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Central-Verein-Zeitung · 1934-06-21 · 25 (21.6.1934) · page 1

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
13 (1934)
Issue
25 (21.6.1934)
Date
1934-06-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
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In einer Zeit, die in allen ihren Lebens beziehungen von der Wechselwirkung zwischen Persönlichkeit und Gemeinschaft beherrscht wird, ist die Entscheidung bedeutungsvoll, welcher Faktor im Gebiet der politischen Erziehung der schwerer wiegende ist. Freilich ist das Spannungsverhältnis zwischen Führung und Gefolgschaft regional viel zu ungleich, be-- ruht es aus viel zu unterschiedlichen Wertungen und geistigen Voraussetzungen, als das; cs bereits in den Zustand der Gesetzmäßigkeit erhoben werden könnte. Fest steht nur, daß ln doeserra loge&i wird der Briefträger die Quittung über die Postzustellgebühr in Höhe von 48 Pfennig für die Lieferung der C.-V.-Zeitung für das , III. Quartal 1934 vorlegen. Nichtmitglieder-, Abonnenten zahlen 3,18 RM. Wir bitten unsere Leser, diese Quittung einzulösen, da nur dann die prompte Zustellung der C.-V.-Zeitung ab 1. Juli 1934 gewährleistet ist. Diese Postgebühr .ist .unabhängig y o m M i t g I i e d s b e i t rag; sie kann nicht an den Verein oder den »Verlag gezahlt werden. Für jede nichteingelöste Quittung muss 'der Verlag der C.-V.-Zeitung eine Strafgebühr von 30 Pfennig zahlen. das Problem den ungeheuer eindrucksvollen Gegenstand des heutigen politischen Gesprächs rnd seines konstruktiven Niederschlages im Äaalsleben der- Moderne darstellt, fest sieht, das; es da ist, fühlbar da ist in der alten, neuen und neuesten Welt; mag cs mm in der Form des Faschismus, des Nationalsozialismus, des Sowjetismus, des new deal oder sonstwie auftreten — überall ein Gemeinschaftswille, den das Charisma der Persönlichkeit beherrscht. Fest steht auch, daß diese Entwicklung ehvas durchaus Neuartiges, jeweils in sich Originelles, wichtiger aach: etwas absolut Gegensätzliches zu den Po-- irischen Erkenntnissen vergangener Epochen Zutage gefördert hat. In der Tat scheint aus den ersten Blick der europäischen Geschichte eine harmonische Einheit von Persönlichkeit und Gemeinschaft bisher nie geglückt zu fein. Fast stets hat sie die Persönlichkeit siegreich gegen die unentwickelten Formen aller politischen und sozialen (weniger freilich der kirchlichen) Gemeinschaften ausgespielt. Das Italien der Renaissance war die unbegrenzte Freifläche des gewissenlosen llvndottiere. Die sozialen Freiheitskäurpfe der stände im übrigen Europa endeten im Feudaliunns oder Eäsarismus. Ueberall Triumph der Persönlichkeit. Nicht weniger einseitig hat uch insbesondere die Zeit entschieden, die jetzt hinter uns liegt und nach herrschender Ansicht den „schleichenden Untergang des Abendlandes" in gefahrdrohende Nähe geruckt hat: der Liberalismus. ..Eine Zeit stirbt!", und nichts wäre irriger. a(§ sie nur aus der Perspektive des Untergangs »u betrachten. Gerade wir Inden haben keiueriei Grund, eine Epoche mit Steinen zu bewerscn, der wir letztlich das Debüt unserer staatsbürgerlichen Existenz zu verdanken haben! Für s-Üe Zeiten wird es das unvergängliche Veracht des Liberalismus bleiben, das Jndiviuuln als Menschen entdeckt zu haben, loslielöst von allen soziologischen und biologischen Verkettungen und damit auch dem letzten Mitwied der menschlichen Gesellschaft das Gefühl und den Stand feiner menschlichen Voll- und Gleichwertigkeit verschafft zu haben. - ' Bertis, 23'. Dsü 1884 . .. _ ML Jahrgssg / 33?. W ÄVä-'gtMs IpFOÜO 20 ggOBSOfäS fl f r\n pn nn ü 0 k U I (ly N P ' «rf P <7 LiQ.itQ.CQ) DiM HsZNZ .AsNSTMMW Aber es ist gleichermaßen dem Liberalismus zum Verhängnis geworden, daß diese Emanzipation des Individuums zum Menschen im Formalen haften geblieben ist. Die „Gleichheit vor dem Gesetz" war ein hoher Beschluß dieser Emanzipation, aber er ist leider ein Abschluß geworden. Soweit der Arrn des Gesetzgebers und des Richters reichte, konnte auch die Gleichheit der Person reichen; außerhalb dieses Amtsbereiches blieb sie ungelöste Ausgabe. Ist der Liberalismus hier auf halbem Wege stecken geblieben, so ist er in anderer Hinsicht zu weit gegangen. Der Liberalismus hat nicht nur im Individuum den Menschen, sondern auch im Menschen das Individuum entdeckt, das Individuum als ein Produkt bestimmter sozialer, geistiger und seelischer Anlagen und Energien und mit dem Anspruch, diese Anlagen und Energien zur weitgehenden Entfaltung und die so gewonnene „Persönlichkeit" zur sozialen Geltung zu bringen. Denn '„die höchste und einzige Operation der Natur und Kunst ist die Gestaltung und in der Gestaltung die Spezifikation, damit ein jedes ein Besonderes, Bedeutendes werde, sei und bleibe". Das durste nun freilich.ein Goethe von sich' sagen. Aber diese Geburt der. Individualität mußte das Vorrecht der Goethes und Kants bleiben. Freie - Bahn dem Tüchtigen! war gewiß eine gute Parole —' aber sie hatte eine verhängnisvolle Verwechslung zur Folge: die Gleichsetzung von Person und Persönlichkeit. Ja,'wenn der Liberalismus uns nur Genies beschert hätte! Dafür produzierte er jenen Typ des „privat gentlernan", der seinen Tag lebte, seine Anlagen Pflegte, in der Exklusivität seiner behaglichen bürgerlichen, d. i. immer Privaten, Existenz seine Bedürfnisse befriedigte. Das Individuum stand still, und die Welt begann, sich um seine Existenz zu drehen. So kam es aber auch, daß alles persönliche Wirken des Individuums letztlich unpersönlich blieb. Tenn der Begriff der Persönlichkeit fordert den Einsatz des ganzen Menschen und begnügt sich nicht mit dem lieberschuß der gut genutzten Veranlagung. Man könnte den Liberalismus ganz gut das Zeitalter der Un - Persönlichkeit nennen. Dem Menschen des Liberalismus ging jener Schuß sozialer Verantwortung verloren, die allein den gerechten Ausgleich zwischen Freiheit und Gleichheit verbürgt. Wohltätigkeit war kein Ausgleich. Letzten Endes wurde die einst proklamierte Entwicklung des Menschen mit der des Individuums vertauscht. Statt Freiheit: Ellbvgenfreiheit, statt Gleichheit: der „Aufgang nur für Herrschaften", statt Brüderlichkeit: die Clique, statt Fortschritt: Karriere. Auch die Gemeinschaft ging in die Brüche. Man ersetzte die menschliche Bindung durch die „geschäftliche Beziehung", man konstituierte die „bessere Familie" und trat, den Vereinen bei, die dem persönlichen Geschmack am meisten entsprachen. . . Nicht an seinen Idealen, an dem Verrat seiner Ideale ist der Liberalismus letztlich zugrunde gegangen. . . sind mm ist es. dem Judentum, iusbeson- . dcre aber denn deutschen Judentum zum Verhängnis geworden, diese Erscheinung nicht zur rechten Zeit erkannt zu haben. Wie immer, ist auch 1769 die Emanzipation der Inden int Gefolge einer anderen Emanzipation geschehen. Das ist kein Tadel, sondern Schicksal. Aber eine historische Schuld des Judentums ist, dein nachfolgenden Liberalismus nicht mir in den Ausstieg, sondern auch in die Dekadenz .gefolgt zu sein. Der Großteil aller Schwächen, deren man uns f)hite zeiht, sind nicht Stammeseigentümlichkeiten, sondern die Auswüchse eines Systems, dem das Judentum wie seine 11mwelt angehörte unb mir zu lange Treue bewahrte. So gilt alles das, was sich über den Liberalismus und seine Schwächen sagen läßt, in gewissem Umfang auch für das Judentum. Auch im Judentum wimmelte es bis vor In ausländischen Zeitungen wird von einer „Internationale des Antisemitismus" gesprochen. Tatsächlich werden ans verschiedenen Ländern antisemitische Kundgebungen und Aktionen gemeldet. In Polen handelt' es sich um Einzelaktionen von Mitgliedern der Nara (National-Radikale Partei), die in Bialystok und Wilna, in Lublin und Lodz und in vielen kleinen Städten Inden überfallen und Attentate auf jüdische Gebäude, Synagogen und Friedhöfe unternommen haben. In Warschau, wo Juden in nichtjüdischen Vierteln sich abends kaum noch auf die Straße wagen, ist neuerdings ein jüdisches Todesopfer zu beklagen. Die „Nara-Helden" (so nennt sie die polnische Presse), werden, soweit die Polizei ihrer habhaft wird, vor Gericht gestellt und abgeurteilt. Die Regierung bemüht sich um den Schutz der Juden. Wie lange sie das noch wird tun wollen oder tun können — zumal der polnische Innenminister Pieracki, der den Inden Schutz gegen Ausschreitungen und Verfolgungen, jeder Art zngesagt'hatte, selbst ein Opfer der Nara-Bewegung geworden ist — ist die Frage. Daß die fortdauernde Wirtschaftsmisere dem Antisemitismus nicht abträglich sein kann, brauchen wir nicht.zu erwähnen. Als erfreuliches Zeichen ist allerdings zu buchen, daß der Kardinal-Primas von Polen, Kardinal Erzbischof Kakvwski, in einer Kirche des Warschauer Viertels Pvwonzek, wv es vor kurzem zu pogromartigen Ausschreitungen gegen die Inden kam, eine Predigt gehalten hat, in der er. die Bevölkerung ermahnte, mit den jüdischen Einwohnern in Frieden zu leben. In Saloniki hat die soeben erfolgte Gleich- .berechtigilng der'.Inden zur Wahl eine antisemitische Propaganda zur Folge, die paradoxer Weise das Argument benutzt, daß durch die Gleichberechtigung erst der Antisemitismus gefördert werde. Die Juden müßten gleiche Rechte haben, sagt der Führer der republikanischen Union Papanastasin, aber wenn man ihnen das gleiche Wahlrecht gewähre, so reize .man die griechische Bevölkerung, ihnen die Rechte zu nehmen. In Argentinien, in Rumänien und gelegentlich auch in Diskussionen .der westeuropäischen Presse bedient sich der sublimiertere Antisemitismus einer ähnlichen Logik. - ' Der moralische Abwehrkamps ist. problematisch. In Polen wird von verschiedenen Seiten neuerdings erklärt, es sei sinn- und zwecklos, gegen den Antisemitismus mit Argn- >menten, gegen Verleumdungen mit der Wahrheit, gegen Blutdurst mit Worten' anznkämpfen. Daß zur gleichen Zeit polnische, schweizerische und andere Gerichte die Verleumdung von Inden, Judentum und jüdischer Religion verutcilen. spricht nur scheinbar gegen diese Pessimistische These. Aber muß nicht ein Angeklagter, der unschuldig ist, seine Unschuld noch beteuern, wenn er zum Tode verurteilt wird? Auch wenn es ihm nicht das Leben rettet! Um der Wahrheit willen, nicht um des Lebens willen. „Für die Säuglinge“ tat das Motto, unter dem der Zentralausschuss für Hilfe und Aufbau im Juni wirbt Näheres im 1. Beiblatt annannnnEnEnnncnBannnncnnccnnn kurzem noch ' von „Persönlichkeiten". Wir kennen den strebsamen Ehrgeiz vieler jüdischer Eltern, auch ans ihren Kindern „etwas Besonderes, Bedeutendes" zu machen. Das jüdische Kind mußte aus die höhere Schule, es mußte ans die Universität, kurz, es mußte alle landläufigen Wege zur Persönlichkeit — sprich: zur Anwalt- oder Aerzteschast — in fliegender Eile beschreiten. Wer in der Jugendarbeit steht, kennt alle diese kleinen Napoleons, Bismarcks und Disraelis; ihre Rucksäcke und Tornister waren schlecht gepackt, aber ein Marschallstab befand sich in jedem. Das Ergebnis auch hier: Erklnsivitäk, einseitige Berufsschichtnng, einseitige Schulung von Geist und Körper; denn selbst der Sport mußte noch „standesgemäß" fein. Im übrigen war der Durchschnitt keine Auslese. Dafür entwickelte sich der unerfreuliche Typ des Besserwissers. Strebers und Diskussion^- „zcrredners". / ' In gleicher Weise unerfreulich verlief das Gemeinschaftsleben. Familie und Gemeinde, die historischen Stützen der jüdischen Gemeinschaft, verloren mehr und mehr an Interesse und Zustrom. Das Vereinsleben schoß üppig ins Kraut! In Berlin gibt es nach amilieher Schätzung weit über 1000 (!) Vereine, im Reichsausschuß jüdischer Iugendverbände sind immerhin 97 (!). Das ist die Erbschaft, die wir im Jahre 1933 angetreten haben. Wie die Geschichte uns um destvegen weiter noch zur Rechenschaft ziehen wird, wissen nur nicht, ivie w'ir auch nicht wissen, wer und wie viele von uns hier zur Rachfolge berufen sind. Aber eines missen wir genau: das künftige Gesicht des deutschen Judentums wird ein von Grund aus anderes sein als das heutige. Die Weltgeschichte hat für uns deutsche Juden eine Panse eingelegt. Tie junge Generation hat die moralische und geschichtliche Pflicht, sie zu einer schöpferischen zu gestalten. Ihre erste Ausgabe ist es. das deutsche Judentum aus der verhängnisvollen Verslechtnng mit den Kräften zu lösen, deren Spiel im . Leben des deutschen Judentums die wirksam- ■ftcit Argumente für unsere Gegner geliefert hat. Die organisierte jüdische Jugend hat den Bruch mit dieser Tradition längst vor dem 30. Januar 1933 vollzogen. Die geschichtliche Situation macht diesen Schritt der gesamten * Jugend zur Pflicht. So wenig der totale Staat ein bürgerliches Ontsidertum gestattet, -so. wenig darf das deutsche Judentum seine Mitglieder allein stehen lassen. Wer weiß, -wie schnell und wie leicht ein sozialer Abstieg zu einem moralischen und psychischen werden kann, wer ferner weiß, daß jeder, der heute die jüdische Bannmeile überschreitet, in das »oySücgersGÜe ßlssfinmep enthält u. a..- Hauptblatt: Jüdisches Publikum und jüdischer Anwalt — Kirche in Bewegung und Deutsche Religion von Dr. Hugo Hahn (Essen). 1. Beiblatt: Mein Name ist Hase . . . von Rudolf Mclilz — Max Bacr Weliboxmeister — Erneuerung der religiös-jüdischen Musik von Ludwig Allmann — Die deutschen Juden von Hans Joachim Schoeps. 2. Beiblatt: Selbstbekenntnis von I-udwig Mcidncr — Aus unserem Amateurphoto- Wctlbcwerb — Gesetz und Recht — Wirtschaft der Woche.

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