Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 13 (1934)
- Issue
- 23 (7.6.1934)
- Date
- 1934-06-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Beiblatt: Die 900-Jahrfeier der Wormser Synagogengemeinde von Dr. Hermann Gundersheimer. — Premieren im Berliner Kulturbund. 2. Beiblatt: Die Schechita, Erzählung von Jacob Picard. — Die Versteigerung der Sammlung Mosse. — Erziehung, Eltern, Schule. — Wirtschaft der Woche. A. H. Nicht erst seitdem Adolf Friedrich Freiherr von Knigges zweibändiges Werk „über den Umgang mit Menschen" vorhanden ist — es erschien 1788, also unmittelbar vor Ausbruch der großen französischen Revolution beschäftigen sich nachdenkliche Menschen mit den Formen, in denen sich das persönlichgesellschaftliche Zusammenleben von Mensch zu Musch bewegen soll. Schon unser jüdisches Schrifttum enthält eine Fülle von Vorschriften, die die Stellung des Individmuntz innerhalb der Gemeinschaft regeln und den Einzelmenschen znnr Gegenstand der Achtung und Rücksichtnahme machen, sofern er nur die Gel'dje erfüllt. „Bor einem grauen Haupte sollst du aufstchcn", „einem Tauben sollst du nicht slucbeu und einem Llinden keinen Stein in den Weg legen" sind Formulierungen, die von höchster Achtung insbesondere vor dem hilfsbedürftigen Menschen zeugen und in den Besitz oller -Kulturvölker eingegangen sind. Besonders eingehend ist in unserer Sittenlehre dar- Verhalten gegenüber dem wirtschaftlich vdcr bildnngsmäßig oder gesellschaftlich Schwächeren geregelt. Mit Bewunderung und innerer Bewegung stellen wir Beweise hoher geistiger Kultur fest, die vom Starken. leid Nläehtigen Nüeksichtnahme mtb Zurück;,^ Haltung ui der Ausnutzung seiner Möglichkeiten fordert. Tie Sittenlehre aller alten Kulturen stimmen in dieser Hinsicht überein. Tie Sophrofyne des Griechen wie die „masze" Wallers von der Bogclweide ziehen dem : menschlichen Trieb Schranken neben den staatlichen Gesetzen und Ordnungen. So besteht eine fast niemals abgerissene Kette gesellschaftlich-kultureller Ueberliescrungen, die zu allen Feiten das Zusammenleben des einzelnen inmitten der größeren Gemeinschasten immer Am neuem zur Ordnung band. Gerade der „Knigge" zeigt, weil er ein - Mm Äftrn n Zwischentitel bezeichnen den Inhalt der oinzel- Wn Abschnitte. Im Kapitel ., R v t w e n d i g e Verkehrsregelung" finden wir folgende ^ähe: Es geht uns gar nicht um ein Geschrei oder nm einen politischen Zeitvertreib, den wir uns selber vom Zmm brechen, sondern um eine Maßnahine im öffentlichen Verkehr auf deutschem Anden. Tiefer Verkehr, die Begegnung von chiden und Nichtjnden im Tritten Reich scheint nns nach gut einem Jahr der Ueberprüfung zu bedürfen. Wir werden zeigen, was wir mit unserer Frage bezwecken: „Was dürfen sich die tzuden in Tentschland schon wieder erlauben?" Unter der Zivischennberschrist „Die Klasse und der Lehrer" heißt cs am Schluß: Ter Jude ist in Teutsehland wieder kühner gewardeii, seitdem er glaubte, daß die id)tbeschasiignng mit ihm Gleiehgültigkeit hieße. Atzt dem erprobten Instinkt von Jahrhunderten Ang er Schritt für Schritt vor, um zu sehen, Mas man an ihm wieder gestattet." Im Absatz „Geschäfte mit der Front" Mird das Verhalten jüdischer Reisender kritisiert, sm Plötzlich - mit dem Eiseruen-Krenz-Bändchen stze .Kundschaft besuchen solvie die Tatsache, daß Mbifche Kriegsleistnngon in Toknmenten von Generälen veröffentlicht werden. Es heißt da: Ktzider vermißt man daneben eine ebenso rührige Ausstellung der jüdischen lltamcn in der KriegSlArlschast." Zur Absatz „Leider vermißt m a n, ^ufgenordete Geschäfte", wird die for- Mal^ Tarnung jüdischer Firmen in arische stilisiert, und im Kapitel „Nudelweises Aufstllen" die aufdringliche Art jüdischer Gäste, die 'Mts nur in „Nudeln" in Gaststätten erscheinen. ' f} Absatz „Gast stätten mit Hakenkre n z" heißt es: . Tenn cs ist ein tiefer Unterschied zwischen Am Raturcrlcbnis eines dentschen Btenßchen und einer jüdischen Gesellschaft. 'Neulich sahen wir an einem ^ee eine jüdische Skatrunde sitzen, ^ui Gewitter zog herauf mit strahlendem Begriff geworden ist, für alles, was Benehmen und Takt heißt, wie segensreich der menschliche Beharrungswille ist, die eigentlich privaten Lebensgebiete ohne staatliche Regelung zu fornien. Tenn so sehr auch staatliche Ordnung, Macht, Erziehung, Schulung, Zivilisation ihre Prägung von außen her, durch Gesetz und Anweisung erfahren können, Kultur, auch Lebens- und gesellschaftliche Kultur, wächst in den stillen Bezirken der Völker. Auch der totale Staat weiß von den letzten seelisch-menschlichen Bezirken in ihrer Cchoubedürstigkeit und ihrem Aerlangen nach pfleglicher Behandlung. Alan denke an die Religion. Gr stellt deshalb zwar weltanschau- - liehe Grundlagen wie für alles so auch für das private Leben aus, aber er versieht sie nicht mit Verbindlichkeit. Die Betrachtung dieser Zusammenhänge ist für uns deutsche Juden bedeutungsvoll, weil in der nationalsozialistischen Presse die Frage unseres privaten Benehmens untersucht wird. Es wird nicht gesagt, daß wir etwa die Staatsgesetze nicht achteten und befolgten, daß ivir cs an der notwendigen Zurückhaltung in öffentlichen Angelegenheiten fehlen - ließen. Keine Menschengruppe gehört wohl weniger . als wir deutschen Inden zu den „Miesmachern und Kritikastern". Tenn obwohl niemand so wie wir fast nur negative gesetzliche Neuordnung erfahren hat, sind wir nicht in Negation verharrt, sondern haben mit starker Seele und erstarkendem Willen positives Tun, den Nenanfban des deutschen Judentums, begonnen. Es wird uns vielmehr vvrgehaltcn, daß der Verkehr in der Oessentlichleit, die Begegnung von Juden und Nichtjuden im Dritten Reiche der llcberprüfung nicht standhalten. Was beanstandet wird, ist aus den nachstehenden Zitaten eines Aussatzes im „Angriff" vom J. Juni nachzulescn: Regenbogen, es war als atme die ganze Natur neu ans. Tie jüdisetze Skntrnnde saß kein einziges Mal ans. ü'lit lautem Geschwätz, das nb» stach von der rußigen Vetracßtung der Teiltsetzen ringsiilll, taten sie, als feien nur sie mit itzrem Spiel der Mittelpunkt der Welt. A ls „Tie j ü d i s ch c T e m v n st r a t i o n" bezeichnet der „Angriff" die Tatsache, daß der Jude im Erwerbsleben zlvar allein miftrete, im Privatletzen jedoch stets geschlossen, also als Indcnschast. womit er seine Rasse demonstriere. „Pt a n m a cl) t tit Beifall" nennt der „Angriff" den Absatz, in dem er tadelt, daß jüdisches Konzertmld Theaterpubliknm das Anstreten jüdischer Küllstler stets mit besonders lautem Beifall auszeictzne. Ter letzte Abschnitt „Kein Aergernis" sei im Wortlaut wiedergegeben: „Das ist eine erste psychologische Betrachtung der neuen jüdischen Ballung in Denischlaud. Bielleicht ist es einem Ausländer schwer, dies alles so zu setzen und Zll empfinden, wie wir. Aber cs ist so. daß es für uns unerträglich ist, und daß wir uns mit den Inden in Teutsehland ans unsere Weise anseinandcrsetzen müssen. Wir sind überzeugt, daß sich diese Allseinandersetzung ohne jede Gewalttätigkeit abfptcfcn wird. Tenn wir lvissen, daß der Jude mir auf Selbstbewußtsein und Standfestigkeit Zll stoßen braucht, um wieder besctzeideuer uild stiller zu merben. Leine rechtliche Lage ist geklärt, aber fern Lebensstil ist noch ungeklärt. Er muß endgültig mit seinem Bertzalten von srützer brechen, d. h. er muß die deutsche Oessentlichleit den Dentsehen überlassen. . ' K1. t _ (Sr soll kein Aergerms geben. Wir smd davon überzeugt, daß die Juden wissen, was wir damit lueincn. Wir werden uns weiter darüber unterhalten." Was wir unserseits im einzelnen zu sagen hätten, liegt aus der Hand und könnte ausgeführt werden, wenndie Vorwürfe aus der Ebene dos Nationalen, des durch Gründe und Gegen gründe Erklär- und Aufklürbaren lägen Wir könnten sagen, daß es auch in unserer Gemeinschaft seelisch-treulose Menschen gibt, die den t April 1933, die Ritunlinord-Nummer des „Stürmer", den Aussatz „Und immer wieder die Judenfrage" oder sogar die einige Zeit hindurch stereotypen Aufrufe des „Angriff" selbst „Was dürfen sich Juden schon wieder erlauben" vergessen haben. Wo hätte eS je an solchen Typen gefehlt, denen die Not ihrer Gemeinschaft nicht elvig auf dem Herzen brennt und die im Persönlichen Wohlleben Gemeinschaft und fremde Not vergessen! Aber nirgends und arich bei uns nicht bedettten sie eine auch nur einigermaßen; beachtenswerte Anzahl. Die Ueberzahl der dentschen Juden fühlt die Not.« Cie lehrt nicht bloß „beten", sondern auch ernster werden und sich Prüfen. Wir konnten sagen, daß nicht wir die Bestimmungen über den „Front-Arier", die Kinder 'oder Eltern der Kriegsgefallenen erbeten haben, sondern daß sie für uns gesetzlich gegebene Tatsachen darstelleiu daß wir uns eines Aussatzes im „Völkischen Beobachter" erinnern: „Ntan trägt wieder", der mit großer Genugtuung das Anftauchen der Kriegsordensbänder feststellte, iveil darin das Wiedererwachen des Stolzes aus die große Vergangenheit des Weltkrieges enthalten sei. Und diese B e t g a ng e n f) c 11 ■ haben ■ wie, deutschen Inden mit allen anderen Dentschen gemein. - Und wir erinnern uns, daß wiederholt ganz allgemein gegen die übertriebene Ausnutzung von Abzeichen für kaufmännische Werbung Erlasse ergehen mußten. Wir könnten auch aus der Kricgslvirtschast Namen nennen, die mit dem Hcldcnkamps der vier Jahre unlösbar verknüpft sind, Namen, an die während dieser Zeit Briese von Kanzler und Atinistcr gerichtet wurden, die Dank sagen. Wir könnten die Männer jüdischen Stammes aufzählen, die unsere Landwirtschaft, unsere Ncitnitionserzeilgnng, den Gisigaskrieg sichergestellt haben. Wir hätten noch mehr zu sagen: daß cs immer Alenscheit gab, die keinen Wald sehen tonnten, ohne anzustimmen: „Wer hat dich, du schöner Wald" und Atenschen, die schweigend Natur erleben und daß nne der Spießer allenthalben ohne Unterschied von Glaube, Stamm, Nation anzntressen ist,' so auch der bündische jngendbewegte N len sch, der sich die Landschaft, in der er lebt, als Heimat erlebt, erwandert, er singt- Wir kennen alle Tatsachen, die die Vorwürfe entkräften könnten, lvenn es darauf ankäme. Aber da dem nicht so ist, wollen wir sie wenigstens für uns hervorholen, um aus ihnen die Ruhe und Uebefangenheit zn schöpfen, die Grundlagen meuschlich-ofsencu Benehmens sind. Tenn an einer Gegenüberstellung von Tatsachen und Tatsachen, solchen, die der „Angriff" anfführt und solchen, die lvir kennen, kann wenig gelegen sein. Aber daß der „Angriff" Probleme dieser Art aufrollt, läßt die Tendenz erkennen, altch für die private Lebenssphäre der deutschen Juden negative Grundsätze auszlistellcn. Wir erfahren freilich nur, was lvir nicht tun sollen. Deshalb müssen wir auch auf diesem Gebiete unser positives Verhalten selbst zu bestimmen versuchen. Wir sind hierbei von der Gelvißheit der menschlich-sittlichen Werte erfüllt, die uns aus der Wiedererweckung unserer jüdischen Ueberlieferung und der unauslöschlichen Vertrautheit mit dem deutschen Kulturkreis Zuwachsen. Und wir denken an die geschichtliche Erfahrung, daß neben den Bezirken des öffentlichen Lebens und Anordnungen unterliegenden allgemeinverbindlichen Tuns des Einzelnen die Verbindung und Achtung von Mensch zu Mensch bewußt bleibt, bis sie in der positiven Ordnung das Verhältnis von Menschenkreis zu Mcnschenkreis ihre-Rechtsertigung und Bestätigung wiedergefunden hat. Die ihrer Pflicht gegenüber der Stunde bewußten deutschen Juden brauchen in ihrer überwältigenden Dtehrzahl ihren überlieferten „Knigge" mir wenig abzuändern, soweit sie tl)n schon vorher kannten. Wer ihn heute noch nicht kennt, wird nur durch Erfahrungen belehrt werden, wie sie ihm beispielstveise der Aussatz des „Angriff" vermittelt. WMW C\ W ' «’*’”“•*** ..ft« Tie Suggestion des gedruckten Wortes wirkt trotz Tonfilm und Rundfunk außerordentlich stark. Tic Ritnalinvrdlegende brauchte nur wieder einmal in aller Änsführlichkeit irgendwelche Zeitnngsspalten zu füllen, und schon echote es allentliatben „Rititalmord". Das Ntaterial über diese mehr als 2000* jährige Lüge über die jüdische Religion füllt Bibliotheken. Nirgendnw aber ist es nach allgemeinem Urteil so übersichtlich, volkstümlich und zugleich iiberzengend und erschöpfend zn-- sammengestellt nne in der Broschüre „Blutlügen", deren Umsctstagbild nur unfern Lesern vorführen. Ter reiche Inhalt ergibt sich ans der folgenden Aufzählung: A. Tie allgemeine Verbreitung der Vlntlnge. 1. Blutanklage gegen Ehrisleii. 2. Vlutanllage gegen clirislliche Sekten. v. Blntaullagc gegen rhristliche Alissionaro. B. Die Uebertragung des Vlntinärchens auf die 1. Xn-3 erste Anflaiichen der Beschuldigung am Ende des zN'ölfteu Jahrhunderts. 2. Die Gründe für das Austauchen des Blut» inärehens. 0. Die jüdische Religion und der sogenannte „Vlutritns". 1. Bibel, Talmud und die gesamte jüdische Literatur. 2. Tie Gewährsmänner Rohlings. 3. lieber Daumers „Geheimnisse des christlichen Altertums". 4. Die angeblichen jüdischen Geheimsckten. D. Die angeblichen „geschichtlichen Zeugnisse" für den Ritiialmord. 1. Tie älteren „Fälle" und die Rolle der Folter. 2. Tie Prozesse der jüngsten Vergangenheit. E. Die Zurückweisung der Vlutlüge durch christliche Autoritäten. 1. Päpste. 2. Weltliche Herrscher. 3. Theologische Fntnltätcn und einzelne christ- _ liehe Gelehrte. F. Literarische Hinweise. Die Schrift (30 Seiten Umfang) ist gegen Voreiusenduug von 20 Psg. und Drucksachenporto von 8 Psg. beim Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens zu erhaltet!.