Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 13 (1934)
- Issue
- 24 (14.6.1934)
- Date
- 1934-06-14
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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ln, d-n tUt. 2,?, «ticn 'OJtdjtc" srennd" assen.) D? •■^2 ISC'j m B .32 . 7~j] l? 3 | mil Takt. lacti- Diagrii'ht, ‘,Cbi- Rümmer 24 3. Beiblatt der G-V.-Zeifurrg 14. Juni 1934 «nHrjam Berg, früher Gerichtsreferendarin, setzt" „Lehrling" in einer Schneiderwerkstatt, qeht 'von der Arbeit nach Hause. Sie geht Lnt sinnverloren, als wollte sie den Weg 'vereisen und sich von einem Ungefähr Zu einem Pel treiben lassen. Sie selbst kennt kein Ziel mehr, seitdem sie ihren Wahlberuf ausgeben musste. Tas Leben, denkt sie offen, ist für mich „nd meinesgleichen nur noch ein Zcithinimingen. Jetzt lerne ich schneidern. Ich rede mir ein. das sei eine Produktive Arbeit, wertvoll. weil ihre Ergebnisse unentbehrlich sind, silnwoll, weil sie mir helfen soll, irgendwo eine Eristcnz auszubauen. Und doch warte ich. gespannt bis zum Zerreißen, warte — ans mas'k Ich warte, daß einmal wieder ein Tag kommt, an dem ich weiß, warum ich in die Mlt gestellt wurde. Ich bin vierundzwanzig ^nhre alt. Wenn ich nüch selbst wie mit fremden 'Augen ansehe, dann darf ich mir Mut znsprcchen: An deinem Wege werden Erlebnisse -hünenhaft aufbrechen. Tas ist kein Trost! Erlebnisse, wie Blumen ciusanuneln — das ist gewesen. Wir haben nicht mehr die leichten, fpielsrohcn Hände wie vordem. Unsere müden Stirnen würden erschrecken, wenn sich ein leuchtender Kranz auf ihnen niederlassen wellte. Mirjam Berg ist in der Wohnung ihrer (Uteri! augekommen. Es ist niemand da. Sie -raucht nicht 51t sprechen und stillzusitzen. Sie kann hin und her wandern, wie sie es in Gedanken den ganzen Tag und auch in den Muhten tut, unaufhörlich wandert, mit einem verstoßenen Herzen und so milden, vertriebenen Fußet,. In, Wohnzimmer brennt ein Jahrzeitlicht. Tie sanfte, lleine Fla,tune ist das einzig Lebendige in dem lltaum. „Für Großmutter Vcrg", sagt Mirjam vor sich hin. Dort ist auch ihr Bild mit Blumen geschmückt. Sie hat es eigentlich nie richtig angesehen. Tie alte Frau in dem steifen, schwarzen Seidenkleid hat so ein gutes Gesicht, gut aus Güte und Glauben. Se'hat es sicher schwer gehabt in der kleinen Landstadt. Uebriges Geld war nie bei den Großeltern. Es reichte nur immer knapp um den Tisch herum mit den neun hungrigen ^indermündcrn. Tb sie.glücklich gewesen ist, die kleine, zartgliedrigc Frau? Seltsam verhängt sind ihre Angen unter der hohen, makellos klaren Stirn. Sie hat sich wohl nie selbst gefragt, ob sic glücklich war. Sie ging ihrer Bestimmung nach. Froh und glücklich sollten ihre Kinder werden und alle Kindeskinder. Ja, Großmutter Berg, da steht nun eins von deinen Enkelkindern und ist vor dern Anfang schon Zn Errde, vor dem Start schon ausgeschicden. Es wrrd langsam dämmerig. Mirjam blickt wreder tn das Jahrzeitlicht, das jetzt wie ein gehermmsvolles Zeichen funkelt. Jahrzeit — Gedenken — jedes Jahr gedenken, daß wir Aachkommen sind. . Ehrfürchtig und dankbar verneigen sich die Lebenden vor den Toten. Herßt u'ben im Grunde: sich erinnern? Welch sonderbares Gefühl, seinem. Herkommen nachzusinnen. Da haben schon Hnnderte und aber Hunderte gelebt, die meine Borfahren sind. Bon ihnen habe ich vieles rm Geist und im Blute ererbt, ohne daß ich es weiß. Es ist so, als hätten sic sich wie die Feen lm Märchen über meine Wiege gebeugt und alle etwas von ihrem Sein und Wesen für mich hingeschcnkt. Nun trage ich an mir und in mir die Erbschaft eines alten Geschlechts. Ist das nur Bürde und Verpflicht,mg? Ist es nicht auch Hoffnung? Ich bin, denkt die junge Mirjam, ein Blatt in der Krone eines mächtigen Bauines. Tief in die Erde reichen feine Wurzeln hinab, und breit und voll ist sein Gezweige. Ich brauche mich nicht allein zu tragen. Sie Wurzeln tragen mich und der narbenreiche alte Stamm. Warum sollte gerade mich ein Sturm von meinem Platz hernnterreißen? Ich bin ja nicht alleil,, stehe nicht gefährdet und ausgelresert auf der imckteu Erde. Um auch biegen sich schützend die vielen starken Aeste. Und um nüch ist ein Rannen vvi, Schicksalen, die alle meinen Namen tragen. Ich lvachse und atu,e. ei>, Heller, frischer Trieb am altersgrauen Holz, das schon viele Umoctter bestanden hat. Ein Mädchen bin ich. eine Frau, und das heisst, daß ich zur Mittlerschaft bestiunut bin Zwischen Bergaugenheit und Zuknuft. Mio ist das Erbe der gewesenen Tage lind der vergär,gci,en Menschen an vertrant, damit ich es in festen Händen trage und einmal wcitergebe-meinen Kindern. Noch nie habe ich darüber nachgedacht, was ich als Lermächtrüs empfangen habe. Was ist es eigentlich? Gebete, sittliche Gebote. Lehren der Lebenserfahrung, Lieder, Märchen und Sagen ans dem Heimatbcreich. Ist das schon alles? Noch die Km,st, Familienfeste froh und sinnreich zu feiern, noch die Freude am Schenken unb Helfen. Alles? Wenn ich es in Worte Zwängen null, entflieht es. Tie Ueberliefernngcn von Heim und Heimat sind nicht nennbar und greifbar in meinem Gedächtllis aufbewahrt. Cie fingen in mir! Ich höre ihre unvergeßliche Melodie. Ich werde sie mit meiner Stimme singen können, wenn die Zeit gekommen ist. „Tu bist allcii,, Mirjam, und im Dunkeln?" stragt der Hein,kehrende Vater. — „Ich sitze hier vor Grvßmutters Bild." — „Bor Großmntters Bild? Tn hast sie doch gar nicht gekannt?" — „Ich glaube, ich habe sie heute gesehen", sagt Mirjam Berg 'lächelnd. Tann macht sie Licht und fängt an, den Tisch für das Abendbrot zu decken. In ihren Händen — meint sie — ,st eine neue, schuffenbe Kraft. Eine neue? Es ist die älteste Schaffenskraft, die es gibt! Tie Hä>,de der jungen Mirjam erinnern sich nur, wie feit jeher Frauen das Haus bewahrt lind den Tisch für die Familie bereitet haben. Sie fühlt sich von fernher gehalten lind gelenkt. Ist nicht auf einmal ein schützender Bann um sie .gelegt? Sie weiß, daß sie nicht eher vergehe', wird, als bis sic das Vermächtnis treulich erfüllt hat. Räte Marcus. 0 \7 W ® TT % ■ «nr3•• ie veMkMMWLÄ'MWLM emer I aizerai Ruth Anselm 1. Porträtaufnahme 2. als Affenweibchen Kru-Kru in der „Schiessbude" "im Berliner Kulturbund Ftridr Aufvahmnt ■ Clt-ri teau-Aihsc-Szi/niaii?lc i 3. bei einem modernen Tanz. für die „C.-V.-Zeitung" während der Veranstaltung „Die kuns,schaffende Frau“ im Bcir liner Kulturbund gezeichnet von Dodo kl 1» C..V.* ¥ b LJ einer jüdischen Frau Die Memoiren der Glückei von Hameln Jenen ruhmumgläuztcn, von edler Geselligkeit nmrauschten " Gestalter, jüdischer, doch . durchweg zum Christentum übergetretener Frauen'in Berlin zu Airfang des 19. Jahrhunderts, wie Rahe! Levin-Barnhagen, Dorothea Mendelssohn-Schlegel, Henriette Hertz, betten die deutsche Geschichtsschreibung menschliche und geistige Bedeutung zugesteht, die aber ihre jüdische Abstammung als peinlich, ja vertzeismstvert empfanden, stehen in beschämender Einfachheit die weniger bekannten Jüdinnen gegenüber, die, ganz' im Religiösen, in der Tradition, in der Familie verwurzelt, mit gewußt sein und Selbstverständlichkeit ihr schweres jüdisches Schicksal trugen — sozusagen i'ie unbekannte jüdische Frau ,md Mutter, wie sw zu Hnnderstansendei, durch Jahrhunderte Us gleichmäßiger Lebensform ihr Tasein in Deutschland verbrachte. Gerade vor 210 Jahren starb, fast SO Jahre aß. nach einem harten, wechselreichen Leben, su Metz im Hause ihrer reichverheirateten Gvchter, verarmt und entsagend, fern ihrer Heimat Hamburg, in der sie ihrem Mann Kinder geboren hatte, Elückel von Haseln, Heren Bild den meisten, die ihren -lamen kennen oder nenne!,, mehr ein ,mgeivisscr Schatten ist, wielvohl ihr Tasein, von Ihr selbst ausgezeichnet, klar, fest innrissen und chrbsb ausgeinalt vor uns liegt. Ein günstiges Geschick hat die LebcnSgeschichte dieser Frau, sie l«zgo bis 1719 in sieben kleinen Büchlein niederschrieb, in der Abschrift ihres Sohnes 'Ocoses Hameln. Rabbiners von Baiersdorf, b,s Zun, heutigen Tage erhalten. 1896 wurde sie dvi, Professor Kaufmann unter dein Titel „Die -Aenwirci, der Elückel von Hameln" im,pd- PJchen Originaltext, in den viele hebräische Wörter und Zitate eingesügt sind, verösscntlrcht und kurz vor Alisbrnch des Weltkrieges in einer vorzüglichen deutschen Uebersetzung mit Erläuterungen von Tr. Alfred F e i l ch e n - f e l d (Jüdischer Verlag, Berlin) heransgegebeu. Dies einzigartige Memoirenwerk breitet ein großes und großartiges Knttnrgeinälde der damaligen deutschen Judenheit vor uns ans, in das überdies viele Tatsachen der allgen,einen europäischen politischen unb wirtschaftlichen Historie, der Stadtunb Staateugeschichte als Hintergrundsbciwerk hineingesctzt sind. Tenn Elückel, 18-10 in Hamburg als Tochter des Loeb Pinkerle gebvrcit, der dort, innerhalb einer jttdenfcindlichen erbgesessenen Bürgerschaft und eines stldenfrenndlicheret, Rats als einer der ersten Juden die Erlaubnis zur Niederlassung erhalten hatte und „Geschäfte mit Edelsteinen und anderen Sachen machte, ,vie ein Jude, der von allen, etrvas nascht", als Vierzehnjährige mit Chajm ans Hameln verheiratet, hat alles erlebt, was Juden in Deutschland damals erleben rnussten: Austreibung und Verfolgung. Glück und Unglück in der kinderreichen Familie. Reichtum m^d Zusammenbruch und iminer neuen Beginn, Ntord und Raub im nächsten Kreise fmrnc Geschäfte und Heiratspartien, die sie kreuz und quer durch ganz Deutschland, zur Leipziger Nlesse, ins ausblühende Berlin, „ach Holland, ir,s Süddeutsche und schließlich in das von französischen, Wohlleben durchflutete Metz rten. Nach dem Tod ihres redlichen, aber hl etwas schwächlichen ManneS, den sic , jeher, trotz vieler Geburten, in ,en Geschäften Unterstützt hatte, begann rufet 1090, wenn ihr „in den langen, schlafer, Nächten die melancholischen Gedanken aeu" als Viernndvierzigjährige die Anfchnnng ihres Lebens für ihre Kinder, deren damals noch acht im Hanse hatte. Dazu iterließ ihr Niann „20 000 Reichstaler hulden und keine 100 Taler im Hanfe", er Glücke! war eine lebenstüchüge Frau; sie ate für alle ihre Kinder, die einen wurden ufleute, die andern Gelehrte, die Mädchen wden rechtzeitig, d. h. frühzeitig verheiratet. Tic Schilderungen der Geschäfte und der Heiratspartien, der Familienhandel und Familienfeiern nehmen sehr viel Raum in Glückcls Lebensbnch ein. Jeder Jude, den sie nennt, erhält zu seinem Vornamen als Zusatz den Namen der Stadt, in der er lebt. Sie behält diese Gelvohnheit auch bei, wenn die Gc° schildertet,, später einporgelangt, sich andere lllamen beigelegt hattet,; so erzählt sie viel von Inda (Berlin), der als Jost-Liebmann der einflußreiche Hosjuwelicr des Großen Kurfürsten- und des ersten PrenßenkönigS war. Gewissenhaft fügt sie der Nennung jedes Namens auch -hinzu: ..ein Alann von . . . Reichstalern", und ebenso gewissenhaft wird bei jeder Verlobung die beiderseitige Atitgist ge- „itu benannt. Das darf den heutiger, Leser nicht stören und über den Charakter Glückels nicht irreführer,, dent, drei Dinge machten den damaligen Inden das Leben lebensrnöglich: Religivt,, Familie, Geld. Urtd das Geld war nicht nur erstrebe,,srvert. um zu Wohlstand und Geltung zu könnt, en. sondern weil-nur ans Grund hoher Abgaben an die Behörden „die Stätigkeit", das Festeingescssensein erzielbar rvar. Tie Inden aber, die in, Wohlstand lebten, rvaren, besonders in Süddeutschland und Westdeutschland, recht geachtet: ein Prunkstück in jeder Bedeutung des Mortes ist in Glückels Buch der Bericht vor, der Hochzeit ihrer ältesten Tochter Zipora mit dem Sohn des Elias Eleve, der „den Noamen gehabt hat. 100 000 Neichstaler oder mehr zu besitzen." An dieser Hochzeit in dern reichen Haus in Eleve, das „wirklich wie ein Königspalast und in aller Art wohlmöbliert gewesen ist", nahmen Fürstlichkeiten teil, wie der spätere König Friedrich I. von Prenßet, und Fürst Moritz von Nassau. ' . . Doch Glücke! hält ihren Kindern immer wieder vor. „wie wenig der Besitz von Geld und Gut ohne die richtige Erfüllung der Pflichten gegen Gott und den Nebenmenschen^ zu bedeuten hat". Gleich aus den ersten Seiten schreibt sic: „Da ist ein Hauptpunkt:-Liebe Deinen .Nächsten - nne Dich selbst! Aber nur finden es in unterer Zeit sehr selten und gar wenig, daß ein Mensch den ar,deren von Herzet, liebt — umgekehrt, wenn einer den attderen von Grund aus verderben kann, so geschieht es gern." Gliickcl ist weder eine benmßte Knltnrhislorikerin, noch eine originelle Teukekin: ne schreibt schlicht und schildert sachlich: ihr Denken ui,d Fühlen wnrzelt völlig in der Religion, mie sie überliefert war. Alles, was geschieht, nimmt sie als Strafe oder Belohnung, vorbeüimmt von Gott. Neben religiösen Erkürten ttnd erbaulichet, Getchiclilet, streut sie auch oft zeitgemäße Lebensweisheit ein, >vie die bereits zitierte oder ebva „Dem, wein, nun, die Freunde rächt braucht, dann null einem jeder gut Freund fein; roeni, man sie aber nötig hat, dai,n sind sie nicht zt, finden". Sie hat ein gesnndes, klares Urteil über Menschen und politische Tinge: sie hat dazu ein gütiges Herz und versucht arrch Personen, die ihr und der, Ihrigen tvehgetan haben, zu entschuldigen. Sie ist rührend bekümmert um ihre Kinder und rtiht nicht, bis sie allcsaiut verheiratet sii,d. Sie klagt beweglich, wenn eins dieser Kinder ins Unglück koinmt: sie rechtfertigt ihren Sohn Loeb, der ein unfähiger Sch len, i hl war, und schiebt die Schuld für seine Schulden geflissentlich auf andere. Sie zeigt aber auch viel Stolz und Haltung gegen Fainilien, die reicher und mächtiger waren als ihre eigene: lieber null sie eine Partie zurückgehen lasset,, als ihr einmal gegebenes Wort zu ändert,. lieber die taufend Kleinigkeiten ihres Lebens. die für sie zu großer, Ereignissen tourden. vergißt Glücke! auch nicht die wirklichen großen Geschehnisse der verworrenen Zeit nach den, herzeusverhärtenden Dreißigjährigen Krieg: ne erzählt von Politik, Kleinstaaterei und Kriegen, von der Hamburger Pest ,n,d intcressanteit Prozessen. "Insonderheit erwähnt sic auch der, aufgeregten Rausch, in dei, die Judenheit der ganzen Welt durch das Erscheinet, des falschen