Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 13 (1934)
- Issue
- 24 (14.6.1934)
- Date
- 1934-06-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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1 Pnr3 l | ml Ion iiralt3< ’us, V ’S? i Berüa, t'4.' 'JuÄi 1934 ■JÜII. Jahrgang / Kr. 24 l^TÖi :3'P-£orac?-üf @r@in!z ijj tjij (?) '^ß*AR HYaiifl m SEM M if^nr^c^s feulÜi Unter allen Völkern dieser Erde hat keines ein seltsameres und wunderbareres Schicksal erfahren als das jüdische. Ein kleines Volk,, zahlenmäßig wie Politisch ohne größere Bedeutung, verliert vor fast zwei Jahrtausenden seine nationale Existenz. Seine Hauptstadt, zugleich Brennpunkt seiner nationalen Kraft' wie seines religiösen Lebens, wird zerstört; die der Vernichtung und Gefangenschaft entgangenen Neste des Volkes zerstreuen sich über alle Länder. Es ist kein junges Volk mehr, das von diesem Schicksal betroffen wird: cs hat schon damals eine Geschichte von mehr als zwei Jahrtausenden, reich an Höhen und Tiefen, an Erhebung und Niederbruch, hinter sich. Tödlich getroffen, seiner Lebensmitte beraubt. scheint das Volk nach allen Gesehen natürlichen und geschichtlichen Lebens zu baldigem vollkommenen Untergang bestimmt. Statt dessen geschieht etwas, das ohnegleichen ist in der Geschichte der Menschheit,, ereignet, sich ein Vorgang von absoluter geschichtlicher Einmaligkeit: die versprengten. Äeste des Volkes gehen' nicht auf in den sie umgebenden Völkern nnd damit unter als Träger eigenen Schicksals, sic wandeln sich zur Elaubensgenreinschcht und bleiben anr Leben; es beginnt die einzigartige lcidvolle Wanderung Israels durch Länder, Völker, lseiren. Umbrandet häufig .von Haß und Verfolgung, von Lernichtungswillen und Feindschaft, erhält die jüdische Gemeinschaft sich lebendig durch wieder zwei Jahrtausende bis äirf den heutigen Tag. Lebendig, nicht wie ein alter morscher Stamm, der stehcngeblieben, nur weil die Zeit ihn vergessen, sondern lebendig wie alles Leben, immer wieder blühend, auf allen Gebieten des Schaffens in reicher Fülle Früchte tragend, immer sich wandelnd — spottend damit moderner geschichtsphilosophischer Betrachtung, die auch das Leben der Völler und Kulturen wie alles Organische denr Gesetze des Werdens und Reifens, aber auch des Melkens und Vergehens unterworfen sieht. Ein Wunder beispielloser Vitalität, Widerstandsfähigkeit und Lebenskraft. Merkwürdigerweise aber hat dieses Wunder der Geschichte keineswegs durchweg eine plchtive Wertung erfahren. Die Legende hat Tür das Schicksal Israels die furchtbar-unheimliche Shmbolgestalt des „Ewigen Juden" geschaffen, Ahasvers, des Rast- und Nuhctzpen, der nicht sterben, nirgends Heimat und ückeden finden kann, sondern verdammt ist. Zu wandern und umherzuirren in alle Ewigkeit. Es sind keineswegs inferiore Geister, die indisches Schicksal so gesehen haben. Es fei erinnert an Schopenhauers Worte tParerga, „Jur Nechtslehre und Politik", 8 lsch: „Der ewige Jude Ahasverus ist nichts anderes als die Personifikation des ganzen Die ■ vctrHegesnde umfasst 16 Seiten. Sic enthält u. fl..* Hauptblatt: Vom jüdischen Agrarrecht von Kurt Julius Ricgncr. I- Beiblatt: Ein Brief des Turnvater Jahn von Theodor Simon (IVannscc).f— Richard Strauss 70 Jahre alt — Ein grosser Sportsieg des Bundes deutsch-jüdischer Jugend. 2. Beiblatt: Geschichte der Juden in Deutschland II von Dr. Adolf Kober ■— Jakob Wassermanns letztes Werk von Fritz Engel. — Wirtschaft der Woche. -3. Beiblatt: Das Blatt der deutschen Jüdin.— Kinderblatt mit V/ürfclspiel. . jüdischen Volkes . . . Dies ist ja eben das. Vergehen und das Schicksal des kleinen jüdischen Volkes, welches, wirklich wundersamerweisc, feit bald 2000 Jahren aus seinem Wohnsitze vertrieben, noch immer fortbesteht und heimatlos umherirrt, wäh- rend so viele große und glorreiche Völker .... zur ewigen Ruhe eingegangen und gänzlich - verschwunden sind . . . Ganz ähnlich läßt Gottfried Keller („Fähnlein der sieben Aufrechten") seinen' Frhmann sprechen:' „Oder wollt ihr einst ein Dasein dahinschleppen wie der ewige Jude, der nicht .sterben kann, dienstbar,allen neu aufgeschossenen Völkern, er, der' die Aegypter, die Griechen und die Römer begraben hat?" Nicht nur Außenstehende, auch Juden — und keineswegs schlechte oder unkluge Inden — haben die Meinung vertreten, die lange Lebensdauer der jüdischen Gemeinschaft fei „keine Ehre nnd keine Gnade", haben angesichts der sich immer wiederholenden tiefen Tragik des jüdischen Schicksals sich nachdenklich die Frage vorgelegt, ob es nicht Zeit sei , für Juda zu sterben. . . ’ . Damen, die so urteilen und so fragen, muß, so große Namen unter ihnen sind, vor allem eines entgcgengehalten werden: Mängeln n Ehr s u r ch t vor geschehener Geschichte. Wenn man im Ablauf der Ge-' schichte dieselben Gesetzmäßigkeiten walten sieht wie in allcnr Naturgeschehen, das eherne Gesetz der Auslese, die das Lebensunfähige und Lebensschwache vernichtet und nur das Lebenskräftige bestehen . läßt, so hat, was in jahrtausendelangem Prozeß unter härtester Prüfung von Bestand gewesen ist, sich als lebenstüchtig und lebenswürdig erwiesen. Wer darüber hinaus gläubigen Herzens in der Geschichte nicht nur ein zweites Naturgeschehen, in allen menschlichen Deutungen geschichtlichen Geschehens nicht nur eine „Sinngebung des Sinnlosen" sieht, sondern ein unenträtsclbares, aber doch planvolles Walten höherer Mächte,, muß er nicht zu der lleberzeugung kommen, daß, wem in Jahrtausenden Dauer verliehen war, vom Schicksal noch Aufgabe und Berufung gesetzt sein muß? Gerade unsere Zeit, die so stark wieder die ewigen Kräfte betont, die das Schicksal des einzelnen wie der Gruppe bestimmen und formen, sie muß Achtung haben vor d e m Geheimnis gewordener Geschichte. Vor ackern aber sieht die AhaSver-Legende wie jene, die in ihrem Sinne denken, das' jüdische Schicksal von einem Blickpunkt, der den tiefsten Kern jüdischen Wesens verkennt. Sie sehen das jüdische Problem unter dem Gesichtspunkt des Nicht - S t e r-b e n - Könnens — während es sich in Wahrheit um das Nicht-Sterben-Wollen der jüdischen Gemeinschaft handelt! Der tief im jüdischen Glauben wurzelnde Gedanke, daß das Leben ein kostbares und einmaliges Geschenk ist. das nicht aufgegeben und sortgenwrfcn werden ■ darf, hat im Verein mit der im messianischen Charakter des Judentums begründeten Zukunftsgläubigkeit Bejahung des Lebens zu einem Grundzug jüdischen Wesens gemacht. Nur der starke, unzerstörbare jüdische Lebenswille kann das Wunder der Erhaltung Israels erklären. Wie könnte es auch anders sein? Wäre es richtig. . daß sich die. Juden, gleich Greisen, die der Tod vergessen hat, unfroh und verdorrt durch die Jahrtausende ickilevven", -sie würden längst nicht mehr sein. Denn wo der Lebenswille fehlt, dieser mächtigste Urtrieb alles Lebendigen, da kann aus die Dauer kein Leben Bestand haben. Lebenswille — er ist nicht nur der Schlüssel' für die Vergangenheit unserer Gemeinschaft er ist auch die Bürgschaft ihrer Zukunft. Muß dies der Ausgangspunkt jedes Gedankens über Juden und Judentum sein, so müssen wir uns weiter fragen, welche Kräfte -den Lebenswillen unserer Gemeinschaft so stark und trotz aller Prüfung so ungebrochen erhalten haben. Zweierlei fällt auf, wenn man die jüdische Geschichte be-, trachtet und überdenkt: kein Volk, dessen inneres Wesen leidenschaftlicher und inbrünstiger dem Religiösen zngewandt ist als das jüdische; kein Volk, dessen äußeres Schicksal mehr von Blut und Tränen, von tiefstem Leid erfüllt ift als. das jüdische. In diesen beiden Kräften, im Glauben und Leid, liegt zugleich das Geheim-' / nis der Tauer Israels begründet, in Glauben und Leid nnd ihrer Wechselwirkung zueinander: Glaubenskrast allein hat unsere. Vorfahren alles Leid überdauern lassen, und Leid, hat wieder ihre Glanbensbereitschaft erweckt und gestärkt. . Aber das allein kann, noch nicht das Entscheidende sein; auch andere Völker sind gläubig gewesen und haben Leid erfahren. Entscheidend ist, daß Israel von Anbeginn auch im Leid und g e c a d e i m Le i d die göttliche Schickung erkannt hat, daß cs in jedem Leiden nicht nur Sühne vergangener Schuld, sondern zugleich schon Erlösung, Erneuerung und Segnung gefühlt hack Dieser'Gedanke, daß im letzten auch das Leid Segen berge fsu le tauwo!), er hat nirgends schöneren Ausdruck gefunden als in den Worten, in denen der Jeremias der Zn'eigschen Dichtung dem Volke das Leid als Prüfung Gottes verständlich macht: „Sv lasset uns die Geprüften sein und lieben sein Leid, ihr Brüder! Er hat uns. brüchig gemacht, daß er tiefer sich senke in. . unseres Herzens Scholle und nur fruchtend würden seines Samens, er hat uns gcschwächet am Leibe, daß er uns stärke in der Seele!" Ernesl Bloch, dessen Gotteadienstoratoriurn ,,Awodass Hahodcsch'* ans 25. Juni unter Alexander V/cinbaun: in der Neuen Synagoge xurn ersten Male in Deutschland aufgeführt wird ECdCuinncjGünrjmzn cz i’i: in nz; m z ™ m cü r-; L'.-; dz: c: ci . Wenn wir heute wieder mit aller Hingabe des Willens die Kräfte in uns-anfrnfen, die dem Leben nuferer Gemeinschaft durch die Zeiteu Tauer gegeben haben, und die auch unserer Seele Stärke verleihen sollen, so müssen nur uns diese Erkenntuis vor allem innerlichst zu eigen machen, daß, was dein einzelnen von uns genommen wurde, der Gern e'i ii s eh a s t a u K r a st z u w a ch s e n muß, daß aus dem gegenwärtigen Verluste des einzelnen Segen blichen wird für die Zu fünft der Gemeinsihast. Wenu nur uns henw mancher besorgter Statistiken erinnern in de>' Gemeindeblättern vergangener Jahre, der immer steigenden Ziffern der Mischehen, der Taufen, der Austritte ans dem Judentum, ■lucnu wir uns erinnern der tiefen Gleichgültigkeit gegenüber Juden nnd Judentum, die viele von uns befallen hatte, so können Nur in dem Gescheben des. vergangenen Jahres, das uns lvieder zn uns selbst zurück - geführt hat, nicht nur das Leid fühlen, sondern den aus dunkler Tiefe des Schicksals kommenden, unüberhörbaren Anruf einer Ni acht, die stärker ist als alle Mensclienmaclit. Tiefer als die Geschlechter vor uns suhlen nu r wieder den Strom der Geschichte, die Gleiihheit des Schicksals, die uns mit unseren Vorfahren verbindet. So haben nur auch die gleiche Aufgabe, die sie durch Jahrtausende hindurch stets von neuem erfüllt haben, nns lebendig-verantwortliche, lebenswillige und trotz allem znknnftsglänbige Kette zn Nüssen zwischen Vergangenheit nnd Zukunft unserer Gemeinschaft, ans jedem Leid neue Kraft zn ziehen, ans Rückgang mutvoll wieder einen Anbeginn zn machen. ’Yl-r .l^rA Mitarbeiter dies Centralverein* haben im letzten Jahre zahllose Kleingemeinden aufgesucht. Waa sie sahen, hörten, dachten' ist in Reiseberichten auch an dieser Stelle allgemein bekannt geworden. Die Zeit hat die Probleme verschärft, die Menschen klarsichtiger gemacht, lässt sie über resignierendes Geschehenlassen zur Erwägung von Hilfsmassnahmen kommen. Wir veröffentlichen heute zwei Beiträge zu diesem Problem, verschiedenartig in Schau und Darstellung der Verfasser, geeint durch die landsmannschaftliche Verbundenheit und die Gleichheit der Sorgen. Wirstellen die Beiträge, vor allem die Pläne von Dr. Jacobi, lediglich zur Diskussion, da sie in vielem auch andere Anschauungen rechtfertigen. Die Schriftleitung. vw^vir'vb Die Fahrt geht ostwärts. Reifeziel ist das. kleine , ponnnersche - Landstädtchen, -welches zwischen tiefblauen Seen und grünen Wäldern eingebettet liegt, und das „die.Perle Hinterpominerns" 'genannt wird. Vom Hasten und Jagen der Großstadt ist nichts zn spüren.,Ruhe und Beschaulichkeit bestimmen die Lebensart. Das Rad der Zeit dreht sich hier langsamer... Mitten in der Stadt, in einer Seitenstraße, die Synagoge. Ein Backsteinban, überragt, sie mit ihren beiden Kuppeln majestätisch sämtliche umliegenden Gebäude. Erbaut in den 80er Jahren.des vorigen Jahrhunderts, legt sie Zeugnis ab von der Opferwilligkeit ihrer Ge-' meinde und der gesamten deutschen Judenheit. Ihre Vorgängerin, ein ehrwürdiger Fach- . werkbau, war in Flammen aufgegangen. Die Brandursache kennt-man bis heute noch nicht. Es war eine schlimme Zeit damals. Tie Ruinen von Stöcker, Ahlward und Henrici' waren in aller Munde. Sv gelangte damals die jüdische Gemeinde, durch den Synagogen- '' brand zu einer traurigen Berühmtheit. Denn! der Verdacht der Brandstiftung siel aus die angesehendsten Mitglieder der 'Gemeinde.. Trotz Beteuerung ihrer Unschuld wurden sie zunächst verurteilt nnd errangen erst in der letzten Instanz den Freispruch. . , ' Die Gemeinde war damals ' blühend, sie umfaßte au-tausend-Seelen/ in der Hauptsache Kauflentc.und Handwerker.. Große Häuser im Baustil der 70er Jahre zeugen heute noch von dem Wohlstand ihrer Eigentümer. Sie sind längst nicht mehr in jüdischem Besitz. D.ie Synagoge-bildete, den Mittelpunkt des jüdi-. scheu Lebens, für dessen Bereicherung und Verinnerlichung ein Rabbiner' und ein Kantor sorgten. Heute steht die große Synagoge fast, verwaist da. Jahr um Jahr verlor die Gemeinde Familie um Familie. Tie in. der-Kleinstadt zu Wohlstand gekommen ivaren, ivvllten itzn in der Großstadt genießen. Wohl zogen. Familien zu, doch ausnahmslos solche, die hart um das tägliche Brot kämpfen mußten. Das Steueraufkommen der Gemeinde saut von Jayr ■ zu Jahr. Das Jahr lll-W vernichtet^ Eristenzen und gefährdete andere: Der Schnhmacher, der Hausierer nnd der kleine Kaufmann, sie verdienen.kaum das, was sie zmn - Lebensunterhalt gebrauchen, sie können von ' dem wenigen nicht .noch Steuern bezahlen.