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Central-Verein-Zeitung · 1934-06-28 · 26 (28.6.1934) · page 1

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
13 (1934)
Issue
26 (28.6.1934)
Date
1934-06-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
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3d -/ Üj X s/ 8Ü.G LN; »8.?, vior). . RsrÜK» 1934 X!!!.-Jahrgang / Nr.2^ Preis 20 Pf ©'es nag owo LHUIITICIIIIEI ö» . JUBEflTUH H d' (d {jl e Jj iS! (sf*rt f(,| I; |§; •JTßj Die vorliegende Nummer umfasst 16 Seiten. Sie enthält u. a.: Hauptblatt: Briefe von Auswanderern. Von . Dr. Mark Wischnitzer. 1. Beiblatt: Richtlinien zur Berufspolitik. 2. Beiblatt: Geschichte der Juden in Deutschland. Von Ismar Elbogen. — Max Pallenberg. — Neue Bücher. 3. Beiblatt: Das Blatt der deutschen Jüdin. — . Lieber Kunsterziehung. — Wirtschaft der Woche. U V U p Qtft'T A. H. Am 28. Juni wehen die deutschen Fahnen aus Halbmast. Ter Tag von Versailles jährt sich zum fünfzehnten Male. Das deutsche Volk hat innerlich Versailles zwar überwunden. Es suhlt sich um so weniger als „besiegt", je mehr es zum Bewußtsein seiner Erneuerung gelangt. Die letzten 15 Jahre haben überdies gezeigt, daß der Weltkrieg die altgcioohnten Friedensschlußkategoricn von Tieger tmd Besiegten auflöste. Trotzdem sagt die Negierung: Gedenke des 28. Juni 1919! Und wir deutschen Juden gedenken mit. Die stille der Gesichte dringt auf uns ein. Leid schärft das innere Auge und das Gedächtnis. Unsere eigene Geschichte ist ja nichts anderes als eine Kette von Niederlagen. Wir „ewig Bekriegten und ewig Besiegten" kamen emrch jede verlorene Epoche unseres Schicksals- Verlaufes wieder näher zu Gott und unmittelbarer zum Begreifen der großen Erkenntnisse vom Verhältnis zwischen Macht und Recht und Macht und Geist, das immer wieder zurechtgerückt worden ist. Versailles und seine Zusammenhänge sind deshalb von uns deutschen Juden mit greller Deutlichkeit erlebt und erlitten worden. Nicht deshalb nur, weil unser. deutsches Schicksal von heute unmittelbar aus Versailles zurückgeht, weil unser Miterlebcn der Jahre 1014 bis 1918 rückgedeutet abgeflacht, entheiligt wird; auch nicht, weil unser. Mitkümpfen und Mitbcstreben nicht als letzter Beweis nationaler Zugehörigkeit und Zuver- : lässigkeit der ganzen deutschen Judenheit gedeutet wird, sondern innerhalb der Ariergesetzgebung allenfalls dem einzelnen und seinen Kindern Kampf und Tod lohnt. Das kam viel später als Versailles; der Trennungsschnitt zwischen deutscher Geschichte und Ge¬ ZM S’® In den Bädern, das liegt in der Natur der Sache, gibt man sich natürlicher, man lüstet ein wenig die Maske der sanktionierten konventionellen Lügen, man streift die Steif-■ heit ab, und wie die umgebende Natur entfaltet man fein inneres Leben freier, ungezwungener. . Kastengeist und Standesdünkel haben weniger Macht, wo der Drang nach Ge-; selligkeit, schon um die Muße auszufüllen/ stärker ist. Wie reizvoll dieses, künstlerische und psychologisch gesehen, sein mag, weil man hier den ganzen, wahren Menschen studieren kann, so birgt es doch auch manche Gefahren in sich. Wenn der jüdische Mensch schon früher gegen gesellschaftliche Vorurteile zu kämpfen und die Mittellinie zwischen Zudringlichkett und Absonderung wahren mußte, so ist das heute umsomehr ein Lebensimperativ. Allzu- Icichte Anschmiegsamkeit, mag sie dem harmlosen Drange nach Geselligkeit entspringen, läuft immer Gefahr, als Zudringlichkeit gewertet zu werden, und hat etwas Unfeines, lästig Wirkendes an sich. Absonderung bildet eine künstliche Kluft itnb versperrt den Weg zum gegenseitigen Verstehen. V e r st e h e n aber ist alles, es heißt nicht verzeihen, sonder alles achten, lieben. Es gibt immer etwas Verbindendes zwischen Kulturmenschen: die ewige Menschlichkeiträdec. die stärker als Theorien und Systeme ist. 'Je kultivierter der Mensch ist, desto stärker Ivirkt das Sittlich-Menschliche in ihm, das alles Instinktive überwindet oder wenigstens verfeinert. Es gilt, diese Brücke nicht aus Trotz abzubrechen, sondern sie zu beschreiten, aber vorsichtig, ohne jemand zu hindern, ohne auch nur den Schein der Lästigkeit zu erwecken. Klugheit und Feingefühl müssen Mitwirken, um diesen häufig schmalen Pfad gangbar zu machen. Daß alles Störende zu meiden ist, ausfallenden Lupus, lautes Benehmen, alles, was als Protzentum gedeutet werden könntet braucht wohl' nicht gesagt zu werden. Ter gebildete Jude ist an" sich zurückhaltend, eher schüchtern als kühn, und die Zeit hat ihn so ernst gestimmt, daß fein Wesen sich immer mehr versteckt, sich nach innen flüchtet. Aber über das Negative hinaus kann auch manches geschehen, was zivilisierte Menschen einander näher führt, was Vorurteile unsichtbar chewitigt, gerade wenn keine Absicht damit verbunden ist. Man wohnt in einer Pension,' sieht einander am Frühstückstisch, bald grüßt man einander aus der Ferne, man hat Gelegenheiteinander kleine Hvflichkeitsdienste zu erweisen. Bald bildet sich etwas wie eine gemeinsame Atmosphäre; es kommt zu einem gemeinsamen Ausflug in die Umgegend. Man fährt zusammen im gleichen Gesellschaftsauto, mau -.Fnlt zusammen Kaffee, man tauscht Gew.Üigkeiten und Liebenswürdigkeiten aus, die Minder spielen zusammen. Man spricht von den umgebenden Naturschönheiten, die gemeinsame Liebe zur Mittler Natur, die gemeinsame Freude an Schönheit und Erhabenführt einen näher zu einander. Matt AA fängt an, einander tiefer zu verstehen, man gibt einander, nimmt voneinander, ohne es zu merken.. Das ist der Weg schlichter Menschlichkeit. Man trennt sich schon nach nach wenige»: Tagen,- vielleicht ohne einander jemals wieder im Leben zu begegnen, und doch behält man einen guten Eindruck von einander. Persönliches Erlebnis, und Gedankenwelt verschmelzen miteinander und bilden Steine im Gesamtbau der Erfahrungen, aus denen der einzelne seine Weltanschauung errichtet. Ich gebe zu, daß sich die Erlebnisse nicht immer so abspielen, daß häufig die künstliche Scheidewand so hoch ist, daß man über sic gar nicht hinwegsehen kann. Aber die Bereitschaft zur Versöhnung, der gedüngte Boden zttr Verständigung muß bei uns Juden vorhanden . sein. Gerade weil wir Juden in,der Geschichte , häufig unterwegs sind, müssen wir ungenehme Neisegenossen sein. > Wie es zwischen manchen Völkern ein neutrales Grenzgebiet yibt, so sollte es zwischen; den Menschen ein heiliges Feld geben, auf denp. die Benutzung feindlicher Waffen verboten ish Dieses Feld 'heißt wahre R e l i g o s i t ä jt. Betreten die Menschen dieses Feld mit fron'> men Sinn, dann werden sie bald einand' t finden und einsehen, daß sie bei gutem Will,' ■' miteinander oder wenigstens nebeneinanl. h leben können. Das eigene Gebiet soll dabei mit Liebe gepflegt werden. Noch mehr vielleicht als zu Hause tut es im Ferienort not, engere Fühlnng mit den Glaubens-- und LeidenSgenvsfcn ■ zu suchen. Die Berührung mit den Juden anderen Ortes und anderen Standes wirkt immer belebend. Mehr als die Fühltmg durch Presse und Korrespondenz wirkt die lebendige Anregung persönlichen Verkehrs. Die Liebe zum angestammten tmd erlebten, Judentum und zur deutschen Kulturbund Zivilisation kann hier, wo die Beschaulichkeit mehr Gelegenheit bietet, ins Innere zu dringen mtb bas Seelische zu erfassen.'im Verkehr und in der Lebensäußerung schärfer und natürlicher zum Ausdruck kommen. Es liegt in der jüdischen Natur, daß er fast immer nicht mir körperliche Erholung, sondern auch seelische Lebensernetterung in der Sommerfrische sucht. Namentlich in schickerer Zeit bilden die Tage der Sommerfrische Tage der Rückkehr zu seinem inneren Wesen, Tage wahrer Weihe in dev Natur und mit..der Natur Aber auch eine Weihe kommt selten plötzlich'über einen, sie muß vorbereitet werden durch Stimmung. durch Wille. Dian lasse wennman -ins-Lad reist, alle Verbitte- ' rnna zu Hause, man nehme aber m'.t,,den ' Si,m für Natur, den Trost der Geschichte, das tiefe Aerställdnis für alles Werden und Gewordene In der Seelenvermählung mit der Natur begreifen wir es eher, daß nicht nur üb-r uns sondern auch in uns etwas Ewiges -lebt, daS alles Zeitliche.erträglich macht. Radius Schach schichte der deutschen Juden datiert erst seit 1933. Bis dahin war die Schicksalsverknüpsung, wie im aktiven Tun, so int passiven Erdulden, seit mehr als füttf Generationen gemeinsam. Dieser seelische Erlebnis- und Ersahrungsbesitz, feine Lehreii und sein Trost sirtd uns unentreißbar. Versailles enthält aber ein Mehr. ' Vor ilnserem geistigen Auge taucht eine erschütternd eindrucksvolle Szene auf. Alle Augenzeugen berichteteii von ihr. Im riesigen Saal von Versailles sitzeit an endlosen Tischen die Vertreter fast der ganzen Welt, tvie ein Gerichtshof. In der Mitte, allen gegenüber, eine kleine Menschenschar: die deutsche Friedensdelegativn. Die Tinte unter dem Friedensdvkument war noch nicht trocken, als sich schon aus den verschiedensten Politischen Lagern und Beweggründen Kräfte regten, um cs iu seiner Unmöglichkeit zu erweisen. Politische Machtmindcrung, wirtschaftliche Not, nationale Bedrückung mtlßte zeitweilig knirschend oder resignierettd hitigenoutnten werden. Was aber die überwältigende Mehrheit des deutscheit Volkes keinen Augenblick hinitahni, was nur der Gewalt weichend unterschrieben, aber niemals gebilligt, niemals ztlgestanden, niemals anerkannt worden ist. war das Schuldbekenntnis am Ausbruch des Weltkrieges durch Deutschland. Diese Stigmatisierung eines Volkes^als schuldig an einer ganzen Geschichtsepoche-— dagegen lehnte sich das Empfindenvon Recht Mid Gerechtigkeit auch außerhalb Deutschlands ztterst auf. Wer kann es wagen, dtz-, lebendige, sich ewig wandelnde, wachsende, sich' entwickelnde, zu neuen Daseinssormcii probende Gemeinschaft eines großen Volkes, 'einer Menschengruppe in die versteinerte Forchnel einer tiicht anshebbaren Verurteilung zu pressen!? llnb mit gleicher Einmütigkeit . wandte sich das ganze deiltsche Volk gegen die Erfüllung der „Kriegsverbrecher"-Paragraphen, die Forderung nach Auslieferung der „schuldigen" deutschen Heerführer und Kämpfer. Dieser Paragraph ist nie erfüllt worden. Die Zumutung, einzelne preiszugeben, von ihnen abzurücken, um sie denr Gegner als Sühneopser, als Beweis guter Gesinnung darzubicten, faiid entrüstete Ablehnung. Wie könnte es auch jemals anbei*« bei einer Gemeinschaft von Ehre und Wcrtgesühl sein. Das „Urteil von Versailles" ist keiii Spruch von Gerechtigkeit,, sondern der Macht geivesen. Wo aber ist der Beweis, daß Wahrheit iind Recht nur vom 'Mächtigen gefunden werden? Und ivatz besteht noch voll diesem Versailles? Wie Kapitel aus dem Bliche unserer eigenen jüdischen Geschichte lesen wir die Berichte dieser Ereignisse. Wie eine ins Gigantische vergrößerte Wiederholung unseres jüdischeri Schicksals erlebten und erlitteii wir deutschen Juden Versailles' Schulddokument. Denn lvie ein böser Traum wiederholt sich für uiis die von Geschlecht zu Geschlecht immer wieder schmerzlich gewonnene Erfahrung: Verurteilt zu. sein, ohne gehört ztl werden; beurteilt zii werden von Richtern, die das Wesen des vor ihnen Angeklagten nicht kennen; mit dem Stigma des Entehrten durch die Geschichte zu gehen; Unrecht erleiden und in ihm tiefer und stärker werden, weil das Recht unverlierbar — oben in den Sternen oder in der eigenen Brust, das ist das gleiche — besteht. Versailles ist innerlich vom deutschen Volke überwnndeii. Und dennoch die Forderung, zu gedenken und Rückschau zu halten, und Geschehen zu vergleichen. Uns deutschen Juden E gehört dieser 2 ’. Juni mit, die Erinnerung au "diesen Tage und feinen Inhalt, und wir gedenken, Hallen Rückschau, vergleichen: und bekommen Ueberblick und Hoffnung. Allen, die in Lehnitz den Willen zum Bunde in die Tat umsetzten, war der Wikusch gemeinsam, daß dieser Zusammenschluß ein dauernder sein möge, imb daß andere Menschen hinzukommen möchten. Keiner jedoch hatte auch nur im Entferntesten eine Ahnung, daß die knapp dreißig Ortsgruppen sich im Laufe von noch nicht sechs Monaten mehr als verdreifachen würden. Um dieses zu verstehen, tun die Stärken — und auch die Schwächen des neuen Werkes zu erkennen, ist es notwendig, die Motive zu erfahren, die die Menschen zu einer wahrhaft riesenhaften Ausgabe znsammenführten. Auch schon vor der nationalen Revolution hat es, deutschjüdische Jilgeudbünde gegeben; sic waren, lvie die alten „Kameraden" (spater „Wcrklcute") und die ./Deutschjüdische Jugendgemcinschaft", von recht Oebcnteuber Dualität, umfaßten aber naturgemäß nur den Teil der deutschjüdischen Jugend, der schon immer aus dem Schicksal des deutschen Judentums Für sieh besondere Aufgaben ableitete. Der größere Teil jedoch der deutschjüdischen Jiigend war sich seines jüdischen Schicksals gar nicht oder nur nebelhaft bewußt, er suchte Befriedigung lind Erfüllung im Sport oder iu den Bünden der nichtjüdischendeutschen- Jugendbewegung, die ja teilweise noch bis zuletzt Juden aitfnäljm.. Mit dem Siege der nationalen Revolution ' und ihren Folgen sahen sich alle diese Kreise nun ganz plötzlich im Gemeinschaftsleben heimatlos; und da sie größtenteils weit entfernt davon waren, aus ihrem Schicksal die zionistische Folgerung abzuleitcn, da sie mit inniger Liebe an ihrer Heimat hingen, so suchten sie naturgemäß eine Gemeinschaft, die ihnen die Möglichkeit bot, in Deutschland seelisch weiter Heimat zu sehen. ' Wohlgemerlt,' in diesem nur reaktiven Verhalten aus das „Nichtarierschicksal" lag keineswegs ein vom jüdischen Standpunkt aus begrüßenswerter Entschluß; nur wenige erkannten, daß die geistige Lebenshaltung von Grund aus gewandelt. werden müsse, wenn man in Deutschland als Jude weiterlebcu wolle. Au diesem Punkte der Entwicklung setzten die dcutschjüdischen Bünde ein, die sich trotz aller Schwierigkeiten durch die Wirrnis der letzten-Zeit hindurchgerettet hatten. Sie erkannten die Forderung der Zeit und Geschichte und gaben dem notwendig werdenden Bunde, der sich in Lehnitz bildete, die Parole: Kein organisatorischer.Zusammenschluß von Juden, sondern ein bewußt jüdischer Bund! Und so stand am Geburtsort des Bundes deutschjüdischer Jugend der feste Entschluß der Vertragschließenden: Ein jüdisches Leben auszubauen, es in Deutschland aufzubauen, und es unter dem Blickpunkt der bündischeu, der Gemeinschaftserziehung zu gestalten. Nun einmal die Parole ausgegeben war, begann der Aufbau des Bundes im deutschen Judentum. Nicht weniger als 95 Ortsgruppen iu 14 Landesverbänden wurden im Lause der letzten sechs Monate ersaßt, einzelne schon bestehende deutschjüdische Gruppen schlossen sich freudig au, an anderen Orten bildeten sich spontan neue Gruppen, wieder wo anders bediirste es eines langen Kampfes, um der Idee gegenüber Organisationen itnb jüdischen Behörden zum Siege zu verhelfen. Aber es gelang, nicht zuletzt dank der rastlosen, anfvpfernden Arbeit einer großen Anzahl Jungen und Mädel aus den Stanungrnppeu des „Ring", des „Jli", der Berliner „Kinderscharen" und der „Teutschjüdischen Jugendgcmeinschaft", die ihre gesamte Freizeit nur dem einen Ziele widmeten, durch dauernde

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