Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 13 (1934)
- Issue
- 22 (31.5.1934)
- Date
- 1934-05-31
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2277379-2278044-2278066--08601-2289632- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Rashi 1× ep/1002670
OCR text
. -2 6.1334 Berlin, 31. Mai 1934 XIII. Jahrgang' / Nr. 22 * IPreis 2© F g BUfllg LMM!- o WO LITTE! EM Ml \/T <7?ii irm j>. M| i! h || j IX ywwww Die corlsegsnde AfMsitssier «nifiöfi <k« Sosccfcj^&eöfeg® 999 Jahre Synagoge V/ormß Haus des Schicksals von S. K. Raschi von Fritz Bamberger ‘ Geschichte der Wormser Gemeinde voh Dr. Rosy Bodenheimer 'Die Wormser Judengemeinde — heute von Dr. Hermann Gundersheimer Alte jüdische Familien in Worms von' Dr. Guggenheim (Offenbach) Illustrationen von Henriette Mannheimer (■I ß!sl |r in H; UH UE3B JÜMRTÜH A. H. In ernster Stunde begeht das deutsche Judentum ein. Fest. Ein Gotteshaus ivird 900 Jahre alt. Noch weit länger sind an seinem Srte, in den Nachbarorten ringsum, in diesen allen deutschen Städten, um die deutsche Erinnerung und Geschichte kreist, chiden ansässig. Das Frührot deiltscher geschichtlicher Lind rechtlicher Formung sah die Wien der deutschen Juden. Wir holen in der Feierstunde diesen Glan; herüber in die Eegciiwart, dainit das deutsche Judentum von heute in seiner Verdunkelung sichtbar gemacht sei, damit man cs zurückversolgeu könne durch die'M Jahre deutschen Seins. — Man besinne sich, ivas das heißt. Deutschland, Europa, die Welt formten sich, WO!! wandelnd und Inhalt wechselnd, während dieser Zeit; die fränkischen Kaiser wurden reu deii Hohenstaufen abgelöst. Deutschland ist Keltreich. Ganz nah noch den Ursprüngen deutscher Wesensart ist Staat, Recht, Gedanke. Unverdünnt wesenskräftig Ueberlieferung unö Eestnltnng. Friedrich 11., jener geheimnisvoll derstandeshelle große Kaiser, schafft den ersten uiodcrnen Staat, vom Totalitätsgedankcn nicht nur im Politischen, sondern auch - im tüchtigen, Wirtschaftlichen, Kulturellen erfüllt. Tie Synagoge in Worms stand all diese Zeit, uiid die m ihr standen und betend sich neigten, waren Bollbürger ihrer Stadt, begabt mit allen Rechten und Pflichten, auch mit dem Aassenrccht der. Wehrpflicht, im ritterlichen Rittelalter stärkster Ausdruck bürgerlicher Freiheit. Tentschland sank, Deutschland stieg wieder auf. Geschichte ist nie ein Rechenexempel gewesen, das glatt ausgeht. Dazu sind zu viele Größen unbekannt und unbestimmbar. Fortschriit uiid Rückschritt wechseln. Es ist nicht auf der Ebene nüchterner, rationaler Betrachtung zu beantworten, es reicht in die Sphäre des Glaubens, ob der Sinn der Geschichte, der Wille dessen, der über aller Geschichte ist, im Fortschritt oder im Rückschritt liegt. Kriege durchtobten Deutschland, Europa kämpfte um Macht und Besitz, Kämpfe iim des Geistes willen. Länder erhalten neue Herren. Starke Fürsten schaffen neue Reiche. Reformation und Gegenreformation erfüllen Menschen mit neuem und erneuertem religiösen Inhalt. Luther, Calvin, das Konzil von Trient — in der Synagoge von Worms stehen Fuden und neigen sich .und beten: unser Eott und Gott unserer Väter. Ihr Recht ist enger geworden innerhalb einer grenzenreicheren Welt, aber ihr Wille ist frei gebliebcir: In Worms beten. Heimat und Elanbe. Nichts hat sie wegbringen können, es sei bout für wenige Zeit, von dieser Heimat nicht und nicht von diesem Gotte. Der 'große, gerade für die Judengemeinden am Rhein so blutige Strom der Kreuzzüge nicht und nicht die Glaubenskämpfe des Dreißigjährigen Krieges. Geschlecht folgte auf Geschlecht: . Deutsche Juden, eingeboren seit Jahrhunderten. Daß in grauer Vorzeit Ahnen einmal eingewandert waren, daß sie Gnstrecht gelioffen nach der Rechtsauffassung jener Zeit, das stärkte nur ihr Heimat-, ihr Lebensrecht. Tenn es entspricht dem Hergang in Geschichte und Sage aller Völker, daß sie von weither kommen und Boden fassen. Daß es dann Machtfrage ist, welche Rechtsformen für den Schwächeren vom Stärkeren gewählt werden, ist für die Gegenwart bedeutungsvoll, die geformt wird, für die Alitlcbenden, die hoffen, fürchten, hoffen, zagen. Aber Geschichte als Inbegriff des schon Geschehenen kann feine Kraft auflöfen. 900 Jahre Jildengemeinde in Worms, das bleibt: Feststellung und Anspruch. Ob sic erst Gäste waren, jene Juden von Worms, ob sie Einwohner, Bürger, Lehen, Kammerknechte, Schutzjuden, Hintersassen, Staatsbürger iviirden oder genaiint wurden, sie blieben dieselben Menschen. deutsche Juden. Wir anderen deutschen Jildcn außerhalb Worms nehmen unsere Brüder in Worms als Zeugen. Denn ivie jede Gemeinschaft verlangen aucl] wir. daß wir nach unsercn Vorzügen imd nicht nach unseren Fehlern, nach unseren Besten iind nicht nach unseren Schlechtesten, nach imserer sichtbaren Geschichte imd nicht nach unsichtbaren Vorstellungen beurteilt werden. In ernster Stiriidc begeht an diesem Sabbath die deiltsche Judeuheit das Fest der. Heimat- und Glaubenstreue. Sie beten Zinn Unsere Kerzen knien in dem stillen, schönen, altersgrauen Gotteshause, um den ewigen Willen, der sie segnet, tief in sich zu schaun. Lin schweres Duften, das Erinnern trägt an tausend Leben, bettet Tränen, frohe Dankeslieder und Gebete heilig in die Stille. Immer härter wurden diese Ucaueru, immer dichter schlossen sich die Steine — dunkle Steine, die den Himmel wissen —; immer dichter in: Gewühl der Seiten. Altes Gotteshaus, wie großes Schicksal, schön, gewaltig ragend in den Flammen, die aufsteigend Träger siiid der Gottheit. ' Oiftc marr. EnnnnnnnEGnnnnanannnnnanacannn Gotte der Väter, vor beni allein tausend Jahre wie ein Tag sind. Sie beten, daß für sie ein neuer Tag vor ihm beginnt. W0W Dr. Eva RÄchsrssa-Iimgmmm \ : Die nachstehende Arbeit versucht, die deutsch-jüdische Idee und Arbeit in der Prägung des L.-D. zu umreifzen. Die Auseinandersetzung mit den Anforderungen und Problemen der Zeit stellt die persönliche Anschauung der Verfasserin dar; sie ist aber aus der ständigen Verbindung mit dem engsten Mkarbeilerkreis des L.-V. entstanden und so zu werken. Diese zusammenfassende Darstellung wird klärend und anregend für die allen und die neuen freunde des C.-V. fein, da sie Wirklichkeit. Wahrhaftigkeit und Fülle des deutsch-jüdischen Leins erweist. I. SelMSe MenSelt ISB .. Zu den größten menschlichen Torheiten gehört der Wunsch, alles schon vorher gewußt zu haben. Eiw großes Maß entwicklungshemmender Trägheit, eine Fülle fruchtlosen Vorbeiredeus an der Wucht realer Tatsachen ist auf sein Schuldkonto zu setzen. Kaum ist der Mensch, wiiizigster Staub im Wirbel des Geschehens, ohnmächtiger Spielball höherer Gewalten, durch einen merklichen Vorstoß der Weltgeschichte besonders unsanft seiner Kleinheit geivahr geworden, schon — hat er es immer gesagt! Erschütterung, Auftauchen vom Grunde falten Behageris gilt ihm als unwürdig. Sobald er nach Ueberiviudimg des Erdstoßes mühsam ioieder seine Glieder zusammengefunden hat, setzt er seine blasierte Miene auf und' stellt fest, wie alles doch genau so gekommen sei, wie er es vorausgesagt habe. Es liegt uns hier nichts au scherzhaften Charakterstudien. Es liegt uns hier lediglich daran, festziistellen, daß die so charakterisierte Seelenhaltung die spießerhafteste, unfruchtbarste ist, die jemals einen Menschen zrr eiirem „trüben Gast aus der trüben Erde" gemacht hat. Und es liegt uns weiter daran, laut und deutlich zrr erklären, daß dem Eeutral-Vereiu deiltscher Staatsbürger jüdischerl Glaubens eine derartige Selbstziifriedeuheit und Unbeweglichkeit nicht gemäß ist. Der Eeutral-Vereiu besteht über 40 Jahre. Er ist ein Produkt der Emanzipation und ihrer Fehlschläge. Seine Gründung erfolgte zu dem Zwecke, von der juristischen Gleichberechtigung der deutschen Juden zu einer wirklichen Gleichberechtigung sortzuschreiteu. Auf diesem Wege hat er mannigfache Schicksale erfahren. Erfolge und Rückschläge, Anerkennung und Verfemung, Lobpreisung und Verdächtigung.. Er hat darüber hinaus ein inneres Schicksal erfahren,- das ihn zu einer geschichtlichen. Tat werden ließ: nachdem er ursprünglich seine Aktivität ganz der Umwelt zugewandt hatte, indem er „unbeirrt deutsche -Gesinnung" verlangte und pflegte,' deutsche Rechte durchzilsetzen sich beniühte, wurde er allmählich 'zu einem Bollwerk gegen den Ab- ■ fall vom Judentum. Mehr: er wurde zu einer Pflegestätte jüdischen Selbstbewußtseins auf deutsch-vaterländischer Grimdlage ltnb damit ut einer Einmaligkeit innerhalb des emanzipierten WestjildeutumS. Während in anderen westjüdischen- Gcmeiuschasteu eine zahlenmäßig. mehr- oder minder kleine zionistische Griippe unmittelbar an die tu langsamem ober schnellem Abfall begriffene Mehrheit grenzt, ist es die h i st o r i s ch eBedeutnng des Een tral -V erc i ii s, das n i ch tzionistische deutsche Judentum deutsch und j ü d i s ch e r h a l t e u z ii haben. Erst wenn ein längerer zeitlicher Abstalid wieder ermöglichen wird, der soeben beschlossenen Epoche Gerechtigkeit widerfahren zil lassen, ioird dieses Verdienst des Eeutral- Vcreilis für alle sichtbar werden. Aber die Epoche solcher Aufgabe imd ihrer Erfüllung liegt hinter uns. Mit der inneren Aufgeschlossenheit, die wir für uns in Ausprilch nehmen, haben wir nn-3 der neuen Zeit iilid ihren grimdlegend veränderten Fragen zu stellen. Ta fällt zunächst, vom E.-V. her gesehen, ein eigenartiger Widerspruch auf: D i e P r a k t i s ch e A r b e i t de s E. - V. f ü r die Existenzsicher ii u g der deutschen I ii beni st » n bestrittene r de n u j e. Roch nie waren die Anforderungen so groß und allgemein, noch nie war die Arbeit so ilnisasseiid, noch nie die Anerkennung so dankbar nnb rückhaltlos. Da? verbürgte Wort eines führenden Zionisten: „Wenn es den E.-V. jetzt nicht gäbe, müßte er sofort geschaffen werden", ist keiuesioegs eine-freundliche Einzelerscheinung, sondern Stimmuugsaiisdrilck weitester jüdischer Schichten, in Deiitschlaud. Der tägliche Bcsiich der Sprechstunden, der Brieseingang, der Mitgliederzuwachs beweisen es. Und doch.kann kein Zweifel darüber bestehen, daß die I d ee d es E. - V. kaum je so heiß u m st r i t t e n war wie. in der Gegenwart.. Diese Beobachtillig führt in die Frage nach dem Verhältnis zwischen Arbeit urid.Jdee und damit mitten in die allgemeinen deutsch-jüdischen Gegenwartsfragen hinein. Wie sah das Verhältnis zwischen E.-V.- Jdce und C.-V.-Arbeit früher aus? Die Volleridilng der Emanzipation, die wir oben als den Sinn der E.-V.-Gründung bezeichiiet hatten, zog die praktische E.-V.-Arbeit — Rechtsschutz, Abwehr des Antisemitismus, Aufklärung über Judentum nnb den deutsche jüdischen Menschen — in unmittelbarer Folge-, richtigkeit nach sich, die Arbeit stand in. [tan* diger starker Beziehung zur Idee; ihre geistige Begründung war, da es sich überhaupt größtenteils um geistige Arbeit iilid deren Organisation handelte, jederzeit ohne weiteres sichtbar uiid eiiilcilchteud. Dieses Verhältnis erlitt eine Erschütterung, als sich die praktische E.-V.-Arbeit unter der Notwendigkeit der neuen Zeit bei aller Wahrung der ursprünglichen Linie sehr stark zugunsten der Rechtsschutzarbeit verschob. Zwar ist die Sinnbeziehung mul) dieser Arbeit zu unserer Idee, die heilte wie früher gilt, der Idee der W a h r ll li g i! n s e r e r R e ch t e i m Oi a h m c n d c r G e s e ii e, uio veräiidert deutlich und konsequent. Aber die so formulierte Rechtsidee selbst, so unerschütterlich mir an ihr sestzuhalten entschlossen sind, steht nicht mehr für sich allein. Ihre Lenchtkrast, ihre Fähigkeit, Menschen zu begeistern, allein dadurch, daß mau sie zur Rechtsverwirklichuug ailsruft/ist ihr abhanden gekommen. ,Sei cs, weil der Geist der Zeit dem formalen Rechtsbegrisf nicht günstig ist, sei es, meil das geltende Judenrecht gerade Inden nicht für seine Wahrung zil begeistern vermag, sei cs, weil auch Recht noch nmlj einem „WarrlNi" fragt, und weil es gerade dann am nnglänbigslen fragt, wenn es soeben in schiverer Erschütterung von gleichen: zu beschränktem Recht, geworden ist: Tie Men - scheii begnügen sich riicht mit solchem - Sinn einer Arbeit, sie fordern mehr. Tie Menschen tasten den Umkreis ihres deutsch-jüdischen Seins ab, sie tauchen in di; Vergangenheit imd spüren in die Zuknnfr, und viele von ihnen, solche, die über der Rot des Tages iioch zum Denken kommen, fühlen etwa so: Das Zeitalter der Emanzipation ist beende'. Unsere seelische Sicherheit ist geborsten. / Sie hatteuns vielleicht wirklich stumpf gemacht allzu - selbstbewußt imd satt. Zwar" — au jlldcufeiudlicheu Anfechtungen fehlte es eigentlich nie, aber mir ließen sie kaum je in uns hineindriugen. Wir sahen die Gc'schiclstsenüvickliing zu einseitig, als daß mir an wirtliche Erschütterungen geglaubt hätten. Es ist schwer vorstellbar, denkt man eüoa weiter, daß die Gleichberechtigung der dciitscheu Juden noch jemals wiederkommen fönnlc, wie sie .früher bestand. Ter Nationalsozialismus