Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 13 (1934)
- Issue
- 19 (10.5.1934)
- Date
- 1934-05-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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, evi :nnnr- 0 Z—d Lj i_j Lj v_ Mp. 19 1. Beiblatt zum 13® Mai Worte der Jugend Wie unsre Herzen schrein! Hört ihr denn nicht? Wir wollen hinauf, wir wollen zum Licht! Wozu eure Tränen? Ihr könnt uns nicht halten, Mütter! Wir sehn euch die Hände falten, vir sehen euch ringen — im stark uns’re Schwingen, zu mächtig die Sehnsucht zur Welt! Wir tun euch weh — wir erbitten VerzcilTn; jvir können nicht still und zärtlich sein. i\ber wir lieben euch, ganz tief innen; bei allem unseren heissen Beginnen vollen wir euren Segen erfleh’n. Und doch — wir müssen weitergehn, nein, nicht gehen, wir müssen stürmen, fliegen mit unseren Herzen, die himmelwärts stiegen! Wir ahnen die Bahn mir, wir wissen kein Lnde — nur unser Geist küsst still eure Hände, und weiss euch Dank, viel Dank, ihr Alten; aber ihr könnt uns nicht halten, ihr dürft uns nicht halten! Hilde Marx. Worte des Mannes Wir sind klug, doch aller Enden fügen wir mir Stein auf Stein: Dir, in deinen Schöpferhänden schwingt das Leben, ruht das Sein. Und wir dünken uns so weise, weil uns Buch und Welt gelehrt: Dir hat deine Seele leise aller Weisheit Sinn verehrt. Du verkündest nimmermüde, was vor Gott und Welt besteht: Deine Weisheit ist die Güte und die Liebe dein Gebet. Ludwig Marx (Karlsruhe). \/N auch: meine sieben Söhne und eine Tochter!" Ein Sohn ist in Amerika, einer in der Schweiz, und von ihnen iverdcn Bilder gezeigt, Photogreiphien, denen man nnsieht, das; sie oft betrachtet werden; die anwesenden Kinder aber ergänzen aus ihrem Wissen die Erinnerungen, und man suhlt: hier hält ein starkes Band der Liebe eine glückliche jüdische Familie zusammen. Philipp Becker ist mit Recht stolz daraus: „Wie wurden wir überall geehrt. Fa, wenn die Familie Becker irgendwohin kam! Ich kann wirklich sagen, das; ich die vollste Anhänglichkeit und das restlose Vertrauen meiner Kollegen genos; und auch noch heute genieße: gibt für mich nichts Schöneres, als Zur Aufführung des „Judas Maccabäusa im Berliner Kulturbund Während der Orchcslerprobc für die „t'.-Y.•Zeitung“ gezeichnet von )ia.c Naymcr 11 UJ GMs Wsr Werte sms.MÄ kein MshrtzsssrsrSt« juAiüum Philipp Becker, als „Billiger Heinrich" eine Fcriihmtheit ans allen Märkten, Volks- und Schützenfesten Teutschlands, ein Acann, dem Gutsnütigfeit und Lebensfreude ans dem Gesicht geschrieben steht — Philipp Becker sitzt in seiner gemütlichen kleinen Wohnung im Kreise seiner nmnilie und erzählt: „Schon durch vier Genewliencn hat sich bei uns der Berns des Marktlimidlers vererbt; meine Großeltern und Urgrosidlern handelten mit Obst, erst mein Vater hat Geschäft ans Textilwaren nmgcstcllt. Als 'leincr Junge fuhr ich mit ihm in den Ferien ßll? die Märkte, ich habe alles von ihm über- "pinnten: den Beruf und die Liebe dazu und den Rainen „Der billige Heinrich". Eigentlich wollte zuerst Sänger werden; aber ich lernte meine mau sehr früh kennen" — da tauscht er mir mint verständnisvollen Blick mit feiner Frau, die ßm Hfcf] gegcmübersitzt. „Fa, ich wurde also enddllig Markthändler; auf allen Märkten in ganz -eulschlaud bin ich hernmgelvmmen, meine Frau hü mich oft begleitet, sie hat Freud und Leid heses Berufes mit mir getragen, und der stellt p'l große Anforderungen; in Wind und Wetter Z'P man draußen sein; früher, als es noch keine hiscnbahuen gab, fuhren wir mit dem Wagen oft hc Rächt hindurch; manchmal hat uns der Sturm hc Bude abgcdcckt und wir hatten zn tun, um "f die Waren zu retten; aber ich hänge an meseu Beruf und ich bin Optimist; ich habe imin den schwersten Zeiten, meine Hoffnung ^liallen und das war auch gut so. Später, als .Hinbcr da waren, mußte meine Frau bei '''Zu zu Hanse bleiben; da habe ich meine Faoft Wochen-, monatelang nicht sehen können." . ""'ther wenn er dann heimkam, loar es um st sppuer". wirst Frau Becker ein; „sa, ich habe die MH'nfioi Feilen mit meinem Mann verlebt; aber cs jetzt auch manchmal nicht so einfach ist, mir!;!'b uicht uuzusriedeu. Wir haben Erinnerungen, 0,0 hict ivcrt sind, ltnb meinen Ne ich! um habe ich mich für meine Kollegen einznsetzen! Aiit einem von ihnen bin ich jahrelang gereist: als er starb, sührle ich das Geschäft mit seiner Frau weiter, das war die berühmte „Seiferts Martha". Uns kannte jeder. Leider ist auch sie früh gestorben, und mm bin ich seit Jahren wieder allein. Ich freue mich jedesmal, wenn ich sehe, wie die Leute stimdenlang vor meinem Stand stehenbleiben und sich au meinen Reden nicht satthören können. Ich kann fast alle Dialekte." Becker gibt einige von seinen launigen, mau kann fast sagen Eonfäreuceii, mit denen er seinen Verlauf begleitet, zum besten, und da glaubt mau, daß die Leute ihn gern reden hören. „Ich muß es nochmal sagen", erzählt er weiter: „Ich liebe meinen Beruf und bin stolz aus ihn, weil ich weiß, daß er auch vom vvllswirtsckjaftlichen Standpunkt aus so wichtig ist; auch in der Notzeit des Krieges hatte ich immer Waren, ich verkaufte zu den Tagespreisen, so viel ich eben hatte, ein Zurück- Halten gab es nicht. Ans den berühmtesten Atärkten und Bolktzfcsten" — er nennt das Cannstatter Volksfest, das Münchener toberfeft, die Eislebener- Wiese u. a. — „habe ich meinen festen Platz, das ist schon Tradition, und die Leute warten richtig ans den „Billigen Heinrich"; seit vielen Jahren habe ich am Berliner Weihnachtsmarlt meinen Stand an der Warschauer, Ecke Boxhagener Straße. Meine Kinder halsen mir früher manchmal, aber ich wollte nicht, daß sic meinen Berns ergreifen; sie sollten mehr lernen, und wir haben dazu getan, was wir konnten. Ja, und dann war ich lange Berbandsvorsitzender im Zentralverband der Gewerbetreibenden, ich habe die Tagungen mitgemacht" — wieder folgen Bilder ans der Zeitschrift „Fahrend' Volk" —, „mein Kollege 51 boluiC und ich waren dort die einzigen Juden. Hier l)abc ich auch einen Prolog, den ich mal zu einer Feier gedichtet habe" — es folgt ein langes, schönes Gedicht, aus dem alle Ideale einer Lcbcusanschauuug sprechen und das Bewußtsein einer liebevollen Verbundenheit mit dem „fahrenden Völkchen" —; „und neben allem blieb meine Liebe zum Gesang bestehen; ich hatte eine Thentergesellscbift „Rl>eingold", mit der wir ganze Operetten ungekürzt und mit vollem Orchester nusführten: ja, ich bin oft und gern nufgetreteu, was, Mutter?" Frau Becker nickt, in Erinnerungen schwelgend, und ihr Mann gibt ganz schnell einige Prolxm seines Könnens gefühlvoll und ehrlich begeistert, ehe cr fortfährt: „Trotz der vielen verschiedenen Anstrengimgen ist aber mein Gesund-' heitsznstand größtenteils ausgezeichnet, ich kann mohl sagen, daß ich den Anforderungen, die ein solches Leben mit sich bringt, immer gewachsen war, und ich will auch noch recht lange meinen Berns an snben. H. M. tmtmS) M§MNhmW ' -9- 8 4 tion HKnQsl Philipp Becker ist ein treuer Anhänger des E.V. Er sorgt treuhänderisch dafür, daß diejenigen feiner Kollegen, die dem C. A. angehören — und das sind einige hundert —, stets als bewußte Vertreter des deutschen Judentums auftretcn. -LUit feinen Branchenkenntnissen hilft er den Sachbearbeitern des E. A. bei der sehr schlveren Arbeit zur Existenzsicherung des jüdischen ambulanten Gewerbes. Mit allen feinen Freunden vereinigt sich der E. B. zu einem herzlichen Glückwunsch für Philipp Becker! Jüdische Studcntenhilfe, Berlin CJ 2 Rostnstraße Nr. -=l (Tcl.: IM Norden 0711). Die Sprechstunden finden ad 1. Mai Montag und Donnerstag von 8 bis 10 Uhr (für Stipendien nur 8 bis 9 Uhr) und nach iclephonifchcr Vereinbarung statt. Die Ctudentcnhilfe bittet um weitere Anweisung von Freitischen, Frer.siinmern, LebenSmittelpakcten, Han§- lehrerstcllcn und andere Nebenarbeit.. Tie Künstkerhilfc dev Berliner Jüdischen Gemeinde brachte in Bevbindnng mit dem Kulturbund Deutscher Juden deu „Judas Maccabäus", das Siegcslied des froheu Weltbürgers Händel, der immer lvieder zu deu Gestalten des Alten Testaments znrückging, nicht um einer Persönlichen Einstellung zn den Inden feiner Zeit willen, oder ans einer Polemisierenden Absicht heraus, sondern weil ihm hier der grandiose Siegesmille und die religiöse Inbrunst schlechthin cntgegentratcn und immer von neuem fesselten. Bei aller gefühlsbetonten Beziehung, die gerade wir Juden zn seinem Werke haben dürfen, wollen wir indieser Hinsicht ganz ehrlich sein und niemals die eindeutige geschichtliche Situation Händelschcn Oratoriensehaffens vergessen. Im Bibeltext und in Handels Musik steht nicht das' einmalige Ereignis, die Fabel an sich bzw. die subjektive Anschauung Handels im Vordergrund, sondern der ewig gültige Sinn, der den zeitgebundenen Vorgang zu zeitloser Geltung erhebt. Not, Erhebung und Sieg: das find die. drei großen Abschnitte des Maeeabäns-Texies. Händel hat sie stimmnngsmäßig zn nur zwei Teilen zusammengefaßt, das Erescendo. das — von innen gesehen — einem Sicherheben entspricht und von der beklemmenden Noll zum befreienden Jubel führt, fiel fort. Für Händel wird schon der Entschluß zur Tat zum Beginn des Siegesjnbels. Er kennt kaum die Kunst der Verbindungen und llebergänge. seine Musik ift -— noch stärker als die Bachs — von den Spannungen und Gegensätzen im großen erfüllt. Immer wieder von neuem stellt Handels routinierte Feder Klage.und Triumph, Hell und Tunket in seinem Lapidnrftil gegenüber. Tr. Kurt Singer, der Leiter der Ansführnng, brachte das Oratorium nicht in den sonst üblichen Ausgaben von Gervinns oder Ehrysander — die letztgenannte Neugestaltung lag unter anderm der Ausführung zugrunde, die Alexander Weinbanm vor drei Jahren in der Neuen Synagoge - herausbrachte —, sondern in der bei Peters edierten Fassung von Stern, allerdings stark gekürzt. Hierbei ging Singer mit Stilgefühl zn Werke, wenn nian sich auch bei mancher Einzelheit eine andere Lösung wünschte: sv hätten alle Gründe, die für den Fortfall dcsf hvrs „Wir weihen dem Edlen Klage und Schmerz" bestimmend waren, zurüektreten müssen um der Schönheit der Nummer willen, die vielleicht der chorische Höhepunkt des ganzen Oratoriums ist. Auch der Ersah des Cembalos durch ein Klavier Ist nicht befriedigend: es ' ist eine künstlerische und nicht bloß eine historisch begründete Forderung, deu Generalbaß von deu Instrumenten jener Zeit aussnhren zu lassen. Nicht weniger als 350 Mitwirkende waren unter dem Dirigentcnstab Kurt Singers vereint. Zweimal war der Saat der Philharmonie dicht gefüllt. Trotz des glanzvollen äußeren Rahmens überwog der Eindruck eines inneren Erfülltseins von der hohen Aufgabe bei allen Mitwirkenden; man spürte die Beziehung jedes Einzelnen zu dem Ganzen, das da im Lause der Prvbenarbeit emporwnchs. So konnte ein starker Gesamteindruck über manche Schlväclien und Unebenheiten in der Ausarbeitung des Details hinwegtragen. Singer liat iveniger Wert ans eine erhöhte Sensibilität, ans die leisen, verklingenden Schattierungen des Pianos, aus ein rhythmisch stets dentlicch erkennbares Klangbild — im Znsaniinenspiel von Orchester und Solisten — gelegt, dagegen mehr ans die nod] immer ansteigende Linie der schlagkräftigen Ehöre, die cr in stärkster dhnamischer Entfaltung herausliolte. Im Ehor. der ans drei selbständigen EHoren zusammengesetzt war, dem Singerschen. dem Kopfscheu und dem Opernchor unter Sander, sind Hunderte von Laien erfaßt loorden; nur der kleine Opernchor des Kulturbundes besteht ans Berufssängcrn. Künstlerische Betätigung von Nichtuiusikern bei solchen Vereinigungen ist im Interesse unseres ganzen Knnsttebeus von höchster Wichtigkeit. An dem Erfolg der Aufführung war and) das Orchester des ' Kulturbundes maßgebend beteiligt. Ten Judas Maeeabän« sang Mar Ai a n « - seid, dem diese Partie nid)t recht angemessen ist, weil ihm das Lhrische sicher besser liegt als das Heroische. So Halle er seine stärlslen Momente in manch schön gesungenem Rezitativ, weniger bei den Arien, die durchgehend ein straffes Zeitmaß verlangen. Mühelos füllte Lotte Leonards koloralnrgeloandte Siimme den großen Ranin. ebenfalls die von Paula Lindberg, die besonders die erste Arie des dritten Teils, trotz des etivas verschleppten Tempos, in edlem Ebenmaß sang. Eine sriscl;e. bei weiterer Schulung und Vertiefung des Vortrags vielversprechende Stimme Hai Alice G e i s e u b c r g. Unter den Nlännern traf vor altem der sieh auch stimmlid) anszcichncnde Baritonist Fritz Leehner den Oratorienton gesdstnackvolt. Ter Orgel Part wurde von dein musikalisch äußerst versierten Erwin I v s p e gespielt. Die Orgel trat bei der Begleitung .einer Arie ans der Nolle des nur klangfüllenden Instruments auch svlistifch hervor. Atlzn temperamentvoll führte Kurt Havelland den Generalbaß aus. Kleinere Nöllen warm den Herren Herbert E zem pi n und Allar Nahm er zngeteili. Ter stürmische Beifall — id) hörte die zweite. Anssührnng — war nicht mir die Oniitnng für die im ganzen gelungene Wiedergabe, hmdern an eh der Tank de« Pnbtilnms für die mühevolle Arbeit Tr. Singers und aller Beteiligten. Lmtvng Altnuum. r^ir SdR«tt VA 5^0 O.ölsr In der vergangenen Zeit, die den deutsehen Inden voll an dem Kulturleben seiner Umgebung teilnehmen ließ, bestand bei ihm über den kultischen Gesang hinaus lein Bedürfnis nach einer selbständigen P.'nsilpslege. Tie jüdischen Komponisten Tentschlands spürten im allgemeinen keinen inneren Zwang, ihrem Sehaffen einen spezifischen, ans der Stammeszugehörigkeit des Autors abznleiteudeu Charakter zn geben. Zn den vereinzelten Er- Mj °)| Mi 0 )i U 0 i wf. fj j “ \U \ U l! L! L '•; IV ./! ll l! (0 {; o) . \ I.A! ll H D; —. N ’ st. HO I Df...! V! f~: f > \./j \ I rTcTrs gora S~So unvorbindlicho Susoradüng ünsoros .nouosto n ECaftqB ogc: