Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 13 (1934)
- Issue
- 21 (25.5.1934)
- Date
- 1934-05-25
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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fw. 21 Ooobls^t <s—J Li LJ "f: srnmsmm » «sKSöaia In Niederschönhausen, am Rande der Großstadt, wo ihr Lärm kaum mehr zu hören ist, inmitten von weiter Landschaft und Sonne und Regen, arbeitet eine Gemeinschaft junger jüdischer MensclM an der Neugestaltung ihrer- Zukunst. Erst im letzten Januar wurde der Plan zu dem Umschichtungslager von seinen beiden jetzigen Leitern entworfen und mit vilfe der Zentralstelle für jüdische Wirtschaftshilfe sofort ausgeführt. Eg war, besonderbei der kalten Witterung, eine harte Arlz-ik, aus den leeren Fabrikräumen Werkstätten und Wohnräume zu schaffen, zumal man mit einem Mindestmaß an Kosten lnis'.nkonunen trachten mußte. Aber es wurde geschafft: sieben junge Leute waren die Pioniere für die 42, die sich inzwischen dort zujainmengefnnden haben, um an dem begonnenen Werk und ihrer eigenen Ausbildung wciierzuarbeitcn. Kaum irgendeine fremde Hilfe wurde zur Ausgestaltung des Lagers in Anspruch genommen. Von der Vcrwandlmtg eines Hüh° ncrstaUs in einem freundlichen Speiseraum und einer Verzinnerei in Wasch- und Duschraum, Küche und Speisekammer bis zur elektrischen Lichtanlage, von der Herstellung der nötigsten Requisiten deS Lebens bis zur Einrichtung der Werkstätten, von der Rodung bis zur Anpflanzung des vollständigbrachliegenden Gartenlandes, — hier ist alles das Werk der eigenen Hände, in denen jedes, auch das scheinbar untauglichste Material wertvoll wird. Heute reicht bei selbstverständlich größer Einfachheit die Einrichtung des Lagers insofern schon über die äußerste Primitivität hinaus, als Radio, Zeitungen und eine kleine Bibliothek vorhanden sind und für Unterhaltung und Wissen sorgen. Im Laaer leben augenblicklich in engster Kameradschaft 12 Menschen im Alter von >6 bis 32 Jahren, die aus den verschiedensten Berufen und den verschiedensten Gegenden des Reiches konunen: darunter sind auch fünf Mdchcn. Sie haben ihre eigenen Räume, sorgen für die Küche und die Instandhaltung der Wäsche und versehen mit Lust und Liebe chren umfangreichen, mühevollen Dienst. Schon vor 6 Uhr morgens beginnt im s'ager das Leben. Der Ordnung halber sind die neunstündige Arbeitszeit und auch die 'kaufen für die einzelnen Gruppen von Woche zu Woche genau fcftgclcgt. Die Gärtner begimwn ihre Arbeit eine halbe Stunde früher als die Schlosser und Tischler und haben dafür eincMängere Tischzeit in der Mittagshitze, die ihre Tätigkeit erschwert. Die Essenspausen währenddes Tages sind nicht lang bemessen, und die Hauptmahlzeit wird erst abends eingenommen, teils zur besseren Ausnutzung der Arbeitszeit, teils, um die jungen Leute schon während der Lehrzeit, die auf mindestens eineinhalb H.ahre festgesetzt ht, an das einem Handwerker zweckmäßigste Leben zu gewöhnen. Es ist bewundernswert, mit welcher Umsicht und Begabung die beiden hingen Leiter, die sich nach keinen Vorbildern richten konnten, die menschliche und technische Organisation des Lagers zu führen wissen. Sie kommen mit einem Monatsctat von 2300 RM aus, der sämtliche Unkosten einschließt, obwohl der Monatsbeitrag für einen Handwerker nur auf 65 RM, für einen Gärtner auf 45 RM und für ein Mädchen auf 30 RM festgesetzt ist; die Lagerinsassen sind teilweise Selbstzahler: aber zum größeren Teil werden sie von der Zentralstelle und von ihrer Heimatgemelnde unterstützt. Sämtliche Neuanschaffungen, wie z. B. Maschinen und Werkzeuge, müssen aus den Erträgen herausgemirtschaftet werden, was natürlich die Freude an Arbeit und Leistung bei allen erhöht. Voll berechtigten Stolzes erzähleil die beiden Leiter davon, wie cs ihnen gelungen ist, die einzelnen jungen Menschen dem neuen Leben und der neuen Umgebung anznpassen, was nicht immer leicht fällt. Ein gemeinsamer Anfbanwille verbindet die Gruppen, deren Arbeit nicht streng voneinander getrennt ist, sondern ineinander übergreift. Als besonderer Vorteil fommt den Lernenden zugute, daß sie in ständiger Verbindung mit der Praxis stehen; ein sinnloses Arbeiten gibt es nicht, sondern unter der Leitung von bewährten Meistern werden Aufträge ausgesührt, bei denen auf technische Vollkommenheit größter Wert gelegt wird. Es ist eine herzerfreuende Sache, unter Führung der beiden Leiter einen Ausschnitt ans dem Arbeitstag im Lager mitzuer'leben. Von dem mit Blumen geschmückten Frühstückstisch geht es zuerst hinaus in den Garten. Wenn man die wundervoll gepflegten Beete sieht, auf denen Salate. Gemüse, Erdbeeren nnd Blumen gepflanzt sind, kann man kaum glauben, daß dieser Boden noch vor kurzer Zeit seiner Härte wegen mit der Axt umge- Jofo- KikoUr, P;:'. :L J ' brochen werde mußte. Hier wird rigolt, dort Spargel gestochen. Baumstämme für neue Zäune und Mauern werden herbeigeschleppt, Unkraut wird gejätet; ans dem Gewächshaus leuchtet es farbenfroh; dort werden die feineren Gärtnerarbeiten ansgesührt, und man erfährt, daß die nächsten großen Pläne sich damit befassen, ein neues Gewächshaus und eine Warmwasseranlage für den Winter selbst einzurichten. Auch eines der Mädchen nimmt immer eine Woche lang all ben Gartenarbeiten teil. In den Garten hinaus klingt das frohe Hämmern aus der Schmiede und der Schlosserei. Dort stehen junge Menschen in blauen Anzügen und sind eifrig dabei, alle Werkzeuge und sonstigen Eisenarbeiten, die gebraucht werden, selbst hcrzustellen. Hiev wurden z. D. auch die Betten, die man als alte Feldbettgestclle angeschafft hatte, wieder neu nnd brauchbar gemacht. Hände, die bisher nur gewohnt waren, in Büchern zu blättern oder in Geschäften Bleistift und Feder zu führen, lernen jetzt Hammer und Feile gebrauchen, werden schwarz von Ruß und schwielig: aber cs sind glücklichere Hände geworden, die fühlen, daß sie kräftig sind und schassen können und sich ihres rauhen Aussehens nicht zu schämen haben. Und die Augen leuchten vom Feuer der Esse und von neuer Hoffnung. .Heiß und schön ist die Arbeit der Schlosser und dev Schmiede! In der hellen, luftigen Tischlerei wurden, schon, che die nötigen BLerkzenge vorhanden, waren, aus dicken Bohlen Werktische und Kästen mit der Hand geschnitten. Jetzt werden dort helle Bretter gehobelt und gefügt, und aus jedem Stückchen Holz wird irgendetwas Brauchbares gewonnen; einige fertige Schränke und Regale beweisen die große Leistungsfähigkeit der Leute, die doch alle erst Anfänger sind. In der Küche häufen sich inzwischen die Berge von belegten Broten, die zum zweiten Frühstück und zur Mittagsmahlzeit heraerich' tet werden, während aus dein Herd schon das warme Abendessen bereitet wird. Die Mädchen singen bei ihrer Arbeit, und frohe Klänge schwingen durch die ehemals so nüchternen, kahlen Fabrikräume. In ernster Zielbewußtheit vereinen sich die Symbole der Werkstättenarbeit mit den Symum WMW Ueberblickt man das Lebenswerk Jacob Wasser- ^nanns, so fu'nmnbeit man die gigautiscl)e Arbeits- Mittung dieses Mannes. Bon den ..Inden von Zirndorf" bis zum „Kerlhoven", also in einem Zeitrmim von 37 Schaffensjahrcn, verging fast kein Kehr, in dem er nicht ein großes Werk vollendet hätte: einen Roman oder ein Theaterstück, Er» Zählungen oder Essay«. Genuß nicht alles von gleicher Höhe, nicht alle von so vollendeter Mciftcrfchnf! wie „Kaspar Hauser" nnd das „Gänse- ' ninbcficu" oder wie der „Zoll Manrizins" und «v'vseph Kerkhovens dritte Existenz", aber in jedem Auch der glühende Forimville, die leidenschaftliche Aei'ejfenheit von Wort nnd Bild. Ein ungeheures Stoffgebiet hat Wassermann leivältigt, den ganzen Kreis des Lebens hat er abiplastet. Menschen, siegenden nnd leidenden, erhabenen und verlorenen. Hellen und finstern hat rr den Atem des Lebens eingehaucht, so daß sie unsere Wegbeglciter geworden sind. Wer sich in Jacob Wassermanns Werke versenkt, errvcitert seinen Erfahr,mgsradins. erhöht den Horizvnt seiner geistigen Existenz, vertieft seine Einsicht in den '^itselhasten Borgang, den man Leben nennt. Diese Darstellungen der menschlichen Komödie, um Balzacs Bezeichnung zu gebrauchen, an den man erinnert wird, wenn man Jacob Wassermanns gepult. sind einem ungeheuren Spiegel vergleichbar. P dem jeder von uns seine verborgensten Gefühle, seine geheimsten Gedanken wiederfindet. Tie sitzende Aktualität. die bezwingende Gegenwärtigst dieser Kunst ist es. die uns so unwiderstehlich fielst. so daß wir. wenn wieder ein neues Buch ihm erschien, kaum warten konnten, bis wir Cä lesen und verschlingen konnten. , war uns das jähe Verstummen dieses wvrtereill)en Mundes unsagbar schmerzhaft. Tie Welt ä^ar uns leerer geworden, seit wir kein neues Buch ^5 Meisters mehr erwarten durften. Um so größer war unsere Freude, als bekannt wurde, im Nachlaß Hobe sich ein vollendetes Manuskript gefunden, das bald im Truck erscheinen werde, ein abgeschlossener Roman, in dessen Mitte jener Arzt Kerkhoven stehe, der schon seit dem, .Fall Maurizius" uns so nahegerückt war, daß wir darauf brannten, die Ent- Wicklung seines Schicksals kennen zu lernen. Dieses Buch mit dem Titel „Joseph Kcrkhovens dritte Existenz" wird nun in Kürze vorliegen. Tue Jüdische Bnch-Dercinigung darf stolz darauf sein, daß es ihr gelungen ist, ihren Mitgliedern den Vorzug zu verschaffen, als erste in Deutschland m den Besitz dieses Buches zu gelangen, das ebenbürtig neben den größten Schöpfungen des Dichters steht, zumal die Gestalt des Dichters deutlicher als sonst sich in ihm abgezcichnet findet, lind dieser Umstand scheint die Durchbrechung des ursprünglich ausgestellten Jahresprogramms zu rechtfertigen. Die sehnsüchtig erwartete deutsche Bibelübersetzung ebenso wie Professor Elbogens „Geschichte der Inden in Deutschland" werden sich ohne Verzögernng anschließen, sobald Jacob Wassermanns Rv> man ansgegebcn ist. Die Mitglieder der JBB werden für diese Umstellung Verständnis haben nnd dankbar dafür sein, daß auf diese Weise ihnen zuerst der Besitz dieses letzten Buches vermittelt wird, daß sie zu Hörerndieser dunklen, leidenschaftlichen Stimme werden, die mit der Inbrunst, die oft der letzten Konfession eines Menschen eigen ist, alle Tiefen menschlicher Erlebnisfähigkeit aufznwühlen weiß. Dr. Erich Lichtonstein. V Beitrittserklärungen zur Jüdischen Buch-Dercinignng sind an die Geschäftsstelle. XV l5. Pariser Straße 7, zu richten. „Dreißig Künstler zeigen ihre beste -ittnnq." Es waren dreißig Kabarettisten, und . Fülle dessen, was sie im Nahmen einer Berstaltung der Künstlerhilfe der Jüdischen Gebinde boten, war so groß, daß (unter anderem) ch de'- Kritiker versagen muß. Oder mindestens b versagen muß. jedem Künstler eine Zensur zu teilen Die Ramen dieser dreißig Senatoren und mackricen des kabarettistischen Humors sind vhnen bekannt ihre Darbietungen waren Programmmäß die besten Leistungen. Soll man noch das iblikum ins Gebet nehmen? Es hatte das Beste tan daS es tun konnte, es war da, der Saal ivar überfüllt, die Stühle reichten nicht ails, der Andrang war unheimlich, die Stinmiiing großartig. Und da sollte man untersuchen, woraus diese Klcinlnnstbegcisternng zu erklären ist? Es mar manchmal, da ein Schlager den andern schlug, liicht mehr Kabarett, gar nicht mehr Kleinkunst, manchmal kaum Litipntknnst, Pointen mit Patriarchenbärten, Eonplets in Barchenthosen, es gab keine Grenzen, unb an Stelle des jüdischen, der sich lediglich durch seine Abstammung legitimierte, triumphierte viel Weißer-Rößl-Hnmor. aber was besagt das im Kabarett? Schließlich ivar cs eine Altion der Knnstlerhilfe, nnd hvffentlich ivar es eine Hilfe für die Künstler wie für ihre dankbaren Hörer. Es iväre wohl eine gar zu schivere Aufgabe für einen Mathewatikcr. auszn» rechneii. molc(;c Onanien von Sorgen dieses Pnbliknin zu übertänben haben mußte, um so lachen zu können. FI—sch. KsWüs mh Qmkm ist AM» tss$ fei ELnfMiekEtte in Steclfn Ein Sinfoniekonzcrt unter Josef R o s c n st o ck brachte Schöncbergs Strcichsextett „Verklärte Rächt" op. 4, ein Werk des jungen, traditions-bewußten nnd -verhafteten Schönberg, das mit deni späteren eigentlichen Schöirbergstil. der so heftig umstritten und bekämpft ivirrde, nichts zu tun hat. Das Sextett ist eins der letzten jener poetisicrcnden, musika. lischcn „Tondichtungen", die seit dem Beginn des vorigen Jahrhunderts die Musiker immer stärker be» schäftigten, nnd denen besonders Richard Wagners Sstiminmigsiiiilsst die geeigneten Klangsormen an die Hand gab. Stinnnungsinnsik. inustkalische Ansdentung Poetischer Bilder — hier liegt Tehmels Gedicht zugrunde — ist auch Schönbergs Opus; in ihm lebt etwas von der herben Süße Brahms und etwas von der Chrvmatik und der Zehr verschlungenen Pvlhphvnie des Tristan, nnd in all das klingen die glitzernden Tvinvvgen des Feuerzanders hinein. Trotzdem ist eine Aufsührnng der „Verklärten Rackjt" wegen der Schönheiten der stark inspirierten Musik gerechtfertigt. Unter Rosenstocks Leitung wird das Werk nicht m der ursprünglichen Form für sechs Solo-Jlistruinentc, sondern in der Fassung für Streichorchester, dem mm .Kontrabässe zugesctzt sind, gespielt. Ratnrlich treten die zarten, kaminermnsikalisch gedachten Stellen etwas zugunsten eines, pathetischen Aufschwungs zurück. Mit der Wiedergabe dieses iin Zusammenspiel überaus schiveren Werkes, das an jedes einzelne Instrument außerordentliche technische Ansorderungen stellt, haben Roseuslock nnd das Orchester eine ganz große Leistung vollbracht. Am Schluß gab es Beethovens Siebente Sinfonie; erst im letzten Satz, der größtenteils vom Streichkörper getragen ivird, erreichte das Orchester seine Höchstform. Als Solistin wirkte an diesem Abend, dem 13. Mai, die Geigerin Hertha Kahn mit dem früher hochgeschätzten ersten Violinkonzert von Bruch (der übrigens kein Jude war. was viele wegen der Kvlnidre-Bearbeitnng annehmen). Die Solistin besitzt eine beachtliche Sicherheit. Die Geigerin nnirde in einem andern Konzert von der Pianistin stillp D h m o n t abgelöst. ES ivar für den Hörer nickst ganz leicht, fid; von der romantisch-erpressive» Ansdrncksknnst SchönbergS auf tzRozarts ck-mall-Kon-erl nmznslellen; loeun es gelang, so ist d«iS der Pianistin zu danken, welck)e die Atmosphäre von Rlozarts kvnzertantem Kammcrspiel fef)v sicher einfing. Sie bringt l)icrfür die Behendigkeit der Finger. Leichtigkeit des Anschlags mit, aber anckj die für den wehmütigschalkhaften Mittelsatz, sa für Riozart überhanvt so unerläßliche „mo-zärtliche" Hand. So konnte sie mit vollem Reckst den starken Beifall eines großen Publikums in der Plstlhariuonie entgegennehmen. Das Orchester schien nicht so sorgfältig vorbereitet wie gewöhnlich. Rosenstock ivar bei einigen Schwankungen ein geschickter RUttler zwischen Solist nnd Orchester. Eine in ihrer Ateisterhaftigkeit bezwingende Wiedergabe erfuhr diesmal Schönbergs Sextett. Tie beiden von Rosenstock einstudierten Orchesterwerke leitete an einem anderen Abend der Kapellmeister bindols S cl) w a r z. Sihwacz ljat sich sehr glücklich ans der Affäre gezogen, wenn natürlich einiges nicht mit der gleichen Präzision kam. wie unter dein gewohnten Leiter. Aber man gewann doch den Eindruck einer ausgesprochenen Dirigierbegabung; das merkte man an deiH ausdrucksvollen und überlegten Gesten, an dem Ueüer-- der-Lache-Stehen, das steh schon darin bekimdeke, daß Schwarz frei dirigierte und auch bei Schouberg nicht an der Partitur klebte. So würde inan ihn gern einmal mit einer selbständigen Aingaoe betraut sehen. Die Altistin Aim,H L i p mi sang zivci Arien v.vn Bvrvdin nnd Tschanowikrj, die beide die Bühne nickit entbehren können nnd von dcnen nur noch die zweite-musikalisch interess'.ort. Aber ein intensiver Bortrag nnd die einen weiten