den Zug der neugebackenen Muli zu erleben. Mit Tüchern, Fahnen, Blumen winken fie ihnen m wenn sie auf den Schultern ihrer Freunde, blaß und schwitzend von den Prüfungsstrapazen, durch die Stadt getragen werden. Ein tänzelnder lachender, singender Triumphzug, freudig bewegte Jugend, die ihre ganze heitere Lebendigkeit dem sommerlichen Himmel entgegensingt. Blauer Himmel und goldenes Sonnenlicht — die blaugoldenen schwedischen Landesfärben ranken sich über da? ganze Fest, untermischt mit jungem Grün Maiglöckchen Myrte, No en. Allehat stch unterge,aßt. alle, chassiert daher zum hämmernden Singsang detraditionellen Liedes. de,sen Inhalt ungefähr ^"^Nun'sind wir Student, nun sind wir " befreit. Nun beginnt für uns die herrlichste Zeit. Nun steht uns das Leben offen!" Wieviel Juden gibt es in solcher lärmenden Jugendschar, -wie ist ihre Beteiligung, ihre Aussicht in den akademischen Berufen? Der Anteil ist sehr gering. Der Unkundige, der nach Acußerlichkeitcn geht, kann auch hier leicht Legenden produzieren. „Rüben Salomou, Advokat", liest er irgendwo. „Aha", denkt er. .-erstens Rüben, zweitens Salomou, drittens auch noch Advokat — diese drei zusammen ergeben den Glaubensgenossen!" Er irrt. Firij. Biblische Namen sind gerade in christlichen Kreisen üblich, und Ausübung eines akademischen Berufes ist alles andere als ein jüdisches. Merkmal. In Al a l nt ö. Schwedens drittgrößter Stadt mit etwa 120 000 Einwohnern, findet sich kein einziger jüdischer Arzt, kein einziger jüdischer Anwalt, mir ein jüdischer Zahnarzt. In Stockholm und Göteborg ist der jüdische Anteil an diesen Bernsen ebenfalls keiner Rede wert. Das ganze Judcntmn ist. vom Nichtjuden gesehen, in Schweden sehr iutbeträchtlich. A n f tauf e n d B c w o h n e r ein Jude, cs lohnt nicht, nach ihnen zu suchen. Sie tauchen unter, sie können nicht aussallen, weil sie zu wenig sind. Will man sic aber aufspüren, dann ist ein Kennzeichen noch untrüglicher als ihr Aussehen: ihre dentschklingendcn Namen. Gvldmann, Blumcnsteiu, Bär sind auch in Schwcdeit tvptsche Namen des Juden. Kein Zufall, denn Aron Isaak ans Treucnbrictzen war cs, der im Jahre 1774 als erster Jude schwedischen Boden betrat und Pionier zahlreicher norddeutscher Glaubensgenossen wurde. Tie spätere Zeit/ zuletzt noch der Weltkrieg und die russische Revolution, verschlug auch Ostjuden hierher. Tie schwedischen Glaubensgenossen hören es zwar nicht gern, aber geschichtlich gesehen ist ihre Gemeinde eine Kolonie des deutschen Judentums. Und auch kulturell gesehen. Noch hetite holen sie ihre Rabbiner und Kantoren aus Deutschland heraus. In der Malmöer Synagoge liegen Gebetbücher leihweise aus. Ich schlage das erste beste aus; es ist der gute alte Breslauer Siddnr mit hebräisch-deutschen Gebeten.' Auch der Rabbiner predigt, solange er die Landessprache noch nicht ganz beherrscht, auf deutsch. Einer meiner Gastgeber war vor dem Kriege ans Rußland eingewandert; er hatte noch die typische Einstellung des Ostjuden gegenüber dem Westjuden. Bevor er einen Satz zu mir sprach, erkundigte er sich zweifelnd, ob ich auch die gängigsten Jargonworte wüßte. Ich glaube, ich habe seine Meinung über den westjüdischen Btldungsstand verbessern können. Im übrigen trug er das Vermächtnis überlieferten Judentums stärker im Herzen als manche der altschwedischen Inden. Es fehlen diesem noch sehr jungen Judentum nicht nur die äußeren Mahnmale einer alten Tradition, — es gibt keine berühmten Synagogen, Friedhöfe, Kultstätten — es fehlt in weiten Kreisen oft die innere Bewußtheit des Jndefeins. Das letzte Jahr hat auch sie ein wenig wachgerüttelt. „Allerdings — das Schicksal unserer deutschen Glaubensgenoffen können wir nie erleben, dazu Professor Julius Gutimann, ■Dozent für Philosophie an der Lehranstalt Tür die Wissenschaft des .Inden tu ins, ist an die Universität Jerusalem berufen worden. (1. Beiblatt) ll!ll!l!l!ll!ll!lll!l!!!!!!l!ll!Illl!!!t!i!lllini!!Hllllll!!l!!!lll!l!ilIll!!!!ni!nili zu ihnen sprechen, die letzten moralischen und charakterlichen Maßstäbe anlegt. Wer sich um die Gestaltung der jüdislheu Zukunft iu Deutschland bemüht, muß bereit sein, die Wirtlichkeit zu erkennen und seine Erkenntnis zu vermitteln. Die Weltanschauung, von der er ansgeht, kann Lichter und Schatten allenfalls anders verteilen. Aber keine Ideologie kann die Wirklichkeit verbiegen. Wenn etwas verbogen wird, ist es allenfalls der Arbeitswille und die Einsatzbereitschaft von Menschen. Die Jwcidrittcl deutscher Inden in der Provinz haben in diesen letzten Monaten die Arbeitseinheit des deutschen Judentums in dieser Zeit sehr häufig nicht empfunden. Zwischen der Ideologie, die Zuknnftsvvlles nur draußen findet, und jener Anschauung, die sachliches Tun verhindert, weil sie die fachlichen Aufgaben verkennt, werden die Alenscheu, vor allem der jüngeren Generation, hin- und hcrgezerrt. Tie notwendige Formung des jüdischen Willens erfährt Brüche,'und so bemerkt der aufmerksame Beobachter von Provinzverfammlitiigen. die nickst nur Angehörige bestimmter Richtungen, sondern die jüdische Gemeinde in iljrer Gesamtheit vereinen, daß bestenfalls eine intelleltnelle Gemeinsamkeit des Augenblicks geschaffen wird, daß aber darüber hinaus Gemeinschaft nicht erreicht wird. Und doch müssten gerade in der kleinen Iri-lefiifiltllsliil des Central -Vereins Ueberv/eist ungemahnt Eure Beiträge für das ÜB. QuarfaJ 1934 Postscheck - Konto Berlin Nr. 115 501 und mittleren Stadl die Menschen viel mehr miteinander leben, als in der Großstadt nvtrvendig ist. - Für die Zukunft des Judentums in Deutschland sind die Zwcidrittel. die in der Provinz leben, nicht minder bedeutungsvoll als die hauptstädtischen Inden. Es besteht deshalb die Verpflichtung, diese wichtigen Zweidrittel so in die jüdische Arbeit hineinzustellen, wie es den Gegebenheiten ihres besonderen Milieus und ihren personellen und geistigen Möglichkeiten entspricht. Auch dann wird eine verödende Gleichmacherei'vermieden bleiben, vielmehr durch ein vielgestaltiges, aber einheitlich gerichtetes deutsches Judentum ersetzt werden. ist unser Ansehen und unsere Stellung zu gefestigt". meint ein sehr rühriger Gelehrter, Mitbegründer einer Art „Jüdischer Volkshochschule". In Stockholm suchte ich ein möblierte? Zimmer. „Sie können nicht überall wohnen", riet ein Bekannter, „die alten Damen,, die Zimmer vermieten, sind manchmal antisemitisch, und außerdem haben sie nicht immer Telephon." Ter letzte Punkt ist beinahe noch kritischer als der erste, denn der Schwede kommt bekanntlich mit dem Telephon zur Welt. Deshalb ist er geübt genug, mitten im Bahnhofslärm an ungeschützt dastehenden Apparaten zu telephonieren, oder, .nickst^viel besser geschützt, mitten aus der Straße. Dreie Straßenautomnten belustigen auf den ersten Blick. Sie haben keine Zellen, sondern eine