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Kinderblatt · 1934-07-05 · 6 (5.7.1934) · page 1

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Kinderblatt
Volume
1934
Issue
6 (5.7.1934)
Date
1934-07-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
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i. zi*MW > -T " WWMW& %M®p ‘ilUffa'it' vergleich zu den riesenhaften Häusern der Großstadt sahen die zierlichen Hänschen der Siedlung N'irklich wie Pnppenhänschen uns. Nn!h räumte und kramte mit Begeisterung in dein freundlichen Naiun mit den weißen Möbeln, die nach so herrlich nach Farbe rochen. Sie hatte gar nicht gemuht, das, Pnfränmen und Ordnung machen solchen Spas; bereiten konnte. So, seht war aber alles fertig, und stolz überschaute Ruth noch e'uunal ihr Werk. Und dann lies sie in den Garten. Da gab e3 soviel 311 sehen, maS Ruth in der Stadt gar nicht gekannt hatte. Obsttxmme, bei denen sie heute direkt beobachten konnte, lvie sich die zarten weihen Knospen öffneten, Sträncher mit kleinen grünen Johannis- und Stachelbeeren, blühende Erdbeeren und ke'nnendes Gemüse. Am meisten liebte Ruth aber die Blmncn. Stiefmütterchen, Tausendschönchen. Vergißmeinnicht und Und dann Elli! Wirklich, dort stand ja das Nachbarkind und lvintte ihr. „Ich kvmine schon!" „Willst du auch mal ein bißchen besuchen?" „Ja, aber der Zaun ist so hoch!" „Na, so meine ich auch nicht, sondern dtirch die Tür. Dann können wir die Blmnen giehen." „?ln fein, warte, ich hole bloß meine Giehkanne." Und mm ivnrden die Almnen gegossen, bis die Schuhe und Strümpfe der leiden Mädchen ^anz nah lvaren. Elli kriegte chic» Schreck. „Das tut nichts, da laufen lvir eben barfuß." „Was wollen wir aber seht machen?" „Ball spielen?" „Du hast hier so 'ne seine Sandkiste." „Tie ist eigentlich für meine kleine Schwerster," erklärte Ruth. Sie fand sich selber schon zu gwh dafür. „I waS! Wir wollen ja auch nicht bloh buddeln, sondern was FeiueS bauen. Weiht du, so 'ne richtige Siedlung, ivie die hier ist. Aber svas ist denn das da für ein Mohrenkind?" — „Ach du meine Güte, das ist ja meine kleine Schwester!" Strahlend lief die Kleine ans Ruth zu. Gesicht, Händchen, Spielhöschen, alles ivar mit nassem srhioarzen Sand beschmiert. „Kuchen gebacken!" Und daS Gesichtchen ivar so glückstrahlend, das, die Kinder nicht wagten, die Alleine ansznlachen oder gar zu schelten. „Aber was machen lvir nur mit ihr?" „(yi, lvir ziehen sie ans, seifen sie ab und lvaschen die Sachen." Hub Schwesterchen freute sich, das, es ein kleiner Nackedei sein konilte. „Habt ihr eigentlich auch Hühner?" erkundigte sich Emmi, nachdem die Wäsche beendet lvar. „Nein, aber Onkel Werner lvill uns einen Talibenschlag bauen." „Du, dann las; dir inan auch gleich einen Kaninchenschlag lllachen. Niein groher Bruder hat zlvei Kaninchen. Wenn die mal Junge kriegen, verkauft er dir gern lvelche. Hühner halben wir natürlich auch, und mein Bruder hat einen Hahn, der ihm überall hin nachlänst, gerade wie ein Hlind." „Hast du nicht Angst vor eurem Hunde, der bellt doch immer so!" „Angst! I bewahre. Ter Hlind ist doch gerade ein Schuh und kennt Bis ganz genau." „Aber mich nicht!" — „Ach so, du fürchtest dich lvohl vor ihm?" — „Ein bihchen," lwkannte Ruth. „Na, kah man gut sein, der wird dich auch bald kennen, du bist doch jetzt meine Frenndin. Und erst kann ich ja öfter Zn dir kommen. Und wenn er dich dann kennt, bellt er gar nicht mehr so doll." — „Ja, ja," meinte Ruth, „ich kann ja auch einen kleinen Bogen um ihn machen. Aber du muht doch öfter zu mir kommen; denn ich muh doch auch ans meine kleine Schivester anfpassen." „Versteht sich," lachte Elli, „nnd die Hauptsache ist schliehlich, dah wir jetzt Freundinnen sind. Zum Erntefest lvirst du schon zu uns kommen, das ist bei uns nämlich immer herrlich. Du, dabei mns; ich gerade daran denken, dasi du ,Rnth' heißt. Weiht du, wie die .Ruth' bei Boas immer die Aehren lesen durste, so sollst du bei nnserin Erntefest und auch sonst von allem kriegen, lvas gerade reif ist. Mit Getreide könntest du ja sowieso nichts ansangen, aber mit Erdbeere,, und Kirschen und Aepfeln und Birnen. Bei euch ist alles noch sv neu, da lverdet ihr noch keine große Ernte haben, lind mein Bater wird's dir schon erlauben, wie'S der BoaS der Ruth erlaubt hat." Ruths Gesicht strahlte. „Ja, und dann wollen wir auch immer zusammenhalten, gerade ivie Naömi und Ruth. Elli klingt ja sowieso ganz ähnlich, und das; du nicht meine Schiviegermntter bist, macht nichts. Akvr nur »vollen uns immer lieb halben, gemeinsam zur Schule gehen, und ims immer helfen." „Tas wollen wir!" erklärte Elli feierlich und gab Ruth die Hand. „Und morgen kommst du zu nns, da lesen wir die Geschichte von Ruth beide znsaminen." „Ja," erwiderte Ruth mit ernster Miene. „Es ist schon spat. Nun mns; ich schnell wieder rüber," beinerkte Elli. „Ich mns; für meine Mutti noch was einholen gehn." „Ach, nnd ich habe ja noch keine Schularbeiten gemacht, ioeil ich doch erst meinen Bücherschrank cinräninen mnsite." „'neu, richtigen Bücherschrank hast du?" „Ja," erklärte Ruth stolz, „einen' richtigen Bücherschrank, ans Muttis alter Küchenanrichte, für die hier doch lein Platz ist. extra vom Tischler für mich geändert. Und Bali hat mir dazu ein Buch mit jüdischen Geschichten geschenkt." „Ten Bücherschrank sehe ich mir morgen nnl'edingt an." — „Tn. Elli, vergiß deine Schuhe und Strümpfe nicht." „Richtig! Gut, das; du mich daran erinnerst. Also ans Wiedersehen!" „Ans Wiedersehen!" „Wiedasehen!" rief auch Schwesterchen nnd winkte Elli nach. c i /WOW 0 vvviviowiii fVW Herta N., Breslau, schreibt: Lieber E.-B.! Tein Spiel hat mir nnd meinen Brüdern ganz besonders gut gefallen. Wir haben schon sleisiig damit gespielt. Jetzt wollen U'ir es nns ans die Reise mitnehmen. Wir fahren nämlich nach Snddentschkand. da wollen wir versuchen, ttn§ alle von Dir angegebenen Stätten jüdischer Kultur anznsehen. Druckst Tn das Spiel mtf) farbig? Antwort: Wenn wir viele Borbesiettlmgen bekommen, gerne. Gllcu N., Vcrliu-Frie-enau fragt: Ich möchte gern wissen, ob die Barmizwa an irgeildeinem beliebigen Tag stcckisiuden kann oder ob es dafür bestimmte Borschrtsten gibt. Antwort: Die Barmiziva be« deutet die religiöse Selbständiglvcr. dnng des Knaben. Sie wird dadurch bekundet, das; der Knabe au dem Sabbat, der seinem. nach dem jüdischen Kalender bestiiiiinten 1s. Geburtstag folgt, in der Spnagoge zur Thoralesnng „aiilgernfen" ivird mid zmn erstenmal die üblicchm Segenssornclie vor und nach der Borle'uug vor der versaminetten Gemeinde vor tragt. - #;/ Phof'jqr. 7 Herbert Sou vc» fehl uiui ' Arno Kil:oler Vom Kinderfest: -y VZk:.. Wer itt die getchichtests Puppenmutter —- Wett* lauf mit Eiern —• Zaun• gaste beim Kasperletheater * ' K " *<• '' > A r ■ -u.1. l. .. ""1 \ . 1 f ' '* ‘v / J *\ yr- ’ l i ...i J Ms*. 6 WM -I m Bor einem schönen großen Hause in einer ruhigen sangen Straße hält ein Möbelwagen. Bor dem HanSeingailg steht ein kleiner Jnrrge. Das ist Moritz Nirgendivo. Ein kleiner einsamer Junge, der keine Freunde hat, sich nicht zu srencn versteht nnd sich jetzt noch an einen neuen fremden Stadtteil geivöhnen soll. Nachdenklich schaut er zu, wie die Möbel, ein Stück nach dem andern, ans dein Wagen heranstransportiert nnd nach oben, in das erste Stockwerk, gebracht werden. Er ist ein kleiner Träinncr. Er müßte doch cigenklich lustig nebenher sausen, vielleicht auch neugierig lim das neue Hans heriimstreisen. Nichts dergleichen. Unsroh fefjaut er den Arbeitern zu. Hier ivird er noch verlassener sein, denkt er. Er kann sich sv schiver andern Kindern anschließen. Er ist ganz schüchtern nnd ängstlich gervorden, weil er niemals den Mut aufgebracht hat, in den Spielkreis der anderen Kinder von selbst eiuznlretcn, und gerufen hat ihn niemand. Tie Kinder fürchteten sich fast vor seinem Wesen, er hatte gar nichts Frohes, liebermutiges, wie die andern Kinder. Ja. sie neckten ihn nicht einmal, iveil sie ans ihm nicht klug »vnrden. So wurde ans ihm der kleine Moritz Nirgendwo, der nirgends dabei ivar, wo es etwas zu lachen gab. Wie sollte eS erst hier werden, wo ihm nicht einmal die Straßen vertrant ioaren. Er schaute noch trauriger als sonst vor sich hin, ganz in Gedanken versunken, so daß er gar nicht eiumak bemertte, als sich ihm ein kleiner Junge näherte. Das ivar Mar Ueberall. Er ivar überall da zu finden, ivo es etivas zu bxhen gab i>nd wo vor allen Dingen „etivas Neues" zu sehen war. Heute war er ganz besonders vergnügt. Er kam gerade ans der Schule und es hatte Ferien gegelmn. Ueberall ivar er ein lnstiger, gutmütiger Iniige. Er war unter den Kindern am beliebtesten. Tenn „er ivnßte alles", ivar erfinderisch im Spiel, immer gern bereit zu helfen riud persagte niemals. Gaiiz eru.mnt blickte Mar Ueberall alif Moritz Nirgendioo. Er überlegte, de.ß mußte sicher der Sohn des neuen Nachtw» fein, von dem ihm seine Mutti erzählt hatte. „Wohnt ihr jetzt da oben", fragte er auch gleich neugierig, und deutete dabei mit dem Finger nach oben. Moritz Nirgendwo fuhr /erschrocken znsaminen. „Ja", anüoortete er ihm kurz nnd verlegen. Mar Ueberall betrachtete ihn schiveigend und fragte dann: „Bist du so traurig, iveil du jetzt in einer fremden Straße wohnen wirst?" — „Ich bin immer traurig", nntivortete Moritz Nirgendivo, „denn ich habe keine Freunde". Gab es so etwas? Mar ttcberakl bekam sofort Mitleid mit ihm. Hier gab es etivas zu helfen. Schrecklich, ohne Freunde, daun gab e'' j>i auch gar seinen ^paß! Tas konnte er nicht mitansehen. Er mußte versuchen, ans dem traurigen NachbarSsohn eineil ebeufq fidesen Burschen zu machen, ivie er selbst ivar. Die Ferien halben angefangen. Es ist ein Heller, schölier Sonn, abendnachmittag. Da klopft es an die Tür von Moritz Nirgendwo« Tie Mutter öffnet. Es ist Max Ueberall: „Darf ich mit Moritz sprechen?" fragt er höflich nnd gut erzogem „Gern, rnein Junge",' erividert il;m die Mutter. „Ich möchte ihn znm JngeudgotteZdienst abhvlen", fährt Max Ueberall fort. Erstaunt schmt ihn die junge; Frau an. „Das kennt mein Junge nicht", sagte sie nnd ruft Moritz ins Zimmer. Langsam kommt er Nild blickt erftnunt auf Mar 1leberalt< Das hat er nicht erwartet, ihn so schnell wrederznsehen und gar in der eigenen Wohnung. „Tn darfst mit mir in die Synagoge zum JugeiidgotteZdiciist gehen." Moritz Nirgendivo hatte davon schon ge« hört. Aber mitgehcn, mit einem fremden Jungen, nein, das traut«? er sich nicht zu. Er kämpfte sichtbar um eine Ausrede. Ta hakte er aber nicht mit der Energie von Mar Ueberall gerechnet. Ter stülpt ihm seine Mütze ans, nimmt ihn an der Hcmd und geht mit ihm weg. Ehe Moritz Nirgendwo noch recht zur Besinnung kommt, stehen sie schor» vor der Synagogcntnr. Kanm hallen sie einen Platz gefunden, begann der Gottesdienst. Jeder große Junge hatte einen Tallis nnd viele von ihnen noch ein schivarzes Käppchen dazu ans. Ungefähr 20 Jungen von 6 bis 14 Jahren ivaren da nnd 10 kleine Mädchen. Zwei größere Jungen leiteten den Gottesdienst. Leicht und verständlich predigte der kaum achtzehnjährige „Rabbiner" von Hiob, der soviel zu leiden hatte rmd dabei dennoch sein Gewissen rein nnd gut erhielt. So manchen Böseivicht, dem es i:n Leben nach außen hin recht gut ergeht, plagt das böse Gewissen um», nimmt ihm Ruhe und Znsriedenheit. Er mahnte die kleinen Frerlnde,, die Sünde stets zu meiden, um wie Hiob, ein reines Gewissen zu lre« hallen, dcis über alle Leiden hinweg Hilst. Und dann sang der „Kantor"« ein vierzehnjähriger Junge mit einer kristallklaren Stimme, die di«; Weihe der Andacht noch steigerte. Und bei der Thoravorlesnng! Jeder, auch der kleinste Junge, sang oder sagte brav nnd klar sein „borarhn" ans. Moritz Nirgendwo nmrde es immer feierlicher zumnte. Eben wurde der Thvraschrank geöffnet. Max Ueberall war ausgernsen worden, die Thora auszuheben. Er reichte sie dem jungen Kantor. Ter sang mit Imrigleit und Wärme das Schema; der Chor der JnngenS wiederholte es und niiwillkürlich ftimmtc Moritz Nirgendwo mit e:n, Tas ivar ihm schon vertraut, aber hier ergriff es ihn besonders. Er ivar mit dem ganzen Herzen bei der Andacht. Hier in der kleinen Synagoge begann er zum ersten Male ',n suhlen: Ich bin nicht allein, ich bin nicht nur geduldet, ich gehöre hierher. Daun gingen die-JnngenZ 'k/.> Xkwwft u.'

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