Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 13 (1934)
- Issue
- 27 (5.7.1934)
- Date
- 1934-07-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Denn Kultur, „das heißt Inbegriff all jener Werte der Seele und des Geistes, mit denen der Mensch sich über das Tierreich erhebt" (so konnten wir jüngst von Julius Bab lesen). Erst die Kultur erfüllt das Leben des einzelnen, wie das Leben jeder Nation mit dem. was wir wirklich als „menschlich" bezeichnen können. Ob wir innerlich tatsächlich Kultur haben, können und müssen wir in jeder Phase unseres Lebens erweisen, in der Gestaltung unserer Arbeit und Freizeit, im häuslichen Leben, im Neehtsleben, in der Kunst, in der Politik und bei allem anderen, was der einzelne oder eine Gemeinschaft tut. Wie viel- , gestallig die Aenßernngen der Kultur sind, und auf welche Gebiete sie sich erstrecken, zeigt uns beispielsweise das Werk eines großen deutschen Gelehrten: „Die Kultur der Renaissance" von. Jacob Burckhardt. Liier ist für einen der bedeutsamsten Abschnitte der Entwicklung Italiens, der Ginslus; weit über liuropa hinaus nahm, das ganze kulturelle Leben eines Volkes dargestellt. " Schoil" die" eingehende Gliederung dieses inhaltsreichen Werkes zeigt uns, in welchem Maße ein wirklich kulturersülltes Dasein aus die Lebensgestaltung einzuwirken vermag. Uns interessiert hier aber vornehmlich die Kultur der inneren Persönlichkeit, die zuerst einmal vorhanden sein muß, ehe sie ihren Ausdruck auf all den Lebensgebieten, wie wir sie eben ausgezählt haben, finden kann. Erst wenn der einzelne „menschlich" denkt und lebt, zeigt er .Kultur, und wenn alle oder zum mindesten viele Mitglieder einer Gemeinschaft des Genfra! Vereins IfOl-iM fiJA j ü mm Ueberweist ungemahnt Eure Beiträge für das 8S§. Quarta! 1934 Postscheck - Konto Berlin Nr. 115501 Kultur zeigen, können wir sagen, daß die Gemeinschaft selbst Kultur hat. „Kultur zu haben" können wir nicht lernen. Was wir lernen können, ist, sich der lOiöglichkeiteu zu bedienen, die uns die Zivilisation bietet. Wir lernen, wie wir unser Leben zivilisiert gestalten, wie wir uns zweckmäßig kleiden, vorteilhaft wohnen, und wie wir uns die verschiedensten technischen Errungenschaften zunutze machen. Wir sind damit fast ausschließlich Nutznießer fremden Geistes. Gs liegt uns fern, die großen Werte des zivilisierten Lebens in irgendeiner Weise herabzusetzen oder die Leistungen derjenigen zu verkleinern, deren Arbeiten und Erfindungen uns dieses Leben ermöglichen. Die Zivilisation ist aber nicht, wie wir oft hören können, eine unbedingte Voraussetzung der Kultur, sie wird nur in vielen Fällen ihre Deggenossin sein, da ihre Technik es uns erleichtert, unserer inneren Kultur einen vielgestaltigen Ausdruck zu verleihen. _ Kultur ist auch kein Reservat einer bestimmten Kaste oder eines bestimmten Standes. Jeder, der im Rahmen seines — wenn auch äußerlich noch so beschränkten — Lebens dieses mit Geist und Menschenwürde zu erfüllen weiß, wer nicht nur triebhaft handelt, zeigt diese innere Kultur, auf die es ihm und Uns ankvmmen muß, die sein Leben für die Gemeinschaft erst wertvoll macht. Tenn Kultur als Inbegriff eines echten menschlichen Lebens wird niemals nur der Ausgestaltung der einzelnen Persönlichkeit dienen, sondern erweist ihre vornehmsten Werte in dem Verhältnis des einzelnen zu seiner Gemeinschaft. Die Einordnung in die Erfordernisse der Gesamtheit, gerade das ist „Kultur", das hebt den Menschengeift über das Tierreich empor. So kommen wir dazu, zu sagen, daß ein wesentlicher Zug der innerlich kultivierten Persönlichkeit Menschlichkeit — „Humanität" ein, UH' rr 'Vv* _ Es ist nicht einfach, kritisch zu den Dingen Stellung zu nehmen, die heute das Leben deutscher Juden ausmachen. Darin vor allem liegt die Schwierigkeit dieses Beginnens, daß man immer fürchten muß, von den Außen-' stehenden mißverstanden zu werden. Und also ist es vorerst notwendig, zu betonen, daß —mit ganz wenigen und nnerheb-, lichen Ausnahmen — die deutschen Juden in dieser entscheidenden Zeit'das getan haben, was ihre Pflicht war. Das bezieht sich auf den ^Bruchteil derer, die Deutschland verlassen "haben, und aus den großen Prozentsatz der Hiergebliebenen, das geht gleichermaßen die Pflicht gegen Deutschland wie gegen die jüdische Gesamtzeit an. Aber es erwies sich im Lauf der Dinge, daß es nicht genügte, „seine Pflicht zu tun", so zu handeln, wie es von einem erwartet und verlangt werden konnte. Zu Ausbruch des Krieges, in einer ernsten Stunde des Volkes, erließ der G.-V. einen viel besprochenen Aufruf: „Tut m ehr a l ü eure Pflicht!" Diese Worte müßten ungeschrieben über allen: stehen, was man heute, in der nürklich schicksalhaften Epoche unserer Entwicklung, zu deutschen Juden zu sprechen hat. Und leider würde die Beantwortung der Frage, ob denn jeder mehr als seine Pflicht getan habe, nicht bejahend zu beantworten sein. Daß es so ist, macht alle traurig, die meinen dürfen, ihrerseits mehr als ihre Pflicht zu tun, und die nun sehen müssen, daß so viele ihrem Beispiel nicht gefolgt sind. Es ist wohl kein Zufall, daß die in erster Linie den Ruf der Zeit begriffen haben, die von der Umwälzung persönlich am stärksten betroffen wurden. Aber es ist schmerzlich, daß es so ist, es zeigt, das; unter uns so mancher ist, den die Zeit nicht reifer gemacht hat. Das ist eine Angelegenheit, die uns nicht nur als Juden berührt: Jeder Mensch, nicht nur in Deutschland, sondern in der ganzen Welt, muß sich heute die Frage nach seiner Berechtigung und Verpflichtung innerhalb seiner Gemeinschaft vorlegen. Aber es geht uns ans der besonderen und in Jahrtausenden aufgebanten sozialen Gebundenheit des Judentums noch mehr an als andere. - §s scheint, daß dieses Wissen heute oft verm wird. Gewiß wird für die' jüdischen mulmigen und in Einzelsällen viel gern. Aber mancher denkt dabei, daß er frciig'gebe, wo er in Wahrheit nur einen beidenen Teil einer Schuld abträgt. Und er irrtet sich und seine Gabe dementsprechend. Wirklichkeit aber ist, daß jede Gabe zu ge- 1 jede SSilfc nur Andeutung ist. Alles, was rü wird, ist Pflichterfüllung, -mehr als Pflicht zu tun, darauf kommt eS an. Es t ein Beispiel, an dem das sehrdeutlich d weil hier noch immer die entscheidende ige der deutsch-jüdischen Zukunft liegt: die asfuug beruflicher Möglichkeiten für junge r für ümzuschichtende Menschen. Alan weis; welche Komplizierung diese Frage dadurch tteu hat, daß landuiirtschaftliche. Betätiig in Deutschland für Juden fast unmöggcwordeu ist und auch der handwerklichen icit genügend Hindernisse im Wege stehen. Ausgleich muß geschaffen werden, der nur rCx Opfern möglich ist, nur dann, wenn es im edelsten Sinne dieses so ab- und angegriffenen Wortes — und damit verbunden \kz ein ausgeprägtes Gemeinschaftsgefühl ist. Wollten wir eine Kulturgeschichte der' Inden schreiben, so könnten wir ganz besonders an die Begriffe der Humanität und des Gemeinschaftsgefühls anknüpsen. Mit Recht darf das Judentum es für sich in Anspruch nehmen, das erste Volk gewesen zu sein, das seine Angehörigen zu innerlich kultivierten qm. iwsiürii/ lüüiimii v Tausende von Inden ans sich nehmen wollen, mehr als die Pflicht zu tun. Man spricht ein offenes Geheimnis ans, wenn man sagt, daß man in der jüdischen Jngeno Deutschlands immer häufiger hört: „Was nutzt uns unsere Ueberzengring und unser Wille, wenn man uns nicht hilft, hier eine Lebensmöglichkeit zu finden?" Was Gemeinden und Organisationen dafür tun können, geschieht. Aber cs reicht nicht, kann und wird niemals genügen. Lllo ist die Hilfe durch die Juden, bie noch in ihren Häusern und Lnrnswohmmaew leben, die noch im gleichen Auto' wie vor'der'' Umwälzung fahrend Wir wissen, das finb• nicht mehr viele — wo ist ihre Hilfe beim Neuaufbau des deutschen Judentums? Daß sie noch immer dazugehöreu. wissen sie wohl. Bei Wohltätigkeitsabeuden trifft man sie an. da man dort das Nützliche mit Angenehmem verbinden kann, aber im Kulturbund schon nur bei Festaussührungen. Niemand wird ihnen das Recht nehmen wollen, sich das Leben nach ihrem Geschmack einznrichten, aber jeder kann verlangen, daß sie erst dann an ihr Leben denken, wenn sie wissen, daß der jüdische Bruder auch eristieren kann. Und es eilt, das; solche Erkenntnis sich durchsetzt: lange Zeit des Wartens ist der jüdischen Jugend nicht gegeben; und ihr ist auch nidjt damit geholfen, das; einer, sich heule bei Lehrstellcu'besetzung und Neneinstellungen an den jüdischen Arbeitsnachweis wendet, in jüdischen Zeitungen annonciert. Das sind Selbstverständlichkeiten, vvn denen gar nicht.zu sprechen lohnt. Aber es ist bisher noch nicht bekannt geworden, das; große jüdische Firmen zusätzliche Besehäftignngsmöglichkeiten für junge jüdische Menschen geschaffen hätten, die vielleicht nichts cinbringen, sondern den Unternehmer zwingen, Geld zuznsetzen. das er sonst für nch hätte verwenden können. Rechtliche, insbesondere arbeitsrechtliche Schranken stehen nicht im Wege: jeder jüdische Betriebssichrer ist in seiner Tätigkeit frei und ungehindert. Wenn das Geschäft die Unkosten des neuen Angestellten nicht trägt, dann muß sie eben der Geschäftsherr eine Welle tragen, unbescheiden werden ja diejenigen, die so wieder zu einer Tätigkeit kommen, nicht sein. Auf die Dauer aber wird sich der Vorteil schon erweisen, den die Vermehrung der Hilfskräfte auch für den Betrieb mit sich bringt. 1 Wenn man die deutschen Inden heute fragen könnte, ob sie für die wichtigste Sorge der Zeit, für die berufliche Unterbringung der Jugend mehr getan haben, als es ihre Pflicht ist — wie viele dürsten da wohl mit -,Ja" antworten? Vielleicht tun sie-es-noch, denn noch ist Zeit. Man muß es einmal ganz grob und.hart sagen: der Egoismus und die Gedankenlosigkeit . mancher Aelterer nimmt der jüdischen Jugend dem Glauben daran, daß sie im Räh- . men des deutschen Judentums eine Zukunft finden wird; die festgefügteste Ueberzengung "versagt auf'die'Dauer, wenn keine Anssicht besteht, ihr irgendwie und irgendwann in; einem Leben dienen zu können, das ans einer eigenen Existenz beruht. Schasst Arbeitsmöglicfjfciteu, auch wenn ihr dafür opfern und verzichten müßt. Noch ist cs Zeit! Wie lange noch? Hans Samtcr. '! „Für das jüdische Kleinkind“ ist das Motto, unter dem der Zentralausschuss für Hilfe und Aufbau im Juli wirbt Zu dem Auftal: im crtlru llrihlalt. 1‘Unt. Herbert Souneufcld (l!n!iu). cncnnnnnnn'JLinccnnnnncnnnnnnEEzsn Menschen zu erziehen suchte — in einer Umwelt, die zwar ebenfalls unvergängliche Werte geschaffen hat, deren äußere „Kultur" aber die einer wahren Kultiviertheit immanenten Gebote der Nstmschlichkeit und des Ntit- und Füreinanderlebens noch nicht erkannt hatte. Tie jüdische Religion, als deren vollkommenste Träger und Exponenten wir die Propheten ansehen müssen, hat als erste Liebe und Acl, tuug gegenüber den AUtmeuseheu von ihre'! Angehörigen verlangt. Sie bot hierfür ciuli nicht, wie es manchmal behauptet wird, zum Ausgleich Vorteile für das irdische Leben des einzelnen an, sondern tat es, weil sie in dem anderen den „Vtenschen" als das Geschvht Gottes anerkannte. Und ans der'Anerkennung der Lebc-usrcchte des Rlitmeuscheu folgt notwendig auch die Anerkennung der Gemein- "schaft und die Einordnung in ihr Gefüge. Darum waren die Propheten auch zugleich die Herolde des jüdischen Gelneinschaftslebcns, seine Verkünder und Mahner. Nicht de-. Znmng und die Not. sondern der freie Wiüe der Persönlichkeit soll die Einordnung in die Gemcinschaft des volklichen und staatliclien Lebens fördern. Sind die beiden letzten Bor fchriften des Zehngebots, entsprechend den vorangehenden Bestimmungen auch nur nega tiv gefaßt, so verlangen sie doch schon von jedem ein starkes Gemeinschaftsgefühl. Dann! lehrte gerade die jüdische Religion den Vorrang des sozialen Gemeinschaftslebens vor dem rein individuellen, nur auf die eigene Person zngesehnittenen Dasein. Jetzt in unseren Tagen sollen sieh die Werte dieser ans der religiösen Lehre eie gebauten „Gemeinschaftsknllnr" erneut er weifen. Es geht wieder einmal darum, ob sieh die Juden ihr Gemeinschaftsgefühl bewahr haben, und nicht nur eine innerlich hohle, an-.- der Not gebvreiie und iinr für die Notzeit hestimmte Gruppe bilden wollen. Aneh die Eniaiizipatioii darf iins von dem jndisehen Nemeinschaftslcben nicht svrtsühren, soiiü verlieren wir die Wurzel, die das Jndentnm einst nährte und seine .ttrast diirch die wechselvollen Schicksale der Jahrtausende stets erne-ucrtc. Ebenso wie liach uiiserer Empfindung beutime und jüdische Kultur keine Gegensätze sind, dürfen Emanzipation uiid jüdisches Gemeinschaftsgefühl feine Gegensätze sein. Es gilt zu bedenken, ob nicht das Scheitern der Emanzipation ans die Verriiigerirng des Gemeiufchaftsgesühls der Jiiden und ihre damrl verbundene Entseriiling von jüdischer Kultur zurückzuführen ist. Es ist heute schwer zii sageii. in welcher Form wir eine neue Emanzipation erstreben können, doch dürfen hierbei keinesfalls jüdische Kiiltur und jüdisches Gemeinschaftsgefühl zurückgedrängt werden. Die vorliegende Ntzsnmer enthält u. a.: Hauptblatt: Der Bund, die deutsch-jüdische Jugendbewegung von Werner Simon und Günter Fncdlaender — Berufswechsel oder Umschichtung? von Heinrich Kulm. f• Beiblatt: Die jüdische Blindenanstalt für Deutschland von Dr. Else Wolfsohn-Jaffa George A. Coldschlag von Leo Hirsch — Sport der Wochc — Gesetz und Recht. 2. Beiblatt: Kinderblatl — Wirtschaft der